Vertrauen verteidigen, Wissen vermitteln
Warum Wissenschaftskommunikation zur Schlüsselfrage für Demokratie und Fortschritt wird – und was passieren muss, damit sie noch stärker wirken kann. Ein Gastbeitrag von Sebastian Grote und Monika Landgraf.

Monika Landgraf leitet als Direktorin die Unternehmenskommunikation der Fraunhofer-Gesellschaft und ist Sprecherin des Fraunhofer-Präsidenten. Sebastian Grote leitet als Head of Communications die Kommunikation der Helmholtz-Gemeinschaft und ist Sprecher des Helmholtz-Präsidenten.
Fotos: Markus Breig/Phil Dera-Helmholtz.
WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION ist heute weit mehr als eine Brücke zwischen Forschung und Öffentlichkeit. Sie hat sich zu einer unverzichtbaren Schlüsselkompetenz für zukunftsorientierte Gesellschaften entwickelt. Themen wie die Corona-Pandemie, Energiewende oder die Debatte zur Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen zeigen, wie wichtig ein wissensbasierter Dialog ist. Ziel guter Wissenschaftskommunikation ist es dabei vor allem, Wege und Lösungen aufzuzeigen, wie Forschung und Innovation unser Leben nachhaltig verbessern. Zudem hilft sie dabei, dass neueste Erkenntnisse rasch ihren Weg in die Anwendung finden. Wissenschaftskommunikation muss sich deshalb immer an gesellschaftlichen Fragen und Bedarfen ausrichten. Etwa: Wie setzen wir die Möglichkeiten generativer künstlicher Intelligenz zum Wohle der Menschheit ein? Oder wie müssen wir unsere Ressourcen bei der Entwicklung eines nachhaltigen Energiesystems verteilen, um die Klimaziele zu erreichen?
Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse hilft dabei, auf politischer, gesellschaftlicher aber auch auf individueller ...
Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels
Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.
Kommentare
#1 - must try harder
Die Autoren scheinen Wissenschaftskommunikation mit Wissenschaftslobbyismus zu verwechseln. Es gibt gewaltige Fehlentwicklungen, die ganze Fächergruppen betreffen und journalistisch begleitet gehören: Die Sozialwissenschaften haben einen manifesten Replikationsskandal, machen aber weiter wie bisher. Die Geisteswissenschaften, die einst Bildungswissenschaften waren, haben sich dermaßen dekonstruiert, daß heute kaum noch jemand den über Jahrtausende bewährten humanistischen Ansatz pflegt. Die naturwissenschaftliche Forschung ist überbürokratisiert, zu risikoscheu und hat --speziell in der Biomedizin-- ebenfalls Qualitätssicherungsprobleme. Und überall gibt es zu viele Karrieristen und zu wenige Wahrheitssucher.
#1.1 - diverse Kommunikation
Laut offiziellen Angaben leitet Frau Landgraf bei der Fraunhofer-Gesellschaft einerseits das Arbeitsgebiet "Wissenschaftskommunikation" und andererseits das Arbeitsgebiet "Unternehmenskommunikation", alles auf einer Web-Seite:
https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2024/maerz-2024/monika-landgraf-wechselt-zu-fraunhofer.html
Offenbar gilt in solchen Kreisen beides ja als quasi dasselbe. Vielleicht ist dabei die Vorstellung, Wissenschaft sollte so ähnlich organisiert werden wie Unternehmen. Das könnte doch sogar Präsident Trump gefallen, oder nicht? Am Schluss des o.a. Links ist sogar von dem "Bundesverband Hochschulkommunikation" die Rede. Das magische Dreieck Wissenschaft -- Hochschulen -- Unternehmen.
#1.1.1 - No conflict, no interest?
@Kühnel Das ist noch nicht mal alles: Die Autorin ist ausweislich der von Ihnen zitierten Presseerklärung bei Fraunhofers außerdem "Pressesprecherin des Präsidenten". Als hätte es den Neugebauer-Skandal mit seinen diversen Interessenskonflikten nie gegeben.
Mir ist auch keine US oder UK Spitzenuni bekannt, die sich eine "Pressesprecherin des Präsidenten" leistet, ob in Personalunion oder nicht. Hat halt ein Geschmäckle, wenn institutionelle und persönliche Interessen verquickt werden.
#1.1.1.1 - Warum nicht beides?
In eigener Sache als Pressesprecher des Wissenschaftsverlags Springer Nature möchte ich dagegenhalten, dass ich die Förderung guter Wissenschaftskommunikation durchaus als Teil meines Jobs sehe. Das bedeutet aus meiner Sicht nicht automatisch einen Interessenskonflikt, oder dass man Wissenschaft wie ein Unternehmen organisieren möchte.
Was Kommunikationsprofis auszeichnet, ist, dass sie wichtige Inhalte passend für das jeweilige Publikum aufbereiten. Das ist eine Ressource, die ich gerne im Sinne des Allgemeinwohls einsetzen möchte, und wenn Kolleginnen und Kollegen wie Frau Landgraf das auch tun, dann finde ich das grundsätzlich prima, zumal ja offensichtlich Bedarf besteht.
#2 - zielgerichtetere Wissenschaftskommunikation
Ich kann Ihnen nur emphatisch zustimmen! Die Frage ist nur, wie wir zielgerichtetere Wissenschaftskommunikation und besseren Dialog praktisch hinbekommen. Hier zeichnet sich schon ab, dass es dafür Koordination und Organisation bedarf und das nicht allein die kommunizierenden Forschenden bewältigen können. Ich würde dafür plädieren, die Stärken der wissenschaftlichen Einrichtungen dafür gezielt zu nutzen. Hochschulen können sehr viele Funktionen hier erfüllen, Museen sind besonders stark im direkten Kontakt mit Bürger:innen, Intermediäre Einrichtungen bereiten Wissen für Politik und Journalismus auf, Forschungsverbünde können spezifische Facherkenntnisse zu Lösungswissen übersetzen ... Durch diese Differenzierung wird die große Aufgabe besser handhabbar und nutzt jeweilige Stärken. Wünschenswert ...
#3 - Dienstleister Wissenschaft?
Sowohl in der Kommunikation als auch in der Förderung nehme ich zunehmend wahr, dass Wissenschaft als Serviceleistung einer Gesellschaft wahrgenommen/gedeutet wird. Wir haben Probleme, diese sollen durch Forschung nach innovativen Lösungen gelöst werden. Dazu beauftragen wir die Wissenschaft, die soll das mal machen.
Dieses Bild von Wissenschaft ist natürlich falsch und gefährlich und das wissen doch eigentlich auch alle. Wissenschaft braucht Freiraum, auch um Fragen zu adressieren, die wir als Gesellschaft noch gar nicht als Problem erkannt haben oder Lösungen zu (er)finden, nach denen wir gar nicht gefragt oder gesucht haben. Nur so gelingt Fortschritt.
Dennoch tun Politik, Wirtschaft und ...
#3.1 - Pull-Prinzip
Ich verstehe #1 so, dass die WissenschaftsKOMMUNIKATION sich mehr an Bedarfen in Politik und Gesellschaft orientiert und dazugehörige, passende Erkenntnisse aus der Wissenschaft sucht und vermittelt, um zielgerichteter und wirkungsvoller zu werden - vielleicht auch im Sinne wissenschaftsbasierter Politikberatung. Wissenschaftliche Forschung bleibt frei und soll nicht Auftragsforschung werden.
#3.1.1 - Blinder Flecken als Folge
So habe ich das auch im Grunde verstanden, aber dann meinen Gedanken vielleicht nicht zu Ende formuliert: Wenn wir in der Kommunikation nicht das abbilden, was in der Wissenschaft wie passiert, sondern vor allem die Ausschnitte, die gerade zur akuten Problemlösung gebraucht bzw. angefragt werden, sehe ich die Gefahr, dass sich der Eindruck von Wissenschaft als "Auftragsforschung" in Politik und Gesellschaft verstärkt und der Nutzen der Freiheit der Forschung zunehmend in Frage gestellt wird.
#3.3 - "Meine Forderung #1 an die…
"Meine Forderung #1 an die Wisskomm wäre, nicht nur über Ergebnisse, sondern über Prozesse zu kommunizieren bzw. diesen Aspekt zu priorisieren: Wie funktioniert Wissenschaft? Wie arbeitet sie, was unterscheidet sie von anderen gesellschaftlichen Prozessen und Aktivitäten, was befähigt sie zu Innovationen? Wie gelingt der Transfer in die Praxis?"
Bravo, ja. Vertrauen entsteht über Vertrautheit, über Transparenz; gute WissKomm kann Wissenschaft und ihre Institutionen als Teil der Gesellschaft vermitteln - gerne als wichtigen, gar essentiellen.
#4 - Gemischte Gefühle
Das sind im Prinzip erst einmal alles gute Vorschläge. Denn wer wollte es nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zielgerichtet, professionalisiert und quasi mit "wissenschaftlichem Gütesiegel" in die öffentliche Debatte eingebracht werden? Aber ich habe deswegen etwas gemischte Gefühle, weil die Kommunikation über wissenschaftliche Erkenntnisse so oft ins Normative wechselt. Ich denke manchmal, dass es im heutigen Wissenschaftsbetrieb fast schon wichtiger ist, dass jemand ein gesellschaftliches oder politisches Argument repräsentiert (und die normative Empfehlung gleich mitliefert), als dass man tatsächlich nur über die Erkenntnisse und daraus erwachsenden Handlungsoptionen informiert. Möglicherweise werden allein dann schon Studien und Projekte unternommen (oder finanziert), von denen ...
#5 - "In Zeiten von Zivilklauseln"?
Das Heraufbeschwören "neuer geopolitischer Realitäten" und damit die Freigabe zum Abschuss der guten alten Zivilklausel ist eine wohlfeile Preisgabe von Werten und Prinzipien im Dienste von Interessen; das hat natürlich mit "Realitäten" und Wissenschaftlichkeit wenig zu tun, sondern ist selber ein strategisches Framing, bzw. ein Echo von Geschrei, das man eigentlich am Boulevard erwartet.
Daher ist es schon fast humorig, wenn am Ende das Gleichsetzen von "wissenschaftlichen Erkenntnissen" mit "Meinungen" beklagt wird, genau also, was oben betrieben wird.
Neuen Kommentar hinzufügen