Die trügerische Sehnsucht nach dem "Kern" der Wissenschaft
Die Kritik an zu viel Normativität und gesellschaftlichem Engagement in der Wissenschaft ist doppelt falsch. Sie schwächt die Qualität der Forschung – und nützt denen, die Wissenschaft politisch begrenzen wollen. Ein Essay.
Bild: rawpixel.com / freepik.
ES SIND BEMERKUNGEN, ein paar Halbsätze. Selten mehr. Vielleicht weil meine Gesprächspartner ahnen, dass ich anderer Meinung bin. Womöglich handelt es sich auch um ein echtes Tasten, ein Ringen nach Haltung und Perspektive. Doch was ich da höre, sorgt mich. Wegen des Inhalts. Aber auch wegen derjenigen, die da reden: Hochschulrektoren, Chefs von Forschungsinstituten, Repräsentanten von Stiftungen, dekorierte Wissenschaftler. Einflussreiche Leute. Persönlichkeiten, die ich schätze und respektiere.
"Vielleicht haben wir es wirklich übertrieben", sagt der eine, "das mit der Diversität, der Nachhaltigkeit und all dem." "Wir müssen echt aufpassen", sagt die andere, "dass wir über all den guten Absichten nicht die harte Wissenschaft vernachlässigen." Und ein dritter mahnt: "Wie sollen wir uns irgendwann gegen rechte Landesregierungen wehren, die der Wissenschaft ihren Willen aufzwingen wollen, wenn die Wissenschaftspolitik schon heute durch wissenschaftsferne Motive überlagert wird?"
Klar hat es solche Statements immer gegeben. Doch sie nehmen zu in Häufigkeit und Intensität. Dass sich hier, längst nicht mehr nur unterschwellig, der wissenschaftspolitische Diskurs dreht, zeigt sich auch an der Beachtung, die verschiedene Meinungsbeiträge zuletzt in der Wissenschaftsszene gefunden haben – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Argumente. Der von Volker Meyer-Guckel etwa, der in der FAZ "zu viel Wertsetzung in der Wissenschaft" bemängelte und die These formulierte, "dass normative Überformungen des Wissenschaftssystems einerseits die gesellschaftliche Polarisierung befördern, andererseits die Wissenschaftsfreiheit gefährden". Ebenfalls in der FAZ plädierte Klaus Ferdinand Gärditz für einen "mutigen Teilrückzug in den Elfenbeinturm" als Reaktion auf politische Anfechtungen von rechts und links. Und dann war da der Essay von Josef Joffe in der ZEIT: Früher habe Hochschule vor allem Exzellenz geheißen. Heute stehe Sozialpolitik mit auf der Agenda – "eine fatale Entwicklung". Nötig sei "mehr Ehrgeiz".
Die Leopoldina wiederum befand vergangenes Jahr in einem Diskussionspapier zur Entbürokratisierung, die von Politik und Gesellschaft eingeforderte "Fokussierung auf gesellschaftliche Werte hat inzwischen zu einer Priorisierung von Nebenzwecken zulasten der wissenschaftlichen Kernaufgaben beigetragen". Zu diesen "Nebenzwecken" zählt die Nationalakademie unter anderem auch Chancengleichheit und Transfer. Und sie konstatierte: "Je umfassender Maßnahmen zur Umsetzung gesellschaftlicher Werte in den Wissenschaftseinrichtungen verankert werden, desto mehr drohen sie die wissenschaftliche Arbeit zu bürokratisieren."
Ein Diskurs kippt
Was passiert hier? Hat die Förderpolitik in den vergangenen Jahren tatsächlich die Wissenschaft auf wissenschaftsferne Abwege geführt? Hat hier, auch aus der Wissenschaft selbst heraus, eine Entwicklung überdreht, die den wissenschaftlichen Output deutscher Forschungseinrichtungen zunehmend erschwert und gefährdet?
Die Empirie liefert keine Hinweise darauf, dass die objektive Performance der Wissenschaft hierzulande sich in den vergangenen zehn oder 15 Jahren verschlechtert hat, keine Statistiken oder Indizes geben das her. Die deutschen Exzellenzuniversitäten erreichen weiter mittelprächtige Platzierungen in den internationalen Hochschulrankings, bei den weltweit am meisten zitierten Forschenden kam die Bundesrepublik 2025 auf höhere Zahlen als 2015, beim Einwerben von ERC-Grants liegt Deutschland seit dem Brexit zuverlässig auf Platz 1 – aufgrund seiner Bevölkerungsgröße. Relativ dazu waren andere immer schon besser.
Auch die Schwächen des deutschen Wissenschaftssystems sind seit vielen Jahren dieselben, dazu gehören Experten zufolge etwa der mangelnde wirtschaftliche oder gesellschaftliche Impact von Forschungsergebnissen, die sogenannte "Third Mission" der Hochschulen – und der Transfer. Alles laut Leopoldina vermeintliche "Nebenzwecke".
So wie Deutschlands Hochschulen beim Anteil von Professorinnen (30 Prozent) und die Forschungseinrichtungen bei Frauen in Führungspositionen (24 Prozent) stabil international zurückliegen. Womöglich ist es ja kein Zufall, dass viele der Länder, die bei ERC & Co. pro Kopf stärker abschneiden, auch bei der Chancengleichheit weiter sind? Und dass ausgerechnet die US-Spitzenuniversitäten die ausgefeiltesten Diversitätsstrategien hatten? Weil Diversität eben nicht "Sozialpolitik" ist, sondern die aktive Förderung einer möglichst breiten Talentbasis die Voraussetzung von Exzellenz?
Empirie contra Bauchgefühl
Wenn also die Stimmen in der Wissenschaft und um sie herum lauter werden, dass man sich wieder auf "das Wesentliche" besinnen und das Normative zurückfahren müsse, dann steckt etwas anderes dahinter. Und genau dieses Andere sorgt mich sehr. Es ist die bewusste oder unbewusste Reaktion auf den sich verändernden Zeitgeist, allem voran auf das Kippen der bisherigen wissenschaftlichen Leitnation Nummer 1, der Vereinigten Staaten.
Die Trump-Ideologie zerstört nicht nur die Grundfesten freier Forschung und leistungsstarker Universitäten, sie füttert die vorhandene Wissenschaftsfeindlichkeit in einem Teil der Bevölkerung, die wiederum auf eine geschwächte Wissenschaftscommunity trifft. So wie der antiliberale Feldzug extrem konservativer bis rechtsradikaler Ideologen zu einer Diskursverschiebung führt, die plötzlich Bekenntnisse zu demokratischen Errungenschaften wie Minderheitenschutz oder offenen Grenzen als zunehmend radikal erscheinen lässt. Auch in Deutschland, wie der Erfolg der AfD in Umfragen und das Irrlichtern der etablierten Parteien bei Migration oder Bürgerrechten zeigt.
Und genau in diesem Klima beginnen auch Teile der Wissenschaft und ihrer Chefetagen, verstärkt ihre Vorbehalte gegenüber einer vermeintlichen politischen Überbeanspruchung der Wissenschaft zu äußern. Noch ist es kein offener Rückzug, eher ein leises Justieren, ein Distanzieren von Begriffen wie Diversität oder Nachhaltigkeit, ein demonstratives Pochen auf einen abstrakten Kern von Wissenschaft, was auch immer der beinhalten soll.
Warum gerade jetzt? Das müssen sie sich fragen lassen. Weil sie Angst haben, die Wissenschaft werde ohne Veränderung den Rückhalt in der Breite der Bevölkerung verlieren? Wofür übrigens Umfragen wie das Wissenschaftsbarometer kaum Anhaltspunkte liefern. Weil sie hoffen, so Schlimmeres zu verhindern?
Der falsche Rückzug
Vielleicht trauen sich auch einige erst jetzt, ihre schon länger gehegte Skepsis etwa gegen Gleichstellungsmaßnahmen offen zu formulieren.
Egal, denn die Pointe ist die gleiche: Wissenschaft war nie nur "harte Wissenschaft". Sie war immer eingebettet in gesellschaftliche Kontexte, in normative Ordnungen, in politische Auseinandersetzungen. Die Freiheit der Forschung, auf die sich jetzt so viele berufen, ist selbst ein normatives Projekt, historisch erkämpft und institutionell (oft mehr schlecht als recht) abgesichert.
Deshalb irrt auch, wer glaubt, der befürchtete Angriff der extremen Rechten ließe sich verhindern, indem man die Förderpolitik vermeintlich "entpolitisiert". Denn die AfD und ihre Verbündeten würden darin nur ein Eingeständnis sehen und die Rechtfertigung für noch tiefere Eingriffe.
Der Entwurf des AfD-Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt liefert die Blaupause: Auch "die Naturwissenschaft" (im Singular genannt), heißt es da, nicht mehr in der Lage sei, "ideologiefreies Wissen" zu erzeugen. "Die Geisteswissenschaften wiederum stecken bis zum Hals in einem Sumpf aus Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei." Nicht zu vergessen dieser Satz: Die "68er Revolte" habe "eine der Wissenschaft fremde und für die Wissenschaft schädliche Politisierung" an die Universitäten gebracht und die Bürokratie durch ein "pseudodemokratisches" Gremienwesen aufgebläht.
Wer also heute, und sei es aus bester Absicht, dafür plädiert, die Wissenschaft vom Verfolgen gesellschaftlicher Werte und Ziele abzukoppeln, und sei es nur in Teilen, hat weder die empirisch begründete Aussicht auf eine bessere Performance noch auf eine Entpolitisierung. Sondern auf eine politische Verengung – und riskiert damit genau das, was er verhindern will.
Was jetzt zu tun ist
Also alles so lassen, wie es ist? Mitnichten. Was es jetzt braucht, ist keine Abkehr von Diversität, Transfer oder gesellschaftlicher Verantwortung – sondern deren entschiedenere Verteidigung. Eine ehrlichere Debatte darüber, wie sie besser organisiert und gegen Angriffe von Rechtsaußen abgesichert werden können. Mit dem Blick auf objektive Erfolgsstatistiken und wissenschaftlich fundierte Empirie anstatt auf subjektive Vorbehalte.
Fundierte Empirie wäre zum Beispiel, mit Blick auf die international führende Konkurrenz anzuerkennen, dass der Wettbewerbsnachteil deutscher Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen sicher nicht in zu viel Diversitätsförderung oder ihrem gesellschaftlichen Engagement besteht, sondern in dysfunktionalen und intransparenten wissenschaftlichen Stellenstrukturen. In mangelhafter strategischer Führung. Und in der massiv vernachlässigten Grundfinanzierung der Hochschulen, die sie zu abhängig macht von staatlich finanzierten Drittmitteln und Förderprogrammen aller Art. Diese Schieflagen sind es auch, die zu bürokratischen Überfrachtungen führen, nichts anderes.
Für die Karriereoptionen sind Hochschulen und Wissenschaft selbst verantwortlich. Und auch wenn der Staat auf keinen Fall aus der Verantwortung für eine bessere Wissenschaftsfinanzierung entlassen werden darf, können doch auch hier die Hochschulen selbst mehr tun: Je erfolgreicher sie darin werden, wissenschaftliche Erkenntnisse in Einnahmen umzumünzen, desto mehr sichern sie zugleich ihre Autonomie. Nötig sind institutionelle Strategien, die den Wert von Diversität, Transfer und gesellschaftlichem Impact für den Erfolg und die Unabhängigkeit der Wissenschaft beschreiben, einsetzen und absichern.
Verschiedene Organisationen und Gremien, vom DFG über den Wissenschaftsrat bis hin zur Wissenschaftsministerkonferenz, haben sich das Thema "Resilienz der Wissenschaft" auf die Fahnen geschrieben, Kommissionen und Arbeitsgruppen eingerichtet. Was dabei Konkretes herauskommt, ist bislang offen. Hier aber können sie konkret wirksam werden.
Was wir jetzt brauchen, ist eine Wissenschaft, die ihre gesellschaftliche Rolle kennt. Und nicht negiert. JMW.
Kommentare
#1 - Lieber Herr Wiarda, Danke…
Lieber Herr Wiarda,
Danke für diesen wertvollen Diskussionsbeitrag! Ich hoffe, dass viele in der Wissenschaft Ihre Ansicht teilen und die von Ihnen kritisch kommentieren Ansichten v.a. diejenigen sind, die schon immer so dachten und jetzt "nur" aus der Deckung kommen. Denn noch schwieriger wäre ein "vorauseilender Gehorsam" ggü. einer befürchten AfD-Regierung(-sbeteiligung).
Und zu Ihrer Frage: "Womöglich ist es ja kein Zufall, dass viele der Länder, die bei ERC & Co. pro Kopf stärker abschneiden, auch bei der Chancengleichheit weiter sind?" und zur erwähnten Verantwortung der Hochschulen für die unattraktiven "Karrierewege" kann ich nur noch einmal bestärkend hinzufügen, dass insbesondere Postdocs, aber auch Profs in anderen Ländern wie z.B. Norwegen deutlich mehr Zeit für eigene wiss. Arbeit haben als in Deutschland (s.Tab. 3 und 4 in: https://www.researchgate.net/publication/387823821_Gendered_Time-Use_Patterns_in_Academic_Activities_Among_Researchers_in_Germany_and_Norway).
#2 - Wirklich bezeichnend, dass…
Wirklich bezeichnend, dass in dem Moment, als die geforderte "politische Auseinandersetzungen" mal tatsächlich beginnen, die Frage, ob "Diversität, Transfer oder gesellschaftlicher Verantwortung" tatsächlich Ziel und Auftrag von Wissenschaft sein sollte, der Auseinandersetzung entzogen werden soll, indem Kritiker gleich wieder (so voraussehbar!) als " extrem konservative bis rechtsradikale Ideologen" beschimpft werden. Dann kann man die Debatte in der Tat gleich lassen.
#2.1 - tatsächlich
Es heisst Englisch third mission. Für mich geht es bei dieser Frage um Nuancen, Prioritäten und Positionierung dazu, wie die third mission zusammen mit first und second mission angestrebt wird. Die mission statements, die sich die Universitäten, MPG, HGF, FhG und WGL gegeben haben, beschreiben einen Mix aus Zielen und Aufträgen. Diversität, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung sind Ziele und Aufträge von Wissenschaft, sagen die mission statements, die ich kenne.
#3 - Wiarda Beitrag
Lieber Herr Wiarda, sehr herzlichen Dank für diesen klugen Beitrag, der pointiert und klar die derzeitigen Akzentverschiebungen beschreibt. Ohne Diversität gibt es keine Auslese der Besten, nur eine Auslese der Privilegiertesten. Und ohne Impact begibt sich die Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.
#4 - Welche Werte und Ziele?
"Wer also heute, und sei es aus bester Absicht, dafür plädiert, die Wissenschaft vom Verfolgen gesellschaftlicher Werte und Ziele abzukoppeln, und sei es nur in Teilen, hat weder die empirisch begründete Aussicht auf eine bessere Performance noch auf eine Entpolitisierung."
Dieser Satz unterstellt offensichtlich, dass es klar und unstrittig ist, welche "gesellschaftlichen Werte und Ziele" zu verfolgen sind. Andernfalls könnten ja verschiedene Wissenschaften (oder Wissenschaftler an verschiedenen Orten) unterschiedliche Werte und Ziele verfolgen. DIE Wissenschaft gibt es so auch nicht, sie ist in sich sehr heterogen.
Aber diese Prämisse scheint mir nicht erfüllt zu sein: Einfach GEGEN die AfD zu sein, bedeutet noch nicht, dass man gemeinsam FÜR etwas ist. Und in einer heterogenen und diversen Migrationsgesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Strömungen scheint es mir selbstverständlich zu sein, dass die existierenden Werte und Ziele ebenfalls heterogen und divers sein müssen. In einer Demokratie können Werte und Ziele -- jenseits sehr allgemeiner Formulierungen in einer Präambel zur Verfassung -- nicht einfach einheitlich vorgeschrieben werden, sie müssen selbst zum Gegenstand der demokratisch geführten Diskussion werden.
#4.1 - Ach ja, Herr Kühnel ....
Wofür oder wogegen sind Sie denn eigentlich, verehrter Herr Kühnel? Mir fällt schon seit einiger Zeit eine eigenartige Tendenz Ihrer Wortmeldungen auf. Ich bin jedenfalls nicht so recht damit einverstanden.
#5 - Absolut d'accord
Lieber Herr Wiarda, vielen Dank für das bitter notwendige Plädoyer! Was in der Wissenschaft noch lange nicht überall gelungen ist, hat sich in der Verwaltung besser durchgesetzt. Aus dieser Perpektive muss ich gestehen, dass auch ich manche Maßnahmen arbeits- und dokumentationsaufwändig fand und dennoch uneingeschränkt dahinter stand. In ein wenig Entbürokratisierung sähe ich eine Möglichkeit, auch den zögernden Wissenschaftler(:inne)n entgegenzukommen, die ansonsten diesen Vorwand nutzen würden, um die Gleichstellung unter den Bus zu werfen.
#6 - Rolle der Wissenschaft
Lieber Herr Wiarda,
Dank für Ihre kluge aktuelle Analyse. Als jemand der lange Jahre an einer britischen Uni war (UCL) sehe ich die dortigen Strategien ähnlich positiv: Wandel gestalten statt Rückzug postulieren. Und mit der Coalition for Advancing Research Assessment gibt es auch eine starke internationale Allianz für Erneuerung. Gut dass der Wissenschaftsrat auch nach vorne schaut. Jetzt sind die Unis am Zug, und auch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Mehr Diversität und Impact für die Gesellschaften von Morgen heißt letztlich auch Hinterfragen althergebrachter Personalstrukturen und mangelnder Entwicklung. Weiter alles Gute!
#7 - wer spricht?
Ein neuer, analysierender, beobachtender und engagierter Ton hier, toll, finde ich. Ich würde das Erklären und Verkaufen von Wissenschaft an Nicht-WissenschaftlerInnen trennen vom Forschen. Elif Özmen hat zu Wissenschaftsfreiheit geforscht und die Gefahr benannt, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm nur mit sich selbst spricht. Der Staat steuert Forschung durch die Vergabe von Mitteln. Wenn ForscherInnen und ihre Institutionen ohne Steuerung forschen möchten, hindert sie erstmal niemand, oder?
#8 - Danke für die hilfreiche Klarstellung!
Lieber Herr Wiarda, haben Sie vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Wir brauchen in den Wissenschaften viel mehr Menschen, die hier Haltung zeigen.
#9 - Der Artikel geht fehl.
"Mit dem Blick auf objektive Erfolgsstatistiken und wissenschaftlich fundierte Empirie anstatt auf subjektive Vorbehalte."
Es geht nicht um subjektive Vorbehalte, sondern um die schlichte Erfahrung, dass knappe Arbeitszeit sinnvoll verteilt werden muss und es hierbei um ein Nullsummenspiel geht.
Jede Stunde, die eine Forscherin damit verbringt, ihre Anträge um sachferne Erläuterungen zu Nachhaltigkeit, Diversität etc. zu ergänzen, ist für Forschung & Lehre verloren; wir reden über endlose Gremiensitzungen, Berufungskommissionen, Stellenbesetzungskommissionen, Fakultätsratssitzungen, Tenure-Track-Kommissionen; über Innengutachten, Außengutachten, kiloschwere Stapel von "Konzeptpapieren", Begründungen, Nachbegründungen, Fragebögen, Berechnungen "akademischen Alters", Quotenstellungen, Kaskadenmodelle, Debatten im Senat, rein PR-orientierte Zertifizierungen aller Art etc. pp. - über hunderte, vll. noch deutlich mehr Arbeitsstunden, die jedes Jahr anfallen, und zwar pro Hochschule.
Und wir reden über allerlei unbewiesene, rein spekulative Behauptungen zum Zusammenhang von diesem und jenem mit Hochschulerfolgen bzw. ihrem Fehlen.
Es ist wie überall in Deutschland: Im Wesentlichen geht es um den Aufbau von Fassaden, es werden bürokratische Strukturen und Posten erzeugt, auf denen viele Menschen sitzen, die vor alle damit befasst sind, Prozesse ineffizient zu machen und zu bremsen. Wichtig ist das richtige Kreuz an Stelle x oder die richtige Begründung im Formularfeld z. Darauf kommt es an, sonst auf nichts.
#9.1 - Grüße gehen raus an Fürst Potemkin
"Es ist wie überall in Deutschland: Im Wesentlichen geht es um den Aufbau von Fassaden,"
Das ist das Kernproblem, ja. Die Politik weiß, daß eigentlich einschneidende Strukturreformen nötig wären. Aber dafür ist man zu feige oder zu faul. Zugleich ist D immer noch ein reiches Land (mit im Schnitt armen Bürgern). Ergo werden Milliarden verbraten, um so zu tun als ob.
#9.2 - Ja und nein ...
Im Kern haben Sie sicherlich Recht mit der Diagnose, dass viel Zeit für Gremiensitzungen, Konzeptpapiere, Gutachten und Kommissionen draufgeht. Aber das liegt nur zu einem gewissen Teil an den angeblichen "Nebenzielen", wie es die Leopoldina nennt. (Kurzer Einschub: Für eine Äußerung der Nationalen Akademie der Wissenschaften ist das Diskussionspapier beeindruckend unwissenschaftlich, kommt es doch gänzlich ohne Belege, Studien oder sonstige Referenzen aus.) Das Paradoxe ist doch, dass in nicht ausfinanzierten Universitäten hochbezahlte Arbeitszeit des wissenschaftlichen Personals in eben diese Aufgaben gekippt wird, die entweder von nicht vorhandenen Stabsstellen und administrativem Personal geleistet werden sollten. Oder die in den kompetitiven Verfahren zur Mittelvergabe in etlichen Fällen umsonst sind, weil der Antrag eben nicht bewilligt wird.
Kurz gesagt: Richtet eine vernünftige Stabsstellen- und Departmentstruktur mit ausreichend Sekretariatskapazitäten und Unterstützung durch studentische Hilfskräfte ein und gebt den Forscher:innen einfach die Kohle, die sie brauchen. Dann kann man auch die Nebenziele, die gar keine sind, sondern Teil des gesellschaftlichen Auftrags der Wissenschaft, ganz entspannt verfolgen.
#9.2.1 - Kohle
Wer wie Autor:innen der Leopoldina wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Welt kam, der mag heutige Ziele von Diversität, Klimaschutz und Generationengerechtigkeit für neumodisch und vorübergehend halten. Wenn diese Ziele als Nebenziele eingestuft werden und Forscher:innen sie deshalb an Sekretariatskapazitäten und studentische Hilfskräfte delegieren, bin ich dafür, sie gleich ganz zu streichen. Kohle als Bild für Geld kommt aus einer Zeit, als Kohle noch gefördert und für Raumwärme genutzt wurde. Ich bin dagegen, Forscher:innen Kohle zu geben, damit sie Klimaziele ignorieren. Das Dokumentieren von Zielgrößen ersetzt nicht die Anstrengung, Ziele zu erreichen, und die Leopoldina sagt dazu: Die Umsetzung solcher Nebenzwecke ist Leitungsaufgabe.
#9.2.2 - Wird nicht helfen, denn
diese Strukturen gibt es ja bereits, und zwar auch und gerade für "Nebenziele". Die Verwaltung ist sogar oft Treiber solcher Ziele, da sie hier mitspielen kann. Die Strukturen sind nicht ausfinanziert, das ist richtig. Zugleich gilt allerdings auch: Sie werden nie ausfinanziert sein, denn mit jeder Verwaltungsstelle, die entsteht, steigen die Verwaltungsaktivitäten und damit wiederum Folgeforderungen der Verwaltung in die eigene Ausstattung. "Stabsstellen" kann man nie genug haben, fragen Sie in der Verwaltung nach.
Seit Bulmahn haben wir nicht bloß eine neue Priorisierung von Drittmitteln gegenüber Grundmitteln, sondern auch von Verwaltung gegenüber Wissenschaft - übrigens bes. Verwaltung im zentralen Bereich, weniger dort, wo wirklich geforscht und gelehrt wird.
Man hat dann also z. B. eine Diversitätsbeauftragte, die erfindet Konzepte, diese beschäftigen weitere Verwaltungskolleg:innen und wandern dann - natürlich! - in den Senat, in Strukturkommissionen, in Fakultätsräte usw., wo sie unweigerlich wieder wissenschaftliche Kapazitäten binden. Es entstehen als Folge Beschwerdestellen, an diese wendet sich Studentin x, weil - so gerade hier geschehen - eine Kollegin (kein generisches Femininum) ihr gesagt hat, ihre Leistung im Seminar sei nicht ausreichend. Also wird die Kollegin - so gerade hier geschehen - einbestellt und muss sich eine Stunde wg. Diskriminierung rechtfertigen. Dies wiederum sorgt für Gesprächsbedarf am Institut, dann auf Fakultätsebene, jetzt muss nachgeschärft werden, vll. ist auch die Anti-Diskriminierungsrichtlinie zu unspezifisch, also rein in das Board der Studiendekane, von dort in die Verwaltung, die wieder neue gute Ideen hat, usw. Oder man setzt ein Nachhaltigkeitsprogramm auf - dann ist das erste, was gesagt wird, das, was Sie auch sagen: Dafür brauchen wir erst mal spezialisiertes Personal. Das kann die Sache aber nicht alleine wuppen, man möchte damit auch nicht sechs Leute beschäftigen (oder vll. doch), also werden als nächstes alle Fakultäten verpflichtet, "Ansprechpartner" zu benennen, die der Verwaltung zuarbeiten, eigentlich von ihr in Dienst genommen werden. Usw.
#11 - Diversity Marketing
"Nötig sind institutionelle Strategien, die den Wert von Diversität, Transfer und gesellschaftlichem Impact für den Erfolg und die Unabhängigkeit der Wissenschaft beschreiben, einsetzen und absichern."
Die Betriebswirtschaft hat jedenfalls die Diversität schon in ihr System eingebaut, denn die Experten für Reklame haben sie entdeckt (sowas fällt vermutlich unter "Transfer"). Auf der Webseite eines privaten "Instituts für Werbewirtschaft" (Überschrift: "Diversity Marketing -- Warum Diversität im Marketing so wichtig ist", man findet das leicht im Internet) erläutert ein Reklame-Professor das "Diversity Marketing". Es bedeutet, z.B., dass Bäuerinnen für landwirtschaftliche Produkte werben (gab's doch schon immer: Frau Antje aus Holland) oder Männer Reklame für Lippenstift, Nagellack & Co machen (das gab's vorher noch nicht). Zitat:
"Somit kann Diversity Marketing dabei helfen, eine emotionale Bindung zu schaffen, die dann wiederum das Kaufverhalten beeinflussen kann."
"Besonders interessant ist, dass für viele der Bereich Diversity so normal geworden ist, dass es ihnen überhaupt nicht mehr auffällt, wenn sie mit dieser „besonderen Art“ von Werbung konfrontiert werden."
Darauf haben wir doch bestimmt gewartet: Nach den Tricks der Reklame-Psychologen jetzt noch die "Konfrontation" mit Tricks der Diversity-Experten, um unsere emotionale Bindung für ein bestimmtes Kaufverhalten auszunutzen. Und das müssen wir dann auch noch gut finden?
Allein die Sprache dabei macht mich misstrauisch. Was würde wohl Obelix dazu sagen?
Neuen Kommentar hinzufügen