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"Ich erwarte Riesenprobleme"

Hat sich die Situation junger Forscher in Deutschland verbessert? Was ist mit den Befristungen, Kurzzeit-Verträgen und Karrierewegen? Der Soziologe Karl Ulrich Mayer über den neuen "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs", Fortschritte und mögliche Folgen der Corona-Krise.

Artikelbild: Ich erwarte Riesenprobleme

Herr Mayer, würden Sie heute gern nochmal wissenschaftlicher Nachwuchs sein?

 

Ich würde sehr gern wieder Wissenschaftler werden, aber ob ich heute noch Erfolg hätte, weiß ich nicht. Ich habe für heutige Verhältnisse sehr lange gebraucht, um zu promovieren, sechs Jahre lang. Und bis ich bei meiner Lebensverlaufsstudie erste Ergebnisse präsentieren konnte, sind weitere Jahre ins Land gegangen. Ob das beim aktuellen Publikations- und Zitationsstress noch möglich wäre? Trotzdem verbindet mich einiges mit den heutigen Doktoranden. Ich habe schon früh in internationalen Zeitschriften veröffentlicht, mein erstes Paper habe ich auf dem Soziologenkongress in Varna 1970 präsentiert. Und meine Dissertation bestand bereits wesentlich aus Zeitschriftenartikel, wie heute bei kumulativen Promotionen.  

 

Im vergangenen Bundesbericht 2017 erreichte die Befristungsquote bei unter 45 Jahre alten Wissenschaftlern 93 Prozent. Zur Dauer der Verträge war wenig bekannt. Nicht repräsentative Daten ließen aber darauf schließen, dass mindestens die Hälfte eine Laufzeit von weniger als zwölf Monaten hatte. Wie ist die Situation vier Jahre später?

 

Die Datenlage ist immer noch schwierig, aber immerhin haben wir jetzt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), derzufolge die Arbeitsverträge von Promovierenden im Schnitt 22 Monate lang sind und bei Postdocs 28 Monate lang.

 

Das klingt immer noch sehr wenig.

 

Hier muss man differenzieren. Ich halte es für sinnvoll, dass Doktoranden in den ersten drei Jahren zwei Verträge bekommen. Einen von zwölf Monaten für den Einstieg und anschließend, wenn alles gut läuft, einen weiteren für zwei Jahre. Und dann, wenn die Promotion abgeschlossen ist, einen dritten für den Übergang, um noch Publikationen abzuschließen. Insofern passt da die durchschnittliche Vertragslaufzeit mit Abstrichen ganz gut, einen Skandal kann ich da jedenfalls nicht erkennen. Bei den Postdocs wären 28 Monate für den Erstvertrag okay, weil ja die überwiegende Anzahl in den ersten beiden Jahren aus dem Wissenschaftsbereich ausscheidet, aber im Durchschnitt 28 Monate für die gesamte Postdoc-Zeit ist eindeutig zu ...

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Kommentare

#1 -

René Krempkow | Sa., 20.02.2021 - 11:06
Lieber Herr Wiarda,



ein sehr schönes Interview, das viele kritische Punkte prägnant herausarbeitet! Es regt dazu an, diese Diskussion noch weiter führen zu wollen. ;-) Ich möchte hier nur einen Punkt ansprechen, der m.E. in der weiteren Diskussion noch wichtig zu benennen wäre, da auch die Pressekonferenz gestern dies als zweites von zwei Themen (neben Karrierewegen/ Beschäftigungsbedingungen) benannte, aber dann letztlich recht wenig bzw. nur eindimensional darauf einging: Die Chancengerechtigkeit!



Hier gibt es auch über die Kategorie Geschlecht hinaus Probleme, so z.B. – worauf Mayer in der Pressekonferenz zu Recht hinwies – bezogen auf eine Herkunft aus dem Ausland (als ...

#2 -

Karla K. | So., 21.02.2021 - 22:05
Lieber Herr Mayer,



wenn Sie sagen, dass früher/noch vor einigen Jahren die meisten Doktoranden Stipendien hatten, könnten Sie dies eventuell zeitlich konkretisieren? Ich bin nun nicht mehr die Jüngste, kann mich aber an eine solche Situation nicht erinnern.



Und: Wenn Sie im Zusammenhang mit Corona sagen, Bund und Länder hätten unbürokratisch die Verlängerung von Vertragslaufzeiten beschlossen, dann wissen Sie entweder mehr (von dem, was da noch kommen möge), oder Sie missverstehen das, was bisher beschlossen wurde fundamental: Beschlossen ist bisher nämlich lediglich die Verlängerung der Höchstbefristungsdauer - ein Automatismus für oder ein Anrecht auf eine Verlängerung ergeben sich daraus nicht, ...

#3 -

pb | Mo., 22.02.2021 - 14:23
Vorab: Für mich sind die Zahlen der befristet Beschäftigten im Wissenschaftsbereich nach wie vor zu hoch. Es wäre deshalb an der Zeit die ZSL-Mittel (HSP-IV-Mittel) jetzt wirklich dazu zu nutzen, um für die nun dauerhaft eingerichteten Studienplätze nun auch Dauerstellen einzurichten. Leider wurde daraus kein Parameter für ZSL-Mittel und leider hat sich auch die EFI-Kommission in ihrem Bericht aus dem letzten Jahr nicht

eindeutig positioniert.



"Die Expertenkommission hat Sorge, dass dies einen überproportionalen Aufwuchs der dauerhaften Beschäftigungsverhältnisse im wissenschaftlichen Mittelbau zur Folge hat. Sie ist der Auffassung, dass Beschäftigungsverhältnisse im wissenschaftlichen Mittelbau in der Regel mit Qualifizierungszielen verbunden sein sollten."

#5 -

jcs | Mo., 15.03.2021 - 00:23
Die Meinung Herrn Mayers, dass ein 12-Monats-Vertrag für Doktorand(inn)en als Einstieg akzeptabel sei, ist schlicht nicht gesetzeskonform. Es ist vorgeschrieben, dass der Zeitraum der Befristung dem Qualifizierungszweck entspricht. Bei einer experimentellen naturwissenschaftlichen Promotion muss demzufolge der Arbeitsvertrag über einen Zeitraum von mindestens 36 Monaten laufen. Der von Herrn Mayer favorisierte Einjahresvertrag ist eine derzeit oft praktizierte, aber nicht rechtskonforme Ausdehnung der Probezeit, die interessanterweise von den Personalabteilungen und Personalräten an deutschen Universitäten regelmäßig übersehen wird.

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