Angst, Anfeindungen, "kodierter" Antisemitismus
Antisemitische Vorfälle bestimmen nicht allein das Klima an den Hochschulen für jüdische Studierende. Ihre jüdische Identität wird dauernd politisiert, sie müssen sich erklären oder ideologisch positionieren. Eine Analyse.
EVELYN DELLER STUDIERT Kunst in Münster, aber die Kunstakademie hat sie vergangenes Semester nur ein einziges Mal von innen gesehen. Die Anti-Israel-Flyer, die antisemitischen Schmierereien in den Toiletten, die Posts ihrer Mitstudierenden auf Instagram – "das war zu viel für mich", sagt sie.
Evelyn Deller ist Jüdin, ihre Familie ist aus der Ukraine nach Deutschland eingewandert. Der 24. Februar 2022, als Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine startete, habe ihre Welt zum ersten Mal auf den Kopf gestellt, sagt sie. Der 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen in Israel einfielen, über 1.200 Menschen töteten und Hunderte als Geiseln nahmen, sei der zweite Wendepunkt für sie gewesen. "Seitdem lebe ich doppelt im Ausnahmezustand."
Deutschlands Hochschulen haben knapp 2,9 Millionen Studierende. Wie viele davon jüdisch sind, weiß niemand genau. Einige Tausend, schätzt die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD). Fest steht: Der Hamas-Terrorangriff sei "für viele von uns eine extreme Zäsur" gewesen, sagt JSUD-Präsident Ron Dekel im Interview. "Ich kenne kaum jüdische Studierende, deren Freundeskreis, deren soziales Umfeld nicht massiv erschüttert wurde." Was aber bedeutet diese Zäsur praktisch im Leben der Studierenden? Evelyn Deller sagt, die Rektorin der Kunstakademie habe klar Stellung bezogen gegen jede Form des Antisemitismus, Studierendeninitiativen hätten die Schmierereien verurteilt und entfernt. Und doch: "Wenn jetzt das neue Semester beginnt, habe ich wieder Angst hinzugehen." An der Universität, wo sie parallel Kunstgeschichte und Philosophie studiert, sei es etwas besser. Aber auch hier schaue sie genau, wer sich neben sie setze; bei neuen Dozenten recherchiere sie, ob sie sich irgendwie zu Israel geäußert haben. Sie sei jetzt im zehnten Semester, unkonzentriert und komme nicht mehr hinterher. "Ich gehe in die Bibliothek und fühle mich ausgesetzt."
450 antisemitische Vorfälle
Viele jüdische Studierende trauten sich nicht mehr, sich auf dem Campus als Juden zu "outen", sagt die Soziologin Julia Bernstein. Sie ist Professorin und Antisemitismusforscherin an der Frankfurt University of Applied Sciences und Vorsitzende des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender (NJH). "Wir haben uns Ende 2023 als eine Art Notgemeinschaft gegründet, um jüdischen Hochschullehrenden eine Stimme zu geben", sagt Bernstein. "Und um an der Seite der jüdischen Studierenden zu stehen." Viele jüdische Studierende, Lehrende und Hochschulmitarbeitende fühlten sich an ihren Universitäten nicht mehr sicher bzw. würden mit Bedrohungen konfrontiert. 8.627 antisemitische Vorfälle bundesweit registrierte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) für 2024, ein Anstieg um fast 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr. An den Hochschulen sei die Steigerung noch drastischer gewesen. So seien im gesamten Jahr 2023 bis zum 7. Oktober nur 23 Vorfälle gemeldet worden, im restlichen Jahr weitere 128. Und im Jahr 2024 dann sogar 450 – verteilt auf Hochschulen in 56 Städten, darunter 15 Angriffe, zwei gezielte Sachbeschädigungen, 15 Bedrohungen und 147 als antisemitisch eingestufte Versammlungen, darunter auch Protestcamps. Die Zahlen für 2025 hat RIAS noch nicht veröffentlicht.
Für Evelyn Deller sind das keine abstrakten Zahlen. Bei einem Konzert des Uniorchesters, berichtet sie, hätten Studierende mit Kufiya sie erkannt, Finger auf sie gezeigt, propalästinensische Lieder gesungen. "Ein Freund von mir wurde als Genozid-Befürworter beschimpft." Und dann war da dieses Radiointerview, sagt Deller: "Ein Kandidat der Sozialistischen Liste meinte, jüdische Studierende müssten sich nicht fürchten, aber wenn sich Zionisten auf dem Campus nicht mehr sicherfühlten, sei das ein Zugewinn."
Permanente Politisierung
Als eines seiner ersten Projekte, sagt die NJH-Vorsitzende Julia Bernstein, habe das Netzwerk bundesweit über 100 jüdische Vertrauensdozierende benannt, an die sich Studierende wenden und ihre Sorgen und Erfahrungen schildern können – denn sie haben oft wenig Vertrauen in bestehende Strukturen oder Antisemitismusbeauftragte. "Die Betroffenenperspektive steht im Zentrum unserer Arbeit", sagt Bernstein, die selbst im Auftrag der Stadt München 33 jüdische Münchnerinnen und Münchner zwischen 18 und 35 Jahren zu ihrer Lebensrealität vor und nach dem 7. Oktober befragt hat.
"Zwischen Verstecken und Flagge zeigen" heißt die Studie, und sie bietet ein eindrückliches Bild. Studierende berichten, es sei ihnen nicht mehr möglich, einfach nur Studierende zu sein, weil sie ständig gezwungen seien, ihre Identität zu erklären oder sich ideologisch zu positionieren. Sie erlebten eine permanente Politisierung jüdischer Identität – selbst in Situationen, die eigentlich nichts mit Politik zu tun hätten. So würden sie zur Projektionsfläche für ideologische Konflikte und Israelhass. Die Folge: psychosomatische Reaktionen, Stress und Rückzug in die jüdische Community nach antisemitischen Erfahrungen.
Ein scharfer Kontrast zu den vielen offiziellen Beileids- und Solidaritätsbekundungen, die deutsche Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen nach dem Hamas-Angriff formulierten. Schon wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023 beschloss die Wissenschaftsministerkonferenz einen "Aktionsplan gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit". Landesaktionspläne wurden ebenso installiert wie zentrale Anlaufstellen oder Krisen- und Notfallpläne. Je nach Hochschule gibt es inzwischen verpflichtende Schulungen für Lehrende und Mitarbeitende, Ringvorlesungen oder Zertifikatsprogramme wie "Antisemitismuskritische Bildung".
Studierende deutlich weniger antisemitisch
Die Hochschulrektorenkonferenz startete das "Kompetenznetzwerk Antisemitismusprävention an Hochschulen". Gefördert vom Bundesforschungsministerium, soll es die Antisemitismusbeauftragten der Hochschulen vernetzen und ihren Wissensaustausch über die Erforschung und Prävention von Antisemitismus ermöglichen.
Derweil lautet das Ergebnis einer bundesweiten Befragung der Konstanzer AG Hochschulforschung, dass antisemitische Einstellungen unter Studierenden mit sechs Prozent deutlich weniger verbreitet seien als in der Gesamtbevölkerung (20 Prozent). Zwischen der ersten Befragungswelle Ende 2023 direkt nach dem Hamas-Angriff und der zweiten mit über 1.800 Studierenden genau ein Jahr später habe sich der Anteil antisemitischer Einstellungen kaum verändert, sagt Studienleiter Thomas Hinz. "Sehr wohl aber die Einstellungen gegenüber Israel. Die Kritik an dessen militärischem Vorgehen ist deutlich verbreiteter. Und es gibt inzwischen eine beachtliche Indifferenz, was Israels Existenzrecht angeht." Nur: Ist Letzteres nicht auch Antisemitismus?
Vier Prozent der Befragten gaben an, an propalästinensischen Protesten teilgenommen zu haben – aber nur ein Prozent an proisraelischen. Auch zeigt sich eine bemerkenswerte Beobachtungslücke: Lediglich 13 Prozent der befragten Studierenden geben an, an ihrer Hochschule antisemitische Vorfälle wahrgenommen zu haben – im Gegensatz zu rund 40 Prozent der Hochschulleitungen.
"Es fehlen belastbare Studien, die jüdische Perspektiven ins Zentrum stellen und uns Daten liefern würden", sagt Julia Bernstein. Die Konstanzer Befragung liefere zwar einige gute Daten, messe aber den israelbezogenen Antisemitismus nicht zuverlässig. "In der Studie steht auch, Antisemitismus sei an Hochschulen weniger ausgeprägt – das entspricht weder dem Erleben von Jüdinnen und Juden noch den RIAS-Zahlen, nach denen die Betroffenen am häufigsten israelbezogenen Antisemitismus nennen." Und sie fügt hinzu: "Egal, was man sagt – selbst wenn man verbeamteter deutscher Hochschullehrender ist, reicht bei einigen schon die Herkunft aus Israel zur Dämonisierung."
Dieser oft "kodierte Antisemitismus" werde zu wenig erfasst: wenn nicht explizit von Juden gesprochen werde, sondern Parolen skandiert würden wie "Zionisten töten" oder "Globalize the Intifada". Dabei, sagt Bernstein, mache der kodierte Antisemitismus den Kern des häufig links geprägten Antisemitismus an den Hochschulen aus. "Und es sind diese Parolen, die es jüdischen Studierenden unmöglich machen, sich frei auf dem Campus zu bewegen oder ihre jüdische Identität offen auszuleben."
Studienleiter Hinz sagt, dass in der Studienstichprobe nur sehr wenige Befragte angegeben hätten, Juden zu sein. "Was die zwölf Studierenden berichten, bestätigt aber in der Intensität des erlebten Antisemitismus deutlich, was etwa die Jüdische Studierendenunion berichtet." Insgesamt, sagt JSUD-Präsident Ron Dekel, sei die Lage an den Hochschulen weiter schlecht. "Aber ja, es gibt ein paar Hochschulen, bei denen es besser läuft als bei anderen." Hochschulen, deren Leitungen sich frühzeitig positioniert hätten und klare Kante zeigten. "Das Spannende ist: Wo jüdisches Leben in den Vordergrund gerückt wird, gibt es weniger Protestcamps, weniger Schmierereien, weniger antisemitische Ausfälle in öffentlichen Veranstaltungen – und weniger Übergriffe."
Konsequent: TU München
Eine Hochschule, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist die Technische Universität München. Man setze auf eine Mischung aus klaren Regeln, niedrigschwelligen Beschwerdewegen – und Konsequenz, sagt TUM-Präsident Thomas F. Hofmann. Die TUM habe früh einen "Respect Guide" eingeführt, eine Art Verhaltenskodex für den Umgang an einer internationalen Universität, in der inzwischen fast jeder zweite Studierende aus dem Ausland kommt. Antisemitisches Verhalten gehöre darin ausdrücklich zu dem, "was bei uns nicht akzeptiert ist", sagt Hofmann. Gleichzeitig gebe es mit dem TUM Compliance Office eine zentrale Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können, wenn sie sich diskriminiert oder bedrängt fühlen. "Wichtig ist, dass die Studierenden und Mitarbeitenden eine Adresse haben, wo sie hingehen können", sagt Hofmann. "Dass sie nicht erst lange suchen müssen."
Wenn es zu Vorfällen komme, greife die Universität durch. Bei einer Veranstaltung mit der Oracle-Chefin Safra Katz etwa hätten rund 15 bis 20 Besucher*innen antisemitische Parolen gerufen, berichtet Hofmann. Sie seien zunächst aufgefordert worden, den Hörsaal zu verlassen, schließlich habe Sicherheitspersonal sie entfernt. Auch eine nicht angemeldete Veranstaltung mit antisemitischen Parolen und ein Besetzungsversuch seien mithilfe der Polizei aufgelöst worden. "Hochschulen brauchen eine klare Linie", sagt Hofmann. "Antisemitismus wird bei uns nicht geduldet – und wir reagieren auch entsprechend."
Evelyn Deller findet Halt in ihrem Engagement gegen Antisemitismus und für die Ukraine, unter anderem als stellvertretende Vorsitzende des Jüdischen Studierendenverbands NRW. Sie sagt, vor dem 7. Oktober 2023 habe es zwar auch Antisemitismus an den Hochschulen gegeben, aber der habe in ihrem Leben kaum eine Rolle gespielt. "Es gab keinen Anlass dazu. Jetzt denken die Leute, Gaza sei das einzige Kriegsfeld auf der Welt." JMW
Dieser Artikel erschien zuerst im DSW Journal.
"Eine extreme Belastung"
Jüdische Studierende möchten sich ganz normal an den deutschen Hochschulen bewegen, sagt Ron Dekel, der Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, JSUD, im Interview. Es herrsche aber ein Gefühl allgegenwärtiger Bedrohung. (13. April 2026)
Kommentare
#1 - naheliegende Frage
Diese Analyse vermeidet es aber, eine naheliegende Frage zu stellen: War es nicht vielleicht doch etwas naiv, so viele Palästinenser mit Asyl aufzunehmen bzw. ihnen den Studentenstatus in Deutschland zu geben, ohne sie explizit darauf hinzuweisen, wie sie sich in Deutschland zu benehmen haben und dies auch als Bedingung zu formuliereni?
Hat es in Deutschland auch umgekehrte Angriffe gegeben, also von Juden oder Israelis auf Palästinenser? Man hört nichts davon.
Wieso kann man solche aggressiv antijüdischen Leute nicht ausweisen? Deutschland scheint zu einem Tummelplatz für rabiat ausgetragene politische Konflikte zu werden, die von irgendwoher importiert wurden. Ich denke, das ist weder mit Asyl gemeint noch mit dem Studentenstatus. Es gibt kein Recht dazu. Zu sagen "wird nicht geduldet" genügt nicht. Das muss Konsequenzen haben.
Wer meint, das sei alles erst seit kurzem so: Schon zu meiner Studentenzeit Anfang der 1970er Jahre wurde ich Zeuge, wie etliche arabisch aussehende Männer in der Cafeteria der Mensa eine Prügelei anfingen und sich mit Stühlen bewarfen. Worum es ging, wusste ich natürlich nicht.
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