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Wenn Bildung gegen Bildung ausgespielt wird

Auf der "didacta" wird über die Zukunft der Bildung gesprochen – während Kitas und Hochschulen politisch um dieselben vier Milliarden konkurrieren. Ein Protestpapier legt den Konflikt zum Messestart offen.
Bild von der didacta Bildungsmesse 2025.

Aufnahme von der didacta Bildungsmesse 2025, Screenshot von der Website des didacta-Verbands. 

AM DIENSTAG BEGINNT IN KÖLN Europas größte Bildungsmesse, und wie jedes Jahr wird die "didacta" an ein überdimensioniertes Klassentreffen erinnern. Zwischen den Ständen, Präsentationsflächen und Veranstaltungsbühnen treffen sich Bildungsunternehmer, Erziehungswissenschaftler und Didaktiker, Eltern, Lehrer, Erzieher und Schüler, Bildungspolitiker – und jede Menge Lobbyisten.

Der Ausrichter der Messe ist selbst ein Lobbyclub. 240 Verlage, Schul- und Kita-Ausstatter, Kitaträger, Softwareanbieter, Fachorganisationen und Bildungsstiftungen haben sich im "Didacta"-Verband zusammengeschlossen. Dass sie sich dafür einsetzen, dass mehr Steuergelder in die Bildung fließen, ist insofern wenig überraschend.

Bemerkenswert ist allerdings, mit welcher Vehemenz das Positionspapier formuliert ist, das an diesem Montag vom "Didacta"-Verband veröffentlicht wird und das dem Wiarda-Blog vorab vorlag. "Irritierend" und "unfair" sei die Entscheidung der Bundesregierung, die für Neubau und Sanierung von Kitas vorgesehenen Milliarden jetzt zwischen Kitas und Hochschulen aufzuteilen – und beide Bildungsbereiche auf diese Weise "in Konkurrenz um knappe Mittel zu bringen".

Hintergrund: Im Juli 2025 hatten Union und SPD ihren sogenannten "Wachstumsbooster" vereinbart und beschlossen, den Ländern als Ausgleich für die Steuerausfälle bis 2029 jährlich eine Milliarde Euro für Bildungsinvestitionen zu überweisen, aus dem Sondervermögen "Infrastruktur und Klimaneutralität" – davon 940 Millionen für die Kitas und lediglich 60 Millionen für eine im Koalitionsvertrag angekündigte Schnellbauinitiative im Hochschulbereich.

Der kleine Topf im großen Sondervermögen

Im November 2025 die Wende: Auf Drängen der Länder, insbesondere ihrer Wissenschaftsminister, gab die Bundesregierung nach und machte beide Haushaltstitel "deckungsfähig". Das bedeutet, dass die Länder – verteilt nach dem Königsteiner Schlüssel – selbst entscheiden dürfen, wie viel der Milliarde in Kitas und wie viel in Hochschulgebäude fließt. Die Entscheidung verwandelte eine ursprünglich klare politische Schwerpunktsetzung zugunsten der frühkindlichen Bildung in einen frei verschiebbaren Investitionstopf für zwei sehr unterschiedliche Teile des Bildungssystems.

Dass es insgesamt nur vier Milliarden gibt, begründet der Bund mit den 100 Milliarden, die Länder und Kommunen ohnehin aus dem Sondervermögen erhalten. Die seien vor allem auch für die Bildungsinfrastruktur gedacht, da müssten die Länder halt ihrerseits die richtigen Prioritäten setzen.

Die Hochschulen frohlockten jedenfalls, denn sie wussten: Ihre Lobbyarbeit hatte sich ausgezahlt – nicht zuletzt, weil sie politisch deutlich besser organisiert sind als die fragmentierte Kita-Landschaft. Immer wieder hatten sie öffentlichkeitswirksam auf den massiven Sanierungsstau hingewiesen, unter dem sie leiden – je nach Rechnung zwischen 60 Milliarden (laut Hochschulkanzlern) und schier unvorstellbaren 140 Milliarden Euro (laut Wissenschaftsministern). Auch wähnen sie die Demografie auf ihrer Seite: Die Zahl der Studierenden, derzeit knapp 2,9 Millionen, soll bis in die 30er Jahre auf neue Rekorde steigen.

Während sich die Zahl der Geburten in Deutschland – und damit der künftigen Kitakinder – im freien Fall befindet: von rund 795.000 im Jahr 2021 auf etwa 650.000 vier Jahre später. Ein Minus um mehr als ein Sechstel, wobei die Entwicklung regional stark unterschiedlich ist, etwa zwischen Ost und West und zwischen Stadt und Land. Und doch werden sie zahlreicher, die Meldungen über Kitas, die ihre Plätze nicht mehr vollbekommen oder gar vor der Schließung stehen.

Später Protest

Also doch die richtige Entscheidung der Bundesregierung? Nicht, wenn es nach dem "Ausschuss Frühe Bildung" des "Didacta"-Verbands geht. Dessen Positionspapier kontert die neue Verteilungslogik mit einer klaren Prioritätenforderung: Wenn der Staat wirklich effizient investieren wolle, müsse das Geld vor allem in Kitas fließen, wo laut Studien die gesellschaftliche Rendite mit sieben bis zehn Prozent am höchsten sei. Wer Mittel stattdessen in späteren Bildungsstufen ausgebe, müsse deutlich geringere Effekte und höhere Folgekosten in Kauf nehmen.

Bemerkenswert an der "Didacta"-Stellungnahme ist jedoch nicht nur ihr scharfer Ton. Der Verband, auf dessen Messe auch zahlreiche Hochschulen als Aussteller auftreten, hält die Botschaft für so wichtig, dass er sie am Tag vor dem Messestart positioniert, wenn die öffentliche Wahrnehmung am höchsten ist. Natürlich geht es den Unternehmen unter den „Didacta“-Mitgliedern auch ums künftige Geschäft. Bemerkenswert ist allerdings noch etwas Drittes: dass der Protest erst jetzt kommt. Vier Monate nach der Entscheidung. Hat man diese vorher nicht richtig mitbekommen? Was kein Wunder wäre, denn trotz ihrer bildungspolitischen Brisanz hatte sie so bislang kaum Wellen geschlagen.

In der Zwischenzeit haben Bund und Länder Tatsachen geschaffen, und erneut waren die Wissenschaftsminister auf Zack: Ihre Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat bereits vor vier Wochen die nötige Bund-Länder-Vereinbarung für den Hochschulbau verabschiedet. Das entsprechende Abkommen zu den Kitas stand da noch aus.

Doch auch wenn die Hochschulen jetzt offensichtlich die besseren Karten haben im länderinternen Poker um die insgesamt vier Milliarden, ist der eigentliche Skandal, den der "Didacta"-Verband zu Recht benennt und der an Kitas und Hochschulen gleichermaßen Empörung hervorrufen sollte, ein anderer: dass hier zwei Bildungsbereiche gegeneinander in Stellung gebracht wurden.

Der Trend im Hintergrund

Erst lässt man Kitas und Hochschulen jahrelang bei Sanierung und Modernisierung zurückfallen, dann stellt man ihnen aus einem hunderte Milliarden schweren Sondervermögen nur einen Mini-Topf hin – und lässt sie auch noch darum kämpfen. So dass Lobbyarbeit für die Hochschulen auf Kosten der frühkindlichen Bildung geht – und umgekehrt. Teil des Skandals ist auch, dass das in der Öffentlichkeit offenbar kaum jemanden wirklich interessiert, sonst wäre die Entscheidung nicht bis jetzt weitgehend unter dem Radar geblieben.

Hier manifestiert sich ein gesellschaftlicher Trend, dessen Existenz sich immer weniger verleugnen lässt. Eine alternde Gesellschaft interessiert sich immer weniger für ihre eigene Zukunft, sprich: die immer kleiner werdende junge Generation. Die Liste der Beispiele wird länger. Sie reicht von in der Pandemie geschlossenen Kitas und Schulen, während Büros und Fabriken offen waren, über schleunigst beschlossene Rentenpakete, während die versprochene große BAföG-Reform im Finanzstreit der Koalition festhängt – bis hin zu einem Bundeskanzler Friedrich Merz, der einen erneuten Tankrabatt vor dem Wochenende nicht ausschloss, obwohl Wirtschaftsexperten sich einig sind, dass dieser purer Populismus wäre und sozial ineffektiv.

Nur kurz zum Vergleich: Der letzte Tankrabatt im Sommer 2022 kostete 3,15 Milliarden Euro. Pro Monat so viel, wie Kitas und Hochschulen sich jetzt pro Jahr teilen sollen. JMW.

Kommentare

#1 -

Sabine Gessenich | Di., 10.03.2026 - 09:21

Vielen Dank für den wichtigen Beitrag.

Ich arbeite als Lernberaterin und Lerntherapeutin mit Grundschulkindern und sehe die Folgen dieser strukturellen Prioritätensetzung sehr konkret. Viele Kinder kommen erst zu uns, wenn sie bereits mehrere Jahre schulische Misserfolge erlebt haben – häufig mit massiv beschädigtem Selbstwert und teilweise mit der Diagnose einer (drohenden) seelischen Behinderung nach §35a SGB VIII.

In der Praxis zeigt sich immer wieder: Die eigentliche Herausforderung ist dann nicht nur das Lesen-, Schreiben- oder Rechnenlernen, sondern zunächst der Wiederaufbau von Selbstvertrauen und Lernmut.

Deshalb erscheint mir die Frage nach Investitionen in frühe Bildung auch aus dieser Perspektive zentral: Je früher Unterstützung erfolgt, desto seltener müssen wir später versuchen, solche Brüche wieder zu reparieren.

#2 -

Kai Schulz | Mi., 11.03.2026 - 16:22

"Die alternde Gesellschaft ist weder kindgerecht noch gerecht zu Kindern." Das ist der erste Satz im wirklich bahnbrechenden Buch von Mafaalani, Kurtenbach und Strohmeier: "Kinder - Minderheit ohne Schutz"

Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen, um zu verstehen, warum es in Deutschlands Bildungslandschaft so schief läuft und vor allem, warum wir das dringend ändern müssten. 

Das erste Kapitel gibt es kostenlos als Leseprobe beim Verlag oder der BPB, dort gibt es mittlerweile eine sehr günstige Ausgabe zu bestellen. 

Auf jeden Sechsjährigen kommen mittlerweile zwei Sechszigjährige. Das kann nicht funktionieren. 

 

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