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Hanna helfen geht nur gemeinsam

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu ändern ist nicht der Schlüssel. Erst wenn alle Beteiligten, von der Politik über die Unileitungen bis zu den Professoren, ihre Verantwortung ernst nehmen, wird sich an den Karrierestrukturen etwas ändern. Ein Gastbeitrag von David J. Green.

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Artikelbild: Hanna helfen geht nur gemeinsam

Foto: Screenshot aus dem "Erklärfilm zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz" des BMBF.

WER DIE DISKUSSION "#IchBinHanna" oberflächlich verfolgt, wird denken, am dringendsten sei die Abschaffung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. So verwechselt man aber Symptom und Ursache. Das Grundproblem der Karrierestruktur an den deutschen Universitäten ist, dass zu viele lange Postdoc-Karrieren ermöglicht werden, während es im Anschluss zu wenig dauerhafte Stellen gibt. Wie zu Zeiten Edelgard Bulmahns, so muss auch heute noch eine deutliche Herabsenkung des wissenschaftlichen Alters bei der Erstberufung das wichtigste Ziel sein.

Als Arbeitgeber profitieren Universitäten davon, dass viele junge Wissenschaftler für ihr Fach brennen und eine Berufung verspüren, in ihm tätig zu sein. Gerade in Fächern, wo diese Arbeit für keine außerwissenschaftliche Tätigkeit qualifiziert, halten Postdocs Jahrzehnte beruflicher Unsicherheit aus, qualifizieren sich vollumfänglich für eine Professur – und werden reihenweise im Berufungsverfahren aussortiert, da andere noch mehr Ausnahmeleistungen vorweisen.

Diese Bestenauslese, insofern sie wirklich eine solche ist, muss sein, im Interesse der Wissenschaft und wegen der freien Berufswahl. Doch Beratung reicht nicht aus, da viel Leidenschaft im Spiel ist. Als fürsorgliche, wertschätzende Arbeitgeber dürfen wir die Entscheidung, wer eine ...

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Kommentare

#1 -

Klaus Diepold | Mi., 01.09.2021 - 13:59
ich erlaube mir ein kleine Ergänzung für die Liste der agierenden Interessensgruppen. Ich rede von den Fachkollegien/Fachausschüssen. Die Fachkollegien manifestieren die fachspezifischen Kulturen, die oft angeführt werden, als Grund warum Änderungen oft nicht möglich sind oder zumindest nicht möglich erscheinen.



Dazu führe ich als Beispiel die fachspezifische Weigerung an Doktorand:innen ein volles Gehalt (100% E13) zu bezahlen. Was fachspezifisch bei Ingenieuren der Normalfall ist es beispielsweise in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern fachspezifisch usus eher 1/2 Stellen oder bestenfalls 2/3 zu bezahlen. Den schwarzen Peter dafür bekommt oft die DFG. Die widerum verweist auf die Fachkollegien, die dies so festlegen.



Es bräuchte also ...

#2 -

Tina Salomon | Mi., 01.09.2021 - 14:29
"Ich bitte um Verständnis dafür, dass der Beamtenstatus für Profs weg muss."



Das ist der Punkt, an dem ich entschieden widersprechen möchte (aber das ist auch der einzige Punkt). Ich gehe mittlerweile ja sehr offen mit meiner persönlichen Geschichte um (hier in den Leserkommentaren & auf Twitter). In meiner Geschichte geht es um (mögliche) Vorteilsannahme, Betrug und Nötigung (die Nötigung habe ich auch angezeigt), also finanziell, nicht sexuell motivierten Machtmissbrauch, aber die Folgen für mein Leben waren identisch. Da die Ereignisse mein Leben und mich als Mensch regelrecht zerstört haben, sollte man glauben, dass ich eine entschiedene Gegnerin des Beamtenstatus ...

#3 -

Edith Riedel | Do., 02.09.2021 - 11:19
Der Hinweis zu den Fachkollegien ist sehr valide. Dort sitzen allerdings auch nur wieder die Professor*innen, die es "geschafft haben". Und jede*r einzelne denkt bei den Empfehlungen natürlich an die Auswirkungen in der eigenen Arbeitsgruppe. Schon jetzt klafft die Finanzierung von DFG-geförderten Promovierenden und Promovierenden auf Hausstellen auseinander (mit Ausnahme der Ingenieurwissenschaften). Keine*r möchte in der eigenen Gruppe erklären müssen, warum einzelne Promovierenden 65%- oder gar 100%-Stellen bekommen, während die hausfinanzierten auf den 50%-Stellen sitzen. Es sind im übrigen nicht nur die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer, in denen 50%-Stellen der Usus sind, da ist z.B. auch die Chemie ganz vorne ...

#4 -

McFischer | Do., 02.09.2021 - 11:32
Ein guter Beitrag, der neue Perspektiven in der Diskussion eröffnet!

Dennoch: wenn ich Sätze lese wie

"Als Arbeitgeber profitieren Universitäten davon, dass viele junge Wissenschaftler für ihr Fach brennen und eine Berufung verspüren, in ihm tätig zu sein" graust es mich immer etwas. Letztlich ist das eine 'hire & fire'-Denkweise, die in anderen Arbeitsfeldern sich in Deutschland glücklicherweise nie hat wirklich durchsetzen können. Am ehesten noch in der Branche von McKinsey & Co ("up or out") - irgendwie ironisch, dass gerade die Bewahrer der alten Universität, die sich gerne als Bollwerk gegen den Neoliberalismus sehen, genau diesem Prinzip verschreiben.

#5 -

Michael Lieben… | Do., 02.09.2021 - 12:33
Vielen Dank für diesen Beitrag! Die Komplexität hinter der Hanna-Problematik wird gut verdeutlicht. Ich nehme mit, dass Leistung und Wettbewerb auf vielen Stufen ihre Spuren hinterlassen.



Ein Elefant steht aber nahezu unbesprochen im Raum: Selbst wenn man sich einig ist, "dass zu viele lange Postdoc-Karrieren ermöglicht werden" und das Ziel ist, "eine Personalstruktur [zu] schaffen, die eine frühe Entscheidung für oder gegen eine langfristige universitäre Karriere vorsieht" - wie würde das im Fall einer Entscheidung gegen die Wissenschaft funktionieren?

Während wir uns ja für die Allgemeinheit sehr einig sind, dass die unsichere Karrierephase viel zu lange dauert, agieren wir in ...

#6 -

Ruth Himmelreich | Do., 02.09.2021 - 16:05
Herr Liebendoerfer hat den Elefanten benannt, so ist es, leider. Ich frage mich, ob man ihn in bewährter Weise bürokratisch domptieren wird - im Zweifel über die DFG, die einen neuen Parameter zur Antragsberechtigung einer Hochschule erfindet, z.B. die Begrenzung des Anteils der Postdocs, die länger als 6 Jahre nach der Promotion beschäftigt sind.

#7 -

LG51 | Do., 02.09.2021 - 17:56
Frau Himmelreich hat eine gute Idee benannt: Begrenzung
der Antragsberechtigung von Postdoc durch die DFG nach mehr als sechs Jahren. In diesem Zusammenhang müßten
sich die Unis zu einer Entscheidung über Tenure track (oder eben nicht) durchringen. Die Frist von 6 Jahren entspricht ja in etwa auch der maximalen Dauer einer W1-Stelle. An meiner Uni gibt es mit W1-Stellen in Mathematik eigentlich nur ausgezeichnete Erfahrungen.

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