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Warten auf Deutschland

Pakistanische Studienbewerber protestieren gegen deutsche Bürokratie: Wie schleppende Visa-Verfahren internationale Studierende ausbremsen.
Islamabad

Blick auf Islamabad. Foto: Tahsin Shah, CC BY-SA 4.0

ZAR AHSAN SAGT, so könne er nicht mehr lange weitermachen. Ein Semester habe er bereits verpasst, nun riskiere er, auch das zweite zu verlieren. In der Erwartung, nach Deutschland gehen zu können, habe er Jobangebote ausgeschlagen und Universitäten in Pakistan und Großbritannien abgesagt.

Ahsan stammt aus einer Bauernfamilie in der pakistanischen Provinz Punjab. "Ich habe alles richtig gemacht", sagt der 25-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt. "Ich habe mir einen Studienplatz an einer erstklassigen deutschen Universität gesichert, jeden Euro gespart und alle Regeln befolgt." Sein Vater habe sogar einen Teil der Familienersparnisse eingesetzt. Und doch, sagt Ahsan, sehe er seine Träume schwinden: "Nicht aus Mangel an Leistung, sondern wegen eines administrativen Rückstaus, der meine Hoffnungen zu Verwaltungsakten macht."

Ahsan hatte sich für einen Masterstudiengang Biologie an einer Universität in Baden-Württemberg beworben. Im vergangenen Herbst sollte es losgehen. Als die Zusage kam, war er noch optimistisch – obwohl es bereits Anfang Oktober war. Fünf bis zehn Wochen dauere die Bearbeitung eines Studierendenvisums, stand auf der Website der Deutschen Botschaft in Islamabad.

Inzwischen sind fast fünf Monate vergangen – und Ahsan wartet immer noch. Nicht auf sein Visum, sondern auf einen Termin zum Vorsprechen in der Botschaft. Und er wartet nicht allein. In den sozialen Medien hat sich eine Gruppe mit rund 2.000 Mitgliedern gegründet – alles junge Pakistanerinnen und Pakistaner, von denen die meisten nach eigenen Angaben einen Studienplatz in Deutschland haben. Sie berichten einander von ihrem Frust und versuchen herauszufinden, was vor sich geht. Aus dem Abgleich von Registrierungsdaten, Aufforderungen zur Einreichung von Unterlagen, erteilten Interviewterminen und schließlich der Visavergabe schließen sie, dass die Einladung in die Botschaft faktisch erst nach rund sieben Monaten auf der Warteliste erfolgt.

#GermanVisaBacklog

Und die Bearbeitungsgeschwindigkeit sinke, sagt Ahsan. Habe es an 64 Arbeitstagen zwischen August und Oktober noch rund 280 Termine gegeben, seien es in den 65 Arbeitstagen danach nur noch 180 gewesen. In der Kategorie "Deutschsprachige Studiengänge", die zuvor als priorisiert mit einer Bearbeitungszeit von 15 Tagen galt, seien die geschätzten Wartezeiten den Betroffenen zufolge gar von zwei Wochen auf über ein Jahr gestiegen.

Inzwischen meide er soziale Kontakte, Freunde und Familie, sagt Ahsan – wegen der ständigen Fragen, wie es mit ihm weitergehe. "Helft uns!", posten pakistanische Studierende in den sozialen Medien in Richtung Auswärtiges Amt, Hochschulrektorenkonferenz und Deutsche Botschaft. Hashtag: "#GermanVisaBacklog".

Deutschland ist stolz darauf, mit rund 420.000 internationalen Studierenden und Promovierenden nach den USA und Großbritannien eines der weltweit beliebtesten Zielländer zu sein – und setzt angesichts des internationalen Rechtsrucks demonstrativ auf Offenheit. Internationalisierung gilt als strategisches Ziel von Bund, Ländern und Hochschulen – als Beitrag zur Fachkräftesicherung ebenso wie zur wissenschaftlichen Vernetzung.

Dass gründliche Prüfungen bei der Visavergabe dabei kein Selbstzweck, sondern notwendig sind, zeigen Fälle, in denen junge Menschen mit Studienversprechen nach Deutschland gelockt, an private Hochschulen vermittelt und anschließend in prekären Arbeitsverhältnissen ausgebeutet werden

Alte Klagen, neue Dimensionen

Nur: Gründlichkeit darf nicht in Intransparenz und monatelanges Warten ohne verlässliche Perspektive umschlagen. Die Zahl der internationalen Studierenden steigt – aber offenbar auch die Zahl derjenigen, die auf dem Weg dorthin in der Bürokratie hängen bleiben.

Die Klagen über schleppende Visa-Verfahren sind nicht neu. Schon 2018 sprach der damalige hochschulpolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring, von "absolut unzumutbaren" Wartezeiten und verwies auf Fälle von bis zu drei Jahren an der deutschen Botschaft in Teheran.

Damals wurden weltweit rund 66.000 Visa für Studien- und Forschungsaufenthalte erteilt. Inzwischen ist die Zahl deutlich gestiegen: Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurden 2024 knapp 98.600 Studienvisa vergeben, für 2025 rechnet die Bundesregierung mit rund 100.000 – rund 40 Prozent mehr als 2019.

Besonders dramatisch war die Lage in der Corona-Zeit, als viele Botschaften weltweit geschlossen waren. Doch nach einer zwischenzeitlichen Erholung scheinen mit der wachsenden Nachfrage auch die Engpässe gewachsen zu sein – insbesondere in Ländern, in denen das Interesse an einem Studium in Deutschland stark gestiegen ist: in Indien, der Türkei, im Iran, in Ägypten – und in Pakistan.

Die Wissenschaftsorganisationen warnen seit Jahren

Zar Ahsans deutsche Universität bestätigt unterdessen, dass er für den Masterstudiengang Biologie zugelassen wurde. Man habe seine Angaben geprüft, heißt es aus dem International Students Office. Aktuell stehe man zwar nicht in aktivem Austausch mit ihm, grundsätzlich bleibe eine Immatrikulation jedoch möglich, solange sich Studierende regelmäßig rückmelden und die fälligen Gebühren entrichten. Ähnliche Fälle überlanger Visa-Wartezeiten kenne die Universität seit Jahren, insbesondere aus Pakistan und Iran.

Knapp 10.000 Pakistanerinnen und Pakistaner waren im Wintersemester 2023/24 laut der DAAD-Publikation "Wissenschaft weltoffen" an deutschen Hochschulen eingeschrieben – 72 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Das Auswärtige Amt spricht sogar von 300 Prozent mehr Studierendenvisa für Pakistanerinnen und Pakistaner im Vergleich zu 2019.

Seit Jahren warnen auch Wissenschaftsorganisationen, Visa-Probleme behinderten den wissenschaftlichen Austausch. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung spricht von "großen Sorgen", die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) beklagt "erhebliche Hürden und Engpässe" im Verfahren. Die Bundesregierung verweist demgegenüber regelmäßig auf Reformen: Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz 2023 seien Mitwirkungspflichten reduziert und digitale Antragsverfahren ausgebaut worden.

Deutschland habe als Studien- und Wissenschaftsstandort in den vergangenen Jahren erheblich an Attraktivität gewonnen, heißt es auf Anfrage aus dem Auswärtigen Amt. In einem bevölkerungsreichen Land wie Pakistan übersteige die Zahl der Bewerbungen die verfügbaren Bearbeitungskapazitäten deutlich, was zwangsläufig zu längeren Wartezeiten führe. Man habe Personal verstärkt, die Visastelle in Islamabad baulich erweitert und die Antragstellung auf ein Online-Portal umgestellt, um die Verfahren effizienter zu gestalten.

12.000 Euro auf dem Sperrkonto

Für Antragsteller wie Zar Ahsan bleiben diese Anstrengungen abstrakt. Der Druck, unter dem sie stehen, ist dagegen sehr konkret. 12.000 Euro hat Ahsan auf ein Sperrkonto eingezahlt – weil zum Visumsantrag der Nachweis gehört, den Lebensunterhalt in Deutschland aus eigenen Mitteln bestreiten zu können. Dort liegt das Geld nun seit fünf Monaten. Genauso wie das Geld vieler anderer Bewerber – aus einem Land, in dem das Pro-Kopf-Einkommen nach Kaufkraftvergleich bei etwa zehn Prozent des deutschen Niveaus liegt.

Das Auswärtige Amt entgegnet, bei der Registrierung für die Warteliste sei der Nachweis über ein eröffnetes Sperrkonto ausreichend – "ohne Transfer der für den Lebensunterhalt nachzuweisenden Beträge". Allerdings müsse das Geld verfügbar sein, wenn die sogenannte Vorprüfung im Auslandsportal beginne, "im Regelfall" innerhalb von 30 Tagen. Was aufgrund der ungewissen Wartezeit dann doch bedeutet, dass die Bewerber das Geld die ganze Zeit vorhalten müssen.

In besonders gravierenden Fällen, sagt Ahsan, zahlten Betroffene bereits Wohnheimgebühren, Versicherungs- oder Semesterbeiträge in Deutschland oder unter Umständen sogar die für Nicht-EU-Ausländer vor allem in Baden-Württemberg fälligen Studiengebühren. "In ihrer Verzweiflung haben viele von uns an die auf der Botschafts-Website angegebenen Kontakt-Mailadressen geschrieben", sagt er.

Doch die Kommunikation durch die Botschaft sei praktisch nicht existent. Es gebe automatisierte Antworten oder vorgefertigte Textbausteine, in denen mitunter noch "XY" anstelle der Orte stünden, aus denen die Studierenden kämen. Im Dezember 2025 habe das Bewerbungsportal der Deutschen Botschaft dann plötzlich die Angaben geändert und auf eine Wartezeit von bis zu zwölf Monaten verwiesen. "Können die Leute sich eigentlich vorstellen, was das psychisch mit einem macht, wenn man schon monatelang wartet – und die offizielle Wartezeit plötzlich rückwirkend derart hochgesetzt wird?"

XY-Platzhalter in den Antworten an die Studierenden

Das Auswärtige Amt teilt mit, an vielen Auslandsvertretungen seien Termine "in der Regel binnen weniger Wochen verfügbar". Längere Wartezeiten bestünden derzeit "beispielsweise" in Bangladesch, Nigeria oder Kamerun. Und was ist mit Pakistan?

Mitte Februar hätten sich "3.144 Registrierungen für ein Studienvisum" bei der Botschaft in Islamabad auf der Warteliste im sogenannten Auslandsportal befunden, weitere 225 beim Generalkonsulat in Karachi. Eine wenig empathische Formulierung – bedenkt man, dass es sich um Bewerberinnen und Bewerber handelt, von denen viele mit den Nerven am Ende sind.

Und was die XY-Platzhalter in automatisierten Antworten angehe: Diese würden zur "Ressourcenschonung" eingesetzt; dabei könne es "unter Umständen auch zu unklaren Ausgaben kommen, wie im Beispiel beschrieben". Ein Wort des Bedauerns findet sich nicht.

Zugleich betont das Auswärtige Amt, die Bundesregierung messe "der Gewinnung talentierter junger Studierender aus dem Ausland hohe Priorität bei" und stehe im regelmäßigen Austausch mit Hochschul- und Wissenschaftsorganisationen.

"Zutiefst demütigend"

Zar Ahsan ist einer dieser talentierten jungen Studierenden. Er will später an einem agrarwissenschaftlichen Forschungsinstitut arbeiten. In Pakistan hat er bereits einen Bachelor in Landwirtschaft und einen Master in Biotechnologie erworben und wollte nun einen zweiten Master in dem Land anschließen, das – wie er sagt – weltweit für seine Agrarforschung bekannt sei. Inzwischen ist er sich nicht mehr sicher, was von seinen Träumen bleibt.

"Ich will ehrlich sein", sagt Ahsan. "Dieses Visasystem ist zutiefst demütigend." Während seine Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Lahore ihre akademischen Wege fortsetzten oder in den Arbeitsmarkt starteten, sei sein eigenes Leben eingefroren, seine Identität als Studierender infrage gestellt. "Ich fühle mich aus dem akademischen Alltag herausgedrängt."

Das Problem, sagt er, seien nicht die strengen Visaregeln – die seien letztlich souveräne Entscheidung eines Staates. Das Problem seien die schlechte Kommunikation und die willkürlich wirkenden Wartezeiten. "Dieses Warten ohne absehbares Ende kann belastender sein als eine rechtzeitige Ablehnung – besonders in einer so entscheidenden Phase der akademischen Laufbahn."

Zar Ahsan will immer noch unbedingt nach Deutschland. Aber er kann nur noch bis April warten. Wenn er bis dahin kein Visum erhalte, um regulär ins Sommersemester zu starten, bleibe ihm keine andere Wahl. "Dann muss ich mich exmatrikulieren, dann werde ich meine Forschungspläne, das Geld meiner Familie und meine Träume an eine andere Universität mitnehmen – in ein Land mit klareren Zeitplänen und verlässlicheren Regelungen." JMW.

Kommentare

#1 -

Ute Clement | Do., 26.02.2026 - 11:35

Eine Anfrage bei der Bundesregierung des MdB Mijatovic hat ergeben, dass aktuell die Botschaft in Teheran gar keine Visa ausstellt - aus Sorge um die Sicherheit der Botschaftsangehörigen. So nachvollziehbar die Fürsorge der Botschaft hier ist, so problematisch ist es für viele junge Menschen gerade im Iran kein Visum für ein Studium zu erhalten. 

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