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Respect, just a little bit

Ein Plädoyer für mehr Fairness an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Von Grischa Vercamer.

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Artikelbild: Respect, just a little bit

Junge Wissenschaftler brauchen Perspektiven. Foto: Schwoaze / pixabay - cco.

EINE GANZE GENERATION von Wissenschaftlern ist unzufrieden! Diese Unzufriedenheit generiert sich nicht aus den von außen sichtbaren Arbeitsbedingungen. Die deutschen Bibliotheken und Forschungseinrichtungen sind auf einem international hohen Niveau, und es arbeitet sich grundsätzlich sehr gut mit den deutschen wissenschaftlichen Serviceeinrichtungen und Infrastrukturen.

Die Unzufriedenheit der Wissenschaftler in Deutschland generiert sich aus ihren Zukunftsperspektiven, anders formuliert: aus der Logik unseres Wissenschaftssystems. Solange eine/r keine entfristete Stelle hat, sucht er/sie weiter, bleibt immer dynamisch-flexibel, interessiert sich ständig für neue Umstände und Inhalte, um möglichst nahe am Puls der Zeit zu bleiben. Eine entfristete Stelle gibt es erst weit jenseits der Promotion, auf der verstetigten Professur, welche aber nur von wenigen erreicht wird. Der Weg dorthin ist lang, geprägt von Konkurrenzdruck und vor allem: absolut nicht planbar.

Eine Innensicht auf Konkurrenzdruck und Unplanbarkeit

Ich möchte Ihnen mit diesem Beitrag eine Innenansicht auf diesen Konkurrenzdruck und die Unplanbarkeit präsentieren, von den alltäglichen Erfahrungen mit dem Ist-Zustand des deutschen Wissenschaftssystems berichten, und am Ende Verbesserungsmöglichkeiten darlegen. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich dabei hier und da überzogen wirkendes Vokabular wähle. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass das leise Auftreten oftmals leider nicht wahrgenommen wird.

Natürlich erzähle ich ein Stück weit meine eigene Geschichte, von meinen 25 Jahren an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland, zwischendurch in Polen, dann wieder in Deutschland. Ich bin Mediävist, habe in Berlin und Edinburgh studiert, in Berlin promoviert, sechs Jahre am Deutschen Historischen Institut in Warschau gearbeitet, mich an der Viadrina habilitiert, dann nochmal zwei Jahre als Professor an der Akademie der Wissenschaft Warschau verbracht. Jetzt beende ich gerade eine anderthalbjährige Vertretungsprofessur in Passau, die nächste mehrjährige Vertretungsprofessur, diesmal in Chemnitz, beginnt in wenigen Wochen.

Ich erzähle aber auch die Geschichte vieler anderer Kolleginnen und Kollegen, wie ich sie in Hunderten von Gesprächen erfahren habe. Diese Kolleg/innen sind, das ist mir wichtig zu betonen, mitnichten nur "akademischer Nachwuchs", der Unmut ist unterschwellig auf allen akademischen Karrierestufen anzutreffen. In der Tat enthebt die ...

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Kommentare

#1 -

JTK | Di., 10.03.2020 - 10:30
Gut Ansätze.



Kritikpunkt: Habilitation. Dieser veraltete, mittlerweile überflüssige akademische Grad gehört abgeschafft, erste akademische Fachgesellschaften unterstützen dies: https://www.dgps.de/uploads/media/Empfehlung_Habilitationen20180420.pdf



Es handelt sich zudem um einen rein akademischen Grad, wichtiger wäre es, zuvor festgelegte Kriterien (Tenurekriterien) zu definieren, deren Erreichen dann über Weiterbeschäftigung etc. entscheidet. Zudem versperrt (zumindest gegenwärtig) die Habilitation in einigen Bundesländern die Berufbarkeit auf eine W1-Professur.



Insbesondere bei kumulativen Habilitationen stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Verfahrens, zumal diese keinerlei informativen Mehrwert (z. B. in Berufungsverfahren) aufweisen.

#2 -

Ruth Himmelreich | Di., 10.03.2020 - 12:05
Die Weichenstellung nach der Doktorarbeit ist extrem schwierig, vor allem in Fächern, die kein klares Berufsbild aufweisen. Hier ist - ganz natürlich - die Wissenschaft deutlich attraktiver als ein teils mühsames Umorientieren. Trotzdem sollte man davon ausgehen, dass promovierte Nachwuchswissenschaftler klüger als der Bevölkerungsdurchschnitt sein sollten. Von klugen Menschen würde ich erwarten, dass sie ihr Fach, die darin zur Verfügung stehenden Dauerstellen und ihre Chancen, eine davon zu erlangen, einigermaßen realistisch abschätzen können. Und wenn die Überlegung mir sagt "wird schwierig", dann entwickle ich einen Plan B. Der kann im Falle eines Mediävisten beispielsweise das Lehramt sein.



Strukturell gehe ich ...

#3 -

NepNetzwerk | Di., 10.03.2020 - 13:17
Interessant, dass hier gerade die Universität Potsdam als Hintergrund gewählt wurde ...

Dem Beitrag hinzuzufügen wäre, dass unbefristete Professorenstellen insbesondere für Frauen offenkundig alles andere als unbefristet sind (vgl. @NepNetzwerk auf Twitter). Die Zahl der (aus unserer Sicht unbegründeten) Entlassungen ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen.

#4 -

Stange | Di., 10.03.2020 - 19:09
Der Beitrag ist wichtig, m.E. fehlt allerdings ein wichtiger Punkt: Wer entscheidet, wer und wieviele promovieren? Selbst mit der Schaffung fester Stellen ergänzend zur Professur für Post Docs löst die beschriebenen Probleme nur für einen kleine Teil der Promovierenden. Auch diese Stellen werden nicht ausreichen und sind dann für mehrere Jahre besetzt. Der erste Schritt sollte daher die Schaffung von verlässlichsten Karriereplanungen in oder außerhalb der Wissenschaft sein.

#5 -

Jan-Martin Wiarda | Di., 10.03.2020 - 20:39
@NepNetzwerk: Bitte nichts in die Wahl des Hintergrund-Bildes hineininterpretieren. Jede Woche erscheint ein neues, unabhängig von der sonstigen Berichterstattung im Blog.

#6 -

NepNetzwerk | Mi., 11.03.2020 - 11:35
Hatte mir durchaus auch gedacht, dass das Bild der UP Zufall ist. Aber es passt so schön ;-)
Wenn die Zahl der entlassenen Professorinnen sich allerdings so weiterentwickelt wie derzeit, ist es bald nahezu egal, welche Universität gerade abgebildet wird: Es würde immer passen :-(

#7 -

Klaus Diepold | Mi., 11.03.2020 - 12:39
ich habe lange mit mir gerungen, ob ich zu diesem Blog-Beitrag etwas schreiben soll. Ich gebe Ruth Himmelreich weitgehend Recht. Am Ende des Tages ist die berufliche Karriere das Ergebnis von persönlichen Entscheidungen, die ein erwachsener Mensch fällt. Dazu kommt eine Menge Zufall und Glück/Pech, worauf man naturgemäß keinen Einfluss hat. Es ist aber schlichtweg naiv einfach auf das pure Glück und den Zufall zu pokern in der Hoffnung das Alles gut werden wird. Falls das Glück dann nicht kommt, kann ich nicht das gesamte System dafür verantwortlich machen. Klar, da gibt es sicher Verbesserungen am System, die angeraten und ...

#8 -

Vercamer, Grischa | Fr., 13.03.2020 - 01:08
Ich freue mich, dass der Beitrag Anlass zu doch einigen Kommentaren gibt und möchte nun meinerseits kurz darauf antworten.



@JTK: Ich bin Ihrer Meinung, dass eine kumulative Habilitation nicht sinnhaft ist. Jeder Wissenschaftler schreibt nebenher Artikel und Beiträge. Es besteht daher ein riesiger Unterschied zwischen einer konzise angelegten und mehrjährig verfolgten Studie, die in Form einer Monographie als Habilitation eingereicht wird, und einer Anzahl von Artikeln, die mehr oder minder logisch zueinander passen. Hohe Standards sollte es bei der Promotion (auch dann gerne mit weniger Doktorand/innen) und bei der Habilitation geben, da diese die höchsten akademischen Auszeichnungen sind, die das ...

#9 -

Vercamer, Grischa | Fr., 13.03.2020 - 01:10
@RuthHimmelreich: Viele orientieren sich ja nach der Promotion um und machen etwas anderes. Das ist gut und völlig in Ordnung so! Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich etwas dagegen hätte. Wenn allerdings die Besten in ihrem Fach (in deren Ausbildung der Staat viel Geld gesteckt hat) in andere Länder abwandern, weil sie keine guten Bedingungen in Deutschland vorfinden, dann ist das nicht nur kontraproduktiv, sondern schlicht und ergreifend unökonomisch. Ich will es an einem Beispiel veranschaulichen. Neulich war ich auf dem Jahreskongress meines Faches und es wurde von einer Jury von ca. 10 Professoren/innen ein Preis für die ...

#10 -

Vercamer, Grischa | Fr., 13.03.2020 - 01:11
@KlausDiepold: Nochmals (die Argumente wurden ja bei Frau Himmelreich schon größtenteils benannt): Ich kenne kein anderes Berufsfeld, in dem so viele Unabwägbarkeiten vorhanden sind wie im akademischen Feld – völlig jenseits von Glück/Pech/Zufall. Es gibt mehrmonatige Probezeiten in anderen Berufen, ja, aber wenn jemand gute Arbeit abliefert, wird er normalerweise übernommen und hat Planungssicherheit (und hier geht es mir natürlich um Menschen, die irgendeine Art von Ausbildung in der Tasche haben). Ohne Not hält man aber die Leute an den Unis und Forschungsinstituten mit mehr oder minder kurzen Verträgen auf Trab, obgleich sie angeblich jeweils exzellente und prämierte Arbeiten abliefern. ...

#11 -

Klaus Diepold | Di., 17.03.2020 - 11:49
Lieber Herr Vercamer.,



mein Punkt ist, dass die Bedingungen in der Wissenschaft beruflich dauerhaft zu reüssieren hinlänglich bekannt sind. Da gibt es keine Überraschungen. Jeder Erwachsene kann sich dies vor Augen führen und sich die Frage stellen, ob er/sie dieses Wagnis eingehen will. Die gleiche Entscheidung müssen alle Menschen treffen, die einen künstlerischen Beruf (Musiker, Schauspieler, Maler, etc.) ergreifen wollen. Dort kann es passieren, dass man trotz guter Leistungen und toller Musik keinen dauerhaften Job bekommt. In diesem Sinne ist ein Job in der Wissenschaft deutlich näher an einem Job in der Kunst als einem Job in der Industrie.



Oft ...

#12 -

Grischa Vercamer | Di., 31.03.2020 - 02:23
Lieber Herr Diepold,



ich möchte noch einmal mein Quentchen zur Diskussion beitragen und es dann dabei belassen (wenn Sie möchten, können Sie natürlich auch nochmals, um 'den Sack zuzumachen'). Sonst entsteht ja langsam der Eindruck, dass wir einen durchaus interessanten Dialog öffentlich in die Ewigkeit ziehen :).

Ich bin der festen Überzeugung, dass Universitäten und ihr wissenschaftliches Personal an anderen Staatsbediensteten gemessen werden sollten – wie beispielsweise Lehrer, Polizisten usw.

Wissenschaftler sollen solide Arbeit leisten und dafür auch, eben wie andere Staatsbediensteten, irgendwann solide Perspektiven bekommen. So ist das (aber damit wiederhole ich, was in dem Artikel steht) in den ...

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