Zehn von zehn
Alle noch im Wettbewerb befindlichen Exzellenzuniversitäten bestehen die Evaluation. Was die Entscheidung der Exzellenzkommission über Selektivität und die Zukunft des Wettbewerbs verrät.
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DASS KONSTANZ seinen Titel als Exzellenzuniversität einbüßt, war schon seit vergangenem Mai klar. Sie hatte nur einen der zwei nötigen Exzellenzcluster errungen. Für die übrigen neun Exzellenzuniversitäten und den Berliner Exzellenzverbund steht jetzt fest: Sie alle behalten ihren Status, sie alle werden von 2027 an weitere sieben Jahre gefördert.
Zehn Evaluationen, zehn positive Förderentscheidungen: So lautet die Entscheidung der aus Politik und Wissenschaft bestehenden Exzellenzkommission, die am Mittwochabend bekannt wurde. Grundlage waren die Selbstberichte der Universitäten und die Gutachten internationaler Expertinnen und Experten, die in den vergangenen Monaten jeden Standort besucht hatten.
Die RWTH Aachen, die Berlin University Alliance, die Universität Bonn, die TU Dresden, die Universität Hamburg, die Universität Heidelberg, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die LMU München, die TU München und die Universität Tübingen – so lautet die Liste der alten neuen Exzellenzuniversitäten. Sie erhalten gemäß Bund-Länder-Verwaltungsvereinbarung "antragsabhängig Förderhöhen zwischen jährlich 10 bis 15 Millionen Euro für Anträge einzelner Universitäten und 15 bis 28 Millionen Euro für Universitätsverbünde".
Die Hochschulleitungen erfuhren von ihrem Erfolg nur wenige Minuten vor der allgemeinen Öffentlichkeit, die die Bekanntgabe per digitaler Pressekonferenz verfolgen konnte. Einige Standorte hatten gar wie die Universität Hamburg zum Public Viewing ins Audimax eingeladen. Das Interesse in der Wissenschaftsszene war tatsächlich enorm: Der Livestream-Countdown zeigte noch zehn Minuten, als sich bereits 600 Zuschauer eingeschaltet hatten. Unmittelbar zu Beginn der Pressekonferenz waren es 1.600.
Der Wissenschaftsratsvorsitzende Wolfgang Wick spannte denn auch die Zuschauer nicht lange auf die Folter, sondern verkündete: Er freue sich sagen zu können, dass die zehn Exzellenzstandorten positiv evaluiert worden seien – "einstimmig". Die Evaluation sei intensiv geprüft und diskutiert worden. Die Exzellenzkommission habe die Selbstberichte der Universitäten und des Verbunds beleuchtet und mit den Beobachtungen und Ergebnissen der Vor-Ort-Besuche abgeglichen: von den verfolgten Strategien über die eingesetzten Instrumente bis zu der Frage, welche neuen Ideen umgesetzt würden.
Die Bundesforschungsministerin und GWK-Vorsitzende Dorothee Bär (CSU) sagte, die Exzellenzuniversitäten seien "einfach unsere Leuchttürme für die Spitzenforschung in Deutschland", das belegten die Evaluationsergebnisse. "Sie tragen damit zum Erfolg unserer Hightech Agenda Deutschland bei. Markenkern der Exzellenzstrategie ist das strikt wissenschaftsgeleitete Verfahren."
Der niedersächsische Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD), zugleich stellvertretender Vorsitzende der GWK, betonte die "hohe Ernsthaftigkeit" zwischen Wissenschaft, Bund und Länder, die ihnen die Einmütigkeit der Entscheidung in der Exzellenzkommission ermöglicht habe. Das liege an der Qualität und Transparenz des Verfahrens. Die Exzellenzuniversitäten strahlten in die gesamte Breite des Universitätssystems aus, sie seien "Role Models und Vorbilder".
Die Exzellenzkommission besteht aus den 39 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des ExStra-Expertengremium (Committee of Experts) und den Wissenschaftsministerinnen und -ministern aus Bund und Ländern, wobei die Wissenschaft die Stimmenmehrheit hat.
"Selektiver Charakter"?
Im Vorfeld war unklar gewesen, wie rigoros die Evaluationsergebnisse ausfallen würden. Einerseits hieß es, es handle sich ja nur um eine Evaluation – ähnlich wie bei Leibniz-Instituten, die ja auch immer zum allergrößten Teil durchkämen. Andererseits beschäftigt sich die Verwaltungsvereinbarung explizit mit dem Szenario, was passieren würde, wenn "weniger als vier Förderfälle aus der dauerhaften gemeinsamen Förderung ausscheiden" – was impliziert, dass man so viel Wechsel bei deren Formulierung für durchaus wahrscheinlich hielt.
Kein Wunder, betonen Politik und Wissenschaft doch stets, siehe oben, die wissenschaftsgeleiteten Verfahren, die im Vordergrund jeder ExStra-Förderentscheidung stünden. Entsprechend hebt die Verwaltungsvereinbarung auch den "selektiven Charakter" der unabhängigen und externen Evaluation hervor.
Zuletzt hatte sich aber bereits immer deutlicher abgezeichnet, dass "selektiv" und "alle zehn kommen durch" aus Sicht der Exzellenzkommission offenbar kein Widerspruch zu sein schien. Ein Hauch institutionalisierten Matthäus-Prinzips? Mehr als ein Quäntchen Strukturkonservativismus, demzufolge man schon sehr gewichtige wissenschaftliche Gründe haben müsste, um einen der Platzhirsche auszusortieren? Ein Zeichen der zunehmenden Verschränkung der Interessen von Politik und Wissenschaft in einem in die Jahre kommenden Wettbewerb? Oder doch ein Beleg unangefochtenen Erfolges von Evaluierten und damit der Exzellenzstrategie als Ganzes?
Wolfgang Wick betonte in der Pressekonferenz: Energie und Ressourcen seien wirksam eingesetzt, die gesetzten Ziele erreicht oder "in viele Fällen sogar übertroffen" worden. Die Exzellenzstrategie sei ein Hebel für Transformation und institutionellen Wandel. Sie stehe für Kontinuität, gleichzeitig sicherten Wettbewerb und Evaluation, so dass es Chancen für neue Ideen und Projekte gebe. Wick nannte dies eine "Balance von Verlässlichkeit und Dynamik".
"Und zack sind wir wieder im Jahr 2016"
So verkündet jetzt die Berliner University Alliance (BUA), man sei "too integrated to fail", der Bonner Rektor Michael Hoch sieht seine Universität als "beispielhaft dafür, dass die Exzellenzstrategie wirkt", der KIT-Präsident Jan Hesthaven spricht vom "Lohn für die großen Anstrengungen der vergangenen Jahre", und der Münchner TU-Präsident Thomas F. Hofmann sagt: "Die TUM ist mehr als eine Exzellenzuniversität, sie ist eine Haltung." Von "stolz" bis "überglücklich": Das Begeisterungsvokabular der Hochschulleitungen ähnelte sich, einige wie Hamburgs Unipräsident Hauke Heekeren nutzten derweil die Gelegenheit, an ihre unter Druck stehenden Grundfinanzierung zu erinnern: Der Exzellenzerfolg verpflichte: "uns als Universität und die Politik.“
Und doch wirft der Ausgang der Evaluation noch eine zentrale Frage auf: die nach Aufwand und Ertrag des Verfahrens. Monate vor Abgabe der Selbstberichte kannten einige Hochschulleitungen kaum noch ein anderes Thema, vor den Ortsbegehungen wurden Präsentationen choreographiert und geprobt, inklusive Auftritten von Ministern und Regierungschefs, bis die Delegationen von Gutachtern und administrativem Begleitpersonal anreisten. Wenn alle Exzellenzuniversitäten weiter gefördert würden, "müsste man dann nicht fragen, wozu überhaupt evaluiert wurde?", fragte der Bonner Wissenschaftsforscher und Politikwissenschaftler David Kaldewey schon vor der Entscheidung auf LinkedIn. "Und zack sind wir wieder im Jahr 2016 (Imboden-Bericht)". Der als Evaluation der damaligen Exzellenzinitiative einen bestechend einfachen Vorschlag machte: Statt ständig neue Konzepte für die Galerie zu schreiben und der Politik den Himmel zu versprechen, sollten die Universitäten an dem gemessen werden, was sie bereits geleistet hätten. Anhand einfacher vorher festgelegter Kriterien..
Gezittert haben im Vorfeld aber nicht nur die jetzt erleichterten Hochschulleitungen der zehn positiv Evaluierten. Es gab 16 weitere Universitäten in Deutschland, die den Titelverteidigern nicht unbedingt die Daumen gedrückt haben. Diese 16 haben vergangenes Jahr genügend Cluster eingesammelt, um ihrerseits einen Antrag in der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" zu stellen. Sie sortieren sich in sieben Einzelanträge (Freiburg, Universität Hannover, MHH Hannover, Jena, Kiel, Köln und Würzburg) und vier Verbünde: das Ruhr Innovation Lab mit Bochum und Dortmund, die Northwest Alliance mit Bremen und Oldenburg, die Rhein-Main-Universitäten mit Darmstadt, Frankfurt/Main und Mainz und die Allianz der Universitäten Gießen und Marburg.
Elf Bewerber, maximal fünf Plätze
Da es den Wettbewerbsregeln zufolge insgesamt aber maximal 15 sogenannte Förderfälle gibt, wären für die Neuen mit jedem gescheiterten Titelinhaber die Erfolgschancen weiter gestiegen. Jetzt bleibt es also dabei: maximal fünf Plätze für die insgesamt elf Neuanträge, wobei DFG-Präsidentin Katja Becker in der Pressekonferenz betonte, dass die 15 nicht ausgeschöpft werden müsse, entscheidend sei die Qualität der Neuanträge. Es könne auch mehr Mittel für die übrigen Exzellenzuniversitäten geben, es werde also "ein harter Wettbewerb". Zumindest da also, könnte man etwas zugespitzt anmerken.
Von Anfang an war geplant, dass die internationalen Expertinnen und Experten bei den Neuen erst ab April zu den Ortsbesuchen anrücken – schon wissend, dass am Ende mehr als 50 Prozent nicht durchkommen. Diese Entscheidung der Exzellenzkommission steht im Oktober an, erst dann werden auch die exakten Fördersummen für alle neuen und alten Exzellenzuniversitäten für die kommende Förderphase festgelegt.
Zurück zu den erfolgreichen Titelverteidigern, bei denen am Mittwochabend die Sektkorken knallten und Siegesdaumen in die Kamera gereckt wurden. Es habe keine "Wackelkandidaten" gegeben, sagte Wick auf Nachfrage. "Wenn wir Wackelkandidaten hätten, hätten wir die nicht weiter fördern können." Es habe sich um "die Bestätigung von siebenjähriger Arbeit als Exzellenzstandort" gehandelt. Allerdings habe es durchaus "viel detailreiche Kritik" gegeben, die den Einrichtungen übermittelt werde.
Schaut man in das, was sie sich laut ihrer Selbstberichte für die nächsten sieben Jahre vorgenommen haben, ähneln die Pläne einander teilweise frappierend: vom Sprachstil her über die Buzzwords bis hin zur übergreifenden Betonung von Interdisziplinarität, Impact, Karriereförderung und institutioneller Dynamik. Eine Wirkung hatte die Neuerung Evaluation in der Exzellenzstrategie insofern auf jeden Fall: Sie hat die schon seit der Exzellenzinitiative boomende Produktion strategischer Visionen an den Universitäten auf ein neues Level befördert. Ein Level, in dem nicht mehr auf Anhieb zu unterscheiden ist zwischen Beständigkeit und Gleichförmigkeit. Ja, es gibt sie noch, die ungewöhnlichen Ideen für die nächsten Jahre: Hamburgs Twin Transformation Hub zur Verbindung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung, Heidelbergs Forschungsinitiative zu neuen Familienstrukturen oder Tübingens mobiles Open Lab für Experimente im öffentlichen Raum. Und doch: Früher bedeutete "visionär" öfter mal "aus der Reihe tanzen". Das aber wurde offenbar auch gar nicht mehr erwartet von den Evaluierten.
Das Zehn-von-Zehn-Ergebnis ist eine wissenschaftspolitische Ansage. Die Debatte um die Zukunft der Exzellenzstrategie, bislang meist hintervorgehaltener Hand geführt, wird spätestens im Oktober an Fahrt gewinnen müssen. JMW.
Dieser Artikel wurde mehrfach aktualisiert.
"Too integrated to fail"
Die Berlin University Alliance bleibt Exzellenzverbund. BUA-Sprecher Günter M. Ziegler und BUA-Geschäftsführer Martin Mann über den Kraftakt der Evaluation, die Pläne für die nächsten Jahre, den politischen Anspruch des Verbunds – und wie der Berliner Forschungsraum jetzt erst richtig zusammenwachsen soll. (11. März 2026) >>>
Evaluation erfolgreich: Was die neuen alten
Exzellenzuniversitäten jetzt vorhaben
Die RWTH Aachen gehört zu den Universitäten, die seit Beginn der Exzellenzinitiative 2006 kontinuierlich gefördert werden – und versteht diese Förderung als Motor einer tiefgreifenden institutionellen Transformation. Aus einer klassischen ingenieurwissenschaftlich geprägten Universität sei eine integrierte, interdisziplinäre Technische Hochschule geworden, die Forschung, Innovation und gesellschaftliche Verantwortung stärker zusammenführt. Zentrale Elemente dieser Entwicklung seien stark vernetzte Forschungscluster, strategische Partnerschaften etwa in der Jülich Aachen Research Alliance undein geschärftes Profil an den Schnittstellen von Wissenschaft, Technologie und Anwendung. Für die kommende Förderphase formuliert die RWTH den Anspruch, zu einem "akademischen Eckpfeiler Europas" zu werden: Eine Universität, die Wissen erzeugt, Innovationen vorantreibt und gesellschaftliche Wirkung entfaltet – lokal wie global. Im Zentrum stehen dabei interdisziplinäre Zusammenarbeit, internationale Netzwerke und eine verstärkte Förderung von Talenten, verbunden mit dem Anspruch, Wissenschaft stärker auf die großen technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen einer sich schnell wandelnden Welt auszurichten.
Die Berlin University Alliance (BUA) – der Verbund aus Humboldt-Universität, Freier Universität, Technischer Universität und Charité – will in der zweiten Förderphase der Exzellenzstrategie aus der zunächst organisatorischen Integration der Partner einen umfassenden Berliner Wissenschafts- und Innovationsraum entwickeln. Nachdem es in der ersten Phase vor allem darum ging, Strukturen aufzubauen, institutionelle Hürden abzubauen und gemeinsame Programme zu etablieren, soll nun die institutionelle Breite stärker einbezogen werden: Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Wirtschaft und Stadtgesellschaft. Ein Schwerpunkt liegt auf gemeinsam betriebenen Forschungsinfrastrukturen und einer engeren Vernetzung der Berliner Wissenschaftslandschaft. Gleichzeitig baut die BUA ihren gemeinsamen Karriereraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus – von Graduiertenprogrammen über Postdoc-Formate bis zu Leadership-Programmen für künftige Hochschulleitungen. Strategisch will der Verbund seine internationalen Partnerschaften weiterentwickeln, etwa durch neue Kooperationen in Osteuropa und Südamerika. Insgesamt versteht sich die BUA dabei zunehmend als politischer und wissenschaftlicher Akteur, der die Forschungsagenda mitprägt und zur Stärkung der Innovationskraft und demokratischen Resilienz Europas beitragen will.
Die Universität Bonn geht als eine der erfolgreichsten Teilnehmerinnen des Exzellenzwettbewerbs in die nächste Förderphase – mit acht Exzellenzclustern mehr als jede andere deutsche Universität. Ihr Zukunftskonzept folgt dem Dreiklang "WE invest in people", "WE foster networks" und "WE create impact". In der ersten Förderphase setzte Bonn vor allem auf die Gewinnung internationaler Spitzenforscherinnen und -forscher und auf den Ausbau transdisziplinärer Forschung. Ergebnis sind unter anderem die Transdisciplinary Research Areas (TRAs), die sechs große Themenfelder von Mathematik und Materie über Gesellschaft bis Nachhaltigkeit verbinden und Kooperationen über Fachgrenzen hinweg fördern. Gleichzeitig wurden Transferstrukturen wie das Transfercenter enaCom und das Institut für Entrepreneurship aufgebaut, während Digitalisierung und Forschungsinfrastruktur durch Einrichtungen wie das Bonn Digital Science Center und den Supercomputer Marvin gestärkt wurden. Für die kommende Förderperiode will die Universität verstärkt auf internationale Vernetzung und die Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler setzen: Eine Emerging-Leaders-Strategie soll Studierende, Promovierende und Forschende frühzeitig an exzellente Forschung heranführen. und Bonn langfristig in die Spitzengruppe der weltweit führenden Universitäten führen. Die Universität Bonn mache sich "auf den Weg in die Spitzengruppe der global führenden Universitäten".
Die Technische Universität Dresden will als"The Collaborative University – inventive, transformative, engaged" Forschung, Lehre, Transfer und gesellschaftliches Engagement stärker miteinander verzahnen. Zusammenarbeit, heißt es im Selbstbericht für die Evaluation, gehe über Kooperation hinaus, sie bedeute, "gemeinsam auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten, Verantwortung, Wissen und Ressourcen zu teilen". Im Zentrum stehen drei große Excellence Areas: Gesundheitsforschung ("Principles of Life: Transforming Health Care"), Materialwissenschaften ("Matter. Advanced Materials: Transforming Structures") sowie Mikroelektronik und Informationswissenschaften ("Microelectronics. Information Sciences: Transforming AI"). Parallel dazu will die Universität ihre Studienprogramme stärker forschungsbasiert und digital ausrichten und neue Angebote über den gesamten Lebenslauf hinweg entwickeln. Beim Transfer setzt die TU Dresden auf drei "TUD|InnoX"-Campi, die Forschung, Innovation und Ausgründungen eng miteinander verbinden sollen. Gleichzeitig versteht sich die Universität als Akteur regionaler Entwicklung: Mit Dialogformaten wie "TUD im Dialog" und dem geplanten Campus Lausitz will sie Wissenschaft stärker in gesellschaftliche Debatten einbringen und den Strukturwandel in der ehemaligen Braunkohleregion wissenschaftlich begleiten. Strategische internationale Partnerschaften, digitale Transformation und ein ausgebautes Talentmanagement sollen diese Entwicklung institutionell absichern.
Die Universität Heidelberg baut ihre Exzellenzstrategie weiterhin um vier große Fields of Focus auf, die die gesamte Forschungsbreite der Universität bündeln sollen: Lebenswissenschaften und Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaften, Geistes- und Kulturwissenschaften sowie Sozial- und Rechtswissenschaften. An den Schnittstellen dieser Bereiche will die Universität die Interdisziplinarität gezielt stärken, unterstützt durch gemeinsame Förderinstrumente für risikoreiche Verbundprojekte, thematische Forschungsnetzwerke und gemeinsame Infrastrukturen. Als strategische Schwerpunkte der kommenden Förderphase plant Heidelberg drei neue Flagship-Initiativen, die wiederum mehrere Forschungsfelder verbinden: coAptive Intelligence zur Erforschung der Wechselwirkungen zwischen menschlicher Kognition und KI-Systemen, Climate-Life-Nexus zu den Gesundheitsfolgen des Klimawandels und Family Transitions zu gesellschaftlichen und medizinischen Veränderungen von Familienstrukturen. Ergänzt wird dieses Konzept durch interdisziplinäre Inkubatoren wie das Marsilius-Kolleg, das Interdisziplinäre Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen und das neue Camilla-und-Georg-Jellinek-Zentrum für Ethik, die als Brücken zwischen Disziplinen und als Ausgangspunkte für neue Forschungsinitiativen dienen sollen. Ziel sei es, die internationale Sichtbarkeit der Forschung weiter zu stärken, neue wissenschaftliche Felder frühzeitig zu entwickeln und den gesellschaftlichen Impact der Universität auszubauen.
Die Universität Hamburg will sich in ihrer zweiten Förderphase als führende Universität Nordeuropas positionieren – mit einem Zukunftskonzept, das Transformation zum Leitprinzip macht. Im Zentrum steht die Twin Transformation, also der institutionelle Umbau in Richtung Nachhaltigkeit und Digitalisierung, der Forschung, Lehre und Transfer gleichermaßen prägen soll. Internationalisierung versteht die Universität dabei nicht mehr als eigenes Ziel, sondern als integralen Bestandteil aller Leistungsbereiche ("Globally Active, Globally Minded"). Vier strategische Ziele strukturieren die kommende Phase: Forschung, Lehre, Transfer und institutionelle Transformation. In der Forschung soll mit RAISE (Research Advancement, Innovation, and Support Environment) eine integrierte Förderstruktur entstehen, die Programme für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bündelt, interdisziplinäre Zusammenarbeit stärken und neue, gesellschaftlich relevante Forschungsprojekte ermöglichen soll. Ergänzt wird das durch Plattformen zur Weiterentwicklung der Forschungskultur und internationale Partnerschaften, insbesondere im nord- und gesamteuropäischen Raum. In der Lehre entwickelt die Universität personalisierte Lernwege, interdisziplinäre Studienangebote und internationale Programme. Beim Transfer will sie mit der Knowledge Exchange Agency den Austausch mit Gesellschaft und Politik intensivieren. Zusammengeführt werden diese Entwicklungen im Twin Transformation Hub, der Nachhaltigkeit und Digitalisierung institutionell verzahnen soll.
Die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) will ihr Profil als "führende Forschungsuniversität in Europa" weiter schärfen. Grundlage ist das Strategieprogramm „LMUexcellent – A New Perspective“, mit dem die Universität ihre global kompetitive Spitzenforschung ausbauen und stärker auf gesellschaftlich relevante Innovationen ausrichten will. Dabei hebt die LMU besonders ihre disziplinäre Breite und die Stärke interdisziplinärer Kooperationen hervor – von Medizin, Natur- und Lebenswissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Zugleich plant die Universität strategische Investitionen in Data Science und Künstliche Intelligenz, den Ausbau globaler Partnerschaften sowie neue Karriere- und Förderstrukturen für internationale Talente. Gemeinsam mit der Technischen Universität München will die LMU darüber hinaus im Rahmen der "One Munich Strategy" ihre Kooperation vertiefen und den Wissenschaftsstandort München als internationalen Forschungs-Hub weiter ausbauen.
Die Technische Universität München (TUM) versteht ihre zweite Förderphase als Exzellenzuniversität als Fortsetzung eines umfassenden Reformprojekts: Mit der TUM AGENDA 2030 habe sie ihre Strukturen konsequent auf Interdisziplinarität, Internationalität und Innovationsorientierung ausgerichtet. Im Zentrum steht ein Talentmodell, das wissenschaftliche und unternehmerische Karrieren gleichermaßen fördere – etwa über das TUM Institute for LifeLong Learning und die TUM Venture Labs, die zur Entstehung von über hundert Start-ups pro Jahr beitrügen und München zu einem der führenden Start-up-Standorte Europas gemacht hätten. Inhaltlich will die TUM das klassische Ingenieurmodell zum "Human-centered Engineering" weiterentwickeln und technische Forschung stärker mit gesellschaftlichen Fragestellungen verknüpfen, etwa durch Strukturen wie die TUM School of Social Sciences and Technology oder institutsübergreifende Forschungsplattformen zu KI, Robotik und Design. Internationale Partnerschaften, von Singapur bis Australien und Afrika, sowie Kooperationen mit Wirtschaft und Wissenschaft im Münchner Raum sollen diese Dynamik weiter verstärken. Mit der Weiterentwicklung zur TUM AGENDA 2030+ will die Universität ihre Wirkung in Forschung, Innovation und gesellschaftlicher Transformation ausbauen und langfristig in die Spitzengruppe der weltweit führenden Universitäten aufsteigen.
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) will seine nächste Phase als Exzellenzuniversität unter das Leitmotiv "Science for Impact" stellen – und damit Wissenschaft noch stärker auf konkrete gesellschaftliche Wirkung ausrichten. Aufbauend auf der bisherigen Strategie "Living the Change" bündelt das Zukunftskonzept drei Handlungsfelder: "Shaping Tomorrow", das sich mit Zukunftsfragen wie Transparenz, Sicherheit, Inklusion und dem Einsatz neuer Technologien einschließlich Künstlicher Intelligenz beschäftigt; "Advancing Science and Innovation", das Spitzenforschung und die Entwicklung resilienter Schlüsseltechnologien im engen Austausch mit Industrie und Gesellschaft vorantreiben soll; sowie "Nurturing Talent", das auf die Gewinnung und Förderung internationaler Talente ausgerichtet ist. Programme wie die KIT Future Fields zur Förderung visionärer Forschungsideen, das Young Investigator Group Preparation Program für Nachwuchswissenschaftler oder Formate zur verantwortungsvollen Wissenschafts- und Innovationspraxis sollen weiterentwickelt werden. Ergänzt wird dies durch neue Instrumente wie das KIT Graduate Excellence Program und Initiativen zur Stärkung wissenschaftsbasierter Ausgründungen sowie zur engeren Verzahnung von Forschung, Transfer und Stadtgesellschaft im Konzept einer KIT Science City.
Die Universität Tübingen will ihre nächste Förderphase als Exzellenzuniversität nutzen, um ihr Profil als international vernetzte Forschungsuniversität mit starkem gesellschaftlichem Anspruch weiterzuentwickeln. Leitmotiv bleibe das in den vergangenen Förderperioden etablierte Prinzip "Research – Relevance – Responsibility", das nun stärker auf Lösungen für globale Herausforderungen ausgerichtet werden soll. Inhaltlich verfolgt die Universität fünf strategische Ziele: Exzellente Forschung und forschungsbasierte Lehre sollen weiter gestärkt werden, unter anderem durch überarbeitete interdisziplinäre Forschungsplattformen und ein neues Forum für Transformative Hochschulbildung. Gleichzeitig will Tübingen ein integrativeres akademisches Umfeld schaffen, etwa durch zusätzliche Mentoring- und Karriereprogramme für junge Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und durch Maßnahmen zur Förderung von Diversität und Gleichstellung. Neue Forschungsimpulse sollen unter anderem vom geplanten Tübingen AI Campus als Teil des Tübingen Research Campus ausgehen, ergänzt durch Exploration Funds für risikoreiche Forschungsvorhaben und eine Nachhaltigkeitsstrategie entlang der UN-Nachhaltigkeitsziele. Internationale Kooperationen, auch mit Partnern im Globalen Süden, sollen ausgebaut werden. Zugleich will die Universität ihr Public Engagement stärken, etwa durch dialogorientierte Formate, ein mobiles Open Lab für Experimente im öffentlichen Raum und eine engere Verzahnung von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. JMW.
Bär lobt "1000-Köpfe-Plus"-Bilanz
Im Zuge der Pressekonferenz zur Exzellenz-Entscheidung wurden auch neue Zahlen zum "1000-Köpfe-Plus"-Programm des BMFTR bekannt. Die Antragszahlen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bereich Personenförderung seien für die zweite Jahreshälfte 2025 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 33 Prozent gestiegen, teilte das BMFTR mit. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH) habe für die Forschungsstipendien und –preise einen Antragsanstieg aus den USA um 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet, im letzten Quartal sogar um 63 Prozent. "Das 1.000-Köpfe-Plus-Programm wirkt", sagte Forschungministerin Dorothee Bär (CSU). Deutschland sei ein attraktiver Standort für internationale Spitzenforscherinnen- und Spitzenforscher, die Bewerberzahlen "ein großer Erfolg für Deutschland". Wobei die genauere Analyse zeigt, dass das Programm zum Teil anders wirkt als ursprünglich gedacht – und zum Beispiel Forschende aus den USA eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.
Seit dem offiziellen Start des 1.000-Köpfe-Plus-Programms am Ende Juli 2025 hätten AvH und DFG insgesamt 168 Bewilligungen an Forschende aus 34 Ländern ausgesprochen. Die meisten Geförderten kämen aus Europa (36 Prozent), gefolgt von Asien (30 Prozent) und Nordamerika (20 Prozent). 40 Prozent stammten aus den Lebenswissenschaften, 29 Prozent aus Naturwissenschaften, 20 Prozent aus den Ingenieurwissenschaften und zehn Prozent aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die fachliche Ausrichtung stärkte die mit der "Hightech-Agenda Deutschland" fokussierten Zukunftsfelder.
Erstmals laufe aktuell die Ausschreibung eines neuen Förderprogramms der AvH namens "Humboldt Research Professorships". Das Programm biete Spitzenforschenden die Gelegenheit zu Aufbau von Forschungsgruppen in Deutschland. JMW.
Kommentare
#1 - Zehn von zehn
Jetzt also noch maximal fünf von elf. Natürlich rein wissenschaftsgeleitet. Aber wo im Vorfeld der Verbundgedanke so forciert wurde, sollte doch mindestens ein weiterer Verbund erfolgreich sein, oder? Am besten die Rhein-Main-Universitäten, weil man damit zufällig noch gleich zwei weitere Bundesländer abdeckt? Was ist mit der MHH, weil auch nach dem Ausscheiden der Uni Konstanz geringe Größe kein Hindernis für Exzellenz sein sollte? Und an Jena als einer zweiten ostdeutschen Exzellenzuniversität neben der TU Dresden kommt man doch wohl fast 36 Jahre nach der Wiedervereinigung kaum vorbei? - Was macht man eigentlich mit den (mindestens) sechs Universitäten/Verbünden, die am Ende nicht erfolgreich sein werden? Sind das dann die eigentlich auch aber im Vergleich doch etwas weniger exzellenten? Es bleibt spannend.
#2 - Auswahllogiken
Man muss sich das schon nochmal vor Augen führen: Die bisherigen Unis mussten quasi (nur) zeigen, dass sie nicht nachlassen in ihren Ambitionen und Erwartungen erfüllen. Die potenziell Neuen müssen sich nun gegen mindestens die Hälfte der Konkurrenten durchsetzen. Und theoretisch könnte es sein, dass eine Uni oder ein Verbund besser ist als die bisher Geförderten, trotzdem aber nicht gefördert wird, weil man Platz 6 einnimmt, aber nur 5 Neue aufgenommen werden können. Natürlich wird man bestreiten, dass diese Konstellation realistisch ist.
Auch wenn oft kritisiert wird, dass die Mittel immer noch nicht ausreichen, um international ganz oben mitzuspielen, so spielt für mich persönlich eher der Punkt des abnehmenden Grenznutzens eine Rolle. Das Geld würde anders eingesetzt ggf viel mehr Wirkung entfalten. Das ist sehr schade.
#3 - Es ist schon sehr…
Es ist schon sehr befremdlich, dass Universitäten, für die Länder wie Berlin die Mittel kürzen, die Fachbereiche schließen müssen, nun als Exzellenzuni gelten. Eine erste Reform wäre, die Exzellenzförderung an eine Verpflichtung der Länder zu koppeln, nicht Mittel gleichzeitig zu kürzen. Meine Erfahrung aus einem Exzellenzclusterkonsortium ist, dass man 3 Jahre lang selbst als nicht zentral Beteiligter im Prinzip nichts anderes macht, als Antragsprosa zu entwickeln, netzwerken, Begehungen durchspielen usw. Am Ende steht man mit leeren Händen da, selbst wenn man die 2. Antragsstufe erreicht hat. Überdies ist es lächerlich, wenn auf einmal 15 Unis exzellent sein sollen. Das waren früher doch weniger. Und: Eine Evaluation müsste natürlich die Leistung der Exzellenzunis mit einer vergleichbaren Kontrollgruppe ohne Exzellenz messen. Forschungsoutput, Patente, internationale Sichtbarkeit etc… aber das macht natürlich keiner, weil dann der Ertrag je eingesetzten Euros wohl kleiner ausfällt.
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