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"Eine extreme Belastung"

Jüdische Studierende möchten sich ganz normal an den deutschen Hochschulen bewegen, sagt Ron Dekel, der Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, JSUD, im Interview. Es herrsche aber ein Gefühl allgegenwärtiger Bedrohung.

Ron Dekel

Foto: JSUD.

Herr Dekel, seit dem Waffenstillstand ist der Gaza-Krieg von den Titelseiten verschwunden. Bedeutet das zugleich, dass sich der Alltag für jüdische Studierende normalisiert?

Nein. Der 7. Oktober 2023 war für viele von uns eine extreme Zäsur. Ich kenne kaum jüdische Studierende, deren Freundeskreis, deren soziales Umfeld nicht massiv erschüttert wurde. In den zweieinhalb Jahren seitdem ist wahnsinnig vieles sagbar geworden in der Öffentlichkeit, was vorher ein Tabu war. Antisemitische Stereotype, die vorher nur in den Köpfen steckten, werden offen ausgesprochen. Ich sehe da keine Entspannung. Bei uns melden sich weiter viele Studierende, die von Zwischenfällen berichten – auf dem Campus und außerhalb. All die antisemitischen Strukturen, die sich nach dem 7. Oktober gebildet haben – Gruppierungen, die teilweise vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wurden –, sind weiter an den Universitäten aktiv. Und noch eine Entwicklung macht uns Sorge: Dadurch, dass so vieles sagbar geworden ist, sucht sich der Antisemitismus neue Varianten. Aktuell nehmen die Narrative um die Epstein Files zu. Also: Das hohe Level bleibt, aber die Ausdrucksformen wandeln sich.

Was macht das mit dem Lebensgefühl jüdischer Studierender?

Da ist diese permanente Konfrontation. Man möchte sich am liebsten ganz normal an der Universität bewegen – und wird immer wieder auf dieses eine Thema angesprochen, immer wieder darauf reduziert. Man soll plötzlich als eine Art Botschafter Israels auftreten, selbst wenn man gar kein Staatsbürger ist, vielleicht noch nie dort war. Noch schlimmer ist dieses Gefühl allgegenwärtiger Bedrohung. Sie kommen an die Uni, und vielerorts werden sie von einem Protestcamp begrüßt, das zur Intifada aufruft. Dann gehen sie auf die Toilette, und irgendwo klebt ein rotes Hamas-Dreieck, oder an die Klotür hat jemand einen Mordaufruf gegen Jüdinnen und Juden gekritzelt. Es macht etwas mit einem, wenn das die Umgebung ist, in der man studieren, lernen, leben soll. Eine extreme Belastung.

Für die JSUD waren Sie im vergangenen Oktober in der Wissenschaftsministerkonferenz und haben dort einen Forderungskatalog vorgestellt. Was war Ihre zentrale Botschaft an die Ministerinnen und Minister?

Unsere wichtigste Botschaft lautete: Die meisten Hochschulen in Deutschland sind in den vergangenen zwei Jahren nicht ins Handeln gekommen. Sie haben es nicht geschafft, den Antisemitismus einzudämmen. Und das ist besonders schwerwiegend, weil Universitäten eine historische Verantwortung tragen. Vor 80 Jahren haben sie antisemitische Narrative nicht nur zugelassen, sondern wissenschaftlich verankert. Wenn Institutionen mit dieser Geschichte heute nicht konsequent handeln, dann müssen die Landesregierungen eingreifen, dann müssen Hochschulgesetze angepasst werden. Dann muss die Politik den Hochschulen vorschreiben, was sie zu tun haben, damit jüdische Studierende sich auf dem Campus wieder sicher fühlen. Mehr noch: dass sie wirklich sicher sind.

Was fordern Sie konkret?

Zum Beispiel, dass es in besonders schweren Fällen, wie wir sie in Berlin erlebt haben, wirklich zu Exmatrikulationen kommt. Wenn ein jüdischer Student wie Lahav Shapira aus antisemitischen Motiven fast totgeprügelt wird, dann darf es kein institutionelles Wegducken mehr geben. Es ist gut, dass die Berliner Landespolitik hier gehandelt hat. Jetzt müssen weitere Maßnahmen folgen, damit auch die Hochschulen andere Formen des Antisemitismus konsequent ahnden können – auch dann, wenn sie nicht physisch sind. Das Mindeste ist, dass ich als jüdischer Student, als jüdische Studentin an der Universität sein kann wie jede andere Person auch. Oft wird uns vorgeworfen, wir wollten die Wissenschaftsfreiheit einschränken, aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum.

Wie meinen Sie das?

Wenn jüdische Studierende ihre Seminare nicht mehr nach Interesse aussuchen können, sondern nach Sicherheitslage, dann ist das ein massiver Eingriff in ihre Wissenschaftsfreiheit und in die Freiheit der Berufswahl. Wenn sie Veranstaltungen meiden, weil davor ein Camp steht. Wenn sie wissen, dass in einem bestimmten Seminar Menschen sitzen, die sie angreifen könnten. Wenn sie sich nicht mehr auf den Campus trauen. Diese Fälle gibt es. Es gibt Studierende, die aus Angst aufhören zu studieren. Menschen können den Beruf, den sie ergreifen wollen, nicht mehr wählen, weil sie bestimmte Fächer oder an Orten nicht mehr sicher studieren können.

Sie sagen: Die meisten Hochschulen seien nicht ins Handeln gekommen. Manche schon?

Insgesamt ist die Lage weiter schlecht. Aber ja, es gibt ein paar Hochschulen, bei denen es besser läuft als bei anderen. Hochschulen, deren Leitungen sich frühzeitig klar positioniert haben. Die gesagt haben: Wir stehen an der Seite jüdischer Studierender. Wir tun alles dafür, dass Ihr Euch hier sicher fühlt. Dort wurden Studierende eingeladen, damit sie aus ihrer Perspektive erzählen, was sie brauchen. An vielen Orten beschränkt sich die Anerkennung jüdischen Lebens auf Gedenktage. Doch es gibt Hochschulen, die bewusst zeigen: Wir haben immer noch jüdisches Leben auf dem Campus. Jüdischsein besteht nicht nur aus schwarz-weißen Bildern aus den KZs. Das Spannende ist: Wo jüdisches Leben in den Vordergrund gerückt wird, gibt es weniger Protestcamps, weniger Schmierereien, weniger antisemitische Ausfälle in öffentlichen Veranstaltungen – und weniger Übergriffe.

Hochschulen müssen beides sein: Orte, an denen sich alle sicher bewegen können. Und Orte, an denen manchmal auch heftig gestritten wird. Wie kann das zusammengehen?

Das kann und das muss zusammengehen, auch beim Nahost-Konflikt. Die Debatten darüber sind absolut wichtig. Es gibt viele Diskussionsräume, die legitim sind und die es braucht. Was wir aber in den vergangenen Jahren gesehen haben, war etwas anderes. Wenn Panels nur aus Leuten bestehen, die von einer „jüdischen Lobby“ sprechen, Israel das Existenzrecht absprechen oder mittelalterliche Verschwörungstheorien ins Heute übertragen – dann ist das keine wissenschaftliche Diskussion mehr. Eine wissenschaftliche Debatte braucht Standards: Pro und Contra, Expertise, Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema befassen. Ganz ehrlich: Wir würden uns über eine kritische und kontroverse Debatte freuen, solange sie nicht von Agitation und antisemitischen Grenzüberschreitungen geprägt ist – und nicht von diesem Hyperfokus auf Israel. Dieser auffälligen Konzentration von Aufmerksamkeit und Empörung auf Israel im Vergleich zu anderen internationalen Konflikten. JMW. 

Dieses Interview erschien zuerst im DSW Journal.


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