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Das stille Leiden der Betroffenen

Wie es sein kann, dass jeden Tag einflussreiche Wissenschaftler:innen ihre Macht missbrauchen, viele es wissen und trotzdem nichts geschieht? Ein Essay über fehlende Kontrollmechanismen und die Ohnmacht als Berichterstatter.

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Artikelbild: Das stille Leiden der Betroffenen

Foto: Pxhere , CCO.

ES GIBT AUGENBLICKE, da gerate ich als Journalist an meine Grenzen. Da recherchiere ich über Monate, werde im Laufe der Zeit immer überzeugter, dass dramatisch etwas im Argen liegt – und kann am Ende doch nicht öffentlich darüber berichten. Warum? Weil die Erfahrung für die Betroffenen so niederschmetternd war, weil sie solche Sorgen und solche Ängste haben, dass sie zwar im Vertrauen darüber berichten. Aber sich sofort zurückziehen, wenn ich sie frage, ob ich mich in einem Artikel auf ihre Vorwürfe berufen dürfte.

Ich rede, Sie ahnen es, von mutmaßlichem Machtmissbrauch. Von systematischem Fehlverhalten einer Führungspersönlichkeit, das sich, stimmt das gute Dutzend mir vorliegender Zeugenberichte, über viele Jahre zieht und an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen stattgefunden hat. Ich werde nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelt, auch nicht, ob die Person eine Universität oder eine Hochschule für angewandte Wissenschaften leitet. Ich kann und werde Ihnen keine Information geben, aus der sich eine Identität ableiten lässt. Sie können ...

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Kommentare

#1 -

Marcus | Mo., 20.11.2023 - 10:56
Vielen Dank für die Teilhabe an diesem nachvollziehbar frustrierenden Fall. Der Artikel schafft es, wie ich finde, sehr gut, die Bedeutung des Themas zu unterstreichen ohne auf konkrete Personen eingehen zu müssen.



Natürlich gibt es Machtmissbrauch in allen Teilen der Gesellschaft. Was die Wissenschaft von anderen Berufskontexten unterscheidet, ist eine hohe intrinsische Motivation (man mag es auch Zuschreibung von Selbstverantwortung nennen) gepaart mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse und häufig einem absurden Maß an Abhängigkeit von den Vorgesetzten - gerade in der Promotionsphase.



Wenn die HRK und andere Organisationen sich aktive Arbeit gegen Missbrauch auf die Fahnen schreiben wollen, ...

#2 -

Peter Wycisk | Mo., 20.11.2023 - 12:11
Bleiben Sie dem Athens treu. Hoffen wir auf sich verändernde Strukturen und eine zunehmendes Verantwortungsgefühl. Leider muss man sagen, das Personen in Personalverantwortung im Wissenschaftsbetrieb nicht automatisch Führungsqualitäten haben…

#3 -

Who knows? | Mo., 20.11.2023 - 13:26
Herr Wiarda,

Sie schreiben:

"Die weit überwiegende Zahl an Führungskräften verhält sich in der Wissenschaft verantwortungsbewusst und will für die Menschen um sie herum nur das Beste. "



Wie kommt es aber, dass man als Teil einer Minderheit in der Wissenschaft bei jeder Station eine Form von Machtmissbrauch durch eine bestimmte Gruppe erfährt? Sei es, dass man sich anbrüllen lassen muss, dass man sich als Forscher nicht frei entfalten kann, dass man nicht ernst genommen wird, dass man aktiv sabotiert wird, dass man aktiv übergangen wird, dass man sich immer zehnfach mehr beweisen muss?



Schauen Sie sich genau an, welche ...

#4 -

Tobias Denskus | Mo., 20.11.2023 - 19:22
Machtmissbrauch wird immer durch träge buerokratische Strukturen befördert, insbesondere dann, wenn Menschen verbeamtet oder sonstwie de-facto unkuendbar sind-die Kehrseite des öffentlichen Dienstes und der Freiheit die Verbeamtung insbesondere von Professorinnen mit sich bringt. Wer in diesen Strukturen Macht missbraucht weiss ganz genau, dass es mit "dann wird der halt entlassen" selten getan ist. Sicherlich trägt dazu bei, dass z.B. das Beamtenrecht hoffnungslos veraltet ist und oft kaum fuer moderne Arbeitsplätze gedacht ist. Und buerokratische Strukturen wie eine Uni haben aus Management-Sicht nur ein Ziel: Der Laden muss laufen. Dauerkranke, langwierige Prozesse, disziplinarische Wege stören da nur, denn der Betrieb ist ...

#5 -

Ulrich Weber | Mo., 20.11.2023 - 20:05
Das Besondere in der Wissenschaft: die mehrfache Abhängigkeit: 1. Vorgesetztenfunktion mit Weisungsbefugnis (die Personalabteilung sieht nur die, nicht ob sinnvoll, angemessen etc.), 2. Begutachtung und Benotung der Promotion/Fürsprache für die Habilitation, 3. Zugang zur Science Community: Zeugnisse spielen hier kaum eine Rolle, aber Empfehlungen oder Schlechte Nachrede, 4. Schlüssel zu allen Ressourcen: Dienstreisegenehmigung, Reisekosten, Zugang zu Arbeitsmaterialien, zu Laboren, Großgeräten, …

Hinzu kommt: die enge Zusammenarbeit in einer kleinen bzw. überschaubaren Arbeitsgruppe, das gemeinsame Interesse, persönliche Nähe über das Arbeitsverhältnis hinaus.

#6 -

Karla K. | Mo., 20.11.2023 - 22:03
Lieber Herr Wiarda,



Sie beschreiben auf den Punkt den Frust, der für Personalräte und Gleichstellungsbeauftragte trauriger Alltag ist, zum zermürbenden "Tagesgeschäft" gehört.



Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssten regelmäßig mit solchen Menschen Zeit in Gremiensitzungen verbringen. Müssen miterleben, wie solche Menschen mitunter noch hofiert werden, weil sie über die Zuweisung finanzieller und anderer Ressourcen entscheiden. Oder gefeiert werden, weil sie wieder ein dickes Drittmittelprojekt an Land gezogen haben. Zum Wohle des Fachbereichs, zum Wohle der Hochschule. Wer wird da schon so genau hinsehen? Der Zweck heiligt die Mittel.



Da verschließen Hochschul- und Fachbereichsleitungen weit überwiegend lieber weiterhin die ...

#7 -

Dank an Herrn Wiarda | Di., 21.11.2023 - 04:38
Solange Opfer oder Beteiligte von Machtmissbrauch existentielle und gesundheitliche Konsequenzen fürchten müssen und strukturell allein gelassen werden,



… solange viele Führungsfiguren im Hochschulbetrieb v.a. Professor*innen sich nicht im professionellen Sinne als Führungskräfte und gesellschaftliche Verantwortungsträger*innen verstehen und v.a. für sie, obwohl von der Gemeinschaft hoch bezahlt, keine dem Gemeinwohl dienende Standards gelten,



… solange akademische Selbstverwaltung bedeutet, dass v.a. höhere Gremien und zentrale Entscheidungsstrukturen im Hochschulbetrieb nicht selten impliziten machterhaltenden Mechanismen und weniger inhaltlichen Erfordernissen folgen (welcher abzustimmende Beschluss nützt wem und welcher schadet mit Blick auf die Ressourcen im eigenen Lager)



… solange der organisatorische Aufbau sowie die Governance-Struktur ...

#8 -

Edith Riedel | Di., 21.11.2023 - 11:26
Dieses Beispiel ist symptomatisch für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Karrierechancen der vom Machtmissbrauch Betroffenen sind so sehr gefährdet, dass kaum eine*r Whistleblower*in sein möchte oder kann. Whistleblower*innen, die Karrierechancen außerhalb der Wissenschaft haben und diese auch wahrnehmen, werden nicht ernst genommen. Die Personalräte haben es schon lange aufgegeben, gegen Professor*innen vorzugehen, Anlaufstellen für Betroffene scheitern an dem hier geschilderten Problem: sie erfahren von Vorfällen, können sie aber nicht aufdecken und verfolgen, da die Angst der Betroffenen vor Repressalien viel zu groß ist. Hochschulleitungen sind hier in der Pflicht, wollen sich aber ihre Wiederwahl nicht verderben.

#9 -

Andrea Büttner | Mi., 22.11.2023 - 07:47
Danke

In dem Moment, in dem die Erkenntnis um sich greift, dass das Wissenschaftssystem in Deutschland und gerade der wissenschaftliche Nachwuchs, dass Chancengerechtigkeit und Fairness so stark beschädigt wurden und durch die immer selben Personen weiter geschädigt werden, sobald die ersten Personen Namen nennen, gemeinsam, in dem Moment wird es zu einer Klärung mit ungeahntem Ruck kommen.

Denn dann wird schlagartig klar werden:

Es ist nie die eine Person, die Machtmissbrauch allein ausübt.

Die Person lebt immer von der Struktur, in die sie eingebettet ist, von denen die zuarbeiten oder umsetzen, denen die (mit)wissen, denen die davon profitieren, dass die ...

#10 -

Dank und Kompliment! | Mi., 22.11.2023 - 11:37
Ein Dank an Sie, Herr Wiarda, für die Recherche zu diesem frustrierenden Thema, und ein Kompliment, dass Sie das Thema Ihrer Recherche und die Problematik trotzdem so verständlich und empathisch in einen Text gepackt haben, obwohl Sie selber in der frustrierenden Situation sind, Ihre eigentlichen Rechercheergebnisse (bisher) nicht nutzen zu können.

#11 -

D. | Mi., 22.11.2023 - 12:04
Unbefriedigt zurückgelassen? Nein, mit Ihrem Artikel machen Sie klar: Sie sind dran an dem Thema. Bitte geben Sie nicht auf, auch wenn es Sie selbst frustriert.



Hinzuzufügen ist, dass man neben Unis, Hochschulen, Instituten, außeruniversitären Einrichtungen usw. auch die Welt der vielen, davon "unabhängigen" Fachgesellschaften nicht vergessen sollte.

Hier gibt es oftmals nur wenige Mitarbeitende, die die Geschäftsstellen koordinieren, die manchmal jahrelang den ganzen Laden stemmen. Und die mit ständig wechselnden Vorständen und Präsident/innen - alles Professor/innen aus dem jeweiligen Fach - konfrontiert sind, die in ihrer Amtszeit jedes Mal das Rad neu erfinden müssen (Profilierungszwang). Das führt manchmal und ...

#12 -

Forschungsreferent | Mi., 22.11.2023 - 17:04
Es gibt KEINE Berufsgruppe in Deutschland, die so frei ist wie verbeamtete Professor*innen (keine Vorgesetzten, keine Weisungsbefugnis, keine Kündbarkeit).



Diese immense Freiheit geht immer mit Verantwortung einher. Nicht alle Menschen können mit dieser Freiheit und der damit einhergehenden Verantwortung angemessen umgehen (Opportunismus, schlechter Charakter, toxische Männlichkeit etc.).



Ja, es gibt auch eine Art Omertà an Hochschulen was professorales Fehlverhalten angeht. Menschen kommen, Menschen gehen, die Probleme bleiben. Alle kuschen vor den Key Playern für das Erreichen von akademischen KPIs. Man sollte dieses kritische Setting nicht unterschätzen!



Deshalb braucht es in der Governance einer Hochschule institutionelle Checks und Balances. Ein erster ...

#13 -

Gerit | Do., 23.11.2023 - 17:18
Da können Sie allen Betroffenen/Zeug:innen nur anbieten, sich zusammenzuschließen. Ist die Zahl der Ankläger:innen groß genug, haben sie keine Konsequenzen zu fürchten. Ein großes Dankeschön aber für Ihren Mut schon. Sie sollten an die denken, die ihnen folgen und ebenso unter Machmissbrauch zu leiden haben.
siehe #metoo

#14 -

Brite | Fr., 24.11.2023 - 16:52
In Großbritannien war es (früher) mal so, dass die Performance eines Forschers in der Abwicklung eines (öffentlich finanziertes) Projektes auch in die Bewilligungswahrscheinlichkeit für ein zukünftiges Projekts einging. Kenngrößen waren u.a. die Dauer von Promotionen, die durch das Projekt finanziert worden sind.
Das wäre vielleicht ein sinnvoller Hebel, um auch hierzulande, indirekt, Druck auf Chefs auszuüben, die inakzeptable Leitungsfähigkeiten zeigen.

#15 -

#IchBinTina | Fr., 24.11.2023 - 20:23
@Brite: Ich bin Betroffene und unfreiwillige Expertin in dieser Thematik geworden. Denke auch, dass das eine schnell umsetzbare Lösung wäre: Das Qualifikationsziel (Promotion, Berufungsfähigkeit, ...) sollte im Arbeitsvertrag oder der Stipendienbewilligung festgehalten werden & bei Abbruch oder „Asynchronität“ (Mittelbewilligung zu Ende, aber Qualifikationsziel nicht erreicht), sollte sich die Hochschule aktiv einschalten und erkundigen, woran es hakt. Das ist schlicht Fürsorgepflicht.

#16 -

Roman Held | Sa., 25.11.2023 - 20:02
Ganz wichtiges Thema! Ich habe es selber erlebt (mich persönlich und viele meiner Ex-Kollegen hat es arg getroffen - teilweise mit Anwälten und Gerichten) und beim damaligen Vorstand angezeigt. Die Reaktion wurde abgetan mit: “Was soll das?”’ Andere Betroffene habe ich ermutigt. Kein Mut. Auch nach Vorstandswechsel bisher keine Konsequenzen. Muss man dann wohl besser hinnehmen, um Ruhe zu finden. Vorstände sprechen lieber nur über positive Dinge und packen Missstände gar nicht oder sehr ungern an! Frust pur. Erinnert mich a die Kirchenskandale, die Jahrzehnte vertuscht wurden. Erst mit der Abkehr von den christlichen Kirchen wurden Betroffene endlich ernster genommen. ...

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