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Deutschlands Hochschulen im Stresstest: Wenn Populismus auf Wissenschaftsfinanzierung trifft

Das deutsche Wissenschaftssystem ist weit weniger geschützt, als viele glauben. Entscheidende Programme könnten binnen Monaten durch einfache Haushaltsbeschlüsse gestrichen werden. Ein Gastbeitrag von Justus Henke.
Portraitfoto Justus Henke.

Justus Henke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Hochschulforschung der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. Foto: HoF / MLU.

DIE JÜNGSTEN Umfragen zur Bundestagswahl zeichnen ein beunruhigendes Bild: Die AfD steht bei über 20 Prozent bundesweit , in einigen ostdeutschen Ländern bei über 30 Prozent . Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik könnte eine explizit wissenschaftsfeindliche Partei maßgeblichen Einfluss auf die Hochschulpolitik gewinnen. Während sich die öffentliche Debatte meist auf die rechtlich-institutionelle Absicherung der Wissenschaftsfreiheit konzentriert, zeigt eine Analyse der Finanzierungsströme: Das deutsche Hochschulsystem ist verwundbarer, als viele annehmen.

Deutschlands Hochschulen erhalten, die Hochschulmedizin nicht eingerechnet, jährlich rund 38 Milliarden Euro für ihre laufenden Ausgaben – finanziert über ein komplexes Geflecht aus Länder-Grundmitteln (28 Milliarden Euro) und Drittmitteln (10 Milliarden Euro). Darin enthalten sind auch Bund-Länder-Programme nach Grundgesetz-Artikel 91b, etwa der " Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken ",die " Innovative Hochschule " oder das " Professorinnenprogramm ". Diese Architektur ist über Jahrzehnte gewachsen – doch sie enthält Sollbruchstellen, die bei wohlwollenden Regierungen stabil bleiben, bei wissenschaftsfeindlichen jedoch ...

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Kommentare

#1 -

Tobias Denskus | Di., 18.11.2025 - 09:36

Ein sehr wichtige Beitrag der stark mit der Naivität räsoniert die ich z.zt. hier in Schweden erlebe. Wenn "der Staat" etwas nicht finanzieren will findet er Mittel und Wege und wer glaubt das "die Universitäten" kämpfen werden, wird wahrscheinlich enttäuscht werden (im öffentlichen Dienst wird fast nie gekämpft-siehe die aktuelle Zerlegung des UN-Systems und ihrer Organisationen)-im Zweifelsfall wird dann auf die "nächste Wahl" verwiesen. 

Was man ggf. auch noch in Betracht ziehen muss sind Aktionen, die vielleicht am Ende durch Gerichte gestoppt werden, aber im Verlauf bereits viel Schaden anrichten. Ein Programm wird gestoppt, "überprüft" etc. und während sich Juristeninnen ...

#2 -

Corinna M. Dartenne | Di., 18.11.2025 - 14:46

Der Tanz um das goldene Drittmittelkalb, der begann, nachdem die vermeintliche Reduzierung des staatlichen Eingriffs - die mit dem Schlagwort ›Autonomie der Hochschulen‹ verkündet wurde - in eine ökonomisch orientierte, kennzifferngeleitete Steuerung von Hochschulen mündete (bei der Hochschulräte, Wissenschaftsmanager*innen und private Akkreditierungsagenturen das Zepter übernommen und wissenschaftsfremde Bedingungen für Forschung und Lehre etabliert haben), rächt sich einmal mehr. Wissenschaft sollte quadratisch, praktisch, gut werden, und die Drittmittelvolumina dienen der Politik nun als rein quantitative Steuerungsgröße für die Exzellenz einer Hochschule.

Dieser Gastbeitrag zeigt, welche weitere Gefahr - jenseits von Brain Drain und Innovationsfeindlichkeit - damit verbunden ist: Es führt zu ...

#3 -

Wolfgang Kühnel | Di., 18.11.2025 - 21:08

"Eine Regierung muss keine Fächer verbieten; sie kann sie schlicht unterfinanzieren."

Schon richtig, aber eine Regierung kann auch aus politischen Gründen Fächer privilegieren oder erst überhaupt etablieren."

Der Artikel argumentiert aus einer merkwürdigen Perspektive: Dieselben Kräfte, die erst die Universitäten weitgehend unter die Aufsicht der Politik bringen wollten (dazu gehören eben solche Sonderprogramme mit politischen statt wissenschaftlichen Zielen, auch das Professorinnenprogramm, die Genderforschung etc.) beklagen jetzt, dass der Staat auch in der umgekehrten Richtung eingreifen könnte und von den Geistern, die man gerufen hat, einige wieder in die Flasche zurückbringen könnte. Der Autor tut fast so, als seien Gender Studies, ...

#4 -

Tassja Schlehn… | Mi., 19.11.2025 - 09:57

Der Autor hat sicher recht bei der Notwendigkeit, möglichst völlig staatsunabhängige Finanzierung der Wissenschaft zu erreichen und Dauerstellen zu schaffen.

Das Professorinnenprogramm und die gesamte Gleichstellungspolitik sollten selbstverständlich von politischer Seite abgeschafft werden, weil sie paternalistisch voraussetzen, Frauen seien ohne staatliche Eingriffe nicht in der Lage im offenen Wettbewerb zu bestehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall und diese Programme sind ein Schlag ins Gesicht der Gleichberechtigungsbewegung.

#5 -

Johannes Freud… | Mi., 19.11.2025 - 10:00

Danke für den wertvollen Beitrag! Ich glaube, man wird sich den politischen Mehrheiten nicht ganz entziehen können. Wenn der Bundestag beschließt, bestimmte Programme nicht mehr zu finanzieren, hilft auch keine gesetzliche Verankerung. Auch die anderen vorgeschlagenen Maßnahmen schaffen höchstens eine Abmilderung. Forschung bleibt in Deutschland mittelfristig weitgehend durch Steuern finanziert. Am wichtigsten ist es, dass wir um wissenschaftsfreundliche Mehrheiten in der Gesellschaft kämpfen, dass wir erklären, warum bestimmte Forschung notwendig ist, und dass wir uns dagegenstellen, wenn sie politisch pauschal diffamiert wird – auch wenn wir selbst nicht diese Forschung betreiben. Darauf kommt es jetzt an!

#6 -

Lothar Zechlin | Do., 20.11.2025 - 23:16

Der Beitrag ist meines Erachtens auch deshalb äußerst wichtig, weil er einen neuen Akzent in der Hochschulforschung setzt. Diese hat sich in den letzten Jahren überwiegend mit empirischen Untersuchungen zu  dem hochschulinternen Management von Forschung und Lehre  befasst. Die Außenbeziehungen der Hochschulen zu ihrer Umwelt wurden primär unter dem Gesichtspunkt erörter , wie der Transfer in die Gesellschaft hinein verbessert werden kann. Die umgekehrte Frage, was die zunehmende Krisenhaftigkeit der Gesellschaft für die Widerstandsfähigkeit der Hochschulen bedeutet, blieb aber in der unterbelichtet. Sie wird derzeit vor allem in Netzwerken und Projekten außerhalb der Hochschulforschung behandelt. Es wäre soooo wünschenswert, wenn ...

#7 -

Justus Henke | Mo., 24.11.2025 - 15:38

Danke lieber Lothar Zechlin,

ich würde mir auch sehr wünschen, ich denke aber, dass gerade sehr viel Bewegung in das Thema kommt auch aus den Blickwinkeln Wissenschaftsfreiheit und Neutralitätsgebot. Und es passiert schon was: Bei uns am HoF z.B. wurde gerade ein Projekt zu "Gesellschaftlich-demokratische Teilhabe als Dimension des Studienerfolgs" abgeschlossen und eines zu "Resiliente Hochschulgovernance" ist gerade laufend. Jedenfalls kommt eine offene Hochschule mit starker gesellschaftlicher Kopplung, die sich nicht im Elfenbein abkapselt auch mit Nebenwirkungen daher, die wissenschaftlich zu untersuchen sind. 

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