Aha-Effekte im "OECD Skills Outlook"
Was ein internationaler Vergleich über soziale Herkunft, Migration und das deutsche Bildungssystems zeigt – und wie er zugleich verbreitete Niedergangserzählungen infrage stellt.
Höhere Bildung, geringerer Status? Die Säulen zeigen den Anteil Erwachsener (30 bis 65 Jahre), die gleich oder höher gebildet sind als ihre Eltern, aber einen niedrigeren beruflichen Status haben. Je geringer, desto besser. Die Rauten zeigen den Anteil 15-Jähriger, die trotz gleicher oder höherer Bildungserwartung einen niedrigeren Berufsstatus erwarten. OECD Skills Outlook 2025, CC BY 4.0.
DIE OECD HAT ihren "Skills Outlook 2025" veröffentlicht, eine Zusammenstellung internationaler Vergleichsstatistiken, die zeigen, wie erworbene Kompetenzen, berufliche Karrieren und soziale Herkunft zusammenhängen. Für den Bericht werden keine neuen Daten erhoben, die meisten stammen aus PIAAC 2023, dem Erwachsenen-PISA.
Man kann die 260 Seiten durchforsten und stößt dabei auf wirklich aufschlussreiche Tabellen und Grafiken, von denen einige, zumindest bei mir, Aha-Effekte produzierten. Begleitend zum Bericht hat die OECD auf ihrer Website aber auch eine Art Dashboard bereitgestellt, auf dem man mit wenigen Klicks die Ergebnisse einzelner Länder mit dem internationalen Schnitt oder auch untereinander vergleichen kann.
Da sieht man dann zum Beispiel, dass in Deutschland die Bildung und der Berufsstatus der Eltern durchgehend stärker durchschlagen als im OECD-Mittel: Sei es beim Leseverständnis von Erwachsenen, beim Rechnen oder bei der Problemlösekompetenz. Einen besonders großen Rückstand haben in Deutschland Einwanderer der ersten Generation, Schweden steht hier allerdings noch schlechter da.
Lange Tradition ungleicher Bildungschancen
Beide Länder, Deutschland wie Schweden, haben in den vergangenen zehn Jahren besonders viele Geflüchtete aufgenommen. Beide Länder müssen nun angesichts rechter Diskurse aufpassen, dass sie Einwanderer nicht von der dringend benötigten Förderung abschneiden. Gleichzeitig muss man konstatieren: Bildungsökonom Ludger Wößmann hatte Recht mit dem, was er schon 2015 zum durchschnittlichen Bildungsstand Geflüchteter sagte.
Was Deutschland angeht, sollte dieser Befund nicht davon ablenken, dass die Bundesrepublik eine lange Tradition ungleich verteilter Bildungschancen hat. Hier passt die Entwicklung seit 2015 ins Bild, während sie in Schweden konträr zur ansonsten deutlich geringeren Bedeutung der sozialen Herkunft steht.
Stichwort Aha-Effekte: Überraschend positive Ergebnisse für Deutschland finden sich im "Skills Outlook" auch. Zum Beispiel, dass junge Menschen zwischen 16 und 29 deutlich höhere Lese-, Rechen- und Problemlösekompetenzen besitzen als die Generation zwischen 50 und 65. Das ist auch im OECD-Schnitt so, doch der Vorsprung der Jüngeren ist in Deutschland durchweg höher. Auch wenn die Ergebnisse differenziert zu betrachten sind: ein interessanter Kontrapunkt zum Narrativ der immer dümmeren Jugend und eines dramatisch abgesackten Bildungssystems.
Was Bildung bringt – und was nicht
Noch so ein Kontrapunkt findet sich ganz hinten im Bericht: In Deutschland lohnt sich Bildung weit mehr als im Schnitt der OECD-Länder. Das zeigt sich etwa am geringen Anteil der Erwachsenen, die mindestens die Bildungsabschlüsse ihrer Eltern erreicht haben und trotzdem in weniger attraktiven Berufen als diese landen. International gilt das für 28 Prozent, in Deutschland nur für 24 Prozent. Platz 2 nach Singapur. Zum Vergleich: Tschechien 37 Prozent; Japan 33 Prozent; Kanada 31 Prozent.
Die OECD kommentiert die Lage so: Der Bildungsstand steige international seit Jahrzehnten, für viele Menschen hätten diese Bildungsgewinne jedoch nicht mehr zu dem entsprechenden beruflich-sozialen Aufstieg geführt. Im Gegenteil: In vielen Volkswirtschaften übertreffe inzwischen das Angebot gut qualifizierter Menschen die Zahl höherwertiger Arbeitsplätze. "Diese Dynamik könnte helfen zu erklären, warum in vielen OECD-Ländern Gefühle der Enttäuschung und Frustration zunehmen." In Deutschland sieht die Realität deutlich besser aus. Der Frust ist trotzdem da. Vielleicht weil die soziale Kluft bei den Bildungschancen so groß ist? JMW.
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Kommentare
#1 - Noch ein weiterer kleiner Lichtblick
Wieder einmal ein schöner Beitrag, lieber Herr Wiarda!
Ich möchte hierzu noch einen weiteren kleinen Lichtblick beisteuern: Denn wie jüngst eine Evaluation des Berliner Chancengleichkeitsprogramms (BCP) zeigte, hat Berlin nicht nur den höchsten Frauenanteil an Professuren bundesweit, sondern im BCP auch (deutlich) überdurchschnittliche Anteile an Erstakademiker:in- und Migrationshintergrund.
Und das ist noch nicht alles: Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, auch angekündigt: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“
(siehe zu weiteren Ergebnissen auch den Tagungsbericht zur kürzlich stattgefundenen Jubiläumstagung mit Vorstellung der Evaluationsergebnisse in: https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/25-jahre-berliner-chancen/).
#2 - Ökonomie vs. Gerechtigkeit
Ich bin mehr und mehr erstaunt, dass all diejenigen, die Bildung in Zusammenhang mit wirtschaftlicher Prosperität bringen (allen voran die OECD) jetzt Aspekte sozialer Gerechtigkeit statt echter Leistungsdaten in die Debatte werfen. Das Motto scheint zu lauten: Wenn wir schon bei PISA so schwach sind, dann sind wir wenigstens bei solchen Tabellen wie die oben gezeigte oder bei der Diversitäts-Förderung Spitze.
Da frage ich mal ganz nüchtern: Inwieweit ist soziale Gerechtigkeit eine Kategorie im Zusammenhang mit Wirtschaftsdaten? Ich befürchte, die Wirtschaftszahlen eines Landes sind davon unabhängig. Die USA sind wirtschaftlich sehr stark, die soziale Gerechtigkeit dagegen scheint nicht besonders entwickelt zu sein. Bildung gegen Dollar, das ist wohl eher die Wirklichkeit, es ist das Land der privaten Eliteuniversitäten, wo sich die Nobelpreisträger zufällig auf dem Gang begegnen. Die PISA-Sieger Finnland und jetzt Estland dagegen scheinen nicht zu den boomenden Nationen zu gehören: Beide Länder haben eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, ihrem als vorbildlich gepriesenen Schulsystem zum Trotz. Auch in Deutschland ist es derzeit für Studienabsolventen schwer geworden, einen adäquaten Job zu finden, manche arbeiten schon zum gesetzlichen Mindestlohn. Die Rüstungsindustrie boomt wegen der Aufrüstung mit den 500 Milliarden, aber sonst? Großunternehmen bauen (auch qualifizierte) Arbeitsplätze ab. Der letzte Absatz im Artikel oben drückt das ja auch aus, aber angeblich trifft es nur die anderen.
Die von der OECD ausgegebene Losung "mehr Abiturienten, mehr Studenten, dann wird alles gut" scheint nicht aufzugehen. Mehr Qualität statt Quantität, das könnte die Losung der Zukunft sein. Studierfähige Studenten, die Vorkenntnisse mitbringen statt mit Vorkursen zu elementarem Schulstoff gefüttert werden zu müssen, die brauchen wir. Welche Signale sendet man denn an die jungen Leute? Typisch sind doch auch unsere Leistungsstipendien (neben BaföG), bei denen die Geförderten nach Leistung (und sozialem Engagement) ausgewählt werden, die Stipendien dann aber nach Bedürftigkeit ausbezahlt werden. Im Sinne des Kommentars #1 wird vielleicht demnächst die "Intersektionalität" auch bei Stipendien relevant und wie Leistung gewertet werden. Man kann das alles machen, aber man sollte auch die unerwünschten Folgen vorher bedenken, denn schon in der Antike galt: Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem.
#2.1 - Zum Thema "leistungsgerechte Bewertung" ...
... haben sich Ruth Kamm und ich bereits vor 15 Jahren hier ausführlich geäußert: https://www.wissenschaftsmanagement-online.de/beitrag/ist-leistungsorientierte-mittelvergabe-im-hochschulbereich-gerecht-gestaltbar
#3 - Bedingungen individueller Leistungsfähigkeit
Zu individueller Leistungsfähigkeit und ihren Bedingungen, sowie den ökonomischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Effekten sozialer Ungleichheit ist kürzlich ein Beitrag mit etlichen weiteren aktuellen Quellen hier erschienen: https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/was-soziale-ungleichheit-mit-unseren-gehirnen-macht/
#3.1 - obige Grafik und PISA
Wenn man aber auf die obige Grafik blickt, dann stellt man fest, dass die PISA-Sieger wie Canada, Japan, Estland, Finnland, Schweiz, Korea , Neuseeland und auch der OECD-Durchschnitt SCHLECHTER dastehen als Deutschland, während z.B. Chile gut dasteht, obwohl ganz weit hinten bei PISA. Haben Sie dafür auch eine Erklärung? PISA-Sieger zu sein verbessert offenbar die soziale Gleichheit doch nicht, aber genau das wurde uns doch immer erzählt. Ihr Link nennt auch den Bildungsetat der jeweiligen Länder und beklagt den niedrigen in Deutschland. Aber was verbessern denn nun hohe Bildungsausgaben empirisch nachweislich?
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