Die Essenz der 95 Thesen
Sackgasse Wissenschaft: Deutschland setzt hochqualifizierte Wissenschaftler*innen auf die Straße und verschleudert Ressourcen. Doch unsere Twitteraktion "#95vsWissZeitVG" zeigt: Die Betroffenen sind immer weniger bereit, ein solches System hinzunehmen. Ein Gastbeitrag von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon.

Plakat mit den 95 Twitter-Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz – erstellt von David Adler und abrufbar auf seiner Website .
DAS WISSENSCHAFTSZEITVERTRAGSGESETZ ( WissZeitVG ) ist ein rotes Tuch für Wissenschaftler*innen in Deutschland: Es zerstört ebenso grundlos wie nachhaltig einen erheblichen Anteil wissenschaftlicher Karrieren. Selbst die klügsten Köpfe können das Ende ihrer Karriere aus eigener Kraft nicht verhindern. Denn die im WissZeitVG festgeschriebene Höchstbefristungsdauer ist blind gegenüber den Verdiensten derer, die sie trifft: Wer nach 12 Jahren keine der raren Professuren oder der noch rareren Dauerstellen im Mittelbau ergattert, muss auch dann aus dem Wissenschaftssystem ausscheiden, wenn sie*er wissenschaftlich herausragend ist, exzellente Lehre anbietet und sich noch dazu in der akademischen Selbstverwaltung und der Wissenschaftskommunikation engagiert.
Die Bereitschaft, diese Situation hinzunehmen, schwindet zunehmend. Immer häufiger ergreifen Wissenschaftler*innen das Wort gegen die Missstände, die für Arbeitnehmer*innen in Deutschland beispiellos und in anderen Branchen unvorstellbar sind. Jüngst haben sie das in großer Zahl auf Twitter unter dem Hashtag "#95vsWissZeitVG" getan:
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Kommentare
#1 - "Es gibt viele gute Gründe, warum in der freien Wirtschaft…
Statistiken zu den Befristungen finde ich grundsätzlich problematisch, da sie so tun, als ob alle in einem großen Konzern arbeiten würden, und ...
#2 - Ich kann Th. Klein hier nur zustimmen. Die Statistiken zu…
#3 - Den beiden ersten Kommentaren stimme ich dahingehend zu,…
- zur Gesamtzahl des wissenschaftlichen Personals?
Dort, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hervorragende Arbeit leisten, Daueraufgaben übernehmen (vor allem, aber nicht nur in der Lehre) und Vorgesetzte eine Daueranstellung wünschen, kann das Gesetz doch nicht die Barriere sein, zumal es ein faktisches Berufsverbot bedeutet.
(Ich bin nicht mehr selbst betroffen und froh, heute - im Ausland - als Vorgesetzter meinem wissenschaftlichen Personal eine langfristige Perspektive eröffnen zu dürfen.)
#4 - @Th Klein und Edith Riedel:Mit Verlaub, aber Sie bringen…
Mit Verlaub, aber Sie bringen hier völlig unterschiedliche gesetzliche Sachlagen durcheinander. Das WissZeitVG ist kein Gesetz zur Regelung von Eltern- oder Krankheitszeitvertretungen; diese werden nach eigenen entsprechenden Gesetzen geregelt.
#5 - "Dort, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler…
Für eine Daueranstellung ist das WissZeitVG ja nie die Barriere. Dies liegt doch nur am Stellenplan u.ä. Das WissZeitVG regelt ja nur die Befristung.
Vieles wird hier vor dem Hintergrund allgemeiner Unzufriedenheit, insbes. hinsichtlich Befristungen, durcheinandergebracht und dem WissZeitVG angelastet. Ich nehme mal Beispiele aus den 95 Thesen:
_ "da während der Projektarbeit schon das nächste Projekt entstehen und beantragt werden muss." (Nr. ...
#6 - Wenn schon differenzieren, dann bitte richtig: Verträge,…
Und das WissZeitVG verbietet keinerlei Daueranstellung, es begrenzt lediglich die zulässige Befristung (gerade das war ja das ursprüngliche Ziel: Ketten-Befristungen eine Grenze zu setzen). Meines Erachtens ist daher nicht das WissZeitVG an sich das Problem, sondern der Umfang, in dem es quasi zur Standard-Rechtgrundlage für wissenschaftliche Beschäftigung geworden ist. Oder anders gesagt: Das exzessive Verständnis von (tatsächlicher oder vorgeblicher) "Qualifikation" ist das Problem. Wenn sich wirklich dauerhaft ...
#7 - In der Tat, angesichts der Dimensionen des Problems, das…
#8 - Das Problem ist, dass das WissZeit die durchaus…
#9 - Die Thesen sind gut, weil sie eine Debatte anfeuern, wie…
Das Grundproblem bleibt doch: Der Herr Professor hat zehn oder 15 Leute promoviert und macht am Ende das Büro für genau eine Nachfolgerin frei. Es werden immer Leute aus dem System ausscheiden.
Auch das Diskussionspapier des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft stellt doch heraus: "Lösungen" könnten etwa so aussehen, viel weniger Leute überhaupt zur Promotion zuzulassen und dann trotzdem nur ca. 30 % der Promovierten in der Uni weiterzubeschäftigen. Besser scheint es ...
#10 - #9: das ist ein exzellenter Kommentar. Vielen Dank. Kommt…
#11 - @Michael Liebendörfer: Ihre Überlegungen sind natürlich…
#12 - Aber man darf schon einmal anmerken, dass die "unzähligen…
#13 - @Literaturwissenschaftlerin: Die Frage, wann die Uni…
Was die Qualifikationsstellen betrifft, darunter zähle ich auch Juniorprofessuren, könnte man die Auffassung vertreten, dass die Leute spätestens nach der Promotion wissen müssten, was auf sie zukommt. Und mal ...
#14 - Mir scheint es weder ethisch noch logisch plausibel, das…
#15 - @Literaturwissenschaftlerin: Mal gesetzt, dass sich Geld…
#16 - @Frau Vogel: Wie gesagt, gute Möglichkeiten, es anders zu…
#17 - Entgegen der Behauptungen einiger der vorangehenden…
§ 2 Abs. 5 WissZeitVG lautet nämlich
Die jeweilige Dauer eines befristeten Arbeitsvertrages nach Absatz 1 verlängert sich im Einverständnis mit der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter um
1.
Zeiten einer Beurlaubung oder einer Ermäßigung der Arbeitszeit um mindestens ein Fünftel der regelmäßigen Arbeitszeit, die für die Betreuung oder Pflege eines oder mehrerer Kinder unter 18 Jahren, auch wenn hinsichtlich des Kindes die Voraussetzungen des § 15 Absatz 1 Satz 1 des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes vorliegen, oder pflegebedürftiger ...
#18 - Diese Debatte ist eine, die den berühmt- berüchtigten…
Wie ein Spiegel-Online-Artikel wird hier versucht mit sehr drastischen Formulierungen die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Problem zu lenken und zur Debatte einzuladen. Und wenn man sich dann näher mit der Sache beschäftigt, stellt man fest, dass die Problematik sehr viel weniger drastisch ist als es zunächst nach der Überschrift ...
#19 - Wie viele meiner Vorredner will ich gerne mal das Thema…
Die Missstände, die angeblich keiner ...
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