Ja, es hat ein Kontrollversagen gegeben
Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka zieht Konsequenzen aus der Affäre um seinen Vorgänger Reimund Neugebauer und schlägt eine umfangreiche Governance-Reform für die Forschungsorganisation vor. Kommt sie durch, verliert vor allem einer an Macht: Hanselka selbst.

Holger Hanselka , 62, ist Maschinenbauingenieur und seit August 2023 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Vorher war er Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Bevor Hanselka 2013 nach Karlsruhe kam, leitete er das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit in Darmstadt.Foto: Markus Jürgens/Fraunhofer.
Herr Hanselka, am 13. Juni steht die erste große Bewährungsprobe für Sie als Fraunhofer-Präsident an. Eine maßgeblich von Ihnen erarbeitete Governance-Reform, vorgeschlagen von Vorstand und Senat, wird der Fraunhofer-Mitgliederversammlung zur Abstimmung vorgelegt. Im organisationseigenen Intranet verkünden Sie: "Fraunhofer geht mit dieser Reform einmal mehr voran." Mit Verlaub: Angesichts des mutmaßlichen Kontrollversagens in der Affäre um Ihren Vorgänger Reimund Neugebauer das notwendige Aufräumen gleich zur Vorreiterschaft zu erklären, ist das nur forsch oder schon frech?
Ich möchte nicht ins Detail gehen, was die Zeit vor meinem Amtsantritt angeht. Aber ja, es hat ein Versagen gegeben. Der Senat hatte bisher eine Beratungsfunktion und noch keine umfassende Aufsichtsfunktion, er muss als Aufsichtsgremium aber auch die operativen Geschäfte des Vorstands effektiv überwachen. In der noch gültigen Satzung ist diese Überwachungsfunktion mit entsprechendem Instrumentarium nicht hinterlegt. Diese Governance-Strukturen haben lange gewirkt, ohne dass es "gestört" hätte. Das geht bis zu dem Punkt gut, an dem es zu Konflikten oder Verstößen kommt. Erst dann beweist sich wirklich die Qualität einer Governance und ihrer Instrumente. Ich bin schon immer, auch unabhängig von der Situation bei Fraunhofer, der Überzeugung, dass eine Organisation am Ende nur so gut sein kann wie ihre Strukturen, ihre Abläufe und Regeln. Darum habe ich beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit viel Aufwand eine Reform der Governance vorangetrieben, darum habe ich es, in Zusammenarbeit mit der Senatsvorsitzenden Hildegard Müller, auch bei Fraunhofer als meine erste große Aufgabe gesehen, eine grundsätzliche Veränderung anzustoßen. Aber nicht von oben, sondern – und das ist mir besonders wichtig – partizipativ aus der Wissenschaft heraus. Dabei konnten wir auf eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen ...
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Kommentare
#1 - Und was ist mit dem Abbau der aufgeblähten zentralen…
#2 - Vielen Dank für dieses aussagekräftige kritische…
Es ist sehr gut, dass Herr Hanselka neue Pfade geht - insbesondere der stringente Konsolidierungskurs ist dringend nötig. Doppelstrukturen in vielen Forschungsfeldern bei Fraunhofer müssen dringend reduziert werden.
Die revolutionäre neue Compliance Struktur ist schon bemerkenswert, wenn auch irgendwie trotzdem beschämend für Fraunhofer. Durch die fast schon kriminellen Machenschaften seines Vorgängers Neugebauer (wird ja derzeit durch die Staatsanwaltschaft untersucht) muss jetzt zukünftig ein Aufsichtsgremium her, um das Präsidium der Fraunhofer Gesellschaft zu überwachen. Traurig!! Hoffentlich wird es dadurch zukünftig besser. Allerdings ist dann der Gestaltungsspielraum bei Fraunhofer ...
#3 - Der Artikel spricht von zwei Instituten, welches andere…
Ich finde es bemerkenswert, dass mit der Umstrukturierung begonnen wird bevor der Senat tagt. Ich finde es bemerkenswert, dass die Senatsvorsitzende vorab ihre Zustimmung signalisiert.
Ich finde es bemerkenswert, dass die "neue Dialogkultur" nicht bedeutet, dass die Betroffenen in die Lösungsfindung einbezogen werden.
Die Geschichte setzt sich in gewisser Form fort!
#4 - Aus den wissenschaftshistorischen Untersuchungen von Renate…
als 100 Jahren vorhatte, eine Gauß-Weber-Gesellschaft in
Deutschland zu gründen. Daraus wurde die Fraunhofer-
Gesellschaft. Der große Wissenschaftsorganisator Felix Klein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er von den Machenschaften von Neugebauer und co. gewußt hätte.
#5 - Das Fraunhofer INT, ok, da gibt es ja auch einen triftigen…
#6 - Dass Frau Ewen nicht ebenfalls gehen musste ist wirklich…
#7 - In der Zentrale in München spüre ich weiterhin…
#8 - Das mit SAP häre ich auch ständig. Wurde SAP jemals…
#9 - Der Präsident hat mit einer klaren Botschaft sein Amt…
Unklar ist auch, warum wir nicht auch über tiefgreifende Veränderung in der Zentrale reden. Die Vorstände sind weitgehend ausgetauscht, aber die Ebenen darunter (im Zweifel Mitwissende und Umsetzende der ganzen Umstände, die zur aktuellen Gemengelage führen) sind weiter im Amt. Wenn es so weiter geht, dann schafft sich die renommierte Fraunhofer-Gesellschaft selbst ab.
#10 - Wenn der langjährige Präsident wegen Spesenrechnungen…
#11 - Nächste Woche ist ja die Fraunhofer Jahrestagung, wo dann…
… Über weitere Maßnahmen werden wir zeitnah informieren.. hat ein gewisses Geschmäckle.. Bleibt alles sehr spannend. Ich bin neugierig.
#12 - Statt die FhG wirklich zu konsolidieren wird reine…
#13 - Bisher war es doch immer so, dass die Kosten und…
#14 - Fraunhofer braucht den großen Wurf. Apspecken und…
#15 - Ich frage mich, welche Rolle bei den aktuellen…
#16 - Stimmt das Gerücht, dass Fraunhofer für jeden Euro…
#16.1 - das ist eine Ente
Industrieertrag wird mit 20 bis 30 €Ct. pro € belohnt. Industrieertrag ist hart verdientes Geld und Projekte kommen erst zu Stande, wenn schon vor dem Projekt Ergebnisse gezeigt werden können.
#17 - Ratloser Wissenschaftler: Das stimmt ungefähr - kann sogar…
Die Höhe der zugeteilten Grundfinanzierung (GruFi)!hängt u.a. auch vom erzielten Industrieertrag der Institute ab. Sind auch noch andere Parameter.
#18 - Reiseabrechnungen dauern 4-5 Monate, Geräte Beschaffungen…
#18.1 - nur was über die Zentrale läuft dauert ewig
Am HHI geht Reiskostenabrechnung und Beschaffungen binnen Tagen oder wenn durch das HHI ausgeschrieben werden muss dauerts die Zeit der Ausschreibung länger. Erst wenn es über die Zentrale läuft, wird es gruselig.
#19 - Vielen Dank an Insider II. Dann könnte man z.B für 100…
#19.1 - Fraunhofer arbeitet nicht im wirtschlichen Geschäftsbetrieb
Einfach Ware kaufen und verkaufen wäre wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb. Das macht die FhG mit keinem Euro. Es muss immer etwas sein, was mit Forschung zu tun hat und nicht einfach anders am Markt gekauft werden kann (Zweckbetrieb). Schon eine Maschine zu vermieten geht nicht. Ein Grenzfall wäre eine Maschine, die man für 100.000 € kauft, mit seinem Forschungswissen ohne Konkurrenz modifiziert und erweitert, um diese dann für 120.000 € weiter zu verkaufen. Firmen haben daran aber wenig Interesse, weil Fraunhofer keine Garantie übernimmt und unattraktive AGB hat. In der Praxis kauft die Firma also die Maschine selbst und Fraunhofer macht 20.000 ...
#20 - Von Simon M. würde ich gern wissen, welchen triftigen…
#21 - An Ratloser Wissenschaftler: Mal davon abgesehen, dass…
Zwar wird bei Industrieaufträgen die Satzung häufig "großzügig" ausgelegt (praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse), aber das beschriebene Vorgehen wäre so offensichtlich satzungswidrig, dass es sicher nicht durchgehen würde in den Verwaltungen.
#22 - Vielen Dank für den Hinweis auf die Satzung, auf Basis…
Die Verwaltungsleiter sind doch maßgeblich daran interessiert Industrieertrag zu buchen und werden geeignete Formulierungen finden, bzw. die Grenzen von Jahr zu Jahr verschieben.
#23 - @Insider II: Bitte melden Sie sich bei mir per Mail zwecks…
Besten Dank
Ihr Jan-Martin Wiarda
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