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Worüber Professoren sich Gedanken machen

Wie steht es um die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland? Eine Umfrage unter Hochschullehrern fördert spannende Ergebnisse zu Tage. Manche Antworten sind überraschend, andere einfach nur verwirrend.

ALSO WAS DENN NUN? Sollten uns die Ergebnisse der Umfrage, die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und Deutscher Hochschulverband (DHV) da in Auftrag gegeben haben, nun sorgen oder nicht? Und wenn schon sorgen, inwiefern eigentlich? Weil es überhaupt Wissenschaftler gibt, die sich in ihrer Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt fühlen? Oder weil einige dieser Wissenschaftler bemerkenswerte Vorstellungen von dem haben, was alles auf dem Campus erlaubt sein sollte – und was nicht?

Zunächst ein paar Daten. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat rund 6000 Hochschullehrer angeschrieben, die meisten davon Professoren, letztere zufällig ausgewählt und damit für die Gesamtheit der Professoren in Deutschland repräsentativ. Gut 1100 der 6000 haben sich befragen lassen: zur von ihnen wahrgenommenen Forschungsfreiheit an deutschen Universitäten, auch im internationalen Vergleich, zum Meinungsklima und zu "Faktoren, die die Forschung erschweren". Bislang liegt nicht die Studie als Ganzes vor, sondern nur eine Präsentation mit ausgewählten Ergebnissen – was die Einordnung erschwert.

Den Wissenschaftlern fehlt die schöpferische Muße

93 Prozent der Befragten sagten demzufolge, nach ihrer Einschätzung herrsche in Deutschland "viel" oder "sehr viel" Wissenschaftsfreiheit. Lediglich vier Ländern – der Schweiz, Dänemark, Norwegen ...

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Kommentare

#1 -

bregalnica | Do., 13.02.2020 - 18:04
Wie passt das damit zusammen, dass Hochschullehrende stets beklagen, sie hätten kaum noch Zeit für die Forschung? und de facto sind aber sie Anteile für die Lehre massiv zurückgegangen?

und eine Rückfrage: Bezieht sich die Studie nur auf Unis? Denn Profs an HAWs machen ja wesentlich mehr Lehre selbst.

#3 -

Martin | Do., 13.02.2020 - 18:36
Wenn von 6000 zufällig ausgewählten nur noch 1100 antworten – also etwas mehr als ein Sechstel –, darf man dann noch von Zufällig ausgehen? Wenn von 6 Befragten zu Wissenschaftsfreiheit nur der eine antwortet, der*die hierzu Zeit hat und sich berufen fühlt, eine Meinung abzugeben?

Bin gespannt auf eine hoffentlich stattfindende Veröffentlichung der Daten.

#4 -

Interessierter | Do., 13.02.2020 - 19:59
Gibt es zu dieser Studie auch eine Aufschlüsselung nach Fachgebieten? Die gezeigten Durchschnitte könnten unterschlagen, dass es hier Unterschiede gibt, was aufgrund der unterschiedlichen Fachspezifika auch fast zu vermuten wäre. In Anbetracht der Stichprobengröße sollte dies auch valide sein.

#5 -

Klaus Diepold | Do., 13.02.2020 - 21:43
Da gäbe es sicher einige Ergebnisse der Umfrage zu verdauen und zu kommentieren, ich möchte mich aber auf eine Aussage fokussieren:



"Was in den Keller ging, war das Engagement für die Lehre: von 42 auf 27 Prozent, während parallel das formale Lehrdeputat stieg und die Zahl der Studenten nach oben schoss. Unter Druck scheint sich nochmal deutlicher zu zeigen, wo die wahren Prioritäten der meisten Hochschullehrer liegen."



Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, auch wenn mich die Aussage an sich nicht überrascht. Dabei möchte ich feststellen, dass Profs primär für die Lehre aus Steuergeldern alimentiert werden. Immerhin ...

#6 -

Andreas Beer | Fr., 14.02.2020 - 11:25
Die spekulative Schlussfolgerung "Offenbar sind viele Hochschullehrer selbst diejenigen, die die Meinungsfreiheit auf dem Campus eingegrenzt sehen wollen" mag aus einer Unschärfe im Design der Umfrage resultieren: Wurde dort zwischen "Meinung" und "Erkenntnis" unterschieden?

Die grundgesetzliche Meinungsfreiheit ist eine positive Freiheit, jede Person darf (fast) alles öffentlich sagen, was sie "meint". Aber im akademischen Umfeld sollten Erkenntnisse verbreitet werden, und dafür ist die grundgesetzliche Wissenschaftsfreiheit zuständig. Diese ist aber eine "einschränkende" Freiheit: Als Erkenntnis sollte nur gelten, was bestimmten (wissenschaftlichen) Kriterien genügt. Wenn Forschende dann meinen, dass z.B. Klimawandel "auf dem Campus" nichts zu suchen haben, machen sie damit stark, ...

#7 -

Dr. med. Wurst | Fr., 14.02.2020 - 12:40
Ist in der Befragung tatsächlich von "Klimaleugnern" die Rede (die 53 % von der Uni verbannen wollen), oder doch eher von Leugnern (und Leugnerinnen) des Klimawandels, besser noch, von Leugnung der (mindestens Mit-) Verursachung des Klimawandels durch den Menschen ?

Dies soll keine Wortklauberei oder Rechthaberei darstellen, es macht tatsächlich einen Unterscheid, auch und gerade in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Wenn jemand tatsächlich ernsthaft die Existenz des Klimas bzw. mehrerer, vieler verschiedener Klimata (oder doch Klimas? zu Deutschkenntnissen vgl. letzter Blog-Beitrag) leugnen wollte , bräuchte und sollte man ihm den Mund auch nicht (zu) verbieten, das erledigt sich von selbst.

Gerade ...

#8 -

Jan-Martin Wiarda | Fr., 14.02.2020 - 12:51
@Dr. med. Wurst: Das mit dem "wiarda-typisch" nehme ich mal als Kompliment. :) Sie haben Recht, ich hätte den Begriff "Klimaleugner" so nicht benutzen sollen. Er war eine ungeschickte Kurzfassung für das, was ich ein paar Sätze vorher formuliert hatte: "den Klimawandel zu bestreiten". Darum ging es auch in der Umfrage. Viele Grüße!

#9 -

David J. Green | Fr., 14.02.2020 - 13:02
@Klaus Diepold: Das, was man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, ist eher die Tatsache, dass diese Herabstufung der Lehre offensichtlich politisch gewollt ist. Heute ist das Fegen von Schornsteinen nur ein nachrangiger Bestandteil der Arbeit eines Schornsteinfegers, und bei Hochschullehrenden ist etwas ähnliches passiert. Denn die Entscheidung, WER als Hochschullehrer oder Hochschullehrerin alimentiert wird – und erst recht die Höhe dieser Alimentation – hängt fast ausschließlich von den Leistungen in der Forschung und in der Drittmitteleinwerbung ab. Die Einheit von Forschung und Lehre verkommt zum Glaubensartikel, dass hervorragende Forschung automatisch zu passabler Lehre qualifiziert. Wechselt man sein Blick ...

#10 -

McFischer | Fr., 14.02.2020 - 13:20
Vielen Dank für die Darstellung der Ergebnisse und die gekonnte Analyse!

Zwei Anmerkungen:

1.) Die quantitative Sozialforschung/Umfrageforschung leidet m.E. immer darunter, dass die Ergebnisse sehr von der Art der Fragestellung und - wie hier gut gezeigt ('Political Correctness') - Wortwahl abhängen. Es gibt einfach Begriffe, die sehr positiv oder sehr negativ besetzt sind und gegen die man kaum argumentieren kann.

2.) Erstaunlich ist immer, dass Bürokratie und Verwaltung so hoch anteilig und negativ gewertet wird, nur als etwas, was eine Professorin/einen Professor vom Eigentlichen (= Forschung, manchmal auch Lehre) abhält. Denn gleichzeitig steigt das Prestige mit jedem Mitarbeiter, mit der ...

#11 -

Klein | Fr., 14.02.2020 - 16:36
JW schrieb: "Nicht irgendwelche Aktivisten von außen. Insofern ist es wiederum folgerichtig, dass nur relativ wenige über "Political Correctness" klagen. "



Da nur aktive Professoren und Profesorinnen befragt wurden, sind diese Ergebnisse erwartbar. Diese Menschen sind seit langer Zeit in der öffentlich finanzierten Wissenschaft tätig und haben diese zum einen mitgestaltet und somit dazu beigetragen, dass sie so ist, wie sie jetzt ist. Und zum anderen sind sie diejenigen, die sich mit den dort vorherrschenden Denkweisen arrangieren können - Andersdenkende würden sich eher nach anderen Tätigkeiten umschauen. Mehr Aufschluss bringen würde daher eine Befragung derjeningen, die die Wissenschaft verlassen haben, ...

#12 -

Steffen Prowe | Fr., 14.02.2020 - 16:48
Interessant. Aber würde man die FH-Profs fragen, sähe das Bild sicherlich nochmals deutlich anders aus. Der HLB.de hat daher ja die Initiative 12+1 gestartet: https://www.erfolg-braucht.de , denn hier treffen sich überbordende Bürokratie, gute Lehre und Forschung noch ungünstiger.

#13 -

JTK | Fr., 14.02.2020 - 19:38
41 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen die befragten Wissenschaftler nach Selbstauskunft inzwischen mit Bürokratie [...] Bei einer ähnlichen Umfrage 1976/77 lag dieser Wert noch 15 Prozentpunkte niedriger. [...] Was in den Keller ging, war das Engagement für die Lehre: von 42 auf 27 Prozent"



Der Mehraufwand für Bürokratie (u.a. Drittmittelanträge, Gutachten) wird also dadurch kompensiert, dass im entsprechenden Ausmaß in der Lehre "gekürzt" wird.



Überrascht dies irgendjemanden beim gegenwärtigen Incentivesystem des Wissenschaftsbetriebes?

#14 -

Klaus Diepold | Mo., 17.02.2020 - 23:04
Die von David J. Green und JTK angesprochene Schieflage bei den Anreizsystemen bzgl. Lehre für Hochschullehrer lässt in mir die Frage aussteigen, in wie weit die geplante Organisation, deren Namen wir noch nicht kennen, überhaupt einen wirksamen Hebel für die Verbesserung der Lehre in Deutschland finden kann. Was sollen ein paar Innovationen, wenn die meisten Profs überhaupt keine Lust haben, sich hinreichend für die Lehre zu engagieren? Die Frage ist doch, wodurch sich diese Entwicklung umdrehen ließe?

#15 -

Liberaler | Di., 18.02.2020 - 15:29
@ Klaus Diepold: Gute Frage. Ich halte diese neue Organisation für ein weiteres Alibi-Projekt des BMBF. Sie ist so konzipiert, dass sie gar nicht funktionieren kann, aus den genannten Gründen. Aber sie wird für eine Weile Rufe danach in Schach halten, was tatsächlich funktionieren könnte: Drastische Strukturreformen. Und zwar nicht nur an den Unis, sondern auch und vor allem im BMBF, wo man sich viel zu lange an regelmäßiges Scheitern gewöhnt hat. In London wird gerade versucht, diese organisierte Fakery zu beenden, mit besonderem Fokus auf der Suche nach neuen Wegen in der Innovationsförderung: Man verfolge einmal die Bemühungen von ...

#16 -

Klaus Diepold | Di., 18.02.2020 - 18:23
@Liberaler

Mag sein, dass die Voldemort-Organisation nicht die erhofften Ergebnisse zeitigen wird. Time will tell. Allerdings können die Ergebnisse, die der Stifterverband mit seinem Förderprogramm erzielt hat schon als Fingerzeig gelten. Dabei ging es nie um Systemänderungen, weil das nicht im Rahmen der Möglichkeiten des Stfterverbandes oder auch der Toepferstiftung liegt. Aber man kann schon die Wirkung von alternativen Anreizsystemen prüfen, wenn auch nur in kleinem, da privaten Rahmen.



Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass wir an den Hochschulen wieder über Lehre sprechen und diskutieren. Das ist nicht viel, aber schon mal ein Schritt vorwärts.



Das BMBF muss sich bei ...

#17 -

Klaus Diepold | Di., 18.02.2020 - 18:54
@Liberaler
Nach einem ersten Blick auf die Person Dominic Cummings und dessen, war dieser Herr so von sich gibt, bin ich nicht der Meinung, dass wir uns mit Blick auf die weitere Entwicklung unseres Bildungssystems in Dtld. an diesem "Boris Johnson"-Berater unbedingt orientieren sollten. Für meinen Geschmack geht das weit über "frisches" Denken hinaus und klingt meist nach übler Pöbelei. Not Like.

#18 -

Liberaler | Di., 18.02.2020 - 20:50
@Klaus Diepold



"Aber man kann schon die Wirkung von alternativen Anreizsystemen prüfen, wenn auch nur in kleinem, da privaten Rahmen."



Wirklich? Wissenschaftler wechseln häufig die Universität und sollen das auch tun. Wer sich an "kleine, private" (will sagen: bloß lokale) Änderungen anpasst, riskiert viel.



"Das BMBF muss sich bei der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für gute Lehre an Hochschulen auch nichts vorwerfen lassen, das ist immerhin Sache der Länder."



Die Anreizsysteme für Forschung, Lehre, Karrieren und vermeintliche "Exzellenz" sind interdependent. Und ist die Toepfer-Aktion etwa kein Bund-Länder-Projekt?



"Für meinen Geschmack geht das weit über "frisches" Denken hinaus und klingt meist nach ...

#19 -

Liberaler | Di., 18.02.2020 - 22:38
@Klaus Diepold



"Ein Fehler in diesem Kontext mag sein, dass Hinz und Kunz glaubt, dass mehr Professoren für ein wichtiges Thema bedeutet, dass die dann dort auch mehr Innovationen (im Sinne von kommerzialisierbarer und wettbewerbsfähiger Technik) erzeugen."



Volle Zustimmung. Forschung wird mit Innovation verwechselt. Input mit Output. Innovationsforscher mit innovativen Forschern. Entrepreneurship-Forscher mit unternehmerischen Forschern. Und so fort. Alles elementare Fehler. Aber leider bezeichnend für das Niveau, auf dem staatliche wie private Innovationsförderer in Deutschland arbeiten.

#20 -

Klaus Diepold | Mi., 19.02.2020 - 11:08
@Liberaler

die irrtümliche Assoziation zwischen Wissenschaft und Innovation ist kein typisch deutsches Phänomen. Die ganze EU-Förderung hängt an dieser Vorstellung, inkl. UK und inkl. Sattelberger.



Ich schätze durchaus die Wirkung, die konstruktive Querdenker erzeugen können (siehe Gunter Dueck). Was ich nicht gut heisse sind Querulanten (wie Cummings), die primär viel "Umstürzlerisches" von sich geben, aber weder in der Lage noch Willens sind dafür Verantwortung zu übernehmen. Ich wünsche mir auch mehr Mut bei Veränderungsprozessen, habe aber auch lernen müssen, dass Menschen in der Masse keine (sprunghaften) Veränderungen wollen. Am Ende ist das auch eine Geschmacksfrage.

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