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Weniger, besser, aussichtsreicher

30.000 abgeschlossene Promotionen jedes Jahr: Wenn wir die Karrierechancen im Wissenschaftssystem verbessern wollen, müssen wir auch über die Zahl der Doktoranden reden. Ein Gastbeitrag von Johannes Freudenreich.

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Artikelbild: Weniger, besser, aussichtsreicher

Johannes Freudenreich ist Geschäftsführer der Potsdam Graduate School an der Universität Potsdam. Foto: privat.

DIE DEBATTE um die Neufassung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) ist in vollem Gange. Gesucht wird eine Regelung, die eine hochwertige wissenschaftliche Ausbildung ermöglicht, Planungssicherheit für Forschende schafft und das Wissenschaftssystem insgesamt innovativ und flexibel hält. Das ist eine schwierige Aufgabe, zumal die zentrale Logik des WissZeitVG in der Diskussion meist aus dem Blick gerät: die Qualifizierung. Sie allein begründet das Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft und damit die Abweichung von üblichen Arbeitsvertragsregelungen.

Die Promotion ist heute häufig die letzte formale wissenschaftliche Qualifikation, da viele akademische Karrierewege ohne Habilitation auskommen. Auch aus diesem Grund hat der Wissenschaftsrat Ende April eine umfassende Würdigung der Promotion in Deutschland vorgelegt und auf drei deutsche Besonderheiten hingewiesen: Erstens wird die Promotion in Deutschland nicht primär als Qualifikationsleistung im Sinne eines dritten Zyklus der Hochschulausbildung verstanden, sondern der eigenständige Forschungsbeitrag steht im Vordergrund. Zweitens ist die Promotion in den unterschiedlichen Fachdisziplinen sehr unterschiedlich ausgestaltet. Drittens ist die Promotionsquote, also das Verhältnis von Promotionen ...

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Kommentare

#1 -

Joern Wilms | Do., 11.05.2023 - 13:54
Ich denke, bevor über die Frage der Begrenzung der Zahl der Promotionen nachgedacht wird, sollte über den Sinn der Promotionen nachgedacht werden. Sowohl dieser Beitrag als auch viele andere Beiträge in der momentanen Diskussion sehen die Promotion hauptsächlich als einen Schritt auf dem Weg hin zu einer akademischen Karriere und zu einer Professur. Dies ist aber zumindest in den Naturwissenschaften nicht mehr wirklich der Fall. Es besteht hier meiner Beobachtung nach (die sich hauptsächlich auf die Physik beschränkt) nur von einer Minderheit der Promovierenden das Verständnis, dass damit eine Karriere in der Forschung vorgezeichnet ist. Die Art der Promotion in ...

#2 -

BUSchneider | Do., 11.05.2023 - 14:13
Ich stimme dem vorherigen Kommentator zu und erweitere das auf die Ingenieurwissenschaften. Dort ist die Promotion in den seltensten Fällen der direkte Weg in die Wissenschaft. Vielmehr ist die Promotion eine eigenständige Weiterqualifizierung für hochwertige Tätigkeiten in der Wirtschaft und das funktioniert auch nach wie vor sehr gut. Eine PostDoc-Zeit ist dort (von beiden Seiten) nur in absoluten Ausnahmefällen gewollt. Manche Promovierte kommen nach einer Zeit in der Wirtschaft an die Hochschule "zurück" (als dann ProfessorInnen), aber auch das ist nur eine Minderheit.



Es wäre wünschenswert, wenn Vorschläge, die auf Allgemeingültigkeit zielen, die Spezifika der Fachkulturen stets im Auge haben. ...

#3 -

Düsseldorfer D… | Do., 11.05.2023 - 15:29
"Drittens könnte die Promotionsquote gesenkt werden."

Die Universität Düsseldorf geht hier mit gutem Beispiel voran und schickt einmal im Semester eine Email (auch) an ihre Doktoranden, in der erklärt wird wie man sein Studium abbricht, um stattdessen eine duale Berufsausbildung anzufangen. Kein Witz.

#5 -

Aus einer Berl… | Do., 11.05.2023 - 16:51


Ich stimme #1 und #2 vollkommen zu. Meines Wissens nach herrscht unter Akademiker*innen in Deutschland Vollbeschäftigung. Mir sind in keinem Fach grosse Zahlen arbeitsloser Promovierter bekannt. Zu einem Teil erscheinen mir die Forderungen um IchBinHanna deshalb etwas bequem - "ich habe zu Thema X ein Forschungsinteresse und deswegen (nach Promotion) Anspruch auf eine Lebenszeitstelle zu Thema X". Die Alternative ist ja nicht, wie so oft behauptet, Arbeitslosigkeit, sondern eine Stelle, die sich halt nicht mit dem eigenen Lieblingsthema beschäftigt.



Bzgl. der Zahl der Promotionen würde ich dringend anregen, die im Fach Medizin rauszurechnen, die ca. 1/4 ausmachen. Die kann man ...

#6 -

Stipendienverzerrung | Do., 11.05.2023 - 18:16
Bei der Anzahl der Promotionen muss auch bedacht werden, dass gerade in den Geisteswissenschaften viele Promovierende mit Stipendien der staatlich finanzierten Begabtenförderungswerke auf ihrer Promotionsstelle (extern) finanziert werden. Die Gremien, die diese Promovierenden auswählen, haben aber i.d.R. nur den akademischen gehalt des zu fördernden Promotionsprojektes im Blick und nicht die Perspektive des/der Geförderten. So gut die Stipendien auch sind, Menschen mit zu geringen finanziellen Mitteln unter die Arme zu greifen, sorgen sie gleichzeitig dafür, dass Menschen in Fächern promovieren, die eigentlich keine Finanzierung für sie während der Promotion haben und häufig vermutlich auch keine Anschlussperspektive

#7 -

Najaaa | Do., 11.05.2023 - 18:32
Forderungen nach unbefristeten Beschäftigungen sind m.E. weniger ein Luxusproblem als ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Planbarkeit, das in jeder Branche und nicht nur in Hochschule und Wissenschaft besteht. Warum sollte die Mehrheit der WissenschaftlerInnen hier anders behandelt werden als bspw. LehrerInnen an Gymnasien? Oder fordert irgendjemand ernsthaft, dass man dort auch nur eine kleine Elite dauerhaft beschäftigt, sehr gut bezahlt und die große Masse der LehrerInnen befristet anstellt und nach 6 Jahren rausschmeißt, weil sie ja mit ihrem Hocschulabschluss schließlich auch woanders gute Chancen haben und der Anteil Arbeitsloser unter den AkademikerInnen ziemlich gering ist? Eben.

#8 -

Auch naja | Do., 11.05.2023 - 19:36
Klar wollen wir alle Sicherheit. Dafür muss jemand zahlen. In der Wirtschaft wird dazu das Geld erst verdient, dann ausgezahlt. Im öffentlichen Bereich ist es aber Steuergeld, und da müssen besonders hohe Ansprüche an die "Nützlichkeit" der Stelle gestellt werden. Und nicht jedes (Promotions-)Thema ist gesellschaftlich nützlich. Klar ist das schwer zu definieren, aber es passiert dauernd, weswegen es z.B. zig neue Professuren in der Informatik aber nur wenig Bewegung in der Kunstgeschichte gibt (nichts geben Kunstgeschichte!).



Der Vergleich mit den Lehrer*innen hinkt stark. Die unterrichten einen im wesentlichen seit Jahrzehnten nur wenig geänderten Stoff. Forschung muss aber immer und ...

#9 -

Mittelbau | Do., 11.05.2023 - 23:56
Das Argument der "Verstopfung" des Wissenschaftssystems ist hinreichend widerlegt (s. Scheinwahrheit Nr.1b: https://mittelbau.net/argumentationshilfen/).

Es braucht unterhalb und neben der Professur einfach langfristig mehr Karrierewege. Das deutsche Wissenschaftssystem läuft mit 10 % Profs. Der Rest sind abhängig beschäftigte Doktorand:innen und befristete Postdocs bis 40 an deren Lehrstühlen. Menschen zwischen 40-65 kommen an den Unis kaum vor. Das ist ziemlich einzigartig auf der Welt. Andere Länder machen es besser: Wissenschaftler:innen aller Erfahrungsstufen in kollegialen Departmentstrukturen. Die Mitarbeiterstruktur sollte die Gesellschaft wiederspiegeln. Es geht auch um mehr Demokratie an Hochschulen und um faire Arbeitsverträge. - Klar, nicht jede:r Ingenieur:in will an der Uni ...

#10 -

Erik Gengel | Fr., 12.05.2023 - 04:30
Die im Beitrag verfolgte Logik erschließt sich mir zwar, aber ich finde den dahinter stehenden Blickwinkel auf die Problematik bedenklich: 4 von 5 Kinder mit akademischem Elternhaus gehen selbst an die Uni. Nur 1 Kind von 5 mit nicht-akademischem Hintergrund. Soll dieser Trend noch weiter verstärkt werden?



Ich stimme auch #1 und #2 zu, die sich insbesondere auf einen zentralen Bereich der Universitäten beziehen: die MINT Fächer. Unternehmen sind auf Innovation und nicht nur Optimierung angewiesen. Ohne Leute, die mit unlösbaren Problemen umgehen können wird es sicher schwierig.



Warum kann man nicht die Bildung besser fördern, Stellen entfristen? Es ist ...

#11 -

Zu #9 | Fr., 12.05.2023 - 14:16




Das Argument der Verstopfung kommt in diesem Thread doch gar nicht vor. Der zitierte Link widerlegt auch gar nichts, sondern argumentiert in eine bestimmte Richtung - der Argumentation kann man folgen, muss man aber nicht, da sie im wesentlich unvollständige Analogien zieht (Vergleich zw Ländern) oder über die Zukunft spekuliert.



Das Argument aus #8, dass jede unbefristete Besetzung X Promotionen verhindert, ist erst Mal faktisch richtig (wenn es kein neues Geld gibt). Etwas Anderes ist die Frage, wie viele Entfristungen man vornimmt. Die Forderung diesbezüglich, die ich am häufigsten höre, ist aber "jeder PostDoc" (vielleicht garniert mit hochtrabenden Bemerkungen bzgl ...

#12 -

André Baier | Sa., 13.05.2023 - 20:41
Ich sehe noch eine vierte Option: Einfach die Titelhuberei beenden. Problem gelöst.



Ich bin schwer dafür, dass es gesellschaftlich verpönt ist sich außerhalb von Uni als "Dr." oder. "Prof." irgendwo einzutragen, vorzustellen, anreden zu lassen etc - sprich diese "Titel" verlieren außerhalb von Uni jeglichen Wert. Und in der Uni sollten wir alles dransetzen, dass diese "Namenszusätze" weitestgehend eingeschränkt werden und möglichst nur noch in Bezug auf die konkrete Funktion genutzt werden - und selbst da würde ich den Beruf "Hochschullehrer_in" dem (gesellschaftlichen) Status "Prof." vorziehen.



Es ist daher bezeichnend, dass diese vierte Option im obigen Gastbeitrag nicht auftaucht.



Und ...

#14 -

Fischer | Mo., 15.05.2023 - 12:20
Leider fehlt mir ein wenig die Umgebungsbetrachtung. Wie schon in den Kommentaren oben erwähnt, gibt es praktisch keine Arbeitslosigkeit unter Promovierten. Der Arbeitsmarkt außerhalb der Hochschulen saugt diese auf und stattet sie in der Regel auch mit unbefristeten Verträgen aus. Der letzte BuWin zeigt dies eindrucksvoll. Zudem ist von 2001-2021 nicht nur die Zahl der Promotionen um 14 Prozent gestiegen, sondern die Zahl der hauptberuflichen Professorinnen und Professoren im gleichen Zeitraum um 33 Prozent (alles Zahlen aus den Zeitreihen des Statistischen Bundesamtes). Nicht zu vergessen ist die Zahl der Studierenden in diesem Zeitraum um um 36 Prozent (jeweils Wintersemester) gestiegen. ...

#15 -

Wissenschaftsm… | Di., 16.05.2023 - 11:29
Das Instrument Tenure Track kann als Argument für eine quantitative Limitierung und qualitative Verbesserung herhalten und in Analogie zur Promotionsphase gesetzt werden. TT Profs entwickeln sich in der Regel extrem gut, werben viele Drittmittel ein, machen gute Lehre, betreuen eng und erreichen ihre Ziele oft schon (lange) vor ihrer Tenure Evaluation. Liegt das nur an guter Kommissionsarbeit? Vermutlich nicht. Es ist anzunehmen, dass hier die sehr guten Rahmenbedingungen in der TT-Phase ausschlaggebend sind, dass sich die nach Potential Berufenen voll entfalten können.

PostDocs mit kurzen Kettenverträgen und halben Stellen können nur kurzfristig planen und forschen, werden durch Zeit- und Geldsorgen ...

#16 -

Frage an #15 | Di., 16.05.2023 - 12:37

Hallo,
haben Sie vielleicht eine Quelle, die Ihre Aussagen zur Qualität der TT Professuren belegt? Das würde mich wirklich interessieren - ich kenne solche und solche Fälle. Und womöglich aufgeschlüsselt nach akademischen Alter - tatsächlich kann man ja auch sehr erfahrene Personen auf TT Professuren berufen (wo das eigentlich nicht gerechtfertigt ist), während der Trend klar in Richtung "direkt nach der Promotion" geht, siehe 1000-Prof Programm des Bundes.

Danke,

#17 -

Ralf Meyer | Mi., 17.05.2023 - 20:16
Beim internationalen Vergleich sollte man berücksichtigen, dass in anderen Ländern die staatlichen Drittmittelgeber deutlich weniger Stellen finanzieren. Dadurch ist es in Deutschland besonders leicht, ein Promotionsstudium zu finanzieren, und es gibt dann natürlich entsprechend mehr Promotionen. Sinnvoll erschiene es mir, einen Teil dieser Projektförderung in staatliche Grundfinanzierung umzuwidmen. Das kann zu weniger Promotionsprojekten und mehr Dauerstellen in der Wissenschaft führen. Diese Umschichtung wird allerdings dadurch erschwert, dass die meisten Projektmittel vom Bund und die Grundfinanzierung von den Bundesländern kommt.

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