Wo die Kitas am meisten kämpfen
Neue Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung machen den Personalmangel in den Kitas greifbar. Einrichtungen mit vielen benachteiligten Kindern stehen teilweise noch schlechter da. Bund und Länder wollen mit einem Kita-Startchancenprogramm gegensteuern. Doch wie ist da der Stand?
Bild: freepik.
DIE GEBURTENZAHLEN gehen bundesweit zurück, und erste Städte und Gemeinden reagieren mit der Schließung von Kitas, wie vergangenen August eine dpa-Umfrage in Sachsen-Anhalt zeigte. Doch während Haushaltspolitiker mancherorts auf mögliche Einsparpotenziale schielen, mahnt Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die demografische Entwicklung als Chance für Verbesserungen zu nutzen.
Neue Analysen scheinen ihr Recht zu geben. Nur jede siebte Kita (13,7 Prozent) in Deutschland komme auf eine Personalausstattung, die eine gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung für alle Kinder ermöglicht, berichtet die Bertelsmann-Stiftung und beruft sich dabei auf eine von ihr entwickelte Kenngröße: die Personalausstattungsquote. Sie setzt die tatsächlichen Personalschlüssel in den Einrichtungen ins Verhältnis zum fachlich empfohlenen Umfang, der von den pädagogischen Herausforderungen in den einzelnen Kitas abhängt (weitere Details siehe Kasten unten).
Je nach Bundesland ergeben sich dabei Median-Ausstattungsquoten von maximal 0,91 (Baden-Württemberg) bis runter zu 0,50 (Mecklenburg-Vorpommern), wobei 1,0 zu 100 Prozent der fachlichen Empfehlung entspräche. Sachsen-Anhalt liegt bei 0,52.
Tatsächlich ist die Lage im Osten im Schnitt deutlich schlechter: Dort schaffen lediglich 2,0 Prozent der Kitas die 100 Prozent, im Westen immerhin 16,3 Prozent. Und während im Westen nur 11,1 Prozent der Kitas bei unter 60 Prozent liegen, sind es im Osten fast zwei Drittel (65,3 Prozent).
Startchancen rücken Kitas in den Fokus
Die neuen Berechnungen kommen mitten in die Debatte um eine Ausweitung des Startchancen-Programms auf die frühkindliche Bildung. Bis 2035 investieren Bund und Länder zusammen 20 Milliarden Euro in Schulen, die von besonders vielen benachteiligten Kindern und Jugendlichen besucht werden. Um vergleichbare Bildungschancen für alle zu erreichen, müsse die besondere Förderung jedoch früher beginnen, mahnen Experten: in den Kitas. Und tatsächlich hat der schwarz-rote Koalitionsvertrag ein Kita-Startchancenprogramm in Aussicht gestellt.
Hier will die Bertelsmann-Stiftung ansetzen: Die Personalausstattungsquote könne "wichtige Anhaltspunkte" für die Steuerung der Kita-Startchancen liefern. "Das betrifft etwa auch die Zuteilung von Mitteln an Kitas, die aufgrund der Förderbedarfe ihrer Kinder zusätzliches Personal benötigen."
Zusammen mit Forschenden vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien hat sich die Stiftung auch genauer angeschaut, wie sich die Personalausstattungsquote abhängig vom Anteil der Kinder mit Eingliederungshilfe oder nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH) entwickelt. Die Analysen zeigen, dass Kitas, in denen viele Kinder zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen, häufig einen noch schlechtere Ausstattungsquote erreichen, also nicht so viel Personal (zusätzlich) erhalten, wie Experten empfehlen. In zwei Bundesländern, dem Saarland und Hessen, geht die Quote mit steigendem ndH-Anteil sogar durchgängig zurück. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: In Berliner Kitas steigt die Quote im Schnitt an, wenn dort mehr Kinder mit Deutsch als Zweitsprache sind.
Je mehr Belastung, desto knapper das Personal
Deutlich günstiger ist bundesweit die Lage bei der Eingliederungshilfe. Je mehr Kinder mit einer Behinderung eine Kita besuchen, desto besser entwickelt sich deren Personalausstattungsquote, die zusätzlichen Personalbedarfe werden also abgefedert. Natürlich nicht durchgängig in allen Kitas und Bundesländern, aber der Trend ist eindeutig. In Bremen und Niedersachsen springt die Median-Ausstattungsquote je nach Anteil sogar über 100 Prozent. Doch das bleiben seltene Ausnahmen.
Ansonsten gilt: Die empfohlene Personalausstattung wird in deutschen Kitas, vor allem im Osten, äußerst selten erreicht, und dort, wo viele Kinder aus Einwandererfamilien kommen, noch seltener.
Bedrückend ist ein weiterer Zusammenhang, den die Bertelsmann-Analyse aufzeigt: In drei großen Bundesländern – Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – wird die Kita-Personalausstattungsquote signifikant schlechter, je mehr Bürgergeld-Empfänger in einem Landkreis leben. In weiteren Bundesländern zeigen sich vergleichbare Trends, allein in Schleswig-Holstein ist das Gegenteil der Fall.
Wenn aber viele Kitas, wie Kathrin Bock-Famulla sagt, "noch nicht einmal die fachlich notwendige personelle Grundausstattung für eine gute frühe Bildung aufweisen", droht dann nicht die Gefahr, dass die Mittel eines bundesfinanzierten Kita-Startchancenprogramms zum allgemeinen Lückenstopfen verwendet würden – anstatt sie vor allem dorthin fließen zu lassen, wo sie am dringendsten gebraucht werden? Das sei möglich, sagt Bock-Famulla und mahnt zugleich: "Das Programm würde jedoch vor allem dann Wirkung entfalten, wenn die daraus finanzierten zusätzlichen Personalstunden tatsächlich für die Arbeit mit den Kindern mit besonderen Förderbedarfen zur Verfügung stehen."
Politische Versprechen, offene Umsetzung
Bundesbildungsministerin Prien hatte wiederholt betont, dass sie mit den Ländern verbindliche Ziele für die frühkindliche Bildung vereinbaren werde. Im Rahmen des sogenannten Kita-Qualitätsgesetzes wolle sie Bundesmittel künftig nur noch unter der Bedingung freigeben, dass konkrete Vorgaben erfüllt und Qualitätsstandards eingehalten würden, sagte sie kurz vor Weihnachten der FAZ.
Aber was bedeutet das konkret? Im Koalitionsvertrag wird die Einführung eines Qualitätsentwicklungsgesetzes (QEG) angekündigt, welches das Kita-Qualitätsgesetz ablösen soll. Und weiter: "Im Rahmen des QEG wollen wir eine zusätzliche Förderung für Sprach-Kitas und Startchancen-Kitas integrieren." Das Konzept der Sprach-Kitas, die bereits bis 2023 durch ein Bundesprogramm gefördert wurden, solle weiterentwickelt werden. "Die Startchancen-Kitas wollen wir nach den bereits in den Ländern entwickelten Sozialindizes bürokratiearm fördern, insbesondere mit einem Chancenbudget."
Im Interview hier im Blog hatte Prien kurz nach ihrem Amtsantritt erklärt, was sie sich vorstellt: "Wir wollen die um die bestehenden Startchancen-Schulen liegenden Kitas gezielt stärken – mit Blick auf Sprachförderung, sozial-emotionale Kompetenzen, mathematische Vorläuferfähigkeiten und motorische Entwicklung. Wenn wir es schaffen, Kinder bereits in der Kita gezielt zu fördern, dann können wir die teils gravierenden Unterschiede in den Lernausgangslagen beim Schuleintritt deutlich verringern."
Doch wie weit sind die konkreten Planungen in Sachen Sprach-Kitas und Kita-Startchancen bereits fortgeschritten? Soll es eine Neuauflage des Sprach-Kita-Programms geben, welche Fördermechanismen sind für die Startchancen vorgesehen, und stimmt sich die Bundesregierung hierzu bereits mit den Ländern ab?
Was das Bundesbildungsministerium verrät
Genau das wollte auch die linke Bundestagsfraktion kürzlich in einer parlamentarischen Anfrage von der Bundesregierung wissen. Deren Antwort, unterzeichnet von Priens parlamentarischer Staatssekretärin Mareike Lotte Wulf, liegt jetzt vor – und fällt recht knapp aus.
Nach dem Verweis auf die entsprechenden Passagen im Koalitionsvertrag heißt es, Vertreter von Bundesbildungsministerium und der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden hätten eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des QEG gebildet und befänden sich seit Juli 2025 in Beratungen, "wie dieser Auftrag aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt werden kann. Dabei wird auch über die vorgesehene Integration der Förderung von Sprach-Kitas und Startchancen-Kitas beraten." Und weiter: "Dem Ergebnis dieses Prozesses soll nicht vorgegriffen werden."
Immerhin wird ein konkreter Zeitpunkt genannt, wann erste Pläne auf dem Tisch liegen sollen: "Das BMBFSFJ beabsichtigt, im zweiten Quartal 2026 einen Referentenentwurf für das QEG vorzulegen." Was aber in mehrfacher Hinsicht erst der Anfang des Prozesses wäre, denn der Referentenentwurf müsste durch die Ressortabstimmung und dann nach Kabinettsbeschluss in die parlamentarischen Beratungen. Und so, wie für das Qualitätsgesetz Verträge zwischen Bund und jedem einzelnen Bundesland geschlossen wurden, müsste es wohl auch für das Paket aus QEG, Sprach-Kitas und Startchancen passieren.
Interessant ist die Auskunft des Bundesbildungsministeriums, man habe beim Beratungsunternehmen Prognos Empfehlungen in Auftrag gegeben, wie Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen bei vierjährigen Kindern in der Kindertagesbetreuung umgesetzt werden können. Der Koalitionsvertrag sieht die "verpflichtende Teilnahme aller Vierjährigen an einer flächendeckenden, mit den Ländern vereinbarten Diagnostik des Sprach- und Entwicklungsstands" vor. Da das Prognos-Projekt im Februar ausläuft, dürften auch die Empfehlungen bald da sein.
Finanzierung? Offen
Schließlich wollten die Fragesteller der linken Bundestagsfraktion noch wissen, welche finanziellen Vorkehrungen für Sprach-Kitas und Startchancen getroffen wurden. Die Antwort der Bundesregierung besteht im Wesentlichen im Verweis auf die Zuständigkeit der Länder "für die Umsetzung und Finanzierung der Kindertagesbetreuung, einschließlich der Gestaltung der sprachlichen Bildung in diesem Kontext". Zur Unterstützung der "Anstrengungen der Länder zur Verbesserung der Qualität in der Kindertagesbetreuung" steuere der Bund im Rahmen des Kita-Qualitätsgesetzes 2025 und 2026 jeweils rund zwei Milliarden Euro über Umsatzsteuerpunkte bei. Ein Hinweis auf die jährliche Größenordnung für das künftige QEG? Wer weiß. Auch hier folgt der Disclaimer: "Die Beratungen zum QEG sind noch nicht abgeschlossen."
Bis dahin liegen die Analysen der Bertelsmann-Stiftung wie ein Kompass auf dem Tisch. Die Richtung ist klar: Es braucht mehr gezielte Förderung an den Kitas. JMW
Infografik: Baierl, Andreas/Kapella, Olaf/Hornung, Helena (2026): Die Personalausstattungsquote in KiTas. Ein Indikator zur Messung der Personalausstattung auf Einrichtungsebene. Herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. Grafikdesign: LOK. Design Division, Bielefeld.
So funktioniert die Personalausstattungsquote
Die von der Bertelsmann-Stiftung und dem ÖIF entwickelte Personalausstattungsquote zeigt, ob eine Kita genug Personal hat, um Kinder gut zu betreuen und zu fördern. Dafür wird verglichen, wie viel Personal tatsächlich vorhanden ist und wie viel Personal fachlich empfohlen wird, abhängig von den sozialen Gegebenheiten einer Kita. Erreicht eine Kita den Wert 1,0 (100 Prozent), erfüllt sie die Empfehlungen vollständig. Liegt der Wert zum Beispiel bei 0,6, stehen nur 60 Prozent des nötigen Personals zur Verfügung.
In die Berechnung fließen mehrere Punkte ein: das Alter der Kinder und die von der "Arbeitsgruppe Frühe Bildung" empfohlenen Personalschlüssel (jüngere Kinder brauchen mehr Betreuung); zusätzliche Personalbedarfe für Kinder mit Eingliederungshilfe und für Kinder mit nichtdeutscher Familiensprache, mangels fachlicher Empfehlungen orientiert an "Good Practice"-Beispielen von Landesgesetzen (Niedersachsen bzw. Bayern). Hinzu kommt die Annahme, dass Erzieherinnen und Erzieher nur etwa zwei Drittel ihrer Arbeitszeit direkt mit Kindern arbeiten, weil der Rest für Vorbereitung, Elterngespräche, Krankheit oder Fortbildungen abgehe.
Laut Statistischem Bundesamt gingen 2024 bundesweit 3,55 Millionen Kinder in die Kita (ohne Horte), davon wuchsen 23,9 Prozent (820.600) in Familien mit nichtdeutscher Familiensprache auf. 2,7 Prozent der Kitakinder (96.400) erhielten Eingliederungshilfe.
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