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Mehr Homeschooling erlauben? Das sagen Wissenschaftler zum AfD-Plan, mehr Kinder zu Hause zu unterrichten

Privatunterricht daheim ist in vielen Ländern üblich. Die AfD möchte das jetzt auch für Sachsen-Anhalt. Forscher sehen dahinter andere Motive als nur Bildung der Kinder.
Homeschooling

Foto: Marco Verch. CC-BY 2.0.

DIE AFD WILL die Schulpflicht aufweichen: "Bildungspflicht statt Schulzwang!", überschreibt sie den Abschnitt ihres "Regierungsprogramms" für Sachsen-Anhalt. Dort wird am 6. September gewählt, und die rechtsradikale Partei steht in Umfragen bei 42 Prozent. Dass sie allein regiert, scheint möglich. Die Partei will die Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht einführen, in "Anlehnung an das österreichische Modell". Kinder, die zu Hause lernen, sollen halbjährlich zentrale Prüfungen ablegen. Wer zurückbleibt, müsste wieder an die Schule.

Am vergangenen Freitag stellte sich der Bundesrat demonstrativ gegen solche Pläne: In einer einstimmig verabschiedeten Entschließung bekannte er sich zur allgemeinen Schulpflicht als "unverzichtbare Grundlage eines leistungsfähigen, gerechten und integrationsstarken Bildungssystems in Deutschland" und bat die Bundesregierung, ohne die AfD beim Namen zu nennen, "Vorhaben entgegenzutreten, die geeignet sind, die allgemeine Schulpflicht als tragendes Prinzip des deutschen Bildungssystems zu schwächen".

Die AfD-Pläne wären eine Abkehr von der bundesweiten Praxis. In keinem Bundesland ist reguläres Homeschooling bislang erlaubt. Die Schulpflicht steht zwar nicht im Grundgesetz, ist aber überall gesetzlich verankert. Teilweise, so auch in Sachsen-Anhalt, in der Landesverfassung. Das ist historisch nicht selbstverständlich: Lange galt in Deutschland eher eine Unterrichtspflicht, also die Pflicht der Eltern, für Unterricht zu sorgen; die Weimarer Reichsverfassung schrieb dann die allgemeine Schulpflicht fest. Das Grundgesetz übernahm diese Formulierung nach 1949 nicht, beließ die Ausgestaltung aber bei den Ländern.

Eigentlich könnte die Homeschooling-Forderung mit einem Schulterzucken quittieren. Selbst bei einer absoluten Mehrheit für die AfD hätte sie keine Chance auf Realisierung, betont der Bildungsjurist Michael Wrase vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Für eine Änderung der Landesverfassung wäre eine Zweidrittelmehrheit nötig.

Die Debatte ist seit Langem aufgeladen

Doch die AfD stößt in eine Debatte, die schon vorher emotional aufgeladen war und, sagt der Soziologe Thomas Spiegler, "auch international durchaus normativ" geführt werde. Tatsächlich ging es beim Homeschooling in Deutschland nie nur um die Frage, ob Kinder auch außerhalb eines Schulgebäudes lesen, rechnen oder Englisch lernen können. Es ging immer auch um Elternrecht, Kinderrecht, staatliche Schulaufsicht und demokratische Integration.

Spiegler, Professor an der Theologischen Hochschule Friedensau, ist einer der wenigen deutschen Forscher zum Homeschooling. Er sagt: "Manche Gerichtsurteile, die die Schulpflicht verteidigt haben, klangen fast so, als bedeute das Homeschooling den Untergang der Zivilisation." Dabei gebe es aus Ländern mit erlaubtem Hausunterricht genügend empirische Belege, dass erfolgreiche Bildungswege auch außerhalb des normalen Schulunterrichts möglich seien, sagt Spiegler, und fügt hinzu: "Das heißt ausdrücklich nicht, dass Homeschooling im Umkehrschluss besser ist." Unter dieser Überschrift könne auch "sehr viel Schlechtes passieren". Dass die AfD das Thema besetzt habe, verändere die Lage, sagt Spiegler. Es gebe durchaus Gründe, warum Lernformate außerhalb klassischer Schule im Einzelfall sinnvoll sein könnten. Doch der AfD gehe es offenbar um eine grundsätzliche Ablehnung des Staates, was die ohnehin schwierige Debatte überlagere.

WZB-Forscher Wrase sagt dagegen, es könne Gründe geben, warum Homeschooling unvermeidbar sei: etwa im Falle bestimmter Krankheiten oder Behinderungen, wenn es nicht anders gehe. Oder wenn Kinder so verhaltensauffällig seien, dass sie vom normalen Schulunterricht ausgeschlossen würden. Aber optionales Homeschooling? "Da gibt es keine guten Argumente für."

Die größten Unterstützer für Homeschooling fänden sich unter religiösen oder weltanschaulichen Randgruppen, und gerade bei denen komme es auf die Einbindung in die Regelschule an. "Den erreichten Lernstand können Sie abprüfen, wenn jemand zu Hause unterrichtet wird, aber es geht doch beim Schulunterricht um mehr." Die Schule habe nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen staatlichen Erziehungsauftrag. Sie solle verhindern, dass Parallelwelten entstehen. Kinder hätten Anspruch darauf, sich auch außerhalb des Elternhauses zu freien Persönlichkeiten zu entwickeln.

Entsprechend heftig fiel manche öffentliche Reaktion auf die AfD-Pläne aus. Der Philologenverband betonte, die Schulpflicht sei "kein überholtes Relikt", sondern Voraussetzung für Bildungschancen, demokratische Teilhabe und Zusammenhalt. Die GEW warnte vor einer Schwächung staatlicher Verantwortung und vor Freiräumen für demokratie- und menschenfeindliche Grundhaltungen.

England erlaubt und Frankreich verbietet mehr

Thomas Spiegler sagt, die Warnungen seien nicht unbegründet, doch sie verdeckten leicht die sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Homeschooling. Schon während der Corona-Pandemie sei der Begriff in Deutschland durcheinandergeraten: Meist handelte es sich gar nicht um freiwilligen Hausunterricht, sondern um staatlich organisiertes Distanzlernen. Trotzdem habe es eine kleine Gruppe von Schülern gegeben, die in diesem Setting besser zurechtgekommen sei als im normalen Schulbetrieb. Für Homeschooling-Aktivisten sei das der Moment gewesen, auf den sie gewartet hatten.

Spiegler argumentiert anders als Wrase: weniger vom Verfassungsauftrag der Schule her, stärker aus der Beobachtung der Milieus. Es gebe christlich-evangelikale, aber auch reformpädagogische Motive; Familien, die Schule weltanschaulich ablehnten, aber auch solche, die "ganz unideologisch" nach schlechten Erfahrungen Auswege suchten.

Tatsächlich ist die Lage international uneinheitlicher, als die deutsche Debatte oft vermuten lässt: England erlaubt "elective home education" relativ weitgehend, Frankreich hat Familienunterricht seit 2022 stark eingeschränkt, die Niederlande kennen Ausnahmen in Sonderfällen. Spiegler sagt, zwar lasse sich in Europa beobachten, dass eher rechtsnationalistische Parteien Homeschooling befürworteten. Doch in Großbritannien oder Tschechien gebe es nicht denselben Links-Rechts-Gegensatz wie in Deutschland. Und ein so striktes Verbot wie hierzulande, sagt Spiegler, falle ihm im europäischen Vergleich kaum ein.

Umgekehrt sei Österreich, auf das sich die AfD beruft, vor allem eine Mahnung zur Vorsicht im Umgang mit Empirie: Zwar falle dort der Anteil der Homeschooling-Kinder, die die jährliche Prüfung nicht bestehen, kaum höher aus als die Sitzenbleiberquote im regulären Schulsystem. Doch es handle sich um ein hoch selbstselektives Sample; die Ergebnisse ließen sich nicht einfach übertragen. Für Deutschland wiederum gibt es nach Spieglers Kenntnis keine seriösen Umfragen dazu, wie viele Menschen Homeschooling befürworten.

Der Blick in die USA, wo Homeschooling seit den 70er Jahren verbreitet ist, macht die Sache nicht einfacher. Robert Kunzman, Erziehungswissenschaftler an der Indiana University und einer der wichtigsten Forscher dazu, sagt: "Wir haben kein wirklich belastbares Gesamtbild der Zahlen." Sicher lasse sich sagen, dass Homeschooling nach der Pandemie weiter gewachsen sei, womöglich auf sechs bis sieben Prozent der Schulkinder. Aber schon die Definition verschwimme: "Was überhaupt als Homeschooling zählt, ist zunehmend schwer festzulegen und umstritten." Bildung sei Sache der Bundesstaaten, manche verlangten Registrierung, andere kaum etwas oder gar nichts. Mehr als die Hälfte der Homeschooler besuche zugleich Kurse außerhalb des Elternhauses, weniger als die Hälfte lerne die gesamte Schullaufbahn hindurch zu Hause.

Die moderne Homeschooling-Bewegung sei dort von Anfang an "auf zwei Gleisen" entstanden, sagt Kunzman: einerseits konservative Christen, die ihre Kinder aus religiösen Gründen von der Schule fernhalten wollten; andererseits eine linke, anti-institutionelle und anti-standardisierte Strömung. Beides gebe es bis heute. Zwar hätten viele Familien ein gemeinsames Motiv: Sie wollten "die Familie ins Zentrum stellen", sich aus gesellschaftlichen Großstrukturen zurückziehen und das Lokale betonen, bisweilen auch in abgeschotteter Form. Aber Homeschooling sei in den USA "nicht notwendigerweise eine direkte Überlagerung mit politischem Konservatismus". Die staatliche Kontrolle ist erstaunlich lax: In etlichen Bundesstaaten gibt es keine entsprechenden Leistungsüberprüfungen, jedenfalls keine öffentlich verfügbaren Daten; einschreiten würden die Behörden typischerweise erst bei offensichtlicher Kindesmisshandlung oder Kindeswohlgefährdung.

Die AfD plant ein ganzes Programm

Wrase sagt, Ausnahmen von der Schulpflicht unter engen Bedingungen seien nicht automatisch ein verfassungsrechtlicher Skandal. Wollte eine demokratische Koalition Homeschooling in Einzelfällen zulassen, "würde ich das nicht hochproblematisch finden". Nur sei, was die AfD fordere, etwas anderes: kein eng begrenzter Ausnahmetatbestand, sondern Teil eines Programms, bei dem ihm "die Haare zu Berge" stünden: Abschaffung der Demokratiebildung, Stärkung des Russischunterrichts samt Austausch mit Schulen in Russland, Heilpflanzenpädagogik, Patriotismuserziehung – und als Teil des vergangene Woche bekanntgewordenen 100-Tage-Programms in Sachsen-Anhalt Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern und Wachschutz an Problemschulen.

So wirke die Homeschooling-Forderung wie ein weiterer Baustein, um die Institution Schule zu schwächen und weltanschauliche Randgruppen zu stärken. "Das ist eine Nebelkerze." Nebelkerzen können Debatten verschieben. JMW.

Dieser Artikel erschien in kürzerer Fassung zuerst im Tagesspiegel.

Kommentare

#1 -

Gerhard Lenz | Mo., 13.07.2026 - 09:18

Hoffentlich kriegen die Wähler in Sachsen-Anhalt noch rechtzeitig mit, welchem Programm sie dabei aufsitzen. Wäre mal gut, wenn man dort die Programme dieser "Partei" auch wirklich lesen würde. 

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