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Zwischen Macht, Politik und Geltungssucht

Vor knapp fünf Jahren wurde die TU Dresden von Fälschungsvorwürfen in einem Millionenprojekt erschüttert. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Dresden Anklage gegen einen Beschuldigten erhoben.

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Artikelbild: Zwischen Macht, Politik und Geltungssucht

Whistleblower Martin Holst (links) und Jens Strehle bei der Verleihung der Ehrennadel der TU Dresden 2022 durch die TUD-Rektorin Ursula Staudinger. Foto: TUD.

ES WAR DER VERSUCH einer institutionellen Wiedergutmachung. Im Juli 2022, dreieinhalb Jahre nachdem Jens Strehle und Martin Holst mit ihren Hinweisen einen laut der Technischen Universität Dresden (TUD) bundesweit einzigartigen Wissenschaftsskandal aufgedeckt hatten, erhielten die beiden Whistleblower die Ehrennadel der TUD.

"Der Mut, mit dem die beiden Whistleblower auf die gravierenden Verstöße gegen wissenschaftliche Integrität im Rahmen der sogenannten PPP Studie hingewiesen haben und damit eine Untersuchung und Offenlegung ermöglicht haben, verdient unsere höchste Anerkennung", verkündete die Hochschulleitung. "Die Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen Integrität ist von zentraler Bedeutung für unsere Universität."

Vergangene Woche nun teilte die Staatsanwaltschaft Dresden auf Anfrage mit, dass sie nach drei Jahren Ermittlungen Anklage gegen den Protagonisten des Skandals vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts erhoben hat – wegen Betrugs in sieben Fällen, versuchten Betrugs in zwei Fällen und versuchter Nötigung.

Januar 2019. Jens Strehle ist Mathematiker und Experte für die statistische Auswertung und Interpretation wissenschaftlicher Daten. Der 43-Jährige arbeitet auf einer befristeten Stelle in einem Forschungsprojekt des Psychologieprofessors Hans-Ulrich Wittchen.

Der ist nicht irgendwer. Wittchen, zu dem Zeitpunkt 67, gehört zu den international bekanntesten, publikationsstärksten und meistzitierten Forschern seines Fachs in Deutschland. 17 Jahre war er Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und ist immer noch so etwas wie dessen graue Eminenz. Unter anderem war er enger Berater des damaligen Rektors Hans Müller-Steinhagen, als der 2012 die TU Dresden als einzige ostdeutsche Universität zum Exzellenztitel führte.

Forschung, die Folgen hat

Für die sogenannte "PPP-Studie" hat Wittchen 2,5 Millionen Euro Fördergelder beim Gemeinsamen Bundesausschuss eingeworben. Die Abkürzung "PPP" steht für „Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik“, die empirisch erhoben werden soll als Grundlage, damit der Gemeinsame Bundesausschuss anschließend bundesweite Mindestpersonalvorgaben für die Einrichtungen machen kann. Es geht also um viel, und es geht um die Daten vieler Kliniken.

Und das ...

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Kommentare

#2 -

Manfred Klarner | Mi., 13.11.2024 - 11:06
Sicher keine ganz einfache Geschichte mit einem Protagonisten, der ziemlich in Erklärungsnot gekommen ist. Aber vielleicht macht es sich der Chronist hier mit seiner eindeutigen Positionierung doch etwas einfach?

Und für "Guntram Lässig" scheint der Fall ein willkommenes Argument gegen Exzellenz in der Wissenschaft zu sein.

#3 -

bregalnica | Mi., 13.11.2024 - 11:17
Wer Wittchen einmal erlebt hat - ob als Mitarbeiter oder Student - der wird genau wissen, wie Wittchen seine Position und Macht ausspielt und andere Menschen fertig macht, nur um sich selbst zu pushen. Dass wissenschaftliche Mitarbeiter in prekären, ungeschützten und total abhängigen Verhältnis es geschafft haben, auf die Missstände hinzuweisen, kann man nur mit Respekt und Demut begegnen. Am Ende war es aber sicher auch ein Glück, dass Wittchen in den Ruhestand ging - ob man einen 40 jährigen Professor für seine Misstaten entlassen hätte, ist mehr als fraglich. Wissenschaftliches Fehlverhalten und Machtmissbrauch ist real, nicht nur in Dresden. ...

#3.1 -

Medicine | Fr., 12.09.2025 - 18:43

Antwort auf von bregalnica (nicht überprüft)

Die generelle Aussage,als Student von Prof.Wittchen fertig gemacht worden zu sein,kann ich nicht bestätigen.Vorlesungen und Seminare waren highlights.Die Prüfungsathmosphäre war fair und angenehm.Bei allen wissenschaftlichen Verfehlungen bleibt dies,wie vielen in meinem Jahrgang,unvergessen.

#4 -

Erwin Koslowski | Mi., 13.11.2024 - 12:56
Je man schaut, desto weniger "einfach" wird die G'schicht:



"Ebenso irritiert ein Arbeitsvertrag für eine Mitarbeiterin, die als "Datenanalytikerin" für das Projekt angestellt worden sein soll. Die regulären Mitarbeiter wussten allerdings nichts von dieser vermeintlichen Kollegin und versichern, eine Arbeitsleistung sei von dieser nicht erbracht worden. Das Honorar summierte sich Dokumenten zufolge auf mehr als 40 000 Euro. Bei der fraglichen Mitarbeiterin handelte es sich gemäß des Vertrags um die Tochter von Projektleiter Wittchen. Auf die Bitte um eine Stellungnahme zu diesen Punkten, teilte Wittchens Anwalt mit, sein Mandant werde die Fragen nicht beantworten."



https://www.sueddeutsche.de/wissen/wittchen-faelschung-tu-dresden-ppp-studie-psychiatrie-1.5226427

#5 -

G. Lässig | Mi., 13.11.2024 - 14:14
#2: Werter Herr Klarner, Sie irren sich. Mein Eintrag ist
kein Argument gegen "Exzellenz in der Wissenschaft", sondern eines gegen Verballhornungen derselben. Es gibt genügend bewährte Förderformen exzellenter Wissenschaft:
SFB, GRK, Einzelanträge, DFG-Schwerpunktprogramme etc.
Die Exzellenz-Initiative ist in der derzeit praktizierten Form
m.E. nicht geeignet.

#6 -

Wolfgang Kühnel | Mi., 13.11.2024 - 15:26
Mir ist von dem Bericht nicht klargeworden, worin der Vorteil für Wittchen durch die Manipulation bestand, gerade weil er der Pensionierung entgegen ging. Hat er womöglich in augenzwinkernder Übereinstimmung mit "höheren Mächten" gehandelt, die ein bestimmtes Ergebnis haben wollten?

#7 -

Whistleblower | Mi., 13.11.2024 - 22:02
Die initiale Beschwichtigungs- und Abwehrreaktion der Ombudsperson überrascht mich in keiner Weise, werden doch Fehlverhaltenskommissionsmitglieder in intransparenten Verfahren mit Vertrauten der Universitätsleitung besetzt, damit diese möglichst geräuschlos Skandale wegmoderieren. Eine Untergrabung des eigentlichen Zwecks dieser wichtigen Kommissionsarbeit.

#9 -

DD | Mo., 18.11.2024 - 11:28
Vielen Dank für diesen detailreichen Bericht, Herr Wiarda! Ganz bitter finde ich die Aussage von Herrn Strehle: "Hätte ich Anfang 2019 gewusst, worauf ich mich mit meinem Gang zum Ombudsmann einlasse, hätte ich es nicht gemacht." Es ist so wichtig, dass sie nun geehrt wurden. Vor dem Mut und ihrer Resilienz kann man nur den Hut ziehen.

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