Wir spüren doch alle das Spannungsfeld
Leibniz-Präsidentin Martina Brockmeier über die Verantwortung der Wissenschaft, den Abschied von Publikationsindizes und Karriereperspektiven versus drohenden Stellenabbau.

Die Agrarökonomin Martina Brockmeier war zwischen 2017 und 2020 Vorsitzende des Wissenschaftsrats. Seit Juli 2022 ist sie Präsidentin der Leibniz-Gemeinschaft. Foto: David Ausserhofer.
Frau Brockmeier, ein aktuell beliebtes Buzzword der Wissenschaftspolitik lautet "Impact". Die Wissenschaft soll sich stärker für Wirtschaft und Gesellschaft engagieren und dafür sorgen, dass Forschungsergebnisse zu einem greifbaren Mehrwert für die Allgemeinheit führen. Finden Sie solche Forderungen berechtigt?
Durchaus, zumal wir als Leibniz-Gemeinschaft mit unseren Instituten hier viel zu bieten haben. Gleichzeitig muss aber allen, die die Bedeutung des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse betonen, klar sein: Angesichts der verschiedenen Leistungsdimensionen von Wissenschaft, angefangen mit der Forschung über die Lehre bis hin zur Bereitstellung wissenschaftlicher Infrastrukturen und dem Transfer, haben wir es mit einer Art Schieberegler oder Mischpult zu tun – wie Manfred Prenzel es immer zu sagen pflegte. Engagieren wir uns in der Wissenschaft in einem Bereich mehr, gehen dafür die anderen Bereiche runter. Darüber müssen wir offen diskutieren, denn bei jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin kann je nach Anforderung die Schwerpunktsetzung anders aussehen. Wie der Wissenschaftsrat bereits 2013 empfahl, ist entscheidend, dass wir die vier Dimensionen nicht gegeneinander ausspielen oder eine Dimension automatisch höher bewerten als die anderen.
Aber genau so ist es doch bislang. Die Forschungsleistung, ausgedrückt in Publikationszahlen, Indizes und Metriken, zählt stärker für den wissenschaftlichen Karriereerfolg als alles Andere. Im Gegensatz zu allen Sonntagsreden über Lehre, Transfer und "Impact".
Ich stimme Ihnen zu. Exzellente Forschung ist die Basis für alles Weitere und bislang auch die Währung im Wissenschaftssystem, und es bedarf noch einer großen Kraftanstrengung, bis die anderen Leistungsdimensionen auch nur annähernd akzeptiert werden. In einem zweiten, damit verknüpften Diskussionspfad müssen wir aber auch über neue Formen der Forschungsbewertung reden. Weg von Publikationsindizes, die früher absolut ihre Berechtigung hatten, aber heute vielfach Anreize setzen, die wir aus vielerlei Gründen so nicht mehr wollen. Auch, weil sie junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einseitig unter Druck setzen.
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