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Alternativen zum Drittmittelwahn

Es ist Zeit, gemeinsam nach Wegen hin zu einer anderen Wissenschaftsfinanzierung zu suchen. Ein neues hochschulpolitisches Bündnis will damit jetzt starten. Ein Gastbeitrag von Sonja Bolenius und Tilman Reitz.

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Artikelbild: Alternativen zum Drittmittelwahn

Bild: svklimkin / Pixabay.

ZAHLREICHE DEUTSCHE UNIVERSITÄTEN stecken in Finanznöten. Die Humboldt-Universität Berlin steht aktuell vor einem Defizit von jährlich 8,7 Millionen Euro, an der Universität Jena sind es jährlich 12 bis 15 Millionen, die Universität Halle-Wittenberg hat sich zu drastischen Streichungen genötigt gesehen, und auch die Universität Bochum plant Einsparungen im mehrstelligen Millionenbereich.

Die Gründe liegen nicht allein in einzelnen kritikwürdigen Entscheidungen der Hochschulleitungen, etwa für die zahlreichen parallelen Bauprojekte an der Universität Jena, zu denen die Hochschule zunehmend mehr Geld beisteuern muss. Bekannte weitere Faktoren sind steigende Energiekosten, ein enormer Sanierungsstau bei den Gebäuden und außerdem Tarifabschlüsse, die nicht alle Landesregierungen zu kompensieren bereit sind. Auch sinkende Studierendenzahlen bremsen die politische Unterstützungsbereitschaft – obwohl sie ab 2026 wieder steigen sollen.

Die wohl zentrale strukturelle Ursache für die Geldnot liegt jedoch in einem Bereich, von dem sich die einzelnen Hochschulen allzu oft Abhilfe erhoffen: in der viel zu umfangreichen Projektfinanzierung von Forschung über wettbewerblich einzuwerbende Drittmittel. Die Gelder, die langfristig für eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen ...

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Kommentare

#2 -

Fumarius | Do., 23.05.2024 - 10:23
Wichtig wäre es m.E., die tieferliegenden Gründe sowohl für den hohen Anteil von Drittmitteln als auch deren Geltung als Ausweis wiss. Qualität zu bedenken. Ersteres ist zwar wesentlich, aber eben nicht ganz, aus den finanzpolitischen Zwängen erklärbar, aber zu einem guten Teil auch dem Willen der Politik geschuldet, so mehr oder weniger direkt Einfluss auf die Wissenschaft nehmen zu können, ohne begrenzte Ressourcen dauerhaft zu binden und damit die eigenen Handlungsoptionen für die Zukunft zu beschränken. Letzteres rührt vermutlich vor allem auf der wettbewerblichen, idR qualitätsgesicherten Vergabe der Mittel - wer Drittmittel hat, wurde qualitativ bewertet. Beides - politischen Gestaltungswillen ...

#3 -

Gast | Do., 23.05.2024 - 17:52
Also ich kenne jetzt wenige (keine?) Leute, die bei dem Drittmittelspiel mitmachen, weil es prestigereich ist oder die Reputation verbessert. In meinem Bereich sind fast alle Forschungsstellen nur drittmittelfinanziert. Wer keine einwirbt, ist schlichtweg arbeitslos. Ich finde das hier ist eine tolle Initative, mal über Alternativen nachzudenken. Ich will mich auch gar nicht dagegen sträuben, dass ein großer Anteil der Forschungsgelder im Drittmittelwettbewerb eingeworben werden muss. Mir erschließt sich jedoch nicht, warum Forschende nicht wenigstens 50% ihrer Stelle dauerhaft beschäftigt sein können. Die anderen 50% können dann gerne immer wieder neu eingeworben werden. Aber immer wieder alles oder nichts (nach ...

#4 -

Fumarius | Do., 23.05.2024 - 21:00
@Gast: Ich meinte das gar nicht als absolutes Plädoyer für den Status quo und schon gar nicht als Verteidigung der Vielzahl befristeter Drittmittelbeschäftigung, wollte aber darauf hinaus, dass eine Reform eben nicht allein die Perspektive derjenigen, "die beim Drittmittelspiel mitmachen", in den Blick nehmen darf, wenn sie erfolgreich sein soll. Sondern auch derjenigen, die sie (mit) verändern könnten, sprich Politik und Leitungsgremien der Hochschulen und Förderorganisationen. Und die beklagten "Ineffizienz" und Aufwände gehen immer zum Gutteil mit einer Qualitätssicherung einher - ein Argumentwird es, wenn man bessere Wege aufzeigt, nicht indem man sier ersatzlos streicht. Will sagen: Man muss eben ...

#6 -

Na ja | Sa., 25.05.2024 - 10:32
@Hubertus Kohle
''Diese Drittmittel, ganz besonders die ERC grants, zerstören Institute.''

Wie bitte? Ein Institut wird zerstört, weil ein Mitglied oder der Leiter einen ERC-Grant eingeworben hat? Das Gegenteil ist der Fall. Das bringt das Institut nach vorne. Dass der Einwerbende seine Lehrverpflichtung reduziert, spielt doch gar keine Rolle, Lehrverpflichtungsreduktion findet massenhaft aus allen möglichen Gründen statt.

#7 -

Unruheständlerine) | Di., 28.05.2024 - 11:21
@Hubertus Kohle:
Sie haben Recht, vielleicht nicht unbedingt am Beispiel der ERC-Grants. Dieser Drittmittel-Wahnsinn zerstört die normale Kultur der Institute. Am schlimmsten sind die durch die X-Initiative erzeugten Deformationen an einer (eigentlich sonst gesunden) Universität.

#8 -

Forschungsreferent | Mi., 29.05.2024 - 12:46
Man sollte ja nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt.



Aber: Vielleicht sollte man etwas Geld in die Hand nehmen und mal in einem Experiment messen, welche Form der Forschungsfinanzierung mehr qualitativen Output bringt. Drittmittelfinanzierte Forschung oder Grundfinanzierung?



Es wäre doch mal interessant, im Vergleich und ausreichend langfristig zu sehen, welche Form der Finanzierung die besseren Netto-Effekte hinsichtlich wissenschaftlichem Output hat.



Die Frage ist ja: ist dieser ruinöse Wettbewerb um Drittmittel, mit seinen zahlreichen Fehlanzreizen, komischen Metriken und eigenartigen Nebeneffekten im wissenschaftliche Sinne "wirklich" gewinnbringender?



Am Ende ist Drittmittelförderung ja die Vermarktlichung von Forschung mit allen möglichen positiven ...

#9 -

Ralf Meyer | Mi., 29.05.2024 - 20:26
Drittmittelfinanzierung ist nur dann ein Qualitätsnachweis, wenn sie eine seltene Ausnahme ist, so wie Forschungspreise. Wenn 45% der Forschung durch Drittmittel finanziert werden (diese Zahl scheint mir übrigens eine sehr konservative Schätzung zu sein), so folgt, dass es auch viel unterdurchschnittliche Forschung so gefördert wird. Wenn jemand viele Drittmittel einwirbt, so kann das daran liegen, dass er besonders gute Forschung macht oder dass seine Grundfinanzierung besonders schlecht ist, weshalb er mehr Anträge einreicht.



Drittmittel sind auch deshalb bei den Geldgebern beliebt, weil man damit die Verteilung von Forschungsgeldern sehr bequem rechtfertigen kann: Wer keine Drittmittel hat, ist ja selber schuld, ...

#10 -

Theo Dreißiger | Do., 30.05.2024 - 00:35
@9: Ihre Einrichtung hatte ab 2007 sehr stark durch die
X-Initiative profitiert, insbesondere auch in Ihrer Disziplin.
Ihr Beitrag sollte doch daher viel stärker für eine Drittmittel-Förderung werben.

#11 -

Josef König | Fr., 31.05.2024 - 13:54
Moin,



mir ist hier zu wenig Differenzierung. Es wird einfach von "Drittmitteln" gesprochen, ohne zu sagen, um welche es sich handelt - außerdem die Finanzmisere von Hochschulen aufgrund von Bau- und Energiekosten damit vermengt. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Hochschulen sind zunächst Ländersache und diese müssen die Grundausstattung tragen - Baukosten, Energie, dauerfinanziertes Personal, Verwaltungskosten etc. Dass die Länder die Hochschulen in der Grundfinanzierung nicht ausreichend ausstatten, ist seit Jahrzehnten klar. Durch die Finanzautonomie seit etwa Mitte der 90er Jahre haben außerdem Unis eine Freiheit gewonnen, die nicht immer nur zum wohl der Forschung beigetragen hat. ...

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