Hanna helfen geht nur gemeinsam
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu ändern ist nicht der Schlüssel. Erst wenn alle Beteiligten, von der Politik über die Unileitungen bis zu den Professoren, ihre Verantwortung ernst nehmen, wird sich an den Karrierestrukturen etwas ändern. Ein Gastbeitrag von David J. Green.

Foto: Screenshot aus dem "Erklärfilm zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz" des BMBF.
WER DIE DISKUSSION "#IchBinHanna" oberflächlich verfolgt, wird denken, am dringendsten sei die Abschaffung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. So verwechselt man aber Symptom und Ursache. Das Grundproblem der Karrierestruktur an den deutschen Universitäten ist, dass zu viele lange Postdoc-Karrieren ermöglicht werden, während es im Anschluss zu wenig dauerhafte Stellen gibt. Wie zu Zeiten Edelgard Bulmahns, so muss auch heute noch eine deutliche Herabsenkung des wissenschaftlichen Alters bei der Erstberufung das wichtigste Ziel sein.
Als Arbeitgeber profitieren Universitäten davon, dass viele junge Wissenschaftler für ihr Fach brennen und eine Berufung verspüren, in ihm tätig zu sein. Gerade in Fächern, wo diese Arbeit für keine außerwissenschaftliche Tätigkeit qualifiziert, halten Postdocs Jahrzehnte beruflicher Unsicherheit aus, qualifizieren sich vollumfänglich für eine Professur – und werden reihenweise im Berufungsverfahren aussortiert, da andere noch mehr Ausnahmeleistungen vorweisen.
Diese Bestenauslese, insofern sie wirklich eine solche ist, muss sein, im Interesse der Wissenschaft und wegen der freien Berufswahl. Doch Beratung reicht nicht aus, da viel Leidenschaft im Spiel ist. Als fürsorgliche, wertschätzende Arbeitgeber dürfen wir die Entscheidung, wer eine ...
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Kommentare
#1 - ich erlaube mir ein kleine Ergänzung für die Liste der…
Dazu führe ich als Beispiel die fachspezifische Weigerung an Doktorand:innen ein volles Gehalt (100% E13) zu bezahlen. Was fachspezifisch bei Ingenieuren der Normalfall ist es beispielsweise in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern fachspezifisch usus eher 1/2 Stellen oder bestenfalls 2/3 zu bezahlen. Den schwarzen Peter dafür bekommt oft die DFG. Die widerum verweist auf die Fachkollegien, die dies so festlegen.
Es bräuchte also ...
#2 - "Ich bitte um Verständnis dafür, dass der Beamtenstatus…
Das ist der Punkt, an dem ich entschieden widersprechen möchte (aber das ist auch der einzige Punkt). Ich gehe mittlerweile ja sehr offen mit meiner persönlichen Geschichte um (hier in den Leserkommentaren & auf Twitter). In meiner Geschichte geht es um (mögliche) Vorteilsannahme, Betrug und Nötigung (die Nötigung habe ich auch angezeigt), also finanziell, nicht sexuell motivierten Machtmissbrauch, aber die Folgen für mein Leben waren identisch. Da die Ereignisse mein Leben und mich als Mensch regelrecht zerstört haben, sollte man glauben, dass ich eine entschiedene Gegnerin des Beamtenstatus ...
#3 - Der Hinweis zu den Fachkollegien ist sehr valide. Dort…
#4 - Ein guter Beitrag, der neue Perspektiven in der Diskussion…
Dennoch: wenn ich Sätze lese wie
"Als Arbeitgeber profitieren Universitäten davon, dass viele junge Wissenschaftler für ihr Fach brennen und eine Berufung verspüren, in ihm tätig zu sein" graust es mich immer etwas. Letztlich ist das eine 'hire & fire'-Denkweise, die in anderen Arbeitsfeldern sich in Deutschland glücklicherweise nie hat wirklich durchsetzen können. Am ehesten noch in der Branche von McKinsey & Co ("up or out") - irgendwie ironisch, dass gerade die Bewahrer der alten Universität, die sich gerne als Bollwerk gegen den Neoliberalismus sehen, genau diesem Prinzip verschreiben.
#5 - Vielen Dank für diesen Beitrag! Die Komplexität hinter…
Ein Elefant steht aber nahezu unbesprochen im Raum: Selbst wenn man sich einig ist, "dass zu viele lange Postdoc-Karrieren ermöglicht werden" und das Ziel ist, "eine Personalstruktur [zu] schaffen, die eine frühe Entscheidung für oder gegen eine langfristige universitäre Karriere vorsieht" - wie würde das im Fall einer Entscheidung gegen die Wissenschaft funktionieren?
Während wir uns ja für die Allgemeinheit sehr einig sind, dass die unsichere Karrierephase viel zu lange dauert, agieren wir in ...
#6 - Herr Liebendoerfer hat den Elefanten benannt, so ist es,…
#7 - Frau Himmelreich hat eine gute Idee benannt: Begrenzungder…
der Antragsberechtigung von Postdoc durch die DFG nach mehr als sechs Jahren. In diesem Zusammenhang müßten
sich die Unis zu einer Entscheidung über Tenure track (oder eben nicht) durchringen. Die Frist von 6 Jahren entspricht ja in etwa auch der maximalen Dauer einer W1-Stelle. An meiner Uni gibt es mit W1-Stellen in Mathematik eigentlich nur ausgezeichnete Erfahrungen.
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