"Das könnte die Stunde der Geschichtswissenschaft werden"
Sebastian Kubon ist KI-Referent am Historischen Seminar der LMU München. Ein Gespräch über Betrugsangst, neue Prüfungsformen und die Chancen der Geisteswissenschaften im KI-Zeitalter.
Sebastian Kubon ist promovierter Mediävist und arbeitet seit November 2025 als KI-Referent am Historischen Seminar der LMU München. Die Stelle des "#IchbinHanna"-Mitinitiators ist aktuell auf vier Jahre befristet. Foto: privat.
Herr Kubon, Sie sind seit Ende vergangenen Jahres KI-Referent am Historischen Seminar der LMU München – in den Geisteswissenschaften eine ungewöhnliche Stelle. Was genau machen Sie dort?
Vieles! Ich lehre vier Semesterwochenstunden, ich experimentiere mit Studierenden zum Thema Geschichte und KI in verschiedenen Formaten und organisiere Vorlesungsreihen. Ich forsche auch zu eigenen Schwerpunkten. Und natürlich bin ich ansprechbar, wenn Kolleginnen und Kollegen Fragen zum Einsatz haben: Ich würde gern dieses oder jenes ausprobieren, weiß aber nicht, wie. Eines meiner ersten großen Vorhaben war, dass wir Leitlinien für den KI-Gebrauch am Historischen Seminar entwickelt haben. Ich habe große Hoffnung, dass die demnächst in Kraft treten können.
Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume will Hochschulen per Gesetz untersagen, KI in unbeaufsichtigten Prüfungen pauschal zu verbieten – verbunden mit einer Kennzeichnungspflicht und neuen Prüfungsformaten. Ist das ein notwendiger Schub Richtung Realität oder ein heikler Eingriff in die Freiheit der Lehre?
Juristisch heikel ist es auf jeden Fall. Es gab schon vorher Experten, die gesagt haben, verbieten könne man die Nutzung von KI durch Studierende in unbeaufsichtigten Arbeiten wahrscheinlich ohnehin nicht. Ob aber als Umkehrschluss ein Verbot des Verbots das Mittel der Wahl sein sollte, darüber werden Verfassungsrechtler etwas zu sagen haben. Inhaltlich ist die Gesetzesnovelle vor allem ein Signal: Diese Herausforderung durch KI – und es ist die größte Herausforderung für die Wissenschaften und gerade für die Geisteswissenschaften seit Jahrzehnten, mit allen Chancen und Gefahren – darf man nicht ignorieren. Wir reden fast immer nur über KI-Betrug, dabei ist das eigentlich der unspannendste Teil.
Wie meinen Sie das?
Wir sollten unsere Zeit für Wichtigeres nutzen. Darüber nachdenken zum Beispiel, wie KI Hochschule und Wissenschaft bereichern kann. Ein Studium soll auch für den Beruf qualifizieren, und in allen Berufen wird KI künftig eine zentrale Rolle spielen, im Guten wie im Schlechten. Ich veranschauliche das gern mit einem Koordinatenkreuz mit vier Feldern und den beiden Achsen: erlaubt-nicht erlaubt und sinnvoll-nicht sinnvoll. Wir müssen in den Sektor sinnvoll und erlaubt kommen. Das erfordert die Erforschung und Erprobung von KI, gerade in der Lehre. Ich würde allerdings lieber mit Anreizen als mit Verboten arbeiten: zusätzliches Geld und Personal, Investitionen in KI-Infrastrukturen. Eigentlich bräuchten wir ein Forschungszentrum KI in den Geisteswissenschaften, anstatt dass jeder allein vor sich hin probiert.
"KI ist für viele eine Kränkung."
In den Geisteswissenschaften war die Aufregung über Blumes KI-Pläne besonders groß. Künstliche Intelligenz scheint gerade in diesen Disziplinen viele zu triggern.
Ich würde das sehr bestätigen. Ich organisiere KI-Vorlesungsreihen, und was ich da teilweise an Anfeindungen bekomme – ich lade ja zu wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen ein, die sich lange damit befassen. Aber es gibt Leute, die schon die wissenschaftliche Beschäftigung mit KI als empörend empfinden. Technik ist immer eine emotionale Angelegenheit. Aber KI ist für viele eine Kränkung.
Aber warum?
Maschinen können heute Texte herstellen, die zumindest formal richtig und informativ erscheinen. Das war bislang eine der Grundvoraussetzungen, um ein guter Geisteswissenschaftler zu sein. Nicht die einzige Voraussetzung, aber eine wichtige. Wenn das jetzt die KI kann, dann sollte uns das nicht in unseren Grundfesten erschüttern, sondern zu der Frage führen, was künftig das Alleinstellungsmerkmal von Geisteswissenschaftlern sein kann. Ich würde sagen: Reflexion, eine eigene Position, eine kritische Haltung und Kritikfähigkeit. Wenn wir uns fast ausschließlich über die Fähigkeit definieren, Texte zu schreiben, können wir ohnehin einpacken.
Ist die KI-Ablehnung nicht auch Ausdruck von Überforderung im Umgang mit einer neuen, fremden Technologie?
Es könnte die Angst davor sein, ersetzt zu werden. Dabei müssen wir als Wissenschaftler eigentlich gar nicht fürchten, überflüssig zu werden. Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft, und vermutlich gilt das für die Geisteswissenschaften insgesamt, haben wir durch KI sogar mehr Aufgaben, mehr Betätigungsfelder und mehr Arbeit denn je. Plötzlich gibt es KI-produzierte Videos, Bilder und Texte in der Welt, für deren Quellenkritik, Analyse und Bewertung wir genuin zuständig sind. Dafür müssen wir Studierende fit machen, nicht nur für klassische, textgebundene Geschichtsdarstellungen. Wir brauchen eher mehr Wissenschaftler und mehr Menschen, um mit dieser Technologie umzugehen.
"Das ist so, als würde ich ins Fitnessstudio gehen, um dort Bier zu trinken."
Die KI als Forschungsgegenstand ist das eine. Wie aber setzt man KI als Hilfsmittel gewinnbringend ein in den Geisteswissenschaften?
Als ersten Schritt sollten wir aufhören, sie derart unreflektiert einzusetzen: meist ohne Leitlinien, ohne Plan. Was mache ich damit eigentlich, und was sollte ich lieber lassen? Wer mit KI in der Wissenschaft Gedankenprozesse abkürzen oder nur den Anschein erwecken möchte, gedacht zu haben, hat Wesentliches nicht verstanden. Kann man machen, klar. Aber ich sage immer: Das ist so, als würde ich ins Fitnessstudio gehen, um dort Bier zu trinken. Darüber sollten wir reden, aber ohne einen Ton der Verurteilung und ohne die Nutzung von KI zu tabuisieren. Tabuisierung und Empörung führen nicht zu weniger Nutzung. Sie führen aber zum Wilden Westen bei der Nutzung und zu einer verdeckten Nutzung, die dem Diskurs nicht mehr unterliegt.
Sie fordern mehr Reflektiertheit beim Thema KI. Haben Sie keine Angst, man könnte Ihnen selbst mangelnde Reflektiertheit vorwerfen?
Man kann KI ablehnen und richtig blöd finden, meinetwegen. Ich sehe eher das emanzipative Potenzial, wenn nicht mehr jeder eine Deutschlehrerin als Mutter haben muss, die einem die Texte korrigiert. Und natürlich gibt es schon heute eine Menge didaktisch sinnvoller Konzepte zum Einsatz, die Möglichkeit alternativer Lehrkonzepte und neuer Prüfungsformate. Über diese Potenziale – und ihre Grenzen – sollten wir viel mehr am konkreten Beispiel reden, als die immer gleichen Grundsatzdiskussionen zu führen.
Ende 2025 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Nutzung von KI in Gutachten erlaubt, verbunden mit der Ankündigung einer Nutzungs- und Transparenzleitlinie. Auch da war die Aufregung groß – bis hin zu Vorwürfen, die Wissenschaft entmündige sich selbst. Ist das dieselbe Grundsatzfrage wie bei Studierenden: verbieten, tabuisieren – oder offen regeln?
Die Entscheidung, was wie gefördert wird, muss bei Menschen liegen. Die Idee, dass irgendwann die KI Anträge schreibt, die von KI begutachtet und abgelehnt werden, ist natürlich absurd und sicher nicht das, wo wir hinwollen. Doch wenn die gesamte Gesellschaft die Handlungsoption KI-Einsatz hat, können wir davon ausgehen, dass sie genutzt wird – wenn nicht von allen, dann von vielen. Und für diesen Fall braucht es Leitlinien. Alles andere wäre wieder: Wir tun so, als gäbe es das nicht, und es passiert trotzdem. Auch die Leitlinien der DFG sind nur ein Anfang. Man muss sie nach einiger Zeit evaluieren: Welche Stellen passen zur Praxis, welche nicht? Wo lagern wir Entscheidungsprozesse aus, bei denen menschliche Hoheit bleiben muss? Aber ignorieren geht nicht.
Unbeaufsichtigte Hausarbeiten waren lange in vielen Fächern ein zentrales Instrument, um studentische Leistung zu bewerten. Sind sie mit KI am Ende – oder stehen sie einfach vor einer Transformation?
Wir erleben den Beginn eines anderen Verständnisses von Hausarbeit. Abschaffen können wir sie in den Geisteswissenschaften nicht, weil wir erwarten müssen, dass nach dem Studium wissenschaftliche Texte geschrieben werden können. Die Hausarbeit wird sich also verändern müssen, und mit ihr ihre Rolle in der Lehre. Die Lehrenden sollten sie flankieren durch eine bessere Vor- und Nachbereitung, Zwischenstände könnten als Referate präsentiert werden, optimalerweise sollte es nach Abgabe eine kleine Verteidigung geben. Soweit sind wir längst nicht, weil kaum etwas schwieriger und langwieriger ist als das Novellieren von Prüfungsordnungen. Ein KI-Verbot bei unbeaufsichtigten Prüfungen wird aber nicht funktionieren. Dann behaupten einfach alle, sie hätten keine KI genutzt, das Problem wird ins Dunkelfeld verlagert.
Also?
Die Antwort ist immer die gleiche: offen darüber sprechen, unter welchen Bedingungen eine KI-gestützte Hausarbeit weiter eine eigenständige Leistung ist. Copy and Paste ist keine eigenständige Leistung. Die Idee: Ich habe keine Ahnung, also frage ich die KI, und dann habe ich Ahnung, geht nach hinten los. Nachhaltige Be- und Überarbeitung ist dagegen nach geltender Kommentierung des Prüfungsrechts rechtskonform, aber was genau bedeutet das? Das müssen wir operationalisieren. Entscheidend ist: KI ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit dem Thema, sie setzt sie zwingend voraus. Ahnung muss ich mir klassisch aneignen. Nur dann kann ich KI-Ergebnisse prüfen, sinnvolle Fragen stellen und sie sinnvoll einsetzen.
Die Hausarbeit wird zum iterativen Prozess?
Ja, aber das war sie doch eigentlich immer schon. Früher hat man sich mit Kommilitonen über seine Arbeit unterhalten und hatte danach ein Argument, das man vorher nicht hatte. Noch früher haben diejenigen, die die Manuskripte abgetippt haben, auch Dinge verbessert oder dazugeschrieben. Nur hat man halt nicht in den Fußnoten festgehalten: Dieses Argument habe ich beim Mensa-Besuch mit XY bekommen. Man bekam eine Idee, einen Impuls und dachte ihn weiter.
Und nicht selten wurde auch ohne KI abgeschrieben, geklaut und geschönt.
Die Idealform wäre, dass man KI als Sparringspartner nutzt, um auf weitere Argumente zu kommen, sie aber nicht einfach übernimmt, sondern weiterrecherchiert. Dann werden Denkprozesse nicht abgekürzt, sondern erweitert. Dafür braucht man aber eine Grundlage. Und genau das könnte die Stunde der Geschichtswissenschaft werden, denn das ist die Wissenschaft des kritischen Hinterfragens von Quellen und Darstellungen und der Unterscheidung zwischen beiden.
"Wer glaubt, man könne durch den Einsatz von KI Zeit sparen,
setzt sie ohnehin falsch ein."
Eine mutige These. Haben Sie dafür ein Beispiel?
Ein Student hat mir neulich eine Arbeit gezeigt, die er mit Unterstützung von Claude geschrieben hat, und dabei sämtliche Interaktionen mit der KI offengelegt. Für eine normale Hausarbeit war das viel zu viel, die Dokumentation war länger als die Arbeit selbst. Aber es wurde klar: Nichts, was aus der Maschine kam, hat der Student einfach übernommen. Die menschliche Individualentscheidung überwog völlig. Wer glaubt, man könne durch den Einsatz von KI Zeit sparen, setzt sie ohnehin falsch ein.
Und in der Forschung?
Es gibt zum Beispiel Vintage-LLMs, die Antworten auf Basis von Texten generieren, die allesamt älter sind als, sagen wir, das Jahr 1920 oder 1850, und entsprechend nur auf das Wissen bis zu diesem Zeitpunkt zugreifen können. Wenn diese Sprachmodelle eine Frage beantworten, was ist das dann? Forschung? Wissenschaftskommunikation? Ein didaktisches Mittel? Das sind spannende Fragen, auf die ich spontan keine fertige Antwort habe. Wir können mithilfe von KI historische Entscheidungen anders modellieren, Muster in großen Textkörpern erkennen. Es gibt Kollegen, die Künstliche Intelligenz zur Handschriftenerkennung einsetzen. In manchen Bereichen läuft das seit Jahren, und kaum jemanden hat interessiert, dass es KI ist. Aber die Fantasie, was sich künftig alles mit KI machen lässt, könnte noch ausgeprägter sein.
Ist das der Kern Ihrer Aufgabe als KI-Referent: den Möglichkeitsraum für Ihr Fach auszuloten?
Es geht darum, den Raum zu öffnen und zu erweitern. Ich bin ja eigentlich promovierter Mediävist, ganz klassische Mittelalterforschung, Urkundenlesen und so etwas. Irgendwann bin ich zur Public History gekommen, also zur Geschichte im öffentlichen Raum, und habe mir Geschichtsdarstellungen in Podcasts, Videos und ähnlichen Formaten angeschaut. Dann kamen KI-generierte Geschichtsinhalte, und auf einmal war ich bei KI. In meiner eigenen Forschung widme ich mich jetzt der Geschichte der Technik. Eines der Kranzberg’schen Gesetze, formuliert vom amerikanischen Historiker Melvin Kranzberg, lautet: “Die Geschichte ist wichtig, aber die Geschichte der Technik ist am wichtigsten“. Mit der KI haben wir aber plötzlich eine Technologie, die selbst Geschichte oder zumindest historisches Storytelling, produzieren kann. Mich interessiert: Welche Ideologie der Maschinen spiegelt sich in KI-generierten Texten, Videos und Bildern? Dabei können wir viel von anderen Disziplinen lernen, und diese zugleich von uns. Denn KI ist kein Monopol der Techniker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Die Geisteswissenschaften haben dazu mindestens ebenso viel zu sagen.
Das Interview führte Jan-Martin Wiarda.
Kommentare
#1 - Die Zeit ist reif: KI ist Werkzeug, Kompetenzerwerb ist mehr
Tolles gehaltvolles Interview. Vielen Dank!
Viele Gedanken gelten gleichermaßen für die Biowissenschaften. Wir haben vorgestern einen Leifaden für für biologische Fakultäten und Studiengänge veröffentlicht.
als Hilfestellung für den Umgang mit KI als Werkzeug in Lehre, Studium, Prüfungen und Studiengangsentwicklung.
www.vbio.de/aktuelles/details/vbio/auf-den-kompetenzerwerb-kommt-es-an-biologieverband-legt-leitfaden-zur-ki-in-studium-und-lehre-vor
#2 - Das Geschäft mit der KI
Dass KI vor allem ein Milliardengeschäft ist und ständig in den Börsenberichten auftaucht, das wird natürlich (!?) mal wieder ausgeblendet. Verbote wären nun mal geschäftsschädigend, so wie Verbote von Smartphones für kleinere Kinder usw. Man achte bei Gelegenheit darauf, wie besonders hochrangige Leute bei solchen Fragen "herumeiern" und lieber die möglichen Verbote kritisieren als den möglichen Missbrauch. Beim Missbrauch zuckt man mit den Achseln nach dem Motto "können wir sowieso nicht verhindern".
#3 - Eine Zukunft ohne KI wird es für die Studierende nicht geben
Herzlichen Dank für das tolle Interview, dem ich mich voll anschließe. Da KI die Leistungsfähigkeit ihrer Nutzer/innen entscheidend hebeln kann, müssen wir unsere Studierenden so ausbilden, dass sie diesen Effekt nutzen können. Im besten Fall heisst das, dass wir als Dozierende unseren Fokus von der Qualität des Geschriebenen auf die Genauigkeit des Denkens verlagern. Dort liegt die entscheidende Kompetenz KI zur Ausarbeitung zu nutzen.
#4 - "Es geht darum, den Raum zu öffnen und zu erweitern"
Auch aus Kiel meinen ganz herzlichen Dank für das sehr lesenswerte Interview aus der Perspektive eines Historikers einer deutschen Universität. Die Aussagen (inklusive der Anfeindungen, die Herr Kubon erwähnt) spiegeln das aktuelle Spannungsfeld der universitären Auseinandersetzung mit generativer KI sehr anschaulich wider. Sebastian Kubon wünsche ich weiterhin viel Erfolg bei seinen Bestrebungen: "Es geht darum, den Raum zu öffnen und zu erweitern"!
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