Durchregieren, beschränken, beschneiden
Der Vizepräsident der Humboldt-Universität, Ludwig Kronthaler, über seinen Rücktritt, über den von ihm befürchteten Schlamassel für Berlins Wissenschaft – und welche Ideologie er hinter dem neuen Hochschulgesetz sieht.

Ludwig Kronthaler , 64, ist seit 2017 Vizepräsident für Haushalt, Personal und Technik der Humboldt-Universität zu Berlin, vorher war er unter anderem Generalsekretär der Max-Planck-Gesellschaft.Foto: HU Berlin.
Herr Kronthaler, warum haben Sie Anfang April Ihren Rücktritt als Vizepräsident der Humboldt-Universität (HU) angekündigt?
Weil ich die Novelle des Berliner Hochschulgesetzes (BerlHG) in ihrer Gesamtheit für schädlich für die Wissenschaft halte, gerade auch für die HU, und nicht an ihrer Umsetzung mitwirken möchte. Mein Rücktritt richtet sich nicht gegen die Humboldt-Universität und schon gar nicht gegen ihre Mitglieder, sondern gegen die Art von Politik, für die das neue BerlHG steht.
Und welche Politik ist das?
Eine Wissenschaftspolitik des Durchregierens, der Beschränkung von Hochschulautonomie und der Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit. Ich verstehe den gesetzgeberischen Anlass für diese große Novelle nicht: Die Wissenschaft in Berlin hat sich in den letzten 10 Jahren hervorragend entwickelt. Warum muss man sie jetzt in ein enges Korsett stecken, das ihr die Luft zum Atmen nimmt und sie absehbar beschädigen wird?
Das sind harsche Worte.
In der Tat, aber ich kann Ihnen jeden meiner Vorwürfe belegen. Zunächst zum Durchregieren: Mit der Novelle werden kraft Gesetzes nun auch die letzten Kuratorien der Berliner Hochschulen aus ihrer Verantwortung als Dienstvorgesetzte der Hochschulleitungen entlassen und diese der Senatsverwaltung weisungsgebunden unterstellt. Das Prinzip der Staatsferne, das man in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg ganz bewusst etabliert hat, um einen Durchgriff des Staates auf die Hochschulen zu verhindern, wird aufgegeben. Warum glaubt man auf das Prinzip der Staatsferne verzichten zu können? Weil die vermeintlich "richtige" Regierung die Macht zum Durchregieren hat?
"Ich empfinde es als persönliche Belastung, in
meiner Dienstausübung jetzt von der Senatsverwaltung Anweisungen erhalten zu können."
Sie sehen sich als künftiger Befehlsempfänger von Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote?
Ich bin 2016 unter anderen Bedingungen zur Wahl angetreten und habe mich 2021 unter anderen Bedingungen zur Wiederwahl gestellt. Insofern empfinde ich es tatsächlich als persönliche Belastung, in meiner Dienstausübung jetzt von der Senatsverwaltung Anweisungen ...
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Kommentare
#1 - Die größten Kritikpunkte sind in (fast) allen anderen…
#2 - Ich stimme meinem Vorkommentator #1 zu: Wer glaubt, der…
Außerdem sehe ich - neben einigen hier im Interview von Kronthaler geäußerten z.T. extrem undifferenzierten Formulierungen - auc einige Faktendarstellungen als in der Sache höchst fragwürdig an. Ein Beispiel: So ist nicht etwa an der ...
#3 - Kronthaler hat insoweit Recht, als diese Gesetzgebung…
Dieses Verhaltensmuster war mitnichten "wissenschaftsadäquat". Jetzt wird die Macht der Unileitungen eben gestutzt; das ist eine rationale politische Reaktion.
#4 - „Standard in anderen Bundesländern“ stimmt nicht. Die…
#5 - Zwei interessante Entwicklungen: Während man in Bayern…
Herr Kronthaler hat das Alter, um ohne Einbußen in der Karriere die Fundamentalkritik in Form eines Rücktritts zum Ausdruck zu bringen. Es schadet weder ihm noch der Einrichtung.
Die Kritik an den Fehlentwicklungen (nicht nur in Berlin) ist jedoch in fast allen Punkten angebracht.
#6 - Zu den 'international üblichen "Lehr- und Wanderjahren"'…
"Netzwerkbildung" geht nur durch befristete Arbeitsverhältnisse und Nomadentum? Diese Sichtweise funktioniert nur, wenn man Lebensläufe nach den Namen der Stationen und Institutionen ...
#7 - Liebe Leserinnen und Leser,ich freue mich wie immer über…
ich freue mich wie immer über engagierte Diskussionen und Kritik! Aber bitte keine Kritik ad hominem. Deshalb habe ich bei "Noch 'ne Hanna" einen Satz entfernen müssen.
Beste Grüße
Ihr Jan-Martin Wiarda
#8 - @Karl Raimund:Es ist nur eine Mutmaßung, aber ich vermute,…
Es ist nur eine Mutmaßung, aber ich vermute, dass die erwähnte Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen wurde. Der Grund: Die HU und damit auch Frau Kunst hatte gar nicht die
notwendige Grundrechtsträgereigenschaft für diese spezifische Verfassungsbeschwerde. Nach dem Gutachten von Ruffert rügt die HU, dass der Landesgesetzgeber eine Regelung im Arbeitsrecht und damit
außerhalb seiner Kompetenz getroffen hat. Diese spezifische Rüge ist nicht mehr vom Schutzbereich des Art. 5(3) GG erfasst, weil es eben nicht um die Wissenschaftsfreiheit geht, sondern - wie gerade
Herr Ruffert ja immer wieder betont hat - um Arbeitsrecht. Das BVerfG hat zwar das ...
#9 - @Ziegele: auch in Hessen sind Universitäten dem…
#10 - Die formale Autonomie der Hochschulen ist im…
#11 - Jüngst stieß ich auf ein sehr interessantes Dokument aus…
Ein anderes hochinteressantes Buch ist "Die Humboldt- Universität Unter den Linden, 1945 bis 1990", Zeitzeugen -
Einblicke - Analysen" von Girnus und Meyer aus dem Leipziger Universitätsverlag 2010.
#12 - Die Frage von Nummer 2 zur Datengrundlage lässt sich durch…
„akademischen Mittelbau“ bezieht sich auf „hauptberufliches wissenschaftliches und künstlerische Personal“. Das definiert § 92 Abs. 1 BerlHG wie folgt:
„(1) Das hauptberuflich tätige wissenschaftliche und künstlerische Personal der Universitäten besteht aus den Professoren und Professorinnen, den Juniorprofessoren und Juniorprofessorinnen, den
Hochschuldozenten und Hochschuldozentinnen, den wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie den Lehrkräften für besondere Aufgaben.“ Zur Teilmenge des „akademischen
Mittelbaus“ gehören daher neben den wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern auch die ...
#13 - Laut Wikipedia arbeiten mehr als 3700 Menschen an der HU.…
#14 - Was in der §110er Diskussion häufig vergessen wird: was…
#15 - Messerscharfe, klare Analyse von Kronthaler. Bravo.Jede…
Jede Hochschule könnte dankbar sein für solch einen Vizepräsidenten.
#16 - Es ist nur eine Vermutung. Aber kann es nicht auch sein,…
#17 - Ich kenne jedenfalls kein Bundesland, in dem die…
Herrn Kronthalers Entscheidung kann ich von daher gut verstehen.
#18 - Allen, die in dieser Kommentarspalte Kronthalers…
https://mobile.twitter.com/michael_gerloff/status/1514968629493829633
(Allen anderen natürlich auch.) Unter vielem anderen besonders befremdlich ist Kronthalers Verhältnis zur Demokratie, hochschulintern wie -extern.
#19 - Unter #7 wurde die Regel ausgegeben: Keine Kritik „ad…
Warum gehen dann solche nicht belegten und persönlich diffamierenden Behauptungen von #18 zum Demokratieveständnis hier durch?
Es ist zu durchsichtig und billig auf persönliche Diffamierung überzugehen, wenn die sachlichen Argumente schwinden.
#20 - @Hanno Bruckner:Vielen Dank für Ihre Kritik! Es handelt…
Vielen Dank für Ihre Kritik! Es handelt sich immer um eine Ermessensentscheidung, die ich nach bestem Wissen und Gewissen und mit der mir zur Verfügung stehenden Zeit treffe. Ich versuche, Kritik und Auseinandersetzungen zu Positionen und Meinungen zuzulassen. Persönliche Angriffe und Abwertungen möchte ich auf meinem Blog nicht sehen. Im Einzelfall können Sie meine Entscheidungen sicher (und auch zu Recht) kritisieren; zudem bin ich allein nicht immer in der Lage, auch alle externen Inhalte, auf die verlinkt wird, in jedem Detail zu überprüfen. Alternativ müsste ich grundsätzlich jede externe Verlinkung in den Kommentaren ausschließen. Ich bitte Sie deshalb ...
#21 - Die von #18 erwähnten Argumente von Herrn Gerloff…
meines Erachtens nicht unbedingt überzeugend. Noch deftiger werden die Argumente in den Forderungen zur
Abwahl von Frau Kunst und dem aktuellen Kanzler der HUB
durch einen Referentinnen-Entwurf. Was ist nur aus dieser
einst stolzen Universität in den letzten 30 Jahren geworden?
#22 - Dass "Kronthalers Verhältnis zur Demokratie" in #18 als…
#23 - Die Gestaltungskompetenz des (Landes-)Gesetzgebers ist…
#24 - Wenn die wiss. Qualität ("Genialität") nur durch…
Der Grund für die Befristungen ist natürlich, dass man auf halben Stellen billige Arbeitskräfte unendlich zur Verfügung hat. Indirekt wird das ja mit dem Argument "Drittmittel" angedeutet. Alles andere ist Heuchelei.
#25 - #23: Ob das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum…
Im heutigen Tagesspiegel (S. 8) ist übrigens ein sehr gut recherchierter ...
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