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Die Mega-MINT-Lücke

Schon jetzt fehlen 20.000 Lehrer für Mathe, Naturwissenschaften und Technik – und laut MINT-Herbstreport werden es bis 2028 noch viel mehr. Und das ist das günstige Szenario.

DIE ZAHLEN SIND ABSTRAKT, aber ihre Auswirkungen werden die Bildungschancen gleich mehrerer Schülergenerationen prägen. Forschende des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln prognostizieren in ihrem MINT-Herbstreport: Allein in diesen Fächern soll der bundesweite Lehrkräftemangel innerhalb von fünf Jahren von rund 20.000 auf 34.000 Personen steigen, und erst im Jahr 2035 schrumpft die Lücke wieder unter die 10.000er-Marke. 

 

Wie das kommt, erklärt Studienleiter Axel Plünnecke im Spiegel: Bis zum Schuljahr 2032/2033 werde die Schülerschaft in Deutschland stark wachsen. "In den 2010er-Jahren wurden in Deutschland wieder deutlich mehr Kinder geboren als im Jahrzehnt davor. Durch die Zuwanderung kommen weitere Kinder und Jugendliche an unsere Schulen. Deren Zahl lässt sich allerdings schwerer vorhersagen."

 

Letzteres Argument führen die Kultusminister gern an, wenn sie gefragt werden, wie sie über viele Jahre so am heutigen Bedarf haben vorbeiplanen konnten.

 

Die letzte Modellrechnung der Kultusministerkonferenz (KMK) zum Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot stammt von März 2022, sie differenziert aber nicht nach einzelnen Fächern. Weshalb die KMK die vom IW Köln errechnete Größenordnung auch nicht kommentiert. Ein Sprecher sagt jedoch auf Anfrage, es lasse sich grundsätzlich festhalten, "dass generell ein Lehrkräftemangel für die MINT-Fächer – mit Ausnahme der Biologie – für alle Schularten besteht. Dies lässt sich aus den uns vorliegenden Daten allerdings nicht exakt quantifizieren."

 

Ohne Quereinsteiger wäre
die Lücke dreimal so groß

 

Auftraggeber des MINT-Reports sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Initiative "MINT Zukunft schaffen".

 

Tatsächlich könnte die reale MINT-Lehrerlücke laut IW Köln sogar noch größer ausfallen. Die Forscher erwarten, dass im Jahr 2034 rund 89.000 grundständig ausgebildete MINT-Lehrkräfte fehlen werden, dreimal so viele wie heute. Nur mit einem mutigen Krisenmanagement und der Anwerbung von möglichst vielen Quereinsteigern könne es gelingen, den Mangel in den Schulen viel geringer zu halten und, siehe oben, schon von 2028 an zu drücken. 

 

Im Spiegel-Interview spricht Plünnecke von einem "ganzen Bündel an Maßnahmen", die der Report vorschlägt: die großzügige Anerkennung der Abschlüsse ausländischer Lehrkräfte, der Einstieg von HAWs in die Ausbildung von Berufsschullehrern, Einfach-Lehrkräfte und kürzere Ausbildungszeiten "gerade bei Quereinsteigern".

 

Viele dieser Vorschläge dürften auch in den Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz eine Rolle spielen, die für Anfang Dezember erwartet werden. Wobei kaum vorstellbar ist, dass das mit den kürzeren Ausbildungszeiten gerade bei Quereinsteigern ohne weitere Qualitätsverluste abgeht. 

 

Die Bildungspolitik muss
sich ehrlich machen

 

Hier muss sich die Bildungspolitik ehrlich machen: Ganz gleich, wie reformfreudig sich Kultusminister, lehrerbildende Hochschulen und Lehrerbildungs-Seminare erweisen, das Strecken nach mehr Quantität kann und wird nicht ohne Folgen für die Kompetenzen künftiger Lehrkräfte bleiben können – und für diejenigen ihrer Schüler. 

 

Um die Einbußen aber so gering wie möglich zu halten, ist umso mehr politischer Mut gefragt. Der Mut zur Priorisierung auf das Wesentliche an Inhalten und Methoden. Zur Formulierung eines gemeinsamen Mindeststandards der Lehrerbildung in Zeiten der Personalnot. Und dieser Mindeststandard muss dann für wirklich die Ausbildung alle Lehrkräfte gelten, auch für alle Quereinsteiger.

 

Über alle Berufe hinweg gibt der MINT-Report die Fachkräftelücke mit rund 285.800 Personen an. Sie ist deshalb wieder unter 300.000 zurückgegangen, weil die Konjunkturlage so mies ist. Auch die nahe Zukunft sieht nicht gut aus: Zwischen 2005 und 2015 stieg der Anteil der MINT-Fächer an allen Hochschulabsolventen noch von 31,3 auf 35,1 Prozent, seitdem ist er wieder auf 32,5 Prozent gesunken. In den 285.800 sind die Lehrkräfte übrigens noch gar nicht enthalten, denn die Lücke beziffert nur sozialversicherungspflichtige MINT-Berufe, zum Beispiel Ingenieur, Informatiker, oder Mechatroniker.

 

Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), die dieses Jahr Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist, sagte, es bedürfe einer umfassenden Strategie, um dem anhaltenden Fachkräftemangel in MINT-Berufen und dem akuten Lehrkräftemangel in MINT-Fächern zu begegnen. "Dies beinhaltet eine gezielte Berufsorientierung, die individuelle Talente und Interessen im MINT-Bereich fördert, die flexiblere Einsetzung von Lehrkräften in MINT-Fächern, die Förderung von Umschulungs- und Quereinsteigerprogrammen sowie gezielte Werbemaßnahmen zur Fachkräftegewinnung." Es müsse gelingen, den Schülerinnen und Schülern die Vielfalt und Möglichkeiten der MINT-Berufe von der Facharbeiterin bis zum Akademiker erfahrbar zu machen. "Das gelingt am besten, wenn wir die Freude und Neugier am Experimentieren, Forschen und Entdecken bereits in der frühkindlichen Bildung fördern."


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Kommentare: 1
  • #1

    Lehrerkind (Dienstag, 14 November 2023 07:45)

    Der Mangel an MINT-Lehrkräften wird durch den Fachkräftemangel noch verstärkt. Und gerade im Gymnasialbereich ist die Lehramtsausbildung in den MINT-Fächern ein absolutes Stiefkind, weil das ja "nur" die Lehrämtler sind, die fachlich zu wenig ECTS-Punkte belegen und für die Forschung nicht interessant sind. Lehramtsstudium und das Lehramt an sich müssen attraktiver werden und mehr Wertschätzung erfahren.