Die neue Geografie des Ausländerstudiums
Wie sich die geopolitischen Verschiebungen in der internationalen Studierendenmobilität niederschlagen. Ein Gastbeitrag von Britta Baron.
Foto (Symbolbild): Sam Balye, Unsplash.
WÄHREND SICH DIE GEOPOLITIK global neu sortiert, erlebt auch die internationale studentische Mobilität eine Umorientierung. 1970 gab es rund eine Million Studierende, die im Ausland eingeschrieben waren. Seit den 1990er Jahren hat sich das Ausländerstudium zu einem Boom entwickelt, die Zahl der internationalen Studierenden ist auf mehr als sieben Millionen gestiegen. Bis zum Jahr 2033, so wird angenommen, könnte sie bei zehn Millionen liegen.
In Großbritannien forderte die Thatcher-Regierung 1980 von den Hochschulen, dass ausländische Studierende "full cost fees" zahlen sollten. Andere angelsächsische Länder folgten dieser Politik. Das Ausländerstudium wurde vor allem in Australien, aber auch in den USA und später in Kanada zu einem bedeutenden Exportgut und zu einem lukrativen Geschäft für die Universitäten. Im Jahr 2022 schätzte die kanadische Regierung die Einkünfte durch ausländische Studierende auf 37 Milliarden kanadische Dollar, 1,2 Prozent des kanadischen BIP. In den USA waren es 2023/24 43,9 Milliarden US-Dollar, 375.000 Arbeitsplätze wurden durch die Einkünfte finanziert. Regierungen wie Hochschulen taten ihr Möglichstes, um die Zahlen ausländischer Studierender zu steigern. Das galt selbst für Länder wie Frankreich oder Deutschland, die keine oder nur geringe Studiengebühren erheben. Wissenschaft und Politik sahen in den Zahlen ausländischer Studierender einen Indikator für die eigene Attraktivität als "Studienstandort", der eine Stärkung der eigenen "Soft Power" im globalen Kontext zu versprechen schien.
Heute teilen die "Big Four", also die USA, Australien, Kanada und das Vereinigte Königreich, mehr als 40 Prozent des Weltmarkts unter sich auf, privilegiert durch die englische Sprache, aber auch durch das starke akademische Prestige der dortigen Hochschulen. Während die USA in absoluten Zahlen die globale Nummer eins sind, ist es Australien, das sich als das Land mit dem höchsten Anteil von ausländischen Studierenden an der Gesamtstudierendenschaft platzierte. Auch Deutschland hat gut mitgehalten, trotz des Konkurrenznachteils einer Sprache, die als schwer zu erlernen gilt. Laut einer Schnellabfrage des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) waren Ende 2025 rund 420.000 internationale Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben.
Unterschiedliche Beweggründe, dieselbe Skepsis
In den vergangenen zwei Jahren werden nun neue politische Strategien deutlich. Vor allem in den "Big Four" relativiert sich das Interesse an ausländischen Studienbewerbern und tritt zurück hinter anderweitigen innenpolitisch gesetzten Prioritäten. Besonders ausgeprägt ist dies in Kanada zu beobachten, das noch 2023 über eine Million ausländische Studierende verzeichnete. Hier zog die Regierung die Bremse und erließ stark reduzierte Quoten für die Neuzulassung internationaler Studienanfänger. Statt 550.000 soll ihre Zahl nur noch bei 180.000 liegen. Zugleich schränkte die Regierung die Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit neben dem Studium ebenso ein wie die Chancen auf eine dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung nach Beendigung des Studiums. Auch in den USA begrenzte die Trump-Regierung die Visaerteilung, allerdings in geringerem Umfang als der nördliche Nachbar, sodass die Zahl der ausländischen "Undergraduates" 2025 um sechs Prozent sank, die der ausländischen Graduates um 19 Prozent.
Auch wenn die Regierungen der Big Four die neue Skepsis gegenüber ausländischen Studierenden teilen, unterscheiden sich die innenpolitischen Beweggründe:
• In den USA geht es um eine allgemeine Beschränkung des Zuzugs von Ausländern im Rahmen der MAGA-Bewegung, die das eigene Land durch die vermutete übermäßige Präsenz von Ausländern belastet sieht. Ausländer stellten angeblich ein Sicherheitsrisiko dar und belasteten die staatlichen Sozial- und Gesundheitshaushalte. Die massiven finanziellen Nachteile, die den Hochschulen durch den Verlust von Einnahmen aus ausländischen Studiengebühren entstehen, werden durch die Regierung nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern vermutlich als strategisches Mittel begriffen, um die Hochschulen zu schwächen. Überraschend ist, dass vorrangig die Anwerbung ausländischer Doktoranden und Postdocs erschwert wird, obwohl diese für die Leistungsfähigkeit amerikanischer Wissenschaft besonders wichtig sind. Die Gebühren für die Erteilung von "H-1B"-Visa, also die Arbeitserlaubnis für ausländische Fachkräfte, die vor allem in der IT-Industrie und der Forschung zum Einsatz kommen, wurden mit 100.000 US-Dollar pro Visum in prohibitive Höhe gesteigert.
• In Kanada war es vor allem die Krise auf dem Wohnungsmarkt, die die Regierung im Jahr 2023 zum Handeln veranlasste. Dass dies zulasten der ohnehin finanziell angespannten Lage der Hochschulen ging, war offenbar aus Sicht der Regierung nicht relevant. Allein in der Provinz Ontario mussten die hart betroffenen nicht-universitären Hochschulen, die Colleges, 8.000 bis 10.000 Mitarbeiterstellen streichen und 600 Studiengänge schließen. Paradox erscheint hier, dass jener Bereich des Hochschulwesens am meisten leidet, der für Relevanz und arbeitsmarktorientierte Ausbildungsprofile steht. Anders als in den USA hat die kanadische Regierung den Bereich des Graduiertenstudiums geschützt und von den Zulassungsgrenzen ausgenommen. Zudem wurde im Herbst 2025 ein mit 1,7 Milliarden kanadischen Dollar ausgestattetes "Global Talent"-Anwerbeprogramm verkündet. Laut Regierung zielt ihre Einwanderungspolitik jetzt vornehmlich auf die Anwerbung hochqualifizierter Arbeitskräfte ab.
• Auch Australien will den ungehinderten Zuzug ausländischer Studierender regulieren. Ziel ist, sie aus den Ballungszentren um die Metropolen Sydney und Melbourne auf schwächer besiedelte und wirtschaftlich weniger entwickelte Regionen umzuleiten. Während der Corona-Pandemie hatte die Regierung die Mobilität ausländischer Studierender besonders massiv eingeschränkt, was die australischen Universitäten finanziell nachhaltig belastete und bis heute noch nicht kompensiert wurde.
• In Großbritannien wird die Regierung von den Hochschulen demnächst eine jährliche Gebühr von 925 Pfund pro internationalem Studierenden verlangen – zusätzlich zu den bereits exorbitant hohen Studiengebühren. Allerdings sollen EU-Studierende wieder mit inländischen Studierenden gleichgestellt werden, was das Studium für sie deutlich verbilligt. Insgesamt jedoch zeichnet sich im Zusammenspiel massiv gestiegener Gebühren und Lebenshaltungskosten ein nachlassendes Interesse ausländischer Studienbewerber ab.
In der Zusammenschau ist das Regierungshandeln der Großen Vier nicht mehr auf die Förderung des Ausländerstudiums gerichtet, sondern auf dessen Eindämmung beziehungsweise Regulierung. Die Präsenz ausländischer Studierender soll nationalen Interessen eindeutiger zu- oder untergeordnet werden. Wie sich etwa in Kanada zeigt, bewirken solche politischen Strategien, dass diese Länder bei ausländischen Studienbewerbern als weniger gastfreundlich und offen wahrgenommen werden. Die Zahl der ausländischen Bewerber ist in Kanada so stark eingebrochen, dass selbst die massiv reduzierten Zulassungsquoten der Regierung nicht erreicht werden konnten.
Deutschland als Sonderfall
Von diesen neuen politischen Orientierungen profitieren einige bisher auf dem Weltmarkt für ausländische Studierende nur schwach vertretene Länder wie China, Südkorea, Hongkong, Malaysia oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Staaten sehen das Studieninteresse ausländischer Studierender weiter als Indikator für ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit. Allerdings dürften auch demografische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, da vor allem in Ostasien der Geburtenrückgang große Probleme verheißt: für die Überlebensfähigkeit der Hochschulen und ebenso für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Fachkräften. Kommerzielle Interessen wie in den Big Four spielen hier in der Regel eine weniger wichtige Rolle.
In Deutschland und Frankreich zeichnen sich aktuell keine Tendenzen ab, dem Beispiel der Großen Vier zu folgen. Zwar läuft auch dort eine aufgeheizte Debatte über den Zuzug von Ausländern, doch wirkt sich diese bislang nicht auf ausländische Studierende aus. Zugleich spielen die finanziellen Erträge durch Studiengebühren in den strategischen Überlegungen von Universitäten und Regierungen (noch) keine Rolle. Stattdessen verfolgen Hochschulen in Regionen mit Bevölkerungsschwund die Strategie, mit ausländischen Studierenden ihre Studienplätze auszulasten.
So hat Deutschland inzwischen weltweit Platz drei bei den Zahlen ausländischer Studierender eingenommen. Sowohl der Fachkräftemangel als auch die breitere demografische Entwicklung gelten hier als politisch gute Gründe, keine Abkehr von einer "Willkommenskultur" einzuleiten. Was mit einem für Wissenschaft und Gesellschaft nicht zu unterschätzenden Standortvorteil zu tun hat: Statt der Entkopplung von Hochschulen und Politik in den Big Four und besonders in den USA üben beide in Deutschland im Kampf gegen Rechtsaußen den Schulterschluss.
Britta Baron lebt seit 2006 in Kanada. Sie war unter anderem Leiterin der DAAD-Außenstelle USA/Kanada und Associate Vice-President International an der University of Alberta. Sie ist Mitglied der US-amerikanischen National Academy of International Education.
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