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Titel ohne Zukunft?

Privatdozentinnen und Privatdozenten sind habilitiert, hochqualifiziert – und oft ohne Einkommen, Stelle oder Perspektive. Eine neue Initiative will ihnen in der Debatte um bessere Karrierechancen in der Wissenschaft Gehör verschaffen. Wer steht hinter "PD Prekär"? Ein Gespräch über akademisches Prekariat, strukturelle Ausgrenzung und den Willen zur Mitgestaltung.
Collage aus drei Portraitfotos von Jörg Sternagel, Jennifer Henke und Julia Hauser.

Julia Hauser , Jörg Sternagel und Jennifer S. Henke (von links im Uhrzeigersinn) sind die Gründer von "PD Prekär". Fotos: privat.

Frau Hauser, Frau Henke, Herr Sternagel, Sie haben das Netzwerk "PD Prekär" gegründet. Ihr Ziel: mehr Sichtbarkeit für die Gruppe der Privatdozentinnen und Privatdozenten in der Debatte um bessere Karrierebedingungen in der Wissenschaft. Wollen Sie "#IchbinHanna" und Co. die Aufmerksamkeit streitig machen?

Julia Hauser:  Wir unterstützen deren Anliegen ausdrücklich, wir sind selbst teilweise in mehreren Initiativen aktiv, und wir sind vernetzt: PD Kristin Eichhorn zum Beispiel, eine der Mitbegründerinnen von "#IchbinHanna", ist auch bei uns engagiert. Gleichzeitig stellen wir fest: Eine Statusgruppe blieb in der öffentlichen Debatte bislang außen vor – nämlich die der Privatdozentinnen und Privatdozenten. Dabei befinden sie sich an einer besonders prekären beruflichen Situation.

Was genau ist eigentlich ein Privatdozent, kurz: PD?

Jörg Sternagel:  Der PD ist der vierte und höchste akademische Grad an einer Universität – nach Bachelor, Master und Promotion. Wenn man seine Habilitation geschafft hat, erhält man den Titel Privatdozent:in. Um den Titel zu behalten, ist man verpflichtet, mindestens einmal im Jahr – in der Regel sogar zweimal – sogenannte Titularlehre zu leisten, und zwar an der Universität, an der man habilitiert wurde. Nur dass es für diese Lehre keine Stelle gibt und in der Regel kein Honorar. Keinen Cent.

Jennifer S. Henke:  Der Großteil der Universitäten stellt nicht einmal bezahlte ...

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Kommentare

#8 -

Fumarius | Do., 17.07.2025 - 19:23

Da "Privatdozent" tatsächlich, wie geschrieben,  keine Personalkategorie ist, sondern ein Titel, verstehe ich die Fokussierung  der Forderungen auf "feste Stellen für PDs" oder Anschlusszusagen für diese Gruppe nicht so ganz: Nur daraus, dass man meinte, sich in eine Richtung zu qualifizieren, ergibt sich doch noch kein Anspruch auf eine Stelle? Ein Hochschulabschluss oder eine Promotion wird doch auch nicht mit einem solchen Anspruch verbunden... dass mit dem Weg aktuell besonders hohe Risiken verbunden sind, ist gewiss problematisch (aber ja auch nicht neu oder überraschend), das Problem liegt aber insgesamt in der allgemeinen Personalstruktur und betrifft damit viele, nicht nur Persone ...

#8.1 -

Schöneberger | Do., 24.07.2025 - 09:45

Antwort auf von Fumarius (nicht überprüft)

genau das ist der Punkt. Habilitation nur für Personen, die via tenure-track oder eine Nachwuchsgruppenleitung eine verlässliche Perspektive auf ein dauerhaftes Verbleiben im Wissenschaftssystem haben.  Zudem lenkt die Thematisierung der PDs nur wieder vom Grundproblem des deutschen Wissenschaftssystems ab: dass zu viele PhDs jahrelang im System verbleiben und nicht (wie z.B. in USA/UK) ein schneller Cut nach dem PhD gemacht wird.

#9 -

Michael Liebendörfer | Sa., 19.07.2025 - 14:41

Die Kritik ist in weiten Teilen nachvollziehbar, aber es fehlt für mich die Frage (und Antwort darauf): Kann der Titel "Privatdozent" nicht einfach weg? Man kann sich habilitieren und damit eine hohe Qualifikation auch formal ausweisen. Was passiert, wenn man auf die Lehre im Anschluss verzichtet und eben kein PD ist, sondern ein Dr. habil? Formal hängt nichts, weder Lehrtätigkeit noch berufbarkeit, an diesem Titel. Ändert es die Chancen auf eine Berufung? In meinem Fach wäre das sehr sicher nicht so.

Der Rest ist dann eher die gewohnte #ichbinHanna-Debatte. Da bin ich bei Fumarius, natürlich muss der Ausstieg aus der ...

#9.1 -

Kai-Uwe | Sa., 26.07.2025 - 16:21

Antwort auf von Michael Liebendörfer (nicht überprüft)

Leider gibt es den Dr. habil. nicht überall. Auf Wikipedia ist eine nette Aufstellung: https://de.wikipedia.org/wiki/Privatdozent

Neben Berlin, Bayern, Sachsen und Hessen ist das in Brandenburg und NRW von der Uni abhängig. Übrigens ist das kein Titel, sondern nur eine Bezeichnung. Warum? Titel können nicht so leicht entzogen werden. Das Recht, eine Bezeichnung zu führen, ist wohl verwaltungsrechtlich einfacher wieder absprechbar.

Und doch: in vielen Fächern ändert der PD etwas an den Chancen auf eine Berufung.

Übrigens wird auch da anders ein Schuh daraus: Nach dutzenden erfolglosen Bewerbungen auf Professuren, Lehr- und Forschungskonzepten, Vorsingen und unbezahlten Reisekosten zu den jeweiligen Hochschulen ...

#9.1.1 -

Michael Liebendörfer | Di., 29.07.2025 - 10:10

Antwort auf von Kai-Uwe (nicht überprüft)

Danke für Ihre Perspektive!

#10 -

Ruth Himmelreich | Mo., 21.07.2025 - 09:52

Laut Destatis finden 60 Prozent der Habilitationen im Bereich der Medizin und Gesundheitswissenschaften statt: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_258_213.html Sehr viele der dort Habilitierten werden PD, um dann später mindestens eine (durchaus einkommenssteigernde) apl-Professur zu erhalten. Aus dieser Ecke hört man höchstens Klagen über über üble Arbeitsbedingungen (unbestritten, dass es die gibt), aber "oft" ohne Einkommen, Stelle etc.? Nicht wirklich.

 

 

 

 

#10.1 -

McFischer | Di., 22.07.2025 - 12:01

Antwort auf von Ruth Himmelreich (nicht überprüft)

Ich bin hier kein Experte, aber aus dem weiteren Bekanntenkreis geschlossen ist es bei Medizinern durch die Doppelrolle Klinik + Forschung/Lehre anders gelagert als in anderen Disziplinen. Das Einkommen wird durch eine klinische Position erarbeitet (Oberarzt etc.), was teils auch mit Forschung einher geht, die aber aus Zeitgründen begrenzt bleibt.  Der PD-Titel ist dann ein Schritt zur Professur (mit mehr Forschungsmöglichkeiten), dient aber selbst auch der Anbindung an Forschung & Lehre in Unikliniken, ist zum Teil vielleicht auch einfach symbolisch - aber für das Einkommen nicht relevant, da dieses schon durch die Haupttätigkeit erbracht wird.

(Sollte ich mich hier irren, ...

#11 -

McFischer | Mo., 21.07.2025 - 12:24

Offenbar gibt es laut Interviewten keine belastbaren Zahlen zu Privatdozenturen. Es wäre interessant, auf welche Fachrichtungen sich diese verteilen.

Nach meinem Eindruck ist die Zahl der PDs besonders in den Geisteswissenschaften hoch, vor allem Geschichtswissenschaften und den Sprachen (Germanistik etc.). Vermutlich kommen hier mehrere Faktoren ungünstig zusammen: anspruchsvoller und langer Weg bis zur Habilitation + begrenzte Zahl an Professuren (auch keine Option zb. an eine FH zu gehen) + wenig Exit-Optionen in Wirtschaft, Verwaltung etc.

 

#12 -

Anne Hauser | Mo., 21.07.2025 - 17:00

Die seit Jahren praktizierte ostentative Missachtung der hohen Kompetenz von PDs in Deutschland ist nicht akzeptabel, weder für die Betroffenen noch für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Das vorherrschende Prinzip "Arbeiten ohne Vergütung" , nur um die gesetzliche Pflicht zur Titularlehre zu erfüllen und ohne  jegliche Aussicht auf weiteren beruflichen Erfolg grenzt an Ausbeutung und ist moralisch nicht vertretbar. Hier sind Politik und Gesetzgebung aufgefordert, aufzuwachen und im Sinn der PDs aktiv zu werden. Denn: Bildung schafft Zukunft - und genau die brauchen wir.

#12.1 -

Berliner Uni | Di., 22.07.2025 - 11:50

Antwort auf von Anne Hauser (nicht überprüft)

Ich teile viele der genannten Kritikpunkte. Wenn ein Lehrauftrag vergeben wird, sollte er vernünftig bezahlt werden. Institute, die ihre Lehre zu großen Teilen auf Lehraufträgen aufbauen, machen etwas grundsätzliches falsch, weil das Programm dann auf Ausbeutung basiert – und Universitäten sollten das verhindern. Bezahlung sollte auch Vorbereitung und Prüfungen beinhalten. Institute sollten sehr zurückhaltend mit der Vergabe von Lehraufträgen an Personen werden, die das schon lange machen und immer noch auf eine Festanstellung hoffen, obwohl diese Hoffnung zunehmend irreal erscheint. Berufungskommissionen sollten nicht erwarten, dass sich Bewerber*innen „im Rennen halten“, indem sie kontinuierlich Lehraufträge annehmen – und das auch nicht ...

#12.1.1 -

McFischer | Do., 24.07.2025 - 13:27

Antwort auf von Berliner Uni (nicht überprüft)

Ihren Einwand/Beitrag finde ich grundsätzlich sehr gut.  Es gibt dabei aber zwei Perspektiven:

Die Perspektive des/der PD: Hier stimme ich zu. Es ist sicher eine Empfehlung an jede/n PD sich ab einem gewissen Zeitpunkt zu überlegen, eine Exit-Option aus der academia zu wählen, anstatt sich (wohl oft zunehmend frustriert) mit bezahlten oder gar unbezahlten Lehraufträgen weiterzuhangeln. Realismus hilft und schützt.

Die Perspektive des Systems: Mich stört, dass Sie hier das etablierte Lied der Bestenauslese letztlich weiter fortführen: es gibt halt wenig Professuren, jede/r weiß dass, also nicht jammern, wenn es für eine nicht passt. Ich finde es so ungemein (ver)störend, ...

#12.1.1.1 -

Berlin Uni | Sa., 26.07.2025 - 14:18

Antwort auf von McFischer (nicht überprüft)

Danke für Ihre Gedanken. Ich bekenne mich ganz klar zum Prinzip der Bestenauslese. Wenn such viele Personen auf eine Stelle bewerben, die aus Steuergeldern lebenslang (und nicht schlecht) finanziert wird, soll auf jeden Fall der/die Beste ausgewählt werden. Ich bekenne mich auch dazu, dass ich denke, dass nicht alle Kandidat*innen gleich geeignet sind, sondern es erhebliche Unterschiede in vergangener Leistung, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit gibt. Man kann darüber streiten, ob Berufungsverfahren zuverlässig genau die Besten finden oder was passiert, wenn mehrere Bewerber*innen nahezu gleich gut sind - was aber alles nicht gegen Bestenauslese spricht.

Der Vergleich zur Wirtschaft, oft gezogen, hinkt ...

#12.1.1.1.1 -

Hannover Uni | Mi., 27.08.2025 - 19:13

Antwort auf von Berlin Uni (nicht überprüft)

Sie lassen dabei aber unter den Tisch fallen, dass in nicht wenigen Instituten überhaupt keine weiteren entfristeten Stellen neben der Professur gibt. Da muss man sich doch fragen, wer denn dann die ganzen Nachwuchskräfte ausbilden soll? Die Professur ist ja meist mit dem Besuch von weitestgehend sinnlosen Kommissionen und Arbeitsgruppen, representativen Pflichten, Gutachter-und Reviewertätigkeiten und dem ewigen Kampf mit der Personalabteilung beschäftigt. Gegen Bestenauslese bei den Professuren ist ja nichts zu sagen, aber für einen Teil der dabei nicht erfolgreichen Personen sollten doch weitere Perspektiven an der Hochschule möglich sein, auch um das Know-How dort zu halten? 

Ich finde auch, ...

#12.1.1.1.2 -

Lara | Do., 28.08.2025 - 10:56

Antwort auf von Berlin Uni (nicht überprüft)

Die Realität, die ich an Unis und Forschungsinstituten beobachte ist aber, dass es  zahlreiche Aufgaben gibt für die man promovierte Personen, gerne auch mit gewisser Berufserfahrung, braucht, diese aber dann als Post-Docs nach WissZVG für maximal 2-3 Jahre anstellt.  Danach müssen sie gehen, können aber eigentlich wenn sie das 2 mal durch haben auch nirgendwo im Wissenschaftsbetrieb mehr befristet eingestellt werden, weil alle nach WissZVG befristen, egal ob das im Sinne des Gesetzes ist oder nicht.  Wesentliche Aufgaben im Mittelbau werden also alle 2-3Jahre von neuen Post-Docs besetzt, wohin aber mit den "alten Post-Docs" ? Die können nicht alle auf ...

#12.1.2 -

Wolfgang Kühnel | Di., 12.08.2025 - 20:48

Antwort auf von Berliner Uni (nicht überprüft)

"Institute, die ihre Lehre zu großen Teilen auf Lehraufträgen aufbauen, ..."

Nach meiner Kenntnis ist dies besonders an Musikhochschulen verbreitet. Man hat relativ wenige Professuren und passt die Zahl der Dozenten für Instrumentalspiel, Gesang, Chorleitung etc. kurzfristig den jeweiligen Erfordernissen an. Und gerade in diesen Bereichen gibt es gar keine Habilitation, die gibt's für Musikwissenschaft und andere theoretische Fächer.

#13 -

Penny Woeful  | Fr., 25.07.2025 - 21:14

Es wäre sinnvoller, in geisteswissenschaftlichen Fächern die Habil ausschließlich im Rahmen einer Tenure Track-Professur oder Tenure-Stelle fertigzustellen. Dann ist der Bearbeitungsstand der Habil ein zentraler Bestandteil der Evaluation, ob die Person in der begrenzten Zeit die vorher festgelegten Ziele erreicht hat. Und für die Person wäre klar, dass bei entsprechendem Bearbeitungsstand der Habil (Zwischenergebnisse oder Abschluss) und den weiteren erreichten Zielen eine unbefristete Professur bzw. Stelle hinterlegt ist. 

#14 -

Statistiker | Mi., 06.08.2025 - 13:38

Die Zahl der PDs und apl. Profs an Hochschulen wird jährlich durch die Hochschulpersonalstatistik erfasst und in den Datenbanken und Berichten der Statistischen Ämter veröffentlicht. 2023 gab es demnach 7.205 PDs und apl. Profs.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Personal an Hochschulen -> Tabellenblatt 21341-05):

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/_inhalt.html#_hx1rg9t9g



 

#15 -

PD | Fr., 29.08.2025 - 22:33

In 2023 gab es 7205 Privatdozenten und apl. Professoren in Deutschland (wenn man die Quelle von Statistisches Bundesamt anschaut; siehe den Kommentar von "Statistiker" oben) - und ein Großteil davon befinden sich im Baden Württemberg. 

Wenn wir Medizin aufgrund der Sonderstellung des "apl. Professoren" Status im medizinischen Bereich ausser Acht lassen, wie beurteilen die Leser/Leser*innen dieses Blogs den Wechseln von "PD" zu "apl. Professoren"? Welche Vorteile / Nachteile sind mit dem  "apl. Professoren" Status verbunden? Die Titellehre muss man ja eh aufgrund des PDs machen. Gibt es Beispiele (ausserhalb von Medizin), wo habilitierte aufgrund des "apl. Professoren" Status Vorteilen im ...

#16 -

Frau PD Liesch… | Fr., 12.09.2025 - 09:24

Zum Themenkomplex gehören auch neue Blüten der Absurdität: Bei Ausschreibungen für Tenure-Juniorprofessuren werden immer häufiger Habilitierte von der Bewerbung ausgeschlossen. "Eine erfolgte Habilitation ist ein Ausschlussgrund für eine erfolgreiche Bewerbung." Darauf muß man erstmal kommen - hochqualifizierte Bewerber:innen sind nicht gewünscht, lieber mit 41 frisch promoviert denn auch noch habilitiert? Dass solche Wendungen langfristig juristisch haltbar sind, kann ich mir zwar nur schwer vorstellen, aber die Habilitation scheint nicht mehr en vogue zu sein, und eine ganze habilitierte Forscher:innengeneration hockt etwas ratlos vor den derzeitigen Stellenausschreibungen, die niemals nicht irgendwas diskriminieren, aber Habilitation geht halt nicht. 

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