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Ein Bundesland als Versuchslabor

Das durchgesickerte AfD-"Regierungsprogramm" für Sachsen-Anhalt und seine Sprengkraft für Bildung, Forschung und Föderalismus: eine Analyse.
Ausschnitt Deutschland-Karte mit Lupe über Sachsen-Anhalt.

Grafik: OpenClipart-Vectors / pixabay.

MITTE APRIL soll ein Landesparteitag ihn beraten, den Entwurf für ein "Regierungsprogramm" der AfD für Sachsen-Anhalt, der seit Anfang der Woche kursiert. Offiziell will ihn der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremen eingestufte Landesverband nicht herausgeben, doch der Zeitpunkt des Durchsickerns ist politisch brisant. Umfragen zufolge liegt die AfD bei um die 40 Prozent, CDU-Langzeitministerpräsident Reiner Haseloff räumte gerade seinen Posten – in der Hoffnung, dass sein Nachfolger Sven Schulze vor den Wahlen im September eine Aufholjagd starten kann.

"Mit ihrem Programm schreibt die AfD das Menetekel gleichsam an die Wand. Nach der Lektüre kann keiner mehr sagen, man habe nicht gewusst, was die AfD vorhat, wenn sie hier im Land die Macht ergreift", sagte SPD-Wissenschaftsminister Armin Willingmann, zugleich Stellvertretender Ministerpräsident, am Mittwoch, dem Tag der letzten Kabinettssitzung mit Haseloff.

Dabei sind der Bildungs- und Wissenschaftspolitik gerade einmal 18 der 156 Entwurfsseiten gewidmet, doch sie zeigen exemplarisch, was im Falle einer Regierungsübernahme zu erwarten wäre – für das Bundesland und darüber hinaus.

Was genau steht drin? Im Prinzip reicht es bereits, die Kapitel-Präambeln zu lesen. Die Krise im Bildungssystem, heißt es da einleitend zu Kapitel 4, "Schulbildung", sei "keine Krise des Geldes, es ist eine Krise des Geistes". Das Problem sei eine um sich greifende Leistungsmüdigkeit und "Kuschelpädagogik". Die richtige Meinung sei mittlerweile mehr wert als echtes Wissen, Lehrer stellten keine pädagogische Autorität mehr dar. Von einer "einseitigen Indoktrination gegen gesunden Patriotismus" "bis hin zu offener Hetze gegen die AfD" ist die Rede.

Disziplin statt Vielfalt – das neue Schulbild der AfD

Eine Auswahl der auf den folgenden Seiten präsentierten Gegenmittel: Nur noch 25 Prozent der Schüler sollen aufs Gymnasium, eine Wiedereinführung von Haupt- und Realschule geprüft werden. Die Inklusion soll beendet werden – was ein klarer Verstoß gegen die UN-Menschenrechtskonvention wäre. Flüchtlingskinder sollen in Sonderklassen unterrichtet werden, um ihnen die Botschaft zu vermitteln, dass ihr Aufenthalt in Deutschland nur ein vorübergehender ist. Wie das mit dem Grundgesetz vereinbar sein soll? Fraglich. Wachdienste sollen an Schulen patrouillieren, das Hissen von Regenbogenflaggen soll verboten werden, stattdessen an jedem Schultag die Nationalflagge wehen.

Wird im Kapitel-Vorwort noch der Autoritätsverfall der Lehrer beklagt, folgt später der Vorwurf, einige Lehrer würden ihre Autorität missbrauchen und versuchten "systematisch", den Schülern ihre Meinung aufzuzwingen. "Wir werden deshalb das Indoktrinationsverbot zu einem strengen Neutralitätsgebot ausweiten."

Gleichzeitig soll die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzt werden, eine freie Wahl zwischen Hausunterricht und Schulunterricht ermöglicht werden, was eine Abkehr von der Praxis in allen 16 Bundesländern wäre. Eine Indoktrination durch Homeschooling scheint die AfD demnach nicht zu fürchten, obgleich Grundgesetz-Artikel 7 das gesamte Schulwesen der Aufsicht des Staates unterstellt.

Es dürfe keine "Pseudodemokratie" an Schulen geben: "Über Lehrpläne, Benotungen oder die besten Lehrbücher lässt sich nicht abstimmen, erst recht nicht unter Schülern. Hier müssen im Ministerium Sachverständige im Austausch untereinander Entscheidungen treffen." Man kann sich vorstellen, wie diese Entscheidungen aussehen würden, wenn das Bildungsministerium in AfD-Hand wäre.

Zentralisierung, Kontrolle, Gesinnungsvorgaben

Der Gesamtkonferenz soll das Recht entzogen werden zu entscheiden, welche Lehrbücher an einer Schule eingesetzt werden. "Nichts spricht dagegen, landesweit pro Schulform und Jahrgangsstufe die gleichen durch das Bildungsministerium festgelegten Lehrmaterialien zu verwenden." Durch ein dann AfD-geführtes Bildungsministerium wohlgemerkt.

Die "Heilpflanzenpädagogik" (!) und der Heimatkundeunterricht sollen gestärkt werden, "ein deutlicher Schwerpunkt" des künftigen Geschichtsunterrichts auf der "deutschen Nationswerdung" im 19. Jahrhundert liegen. Der Russisch-Unterricht solle erhalten und möglichst ausgebaut, der Schüleraustausch mit Russland wiederbelebt werden. Die Landesförderung für das Programm "Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage" soll beendet werden.

Ähnlich dramatisch kommt das Vorwort zu Kapitel V, "Wissenschaft", daher: Die deutsche Wissenschaft befinde sich in einer tiefen Krise. Die Klima- und Corona-Politik hätten gezeigt, dass auch "die Naturwissenschaft" (im Singular genannt) nicht mehr in der Lage sei, "ideologiefreies Wissen" zu erzeugen. "Die Geisteswissenschaften wiederum stecken bis zum Hals in einem Sumpf aus Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei."

Apropos Phrasendrescherei: Der "Niedergang", stellt der Programmentwurf pathetisch fest, habe mit der "68er-Revolte" begonnen. Diese habe "eine der Wissenschaft fremde und für die Wissenschaft schädliche Politisierung" an die Universität gebracht und die Bürokratie durch ein – hier taucht der Begriff erneut auf – "pseudodemokratisches" Gremienwesen aufgebläht.

Generalangriff auf Forschung und Lehre

Weitere Unheilsbringer laut AfD: das "Quotenunwesen, das die Botschaft vermittelte, Geschlecht sei wichtiger für den Erfolg als akademische Leistung" (wobei, Stichwort Realitätsbezug, in Wirklichkeit gar keine "Quoten" in Berufsverfahren existieren). Außerdem der "sogenannte Bologna-Prozess, also die Ersetzung der deutschen Studienabschlüsse Magister und Diplom durch ein aus dem angelsächsischen Raum kommendes, völlig verschultes BA/MA-System".

Entsprechend gehört zu den angekündigten Gegenmitteln im Falle einer Regierungsübernahme die "Rückabwicklung" des Bologna-Prozesses, was Sachsen-Anhalt in Deutschland und Europa weitgehend isolieren würde. Die Sichtweise der AfD ist freilich eine andere: Die meisten Bologna-Vorgaben seien EU-rechtlich nicht verbindlich. "Wir werden zuerst in Sachsen-Anhalt auf das bewährte System umstellen und dann im Rahmen einer Bundesratsinitiative anstreben, dass ganz Deutschland aus dem sogenannten Bologna-Prozess aussteigt."

Die Genderstudies will die AfD "abschaffen", sie seien politisches Programm und keine Wissenschaft, genau wie der Postkolonialismus, der letztlich "nichts anderes" sei als "ein Programm zur Zerstörung der Europäischen Identität". Offen droht die AfD, die Zielvereinbarungen mit den Hochschulen so zu nutzen, "dass die Geisteswissenschaften wieder einem wissenschaftlichen Anspruch genügen." So, wie die AfD ihn versteht wohlgemerkt. Zum Postkolonialismus wird angekündigt: "Wir werden prüfen, wie wir als Landesregierung diese schädlichen Tendenzen unter Wahrung der Wissenschaftsfreiheit zurückdrängen können." Wobei die Antwort eigentlich klar ist: Alles, was die AfD an dieser Stelle ankündigt, würde der im Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit zuwiderlaufen.

Statt Genderstudies oder Postkolonialismus will die Partei einen Lehrstuhl für "Bevölkerungswissenschaft" (zum Forschen an Gegenstrategien zum Geburtenschwund) einrichten und ein "Institut für kritische Islamforschung" als "maßgeblich für ganz Deutschland" aufbauen.

Umbau der Hochschulen nach AfD-Vorstellungen

Die Funktion der Gleichstellungsbeauftragten soll aus dem Hochschulgesetz gestrichen werden, das Ziel "Gleichstellung" im Gesetz will die AfD durch "Gleichberechtigung" ersetzen. Die "Räterepublik" der Gruppenuniversität, wo "alle Gruppen vom Mittelbau über die Studenten bis hin zu den Reinigungskräften mitbestimmen sollen", soll beseitigt und insbesondere der Einfluss der "Studentenräte" zurückgedrängt werden – eine laut AfD "kleine Schicht von hyperaktiven und zumeist linksextremen Studenten", die sich anmaße, "für alle Studenten zu sprechen".

Apropos "Studenten": Deren Zulassung per Numerus Clausus will die AfD ebenfalls beenden. Der NC sei nicht "sachgerecht", die reine Abiturnote sage "nichts über die Eignung für ein bestimmtes Studienfach". Deshalb werde man "im Rahmen der Landesgesetzgebung", dafür sorgen, dass die Hochschulen bei Überbelegung Aufnahmeprüfungen durchführen, um die "spezifischen Voraussetzungen für das Studium" festzustellen. Das Abitur solle dann nur noch zur Teilnahme an diesen Prüfungen qualifizieren. Wer die Inhalte und Kriterien für die Aufnahmeprüfungen festlegen würde (etwa die AfD-geführte Landesregierung?), lässt das Wahlprogramm offen. Die wissenschaftliche Empirie belegt übrigens sehr wohl einen starken Zusammenhang zwischen Abischnitt und Studienerfolg.

Die Ankündigung, "prekäre Arbeitsverhältnisse an der Universität zu beenden", verbindet der Entwurf mit einem Tiefschlag gegen alle befristet Beschäftigten: Wegen der schlechten Bezahlung strebten abgesehen von einigen Idealisten "vor allem die eher Mittelmäßigen, die in der Wirtschaft keine Perspektive finden, eine wissenschaftliche Laufbahn an".

Und wenn das "Regierungsprogramm" verspricht sicherzustellen, "dass die Wissenschaft unabhängig von Drittmitteln wieder über eine auskömmliche Grundfinanzierung verfügt", geißelt es im gleichen Atemzug "Institutionen wie etwa die DFG, diverse Industriestiftungen oder die politischen Stiftungen", die "an jede Projektförderung politische Anforderungen" stellten.

Ein Experimentierfeld mit bundesweiten Folgen

Ob Bildung oder Wissenschaft: Auf den ersten Blick fokussieren fast alle Pläne allein auf das Bundesland, explizite Aussagen zu deutschlandweiten Implikationen sind rar. Doch sie werden ganz offensichtlich gleich in mehrfacher Hinsicht mitgedacht. Erstens: Sachsen-Anhalt, in dem die AfD reale Chancen hat, erstmals eine Regierungsmehrheit hinzubekommen, würde zum Experimentierfeld einer rechtsradikalen Bildungs- und Wissenschaftspolitik.

Zweitens: Dass diese Pläne an zahlreichen Stellen mit dem Grundgesetz, sonstigen Gesetzen sowie nationalen oder internationalen Konventionen und Vereinbarungen in Konflikt geraten würden, wird im "Regierungsprogramm"-Entwurf kaum einmal thematisiert, aber umso bewusster in Kauf genommen. Womöglich sogar mit Vorfreude – böten sich doch zahlreiche Gelegenheiten, sich auf Kosten von Europa, der Bundesregierung oder anderen Bundesländern zu profilieren.

Absehbar dürften zwei föderale Manegen zum Erringen maximaler Aufmerksamkeit der AfD besonders gelegen kommen: die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern. Wobei es dabei weniger um die jeweiligen Abstimmungsmodalitäten geht – welche Vereinbarungen kann ein einzelnes Land tatsächlich boykottieren, blockieren oder verhindern (siehe Kasten) – und mehr um die populistische Anti-Föderalismusshow, die sich in aller Öffentlichkeit inszenieren ließe.

Die Warnung an die demokratischen Parteien ist deutlich. Und 156 Seiten stark. JMW


Föderale Einfallstore?

In der Kultusministerkonferenz (KMK) gilt bei allen zentralen und finanzwirksamen Fragen das Einstimmigkeitsprinzip. 2024 starteten die damaligen Länder-Koordinatorinnen Karin Prien (CDU) und Stefanie Hubig (SPD) eine Initiative, das zu ändern. Weil einige Länder jedoch um ihre Kultushoheit fürchteten, blieb die KMK bei einer halbgaren Lösung stecken.

Im Bereich der föderalen Wissenschaftsfinanzierung wiederum gibt vor allem der Grundgesetz-Artikel 91b die Richtung vor. Er besagt: "Bund und Länder können auf Grund von Vereinbarungen in Fällen überregionaler Bedeutung bei der Förderung von Wissenschaft, Forschung und Lehre zusammenwirken." Es folgt allerdings die Einschränkung: "Vereinbarungen, die im Schwerpunkt Hochschulen betreffen, bedürfen der Zustimmung aller Länder."

Was das praktisch für Folgen haben könnte, wenn einzelne Länder sich querstellen, hat Justus Henke vom Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Universität Halle hier im Blog in einem Gastbeitrag skizziert und zusammen mit Peer Pasternack im Papier "Hochschulen in der Demokratie. Ansatzpunkte zur Stärkung der Resilienz" weiter ausgeführt.

Beim milliardenschweren Pakt für Forschung und Innovation (PFI) zum Beispiel, dessen Verlängerung vor 2030 ansteht, sind die Vorzeichen vergleichsweise günstig: Laut Regularien der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) reicht es bei Vereinbarungen ohne Hochschul-Schwerpunkt, wenn außer dem Bund mindestens 13 Länder zustimmen. Allein ein AfD-regiertes Sachsen-Anhalt könnte also nicht viel Schaden anrichten. Was aber, wenn der Landtag als Haushaltsgesetzgeber einfach nicht die Mittel für den Landesanteil freigibt?

Diese Gefahr eines derart destruktiven Players steht grundsätzlich bei allen Bund-Länder-Vereinbarungen mit Haushaltsvorbehalt, auch bei der Exzellenzstrategie oder beim "Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken", über den der Bund Studienplätze mitfinanziert.

Bei diesen beiden Programmen ist die Lage freilich noch komplexer. Wegen ihres Hochschulbezugs mussten sie einstimmig beschlossen werden, laufen jetzt aber auf Dauer. Bei der Exzellenzstrategie ist eine Kündigung nur vorgesehen, wenn der Bund oder mindestens drei Länder sie einreichen. Beim Zukunftsvertrag sprengt ein Land, das raus will, nicht die Gesamtvereinbarung. Das Problem ist allerdings: Erhöhungen sind mit dem Bund nur bis 2027 abgemacht. JMW.

Kommentare

#1 -

Fumarius  | Do., 29.01.2026 - 08:29

Für einige Unis sehr relevant wäre übrigens, ob ggf. bereits für die Sitzung der Exzellenzkommission Anfang Oktober eine Teilnahme eines AfD-geführten Bundeslandes droht, das dann bereits über die Auswahl neuer Exzellenzunis 'mitentscheidet'. Auch hier reicht zwar eine qualifizierte Mehrheit, dem Verfahren zwingend dienlich wäre es aber wohl eher nicht. Soweit ich sehe, sind die Wahrscheinlichkeiten aufgrund der Zeitfolge dafür allerdings eher gering, wenn auch nicht null...

#1.1 -

anhaltski | Do., 05.02.2026 - 14:57

Antwort auf von Fumarius (nicht überprüft)

Am 6.9. ist die Wahl, da steht vor November keine neue Regierung. Selbst bei einfachen politischen Verhältnissen nicht.

#2 -

Hesperion | Do., 29.01.2026 - 16:39

vielen Dank für die sicher nicht angenehme Lektüre, die schon beim Lesen der Zusammenfassung die Haare zu Berge stehen lässt. Alle Dummheiten und Fehler, die man machen könnte, in einem Dokument...
Die Hoffnung wäre, dass sich unsere Brüder und Schwestern in den entsprechenden Bundesländern besinnen - die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch eine  zunehmende Entfremdung und Spaltung zwischen einem wahrgenommenen "die da oben" bzw "DER Wissenschaft" und "uns als Deutschen, deren Belange keiner außer der AfD ernst nimmt". Wenn das so weiter geht, dann gute Nacht! Wäre denn ein Eingreifen auf Bundes-Ebene ein Ausweg? 

#3 -

Manfred Keafczyk | Do., 29.01.2026 - 19:52

Soll keine(r) später behaupten, sie hätten nicht explizit angekündigt, was sie vorhaben.

#4 -

LManz | Fr., 30.01.2026 - 08:55

Danke für diesen so wichtigen Beitrag oder wie die Person vor mir gesagt hat: "vielen Dank für die sicher nicht angenehme Lektüre, die schon beim Lesen der Zusammenfassung die Haare zu Berge stehen lässt"

Solch einen Rückschritt und den bewussten Verfall hart erarbeiterter demokratischer Errungenschaften (gerade! angesichts der deutschen Vergangenheit) zu forcieren, ist einfach unglaublich. Keiner Person ist geholfen, wenn man solche Forderungen durchsetzt. Um es drastisch auszudrücken: Deutschland verfällt. Und das macht Angst. Bildung, Innovation, Internationalität, Chancengleichheit, Zuwanderung- ohne katapultieren wir uns ins Abseits...

 

#4.1 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 30.01.2026 - 20:21

Antwort auf von LManz (nicht überprüft)

Ihr Glaube an die "demokratischen Errungenschaften" in allen Ehren, aber man kann auch manches dramatisieren. Gerade der Bologna-Prozess ist ein Beispiel für ein undemokratisches Vorgehen: Politiker haben sich in Bologna überrumpeln lassen, dann wurde das den Hochschulen regelrecht zwangsweise übergestülpt, und als Resultat haben wir nun den "Hamster im Laufrad", die früheren Semesterferien sind fast komplett mit schriftlichen Prüfungen zugedeckt, weil man schon gar nicht mehr genug Räume dafür hat. Und die Genderforschung als den Inbegriff wissenschaftlichen Fortschritts darzustellen, befremdet mich. Haben Sie mal Publikationen dieser Art gelesen? Ich schon. Und wie demokratisch ist eigentlich unsere außeruniversitäre Forschung organisiert?

Dass die Lehrer schon unter gewalttätigen Schülern leiden, können Sie in diversen Brandbriefen nachlesen. Hilfssheriffs sind leider an etlichen Schulen notwendig geworden, die gibt's ja in anderen Bereichen (und in anderen demokratischen Ländern) auch. Schließlich würde ein kleineres Bundesland, das am Tropf des Länderfinanzausgleichs hängt, sich sofort die Zähne ausbeißen, wenn es versuchte, "als Schwanz mit dem Hund zu wedeln" und alle Spielregeln im Bildungsbereich umzustürzen. Ein Ministerpräsident hat nicht die Macht des US-Präsidenten, die AfD würde sich sofort im Gestrüpp von Gesetzen verheddern. Zudem würde wohl eine AfD-geführte Regierung ganz schnell einen großen oder kleinen Skandal produzieren und hätte zudem die gesamte Presse gegen sich.

Ich vertrete nicht die AfD, aber ich würde mir wünschen, dass jenseits der Einigkeit GEGEN die AfD die anderen Parteien jene wunderbare Einigkeit auch in Sachfragen demonstrieren würden. Die allerdings sehe ich nicht. Die Probleme in unseren Schulen (ein Niedergang ist doch nicht zu übersehen, man schaue auf die großen Tests) kann man eben nicht mit Anti-AfD-Rhetorik lösen, es müssten mal Rezepte her, deren Wirkung nicht nur rhetorisch mit "Haltungen und Visionen" postuliert wird, sondern auch tatsächlich (und nachweislich) eintritt. 

Am Rande: Als bei einer Wahl in Schweden die Schwedendemokraten 17 % bekamen, standen am nächsten Tag Überschriften in den Zeitungen wie "Jetzt kann gegen die Rechtspopulisten nicht mehr regiert werden". Inhaltlich war das Blödsinn, wieso können die 83 % nicht gegen die 17 % regieren? Später kam heraus: Die anderen zerfielen in zwei etwa gleich große Blöcke, und keiner von den Blöcken konnte mehr regieren. Es war die pure Gewohnheit der sturen und notorischen Uneinigkeit, die plötzlich ein Hindernis darstellte. Genau das sehen wir jetzt in manchen Bundesländern auch. Und genau das gab's auch in den Jahren vor 1933, vielleicht ist das eben ein Nachteil der Demokratie. In Frankreich sahen wir das auch bei der Blockade des Haushalts. 

#4.1.1 -

Axel Fingerhut | So., 01.02.2026 - 21:51

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Genau das muss gefragt werden - und das vermisse ich, Herr Kühnel, in Ihrem Beitrag.

Und vorstehend fragen Sie noch - nicht unberechtigt - wie demokratisch außeruniversitäre Forschung organisiert ist - die Anzahl der Ausschnittintressen vertetenden Institute ist nicht mehr überschaubar und von der Personalgeschichte oft libertär geprägt - und über vielen schwebt die unsichtbare Hand des Marktes als Heiligenschein des Wrtschaftforschers. Und in den Sozialwissenschaften? Genderforschung ist noch neu. Sie entwickelt sich - und da hätt ich mir gern ein paar Fundstellen erhofft - wer kritisiert, muss diese auch kennen.

Und der Ruf nach Rezepten? Ohne eigene Haltung? Ja, Haltung sogar als unnütz dargestellt - ich sag es mal ganz einfach: Begegnet mir ein Afd-Wähler unwissend und trotzig, red ich emphatisch ansetzend über seine Meinungs"bildung" und öffne ihm die Augen über das AfD-Konglomerat, mit dem Antäuschen von Kümmerer und dem Erreichen wollen von Wirtschaftsinteressen. Und über den Nationalstolz: Was sagte Schopenhauer? Jeder kleine Wicht, der nichts hat, auf das e Stolz sein könnte, greift zum letzten Mittel, sein Nation, obwohl doch ihre Fehler beständig vorAugen habend.

 

Zustimmung zum "Hamster im Laufrad" - aber es herrscht Verwertunhskapitalismus! Der muss weg! 

#4.1.1.1 -

Wolfgang Kühnel | Mi., 04.02.2026 - 13:53

Antwort auf von Axel Fingerhut (nicht überprüft)

Zu Ihrer ersten Frage: Ich will an "DER Demokratie" als Prinzip nicht rütteln, aber ich sehe eben Nachteile unserer gegenwärtigen Parteien- und Funktionärs-Demokratie gegenüber der im Grundgesetz beschriebenen. "Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit", so steht es da, nicht mehr und nicht weniger. Die Regierung aber besteht nach dem GG aus Personen (Bundeskanzler und Minister, in den Ländern entsprechend) und eben NICHT aus Parteien, das Parlament besteht aus Personen (Abgeordnete, die nur ihrem Gewissen unterworfen sind), nicht aus Parteien. Parteivorsitzende, Fraktionsvorsitzende, Generalsekretäre und Jugendorganisationen der Parteien werden im GG nicht erwähnt. Auch der Koalitionsausschuss ist insofern gegen den Geist des Grundgesetzes gerichtet, weil die Chefs der sog. Regierungsparteien dadurch über der Regierung und auch über dem Parlament stehen, was die Gewaltenteilung aufweicht. Im GG finde ich keine Vorschrift, dass ein Minister seinen (externen) Parteivorsitzenden oder seiner Parteidoktrin gegenüber verantwortlich ist. Der Amtseid sagt, er ist dem ganzen Volk gegenüber verantwortlich.

Was die Genderforschung betrifft, so lese ich Sätze wie: "Damit erweist sich jede Abhängigkeit von mathematischer Begabung und Leistung vom biologischen Geschlecht als irrig." Eine Quelle:

https://www.mi.fu-berlin.de/math/groups/genderstudies/images_NEU/Beitrag-Koreuber-und-Mischau.pdf

https://www.mi.fu-berlin.de/math/groups/genderstudies/index.html

Aber die Begründung dafür halte ich nicht für schlüssig. Es ist nur eine Art von Glaubenssatz, dass ALLE Talente, Begabungen und Interessen für ALLE denkbaren Disziplinen in und außerhalb der Wissenschaft zwischen "m" und "w" gleichverteilt sind (zu "d" wird ohnehin nichts gesagt). Mit frommem Augenaufschlag zu sagen "wie soll es denn sonst sein?" ist kein Argument. Und praktische Folgerungen sind die Quotenregelungen bzw. reine Frauenprofessuren.

Schließlich und endlich bewerte ich nicht "Haltungen" schlechthin negativ, sondern die rhetorischen Tricks damit. In einer heterogenen und diversen Migrationsgesellschaft ist es höchst unplausibel, dass ALLE Leute dieselben Werte, Vorstellungen, Haltungen, Visionen usw. haben oder auch nur akzeptieren. Vielmehr werden diese genauso heterogen sein, und genau darin liegt ein Problem  --  gerade in einer Demokratie. Wenn gesagt wird: "Die Inklusion ist eine Frage der Haltung", so heißt das leider im konkreten Fall eher: "Meine Haltung ist die richtige und die einzig demokratische, die anderen sind undemokratisch und menschenfeindlich." Aber Demokratie ist kein Sammelsurium politischer Ziele oder Haltungen, sondern die PROZEDUR, wie trotz Unterschiedlichkeit der Meinungen aus Wahlen letztlich eine Regierung hervorgeht. Undemokratisch sind nicht einzelne Ziele (etwa das Gendersternchen abzulehnen oder Förderschulen beizubehalten) sondern undemokratisch ist die heimliche Absicht, nach Übernahme der Regierung die Macht nicht mehr herzugeben.  GENAU  DAS  müsste man an der AfD kritisieren, nicht deren Ziele in Sachfragen (etwa mehr Disziplin in Schulen einzuführen oder das Thema "queer" weniger in die Schulen zu tragen). In vielen Ländern wurde jemand Präsident nach einer Wahl, und dann gab es jahrzehntelang halt keine Wahlen mehr, und er blieb und entwickelte sich zum Diktator.

 

 

 

 

#5 -

McFischer | Fr., 30.01.2026 - 14:01

... ist jedenfalls einfacher, als selbst nachzudenken.

Es ist wirklich faszinierend, wie die Positionen von Trump in den USA, die Vorstellungen aller möglichen Verschwörungstheorien und die en vogue-Themen der rechtspopulistischen Social-Media-Blase sich weitgehend 1:1 in diesem Programm wiederfinden. 

Offen ist, wie hoch die Resilienz von Schulen und Hochschulen sein dürfte, wenn die AfD die Macht übernimmt. Leider auch hier: Von Trump lernen hieße, einfach machen, einfach draufhauen, einfach unliebsame Personen entfernen etc. und dann kann man später immer noch die Brösel entfernen (Gerichte etc.).

 

#6 -

hahadi | Mo., 02.02.2026 - 13:48

Statt pauschal alles abzukanzeln, was die AfD in Sachsen-Anhalt so vorzuhaben scheint, hätte ich von mir einen differenzierten Blick auf dieses Papier gewünscht. Vieles darin ist ablehnenswert, ja gefährlich, und die dort angeprangerte "Genderforschung" jedenfalls dann, wenn es um medizinische Fragen geht, sogar absolut notwendig. Dass jedoch ein Abitur - je nach Bundesland (!) - längst nicht mehr automatisch für ein Studium qualifiziert, pfeifen die Spatzen seit Jahren von Dächern. Kein Wunder, dass die AfD diesen und andere Missstände aufgreift und zu "eigenen" Themen machen kann, obwohl es längst ein zentrales Aktionsfeld aller Parteien sein müsste. Auch der Bologna-Prozess war keineswegs verpflichtend vorgegeben, sondern wurde wurde von den Hochschulen mehr oder weniger willfährig und völlig anders als positiv gedacht vollzogen. Wohlbegründeter Widerspruch versank rasch und diskussionslos in irgendwelchen Schubladen, von Resilienz gegen diesen aufgedrückten Prozess war damals kaum etwas zu spüren. Wer die Benennung eines Problems schon deshalb ablehnt, weil es einer AfD gelingt, von dessen anhaltender Existenz zu profitieren, agiert doch nicht weniger populistisch als die vielen, idiotisch nationalstolzen Hochkömmler dieser Partei. Wer demgegenüber die Regenbogenflagge demonstrativ vor einem staatlichen Gebäude oder einer staatlichen Schulen aufpflanzt, missachtet das staatlich-demokratische Neutralitätsgebot ebenso wie LBGTQ+ - Menschen wissenschaftsmethodisch errungenes Wissen missachten, wenn sie behaupten, die biologische Evolution habe uns mehr als zwei biologische Geschlechter beschert. Wen wundert's da noch, dass eine AfD, oder jetzt gar ein von ihr bewunderter US-amerikanischer Präsident, jetzt beliebig frech behaupten können, endlich wieder originäre staatlich-demokratische und wissenschaftsmethodische Werte zu verteidigen? 

#6.1 -

Das Geschlecht | Do., 12.02.2026 - 11:58

Antwort auf von hahadi (nicht überprüft)

Biologische Geschlechter: Nur weil Sie niemand kennen, bei dem/der die männliche/weibliche Geschlechtsausprägung nicht eindeutig ist, heißt das nicht, dass es diese nicht gibt. Die Medizin kennt auch Personen mit Hoden und Eierstöcken. Auch gibt es beim Menschen verschiedenste Varianten zum binären XX (weiblich) und XY (männlich) Chromosomensatz, selbst Mischformen, bei denen einzelne Chromosomen vom Typ XX, andere vom Typ XY sind. 
Bologna: Das Hochschulrahmengesetz verpflichtete sehr wohl dazu, auf die Bologna-Vorgaben umzustellen. Mit Blick auf das Ziel, eine EU-weite Hochschullandschaft, bei der die Studenten auch während des Studiums (zeitweise) an andere Hochschulen in der EU wechseln können, war dies zwingend notwendig. (Ob das immer so umgesetzt werden musste, wie erfolgt, ist eine andere Frage. Aber, Antwort auf einen anderen Post, Prüfungen in den Ferien gab es in D auch schon im letzten Jahrhundert – und es gibt Bologna-Studiengänge, die heute noch ohne auskommen.)

#8 -

Bunte Kuh | Di., 03.02.2026 - 08:00

Und schon ist sie da: Die Überlegung, dass die AFD doch in einigen Punkten Recht habe. Dass nicht alles falsch sei, was da im Programm steht. An einigen Stellen - naja. aber man muss doch auch mal sagen können...! So bekommt die Partei den Fuß in die Tür. Aufgepasst.

#8.1 -

hahadi | Mi., 04.02.2026 - 17:51

Antwort auf von Bunte Kuh (nicht überprüft)

...aufpassen ja, aber nicht ignorieren. Wer die AfD ignoriert, kann unmöglich auf sie aufpassen

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