Das ist nicht exzellent, das ist ignorant
Bayerns Staatsregierung will an der neuen TU Nürnberg Englisch als Hauptsprache etablieren. Eine weniger wohlfeile Vorstellung von "Internationalität" würde zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen. Ein Gastbeitrag von Herrmann H. Dieter.
DIE KOMMENDE TU NÜRNBERG soll anscheinend Prototyp einer "internationalen Universität" im deutschen Sprachraum werden – und zugleich Inbegriff einer unternehmerischen, von allem verwaltungs- und wissenschaftshistorischen Ballast befreiten Hochschule. Die Staatsregierung setzt deshalb im Gesetz zur Errichtung der TUN (TU Nürnberg-Gesetz – TNG), das am 09. Dezember auch im Landtag beschlossen wurde, bedenkenlos auf die lingua franca des internationalen Erkenntnishandels und -verhandelns, nämlich Englisch. Sie tut dies trotz aller damit zusammenhängenden verfassungsrechtlichen, hochschulpolitischen und bildungsdidaktischen Probleme und ignoriert zugleich eine Vielzahl offener Fragen.

Hermann H. Dieter ist Biochemiker und Toxikologe. Er war 2007 Mitgründer und ist seitdem stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache.
Foto: privat.
So heißt es in Artikel 4, Absatz 3 des TNG zur Lehrsprache der TUN lapidar: "An der Universität werden überwiegend englischsprachige Studiengänge angeboten", und zwar ohne jede sprachenpolitische Präzisierung oder Einschränkung.
Das Gesetz steht damit in offenem Widerspruch zu den sprachenpolitischen Empfehlungen etwa von Hochschulrektorenkonferenz sowie Wissenschaftsrat . Diese verlangen beispielsweise ausdrücklich, zwischen Unterrichts-, Prüfungs-, Fach- und Verkehrssprache ...
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Kommentare
#1 - Die "Mehrsprachigkeit" an Hochschulen ist ebenso ein leeres…
#2 - @Edith Riedel: Sie forschen sicher selbst und wissen…
#3 - Liebe*r tmg,hoppla, da habe ich ganz offensichtlich einen…
hoppla, da habe ich ganz offensichtlich einen etwas wunden Punkt getroffen. Geforscht habe ich lange selbst, aber das tut hier ja nichts zur Sache. Nationalsprachen als Medium zur Verbreitung von Forschung halte ich in unserer international vernetzten Wissenschaftswelt in der Tat für obsolet. Was nützt die schönste Forschung, wenn sie nur einem Bruchteil der wissenschaftlichen Community zugänglich ist?
Mit friedlichen Grüßen
Edith Riedel
#4 - Ach, ich dachte wir kämen langsam darüber hinweg.…
#5 - Nett, nett, wie Frau Riedel mit quasi klischeehaften Worten…
Mit originärem Forscher- und Erkenntnisdrang hat das allerdings nichts zu tun, da würden sich solche bornierten Basta-Worte („hat seine Zeit gehabt“) von selbst verbieten. Wie viel anders etwa Wilhelm von Humboldt in einem Brief von 1790:
„Ich lerne jetzt Hebräisch bei Spaldings jüngstem Sohn ... Die Sprache interessiert mich bloß um ihrer selbst willen. Sie weicht so erstaunlich von allen andern ab, und sie trägt noch so viele Spuren von ...
#6 - Es ist deutlich an Frau Riedels Ausführungen zu sehen, wie…
#7 - Sehr schöne Beiträge hier... aber ich muss die Lanze für…
#8 - McFischer, schön, dass Sie die Beiträge gut heißen, nur…
#9 - An McFischerWo ein Wille wäre, wäre auch ein Weg, Ihr…
Wo ein Wille wäre, wäre auch ein Weg, Ihr "unabdingbar international" ist nicht gottgegeben, sondern in der jetzigen Form bereits Folge der von der Politik gesetzten Anreizsysteme, auf die der einzelne Wissenschaftler fast gar keinen Einfluß hat. Würden sich nun z.B. alle deutschen Institutionen, die deutsches Steuergeld an Universitäten, Forschungsprojekte und Forschungsinstitute verteilen, auf ein neues Anreizsystem einigen, das die Pflege und Förderung der deutschen Sprache in der Wissenschaftspraxis angemessen finanziell und konkret würdigt - was glauben Sie, wie schnell sich auch die Alltagspraxis in der Medizin und den Naturwissenschaften wieder ändern würde!
#10 - Vielleicht entspannt es darauf hinzuweisen, dass es sich…
Sie können diesen Vorschlag für die TUN auch als ein Realexperiment betrachten, um zu lernen was durch so eine Maßnahme ausgelöst bzw. erreicht werden kann. Ist es nicht auch wissenschaftlich, Hypothesen aufzustellen und
anhand von Experimenten zu falsifizieren? Unter diesem Gesichtspunkt finde ich ...
#11 - Es ist mir unverständlich, warum wissenschaftlich…
1) immer so rasch in argumentative Schockstarre verfallen,
2) sich mit den immer gleichen, also längst mehr neuen oder originellen Argumenten panzern und
3) den "Illusionisten" der Gegenseite unterstellen, sie kennten diese Argumente nicht längst zur Genüge.
Wer je zumindest einen eigenen muttersprachlichen wissenschaftlichen Text ins Englische übersetzt hat (und solche Wissenschaftler, auch Naturwissenschaftler soll durchaus noch geben) erfährt in der eigenen Sprache und Denke, wie sehr er und sie damit auch sein "Wissenschaftler-Englisch" immer weiter hin ...
#12 - Zustimmung und Ergänzung.Als Präsident der Hochschule…
Als Präsident der Hochschule Rhein-Waal (HSRW), möchte ich ergänzend anmerken, dass „capacity building“ und internationale Exzellenz weitaus umfassender betrachtet werden müssen.
Die HSRW ist zur Gründung im Jahr 2009 als internationale Hochschule angelegt worden, mit dem fokussierten Ansatz, internationale Studierende zu attrahieren. Die Studiengänge und -fächer werden zu 75% in englischer Sprache abgehalten, der Anteil ausländischer Studierender beträgt stets über 50%. Platz 1 im DAAD-Ranking für Internationalität ist der HSRW stets sicher, mit weitem Abstand auf die zweitplatzierte Hochschule. Reicht dies als Parameter für Internationalität?
Ist das Ziel von Internationalität die Quantität an englischsprachigen Studiengängen und ausländischen ...
#13 - Lieber Herr Wiarda,vielleicht wäre es überlegenswert zu…
vielleicht wäre es überlegenswert zu den einzelnen Diskussionsbeiträgen für die Leser die Möglichkeit zu schaffen, Zustimmung oder Ablehnung in Form von erhobenen oder gesenkten Daumen auszudrücken? :-)
#14 - Lieber Herr Diepold,ein guter Vorschlag! Ich checke das…
ein guter Vorschlag! Ich checke das mal, fürchte aber, das wir mit der Technik eines Providers nicht umsetzbar sein.
Viele Grüße
Ihr J-M Wiarda
#15 - Anmerkung zur Aussage von Herrn Locker-Grütjen:Ich finde…
Ich finde es gut, dass Sie die Notwendigkeit von Mehrsprachigkeit herausstellen, allerdings trennen Sie m.E. noch zu stark zwischen Kultur und Wissenschaft. Die Wissenschaft wird von der sie je unterhaltenden Gesellschaft getragen, beruht auf der Alltagssprache dieser Gesellschaft. D.h. Wissenschaft und Gesellschaft tragen sich gegenseitig und stehen in ständiger Wechselwirkung. Schon aus diesem Grund kann Englisch nie Ausweis von Internationalität sein, da es die Sprache nur einiger weniger, dazu noch sehr machtvoller Gesellschaften ist. Wenn man dies nicht beachtet, droht der von mir schon weiter oben erwähnte Neokolonialismus.
Auch nicht vergessen werden sollte, dass ...
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