Bildungsgerechtigkeit beginnt vor dem Matheunterricht
Wie regionale Bildungsgemeinschaften, neue Förderformate und Family-Math-Angebote zusammenwirken könnten, damit mehr Schüler die Mindeststandards erreichen. Ein Gastbeitrag von Johannes Hinkelammert und Astrid Wolter.

Einzelförderung und Lernspiele : das Rechenpate-Projekt in Berlin. Foto: Ante Bussmann .
IM NACHGANG ZU DEN ERGEBNISSEN des IQB-Bildungstrends 2024 machte Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien den Vorschlag zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe auf Staatssekretärsebene, um einen 10-Punkte-Handlungsplan zur Reform des Bildungswesens zu entwickeln. Die Arbeitsgruppe hat sich seitdem mehrfach getroffen, im Januar soll die Arbeit im Rahmen einer Klausur weitergehen.
Eine solche Bund-Länder-Arbeitsgruppe sollte, um erfolgreich zu sein, konkrete Strategien zur bundesweiten Verbesserung der Schülerleistungen erarbeiten. Denn das und nur das wäre im Sinne der "Bildungsziele 2035", die Prien noch in ihrer Rolle als Landesministerin von Schleswig-Holstein zusammen mit ihren damaligen Kolleginnen aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg vorgestellt hat.
Eine solche Strategie für den Mathematikunterricht wollen wir in diesem Gastbeitrag vorschlagen. Sie wäre den "Bildungszielen 2035" folgend darauf gerichtet, den Anteil der Schülerinnen und Schüler perspektivisch zu erhöhen, die Mindeststandards in mathematischen Kompetenzen erfüllen – für mehr Bildungsgerechtigkeit.
Aus getrennten Netzwerken gemeinsame Bildungsgemeinschaften machen
Wir reden von regionalen Bildungsgemeinschaften. Was würde sie ausmachen?
Wir wissen aus den aktuellen Ergebnissen des IQB-Bildungstrends, dass Kinder aus ...
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Kommentare
#1 - Universallösung in Niedersachsen: Bildungsstandards senken
Alles schöne Ideen, aber das KuMi in Niedersachsen hat andere Ideen. Wenn Grundschüler zu viele Fehler in Mathe machen, einfach die Anforderungen senken: https://www.nwzonline.de/familie/mathematikaenderungen-in-grundschulen-kein-schriftliches-teilen-und-komma-rechnen-ab-2026-27-in-niedersachsen_a_4,2,3196910198.html
#1.1 - Schon vor 20 Jahren
Bereits in den KMK-Bildungsstandards von 2004 für den Primarbereich steht auf Seite 14:
"Die Schülerinnen und Schüler
• verfügen über ein Operationsverständnis zu den vier Grundrechenarten und erkennen und nutzen die Zusammenhänge zwischen den Operationen,
• verstehen schriftliche Verfahren der Addition, Subtraktion und Multiplikation, beschreiben den Algorithmus, führen diesen geläufig aus und wenden ihn bei geeigneten Aufgaben an."
Ein schriftliches Verfahren der Division wird nicht einmal erwähnt, ist also nicht mehr verbindlich. Diese Bildungsstandards waren eine Reaktion auf den sog. PISA-Schock und sollten Verbesserungen zur Folge haben.
#1.2 - Maßstäbe senken ...
Ja, das ist traurig. Wenn man etwa im Abitur Mathematik abwählen kann, ist das desaströs. Man könnte sich ja vielleicht erinnern, wie das in der DDR an guten erweiterten Oberschulen war. Die Abwahl von Fächern war unmöglich. Vielleicht sind auch zu viele Schüler an den Gymnasien mit Abitur.
#2 - Einsatz von Lernmittel wie z. B. mathematischen Taschenrechner
Meine Fragen:
A) werden z. Zt. in unserem schulischen System und damit spezifisch auf den Gymnasien ab der 9. / 10. Klasse Taschenrechner zur Unterstützung von mathematischen Rechnungslösungen z. B. in Klausuren eingesetzt? Und zwar Bundeseinheitlich über alle Länder gleichermaßen oder möglicherweise nach eigenen Vorstellungen getrennt.
B) Ist mittlereile das ABI bundesweit einheitlich? Oder auch noch dezentral?
C) Schlichtweg, ist in diesem Sachgebiet Mathe + Mittel alles nach gut dünken Ländersache.
D) Sollte es hierüber die z. Zt. gültigen Schriften / Skribte geben, würde ich um Zusendung bitten.
MfG
Kurt Hausmann
Kapellenweg 18
63589 Linsengericht
#3 - Weiter so!
Ich arbeite als PKB-Kraft und studiere Grundschullehramt und erlebe seit mehreren Jahren, wie Schritt für Schritt immer mehr Anforderungen auf die Lehrkräfte abgewälzt werden. Umso erfrischender ist es zu lesen, dass hier Ansätze vorgestellt werden, die auch außerhalb der Schule ansetzen. Ich würde solche regionale Bildungsgemeinschaften sehr unterstützen! Und gerade als angehende Lehrerin würde ich Kinder und Eltern dahingehend ermutigen, solche Angebote auszuprobieren.
#4 - Basiskompetenzen, Kinder und Umfeld stärken
Als ehemalige Teilnehmerin des Rechenpate-Projekts im Rahmen meines Grundschullehramtsstudiums kann ich die Wirksamkeit dieses Ansatzes aus eigener Erfahrung bestätigen. In der wöchentlichen Einzelförderung wurde deutlich, wie viel bereits in einem halben Jahr erreicht werden kann, wenn gezielt an grundlegenden mathematischen Basiskompetenzen gearbeitet wird.
Besonders beeindruckt hat mich, wie sich die Haltung der Kinder zur Mathematik verändert hat: Aus Überforderung und Desinteresse wurden zunehmend Selbstvertrauen, Motivation und echte Freude am Rechnen. Der Fokus auf Zahlenverständnis und tragfähige Grundlagen – verbunden mit spielerischen, beziehungsorientierten Zugängen – erwies sich als entscheidend.
Gleichzeitig wurden auch die Lehrkräfte spürbar entlastet, da Kinder mit gestärkten Basiskompetenzen ...
#5 - voll wichtig
Unsere Rechenpatinnen und -paten sind so toll!!
Mittlerweile in wichtiger und wertvoller Bestandteil unserer Schule
#6 - Ich bin dabei!
Ich hatte die Gelegenheit, das Konzept von Herrn Hinkelammert kennenzulernen und es punktuell gemeinsam umzusetzen. Bereits jetzt profitieren sozial benachteiligte Kinder von diesem Geschenk, indem sie während ihres Schulwegs die gleichen Chancen wahrnehmen können – unabhängig von ihrem Start ins Leben.
In meiner Rolle als Koordinatorin für Kinderarmutsprävention freue ich mich, einen Beitrag zu leisten, um die Reichweite des Projekts zu erweitern, seine Legitimation weiter zu festigen und noch mehr Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen.
#7 - Gast
Als ehemalige Teilnehmerin des Rechenpatenprojektes und Studierende des Grundschullehramtes an der FU Berlin kann ich, auch aufgrund meiner Erfahrungen aus dem vergangenen Praxissemester, den Bedarf eines solchen Projektes nur bestätigen. Die Schüler:innen profitieren sehr von einem spielerischen Zugang zur Mathematik mit niedrigen Hemmschwellen. Mathematik ist vermeintlich eine eigene Kultur bzw. der Blick darauf ist (unbeabsichtigt) geprägt davon, immer das richtige Ergebnis zu haben und das Richtige zu sagen. Das merkt man vor allem Kindern mit Rechenschwierigkeiten an. Im Rechenpatenprojekt waren sie davon frei und konnten ohne Angst, etwas „Falsches“ zu sagen, überlegen, Rechenstrategien entwickeln und ihre Gedanken verbalisieren. Auch das ...
#9 - großer Beitrag für das Verständnis und gegen die Angst
Auch ich als Lehrkraft eines Gymnasiums habe interessehalber bereits beim Rechenpat:innen-Projekt mitgearbeitet. Die Spiele haben maßgeblich zum Grundverständnis der Zahlen und Zahlensysteme beigetragen und so konnten die Schüler:innen auch die Addition und Subtraktion besser verstehen. Das hat dazu geführt, dass sie im Matheunterricht selbstbewusster auftraten und auch besser im Unterricht mitgekommen sind, weil das Verständnis für die Zahlen und den Mengen ausgebaut werden konnte. Die Schüler:innen, die ich betreut habe, fühlten sich weniger abgehängt und dachten nicht mehr so oft, dass "sie es eh nicht verstehen würden". Auch die Angst, die einige Schüler:innen im Matheunterricht begleitete, konnte abgemildert werden. Teilweise ...
#10 - Das Beste was wir Kindern bieten können
Die Erfahrungen aus 32 Jahren Mathelehrerin an einer weiterführenden Schule in Nord-Neukölln, 10 Jahren ehrenamtlichen Schülerhelferin kann ich nur sagen:es ist unfassbar, was an Bildungsverantwortung an Lehrer abgewälzt wird und wie wenig Unterstützung ihnen dabei zugestanden wird. Dieses Projekt ist ein Leuchtturm. Es ist eine Binsenweisheit, dass die besten Lernerfolge durch 1:1-Betreuung erzielt werden. Ich bin nicht überrascht, aber enttäuscht, dass ein Projekt wie dieses eine solche Aktion benötigt, um fest in unserem Bildungssystem verankert zu werden. Es wäre für alle Beteiligte ein echter ind nachhaltiger Gewinn.
#11 - Danke für Euer Engagement
Lieber Johannes,
mit großer Bewunderung blicke ich auf Dein Engagement und die Zähigkeit, mit der Du dieses Projekt seit 13 Jahren vorantreibst und Dich durch nichts entmutigen lässt. Schön, dass Du mit Astrid Wolter gemeinsam an dieser Idee festhälst und sie weiterhin Wirklichkeit werden lässt!
Danke!
#12 - Ein entlastendes Angebot für einen realen Bedarf
In Anbetracht von finanziellen Kürzungen, Bildungskrise, Personalmangel an Schulen, sowie Überbleastung von Lehrkräften sind Projekte wie das Rechenpateprojekt nötiger denn je. Sie entlasten und ermöglichen für die Studierenden wertvolle 1 zu 1 Auseinandersetzungen mit Kindern und das alles ohne irgendwelchen Zeittaflen und Exceltabellen Rechnung tragen zu müssen. Ein Gewinn für alle Beteiligten.
#13 - Toll!
Ich habe auch ein Semester über 2 Kinder an einer Berliner Grundschule mit der Rechenpatenbox unterstützt. Es war so schön zu sehen, wie die beiden langsam aber sicher die Angst vor dem Schulfach Mathe ablegen konnten und wie viel Freude ihnen die spielerische Methode bereitet hat. Man konnte die spezifischen Probleme der jeweiligen SuS super spezifisch angehen und das Einzelsetting hat echt viel gebracht. Wir müssen die Lehrkräfte an den Schulen entlasten! Vor allem im Fach Mathematik, in dem viele Kinder Schwierigkeiten haben und Ängste entwickeln, müssen wir zusätzlich unterstützen und helfen! Sehr dankbar, dass sich Herr Hinkelammert und Frau ...
#14 - Unfassbar
Mensch, macht bloß nichts, was zum Verstehen führt, gerade in Mathematik.Da werden ja kritische Bürger draus, die mitrechnen oder gar logisch denken können. Und dann soll es auch noch Spaß machen? Wo kommen wir da hin?
Anders herum: Wer kann das ablehnen? Warum ist es nötig, dafür hier eine Diskussion zu führen? Wer hält warum dagegen? zu teuer??? Wie teuer ist die Alternative?
#15 - Toll!
Hey lieber Johannes,Ich finde, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus sowie mit der Gemeinde auf jeden Fall eine tolle Chance ist, Kindern beim Mathelernen zu helfen. Ganz egal, wie die Inhalte konkret aussehen – allein schon die zusätzliche Lernzeit ist aus meiner Sicht ein großer Pluspunkt.
Nach meinen eigenen Erfahrungen mit meinem Kind ist die Zeit, die in der Schule für Mathe zur Verfügung steht, nämlich ziemlich begrenzt. Eine Lehrkraft muss sich um mehrere Dutzend Kinder kümmern, und die stehen alle auf ganz unterschiedlichen Lernniveaus. Die Energie und Zeit der Lehrkraft sind natürlich auch begrenzt. Im Moment gibt es ...
#16 - Ein großartiges Projekt
Als Tochter eines Mathematikers bin ich mit Zahlen, Mathematik und Logik als Normalzustand aufgewachsen. Schon als Kind wurde mir bewusst, wie privilegiert ich damit im Vergleich zu meinen Mitschüler*innen war.
Jetzt betreue ich seit einigen Jahren ehrenamtlich Hausaufgaben in einer Jugendeinrichtung und im Schülerladen und sehe auch in höheren Klassen viele Kinder, die große Defizite im mathematischen Verständnis haben, die eigentlich in der 2./3. Klasse hätten bearbeitet werden müssen.
Ich fand es sehr frustrierend, diese Kinder zu betreuen, weil ich mit der Hausaufgabenhilfe natürlich NICHT das eigentliche Problem beheben konnte.
So habe ich recherchiert und bin auf das Mathepatenprojekt von ...
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