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Einstimmig in die Sackgasse

Von der Lindauer Konferenz der Wissenschafts-MK sollte ein Zeichen der Entschlossenheit ausgehen – wäre im Hintergrund nicht der Streit um die Einstimmigkeit bei allen wichtigen Fragen. Viele Minister könnten sich eine Abschaffung vorstellen, um sich auf eine drohende AfD-Landesregierung vorzubereiten. Mindestens einer aber offenbar nicht: Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume.
Wissenschafts-MK

Wissenschafts-MK auf Dampferfahrt: Gruppenbild am Anleger in Lindau. Foto: Axel König / StMWK. 

MARKUS BLUME WAR gut drauf. "Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich nach harter Arbeit aussieht, aber das ist es tatsächlich." Gerade war der bayerische Wissenschaftsminister mit seinen Kolleginnen und Kollegen der Wissenschaftsministerkonferenz vom Dampfer gestiegen, der sie während ihrer Sitzung dreieinhalb Stunden lang über den Bodensee geschippert hatte. Dann noch ein Gruppenfoto mit Schiff, Pier und Wissenschafts-MK-Bannern, bevor sich der Gastgeber vor der malerischen Kulisse der Lindauer Hafeneinfahrt zur Pressekonferenz niederließ.

Neben ihm saß Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Wissenschaftsministerin Bettina Martin; der CSU-Politiker schwärmte vom parallel laufenden 75. Nobelpreisträgertreffen, dessentwegen er die Wissenschafts-MK als deren aktueller Präsident nach Lindau eingeladen hatte: "in diesen Tagen das Mekka für die internationale Wissenschaftselite". Auch sonst sparte Blume nicht mit Superlativen. Die beschlossenen Eckpunkte mit zehn Länderforderungen zum geplanten Innovationsfreiheitsgesetz des Bundes veranlassten ihn zu dem Satz, die Bürokratie sei "eine Geißel unserer Zeit". Das ebenfalls verabschiedete Positionspapier zur Sicherheitsforschung kommentierte Blume mit dem Satz, die Wissenschaftsminister sähen in der Zeitenwende "tatsächlich eine Chance für die Wissenschaft in Deutschland". Selbst als es um die von seiner Parteikollegin geäußerten Zweifel am Kommen der BAföG-Reform ging, blieb er entspannt.

Nur an einer Stelle wirkte Blume plötzlich angefasst. Gefragt, ob er zu einer Reform des Einstimmigkeitsprinzips in der Wissenschafts-MK bereit sei, antwortete er: "Mich käst es total an, dass diese Debatte immer ums Einstimmigkeitsprinzip kreist." Als sei dieses "jetzt der größte Hemmschuh der Bildungs- oder Wissenschaftspolitik in Deutschland". Dabei sei die Kulturhoheit der Länder "auch ein Grund von demokratischer Resilienz". Anders als im Nationalsozialismus gebe es in Deutschland "keine Zentralgewalt", die "einfach durchregiert" und sagt, "was man denken soll und was jetzt an den Schulen gelehrt wird und wie Wissenschaft funktioniert".

Seine Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschafts-MK dürften ähnliche Sätze zuvor schon auf dem Dampfer gehört haben. Und sie sind relevant, womöglich relevanter als das meiste, was an diesem Tag in Lindau besprochen und beschlossen wurde. Markus Blume, so deutet sich an, wird kaum bereit sein, in ein paar Tagen, wenn es darauf ankommt, über seinen Schatten zu springen. Blume nicht, Bayern nicht – und womöglich weitere Länder auch nicht?

Der Streit um die Einstimmigkeit

Der Zeitplan ist eng. Am 8. Juli findet im Plenarsaal des Brandenburger Landtags die öffentliche Wissenschaftskonferenz "Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems – Verantwortung gemeinsam übernehmen" statt. Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) und Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) wollen dort den von ihnen im Auftrag der Wissenschafts-MK gestarteten Prozess nach einem Jahr zu seinem offiziellen Abschluss bringen: mit Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, Wissenschaftsratschef Wolfgang Wick, DFG-Präsidentin Katja Becker, dem Klimaforscher Ottmar Edenhofer, der Potsdamer Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf und weiteren Stimmen aus der Wissenschaft. Es geht, so die Ankündigung, um die Frage, wie ein Wissenschaftssystem auch unter wachsendem gesellschaftlichem und politischem Druck "unabhängig, offen und dialogfähig" bleiben kann.

Einen Tag später wollen die Wissenschaftsminister in einer Sondersitzung eine Deklaration zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit beschließen. Eigentlich soll dazu auch ein Maßnahmenkatalog kommen, der die Wissenschaftsministerkonferenz arbeitsfähig hält und ihre wichtigsten Länderabsprachen auch dann schützt, wenn eine Landesregierung den Wissenschaftsföderalismus gezielt blockieren will.

Der Hebel dafür liegt in der Geschäftsordnung. Sie verlangt keineswegs für alles Einstimmigkeit. Viele Entscheidungen können mit mindestens 13 Stimmen getroffen werden, Verfahrensbeschlüsse sogar mit einfacher Mehrheit. Einstimmig fallen müssen aber ausgerechnet jene Beschlüsse, bei denen es um besonders viel geht und ein einzelnes Land entsprechend schmerzhaft blockieren könnte: Themen mit Auswirkungen auf die Landeshaushalte, Fragen der "notwendigen Einheitlichkeit und Mobilität im Bildungswesen", Angelegenheiten der Wissenschafts-MK selbst und die Errichtung gemeinsamer Einrichtungen im Wissenschaftsbereich. Kurz: überall dort, wo gemeinsame Strukturen, gemeinsames Geld und die Spielregeln gemeinsamer Wissenschaftspolitik berührt sind.

Es ist ein Déjà-vu. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde auf der Ebene der Gesamt-KMK schon einmal überlegt, das Einstimmigkeitsprinzip zu schleifen oder zumindest deutlich einzuhegen. Damals gab es mit Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) und Rheinland-Pfalz’ Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), beide heute Bundesministerinnen, gewichtige Fürsprecherinnen einer Reform. Auch damals stand im Hintergrund die Sorge, eine künftige Regierungsbeteiligung der AfD könne den Bildungsföderalismus blockieren. Und auch damals endete die Debatte mit einem Minimalkompromiss: Das Einstimmigkeitsprinzip blieb im Kern bestehen, nur für die Handlungsfähigkeit der KMK selbst wurde eine kleine Absicherung eingebaut.

Blumes hammerharte Sätze

Damals war eine AfD-Regierung noch ein mögliches, aber entferntes Szenario. Jetzt ist sie unmittelbar bevorstehend: Anfang September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, in Umfragen liegt die AfD teils bei bis zu 42 Prozent, eine Alleinregierung scheint möglich.

Nicht nur die Wissenschafts-MK steht deshalb vor der Frage, wie sie ihre eigene Handlungsfähigkeit absichert. Auch in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern werden die Gefahren einer AfD-Regierung für ihre Verfasstheit, ihre Beschlüsse und ihre Abkommen diskutiert – und dort scheint die Bereitschaft zur Veränderung größer. Kein Wunder, denn es steht viel Geld auf dem Spiel: Nach den geltenden Regeln könnte schon die Kündigung eines einzigen Landes nach zwei Jahren zur Selbstauflösung des Gremiums führen – und damit die Grundlage großer Bund-Länder-Programme wie des Pakts für Forschung und Innovation gefährden.

Zurück an den Bodensee. Beim Text der Deklaration war nach der Sitzung am Montag zu hören, seien die Wissenschaftsministerinnen und -minister nach zwischenzeitlicher Debatte zusammengekommen. Sie soll die politisch-grundsätzliche Antwort geben, der zusätzlich geplante Maßnahmenkatalog die konkrete. Vier Optionen für eine Reform der Einstimmigkeit sollen dem Vernehmen nach zur Abstimmung stehen, außerdem zwei Prüfaufträge zu zentralen Länderstaatsverträgen. Nur sieht es bei der für den Katalog zentralen Frage der Einstimmigkeit finster aus. Blumes Einlassungen klangen schon bei der Pressekonferenz so hammerhart, dass dort kaum Bewegung zu erwarten ist.

Die ersten, die sich werden erklären müssen

Ja, sagte Blume, die Abstimmung zwischen 16 Ländern sei "manchmal mühsam". Aber es gebe längst andere Formate, "13 zu 3 beispielsweise". Wobei der Minister genau weiß, dass die Einstimmigkeit bei allen zentralen Fragen gilt, deshalb verteidigt er sie ja. So stark, dass er, berichten Sitzungsteilnehmer, sogar in die Deklaration einen Absatz aufnehmen wollte, der die Einstimmigkeit betont hätte – was jedoch am Widerstand anderer Länder scheiterte.

Im Lindauer Hafen sagte Blume weiter recht unverbindlich, wenn es darauf ankomme, finde man zusammen, "weil wir wissen, wir können zusammenfinden". Um dann wieder sehr bestimmt zu werden: "Verfahrenserweiterungen" für die Zukunft vorzustellen, sei "eine Aufgabe von Zukunftsvorsorge". Aber das Gewachsene dürfe man nicht diskreditieren, indem man so tue, als müsse man nun "irgendwie hier was aus der alten Bundesrepublik über Bord schmeißen". Seine SPD-Kollegein Bettina Martin neben ihm trat im Anschluss rhetorisch auf die Bremse und verwies auf die Veranstaltung am 8. Juli "mit Expertinnen und Experten". Die "wollen wir uns müssen wir abwarten." Und sie fügte hinzu: "All die Fragen zu dem Instrumentenkasten, wie man gegebenenfalls Resilienz der Wissenschaft noch stärkt, darüber werden wir dann diskutieren und auch befinden und beschließen."

Nur klang Blume schon in Lindau so, als gebe es in dem Punkt für ihn nicht mehr viel zu diskutieren. Die Sondersitzung am 9. Juli, das wissen alle Wissenschaftsminister, inklusive dem CSU-Politiker, ist voraussichtlich die letzte Gelegenheit, bevor in Sachsen-Anhalt gewählt wird. Blume weiß auch, dass er die Fäden in der Hand hält. Die Verteidigung der Pflicht zur Einstimmigkeit wär dank der Pflicht zur Einstimmigkeit sicher. Das bedeutet aber auch, dass Blume und alle Minister, die mit ihm an dem Prinzip festhalten wollen, die ersten sein werden, die sich werden erklären müssen, wenn eine mögliche AfD-Regierung erste Abstimmungen und Vereinbarungen zu Fall bringt. JMW.


Innovationsfreiheitsgesetz, Sicherheitsforschung, BAföG

Den größten Teil der Pressekonferenz verwendete Wissenschafts-MK-Präsident Blume auf die beiden in Lindau beschlossenen Positionspapiere. Das eine formuliert zehn Länderforderungen zum geplanten Innovationsfreiheitsgesetz des Bundes, das andere soll der Sicherheitsforschung in Deutschland mehr Gewicht geben.

Beim Innovationsfreiheitsgesetz unterstützen die Länder das Ziel der Bundesregierung, Forschung, Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen von unnötiger Bürokratie zu entlasten. Entscheidend sei aber, dass das Gesetz in der Praxis spürbar wirke: mit schnelleren Verfahren, mehr Rechtssicherheit, mehr Transfer und mehr Vertrauen in die Wissenschaft.

Die zehn "Weichenstellungen" betreffen unter anderem Forschungsdaten, Künstliche Intelligenz, Arbeitsbedingungen, Forschungsbauten, Umsatzsteuer-, Haushalts- und Vergaberecht, Transfer- und IP-Verfahren sowie Beihilfe-, Steuer- und Gemeinnützigkeitsrecht. Auch bei Tierversuchen, gentechnischen Methoden und biomedizinischer Grundlagenforschung fordern die Länder unter Wahrung ethischer Standards Anpassungen.

Blume sagte, Deutschland habe "kein Ideenproblem, sondern ein Umsetzungsproblem". Es brauche ein Innovationsfreiheitsgesetz als "klares Vorfahrtsschild für Forschung": "erst forschen und testen, dann regeln und regulieren". Mecklenburg-Vorpommerns Wissenschaftsministerin Bettina Martin (SPD) ergänzte, Ziel sei "nicht weniger Verantwortung, sondern bessere und schlankere Verfahren".

Im zweiten Papier sprechen sich die Länder für eine Stärkung der Sicherheitsforschung aus, und zwar in einem breiten Verständnis von Cybersicherheit und kritischen Infrastrukturen über Zivilschutz bis hin zu technologischer Souveränität, gesellschaftlicher Resilienz und geistes- und sozialwissenschaftlicher Begleitforschung. Wissenschaft, Staat, Sicherheitsbehörden, Bundeswehr, Wirtschaft und Start-ups sollen enger zusammenarbeiten; Transfer, Ausgründungen und Innovation Hubs im sicherheitsrelevanten Bereich sollen gestärkt werden. Blume sagte, die Zeitenwende dürfe "nicht vor den Türen unserer Hochschulen und Forschungseinrichtungen haltmachen". Martin betonte, Sicherheitsforschung müsse "verantwortungsvoll, offen und frei bleiben" und sei "kein Gegensatz zu einer Friedensorientierung der Wissenschaft".

Außerdem positionierten sich die Länder einstimmig zur BAföG-Reform. Sie müsse, wie im Koalitionsvertrag vereinbart und zwischen den Koalitionspartnern bereits verabredet, "schnellstmöglich" kommen, sagte Martin: mit höherer Wohnkostenpauschale zum Wintersemester, Anpassung von Grundbedarf und Grundkostenpauschale, dynamisierten Freibeträgen, digitalisierten Antragsverfahren und der Verankerung des Auslands-BAföG beim Bundesverwaltungsamt. Der zugeschaltete BMFTR-Staatssekretär Rolf-Dieter Jungk habe den Ländern zuvor den Sachstand erläutert; dabei sei ihnen mitgeteilt worden, dass der Gesetzentwurf nun in die Ressortabstimmung gehen solle. Auch für die Finanzierung gebe es ja bereits eine Verständigung, sagte Martin. Sie gehe deshalb "fest davon aus", dass die Reform jetzt auf den Weg gebracht werde, um anschließend "schnellstmöglich" eine Beschlussfassung auf Bundesebene zu erreichen. Die Studierenden bräuchten diese Anpassung dringend, betonte Martin: Nur noch elf Prozent bezögen BAföG – nicht, weil der Bedarf geringer geworden sei.

Kritisch äußerten sich die Länder zum geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Der aktuelle Entwurf sei für die Universitätsmedizin "nicht akzeptabel", sagte Martin; sie bezifferte die zusätzliche Belastung für die Universitätskliniken auf insgesamt rund 800 Millionen Euro.

Zur Hightech-Agenda berichtete Martin von Beratungen über die sechs Schlüsseltechnologien: Der Prozess laufe, brauche aus Ländersicht aber mehr Transparenz, bessere Vernetzung und weiter schlanke Verfahren. Sitzungsteilnehmern zufolge war eine von Blume vorgelegte Tischvorlage zur Hightech-Agenda zuvor nicht beschlossen worden. JMW.

Kommentare

#1 -

Th. Klein | Di., 30.06.2026 - 11:04

Ich verstehe die Aufregung um mögliche Aufkündigung nicht. Die GWK und ihre Programme sind bezüglich Geld ja in erster Linie ein Mechanismus, wie der Bund an die Länder Geld überweist bzw. Projekte dort mitfördert. Wenn Sachsen-Anhalt aussteigt, dann wird dieser Mittelfluss zwischen Bund und 15 Ländern neu vereinbart und Sachsen-Anhalt ausgenommen, also kein oder weniger Bundesgeld mehr erhalten. Entweder ist es also unwahrscheinlich oder kann den anderen Beteiligten egal sein. 

#2 -

Kai Beutler | Fr., 03.07.2026 - 23:19

Dass die KMK es nicht hinbekommt, sich adäquat zu reformieren, ist wirklich ärgerlich. Die Gefahren sind so offensichtlich wie bekannt. Umgekehrt hat sie es dann auch verdient, wenn die AfD sie implodieren lässt. 

Es wäre ja ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet die destruktive AfD der Bildungslandschaft in Deutschland den Gefallen täte, die KMK zu zertrümmern und dadurch letztlich konstruktiv wirkt. 

 

 

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