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Deutschland stagniert, die USA stürzen ab

Der neue "Academic Freedom Index" meldet erneut einen weltweiten Rückgang der akademischen Freiheit – und macht deutlich, warum staatliche Eingriffe zum Schutz der Wissenschaftsfreiheit nur ein Vorwand sind.
Cover Academic Freedom Index

Titelseite des "Academic Freedom Index" (Screenshot).

KATRIN KINZELBACH HATTE ES schon vergangenes Jahr gesagt. "Die Zeit, in der Deutschland an der internationalen Spitze des Index lag, ist leider vorbei", kommentierte die Erlanger Forscherin die Veröffentlichung des "Academic Freedom Index 2025".

Ein Jahr später benutzt Kinzelbach das Wort "Stagnation", wenn sie das deutsche Ergebnis beschreibt: erneut eine "statistisch signifikante, also messbare Verschlechterung" im Vergleich zu 2015, aber immerhin, sie bleibe klein und sei "nicht substanziell". Doch, fügt die Politikwissenschaftlerin hinzu, "eine Entwarnung sieht anders aus."

Zusammen mit schwedischen Kollegen hat Kinzelbachs Team mit dem "Academic Freedom Index" einen international beachteten Gradmesser entwickelt, um die Entwicklung der Wissenschaftsfreiheit weltweit zu beschreiben. Dazu befragen sie jedes Jahr über 2.300 Expertinnen und Experten aus zahlreichen Ländern nach ihrer Einschätzung: Wie steht es erstens um die Freiheit von Forschung und Lehre, zweitens um die des wissenschaftlichen Austauschs und der Wissenschaftskommunikation?

Drittens: Wie steht es um die institutionelle Autonomie der Universitäten, wie offen ist das Klima auf dem Campus? Und fünftens schließlich: Wie groß ist die Ausdrucksfreiheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern? Aus den verschiedenen Bewertungen, die für jedes Land eingehen, errechnen Kinzelbach und ihre Kolleginnen und Kollegen dann mit einem statistischen Modell den wahrscheinlichsten Indexwert für ein Land.

Hinter Zypern, aber vor Japan

Deutschland befindet sich zum zweiten Mal in Folge nicht mehr in der Top-10-Spitzengruppe, sondern gehört nur noch zur Spitzengruppe der besten 20 Prozent weltweit. Weltweit auf Platz 1 liegt erneut Tschechien. Ebenfalls vor Deutschland platziert der Index unter anderem Estland, Jamaika, Schweden, Honduras und Zypern.

Allerdings, betonen die Index-Macher, gebe es eine statistische Messunsicherheit, die dazu führe, dass Deutschland mit etlichen Ländern der Spitzengruppe gleichauf liegen könnte – allerdings keinesfalls mit dem Spitzenreiter Tschechien.

Hinzu kommt: Unter den großen Volkswirtschaften liegt Deutschland immer noch vorn. Japan, Frankreich, Großbritannien – alle liegen teilweise deutlich dahinter. Obgleich, siehe oben, die gleiche statistische Messunsicherheit je nach Abstand auch nach unten gilt. Also Entwarnung? Nicht, wenn es nach Kinzelbach geht: "Besser wäre es, wenn Deutschland wieder Spitzenwerte erhielte."

Dafür müsse an dem Grundsatz der institutionellen Autonomie von Universitäten festgehalten werden – "auch bei politisch aufgeladenen Themen, wie zum Beispiel universitären Entscheidungen, eine Zivilklausel zu verabschieden, oder Entscheidungen rund um Veranstaltungen mit kontroversen SprecherInnen". Insbesondere Veranstaltungen zum Gaza-Krieg seien weiterhin "ein komplexes und akutes Thema", auch an Universitäten. "Es obliegt jedoch nicht PolitikerInnen, bei solchen Veranstaltungen für wissenschaftliche Standards zu sorgen – das machen besser die WissenschaftlerInnen selbst, und das gelingt vielerorts auch." Wenn sich PolitikerInnen in das Alltagsgeschäft von Universitäten einmischten, werde die institutionelle Autonomie infrage gestellt. "Das ist kein Rezept, um für gute Wissenschaft zu sorgen."

Der Absturz von Trump-Amerika

Laut dem Index ist die akademische Freiheit im vergangenen Jahrzehnt in 50 der analysierten Länder zurückgegangen – und in gerade einmal neun Ländern gestiegen. Wobei sich unter den Absteigern außer Deutschland eine Reihe westlicher Länder befinden: Österreich etwa, Polen, Portugal, Italien, Finnland, die Schweiz, Griechenland oder Großbritannien.

Kritiker, denen die Ergebnisse des "Academic Freedom Index" nicht passen, werden an dieser Stelle vermutlich als Erstes die Methodik in Frage stellen. Doch sollten sie es sich damit nicht zu einfach machen. Unter internationalen Hochschulexperten genießt die Untersuchung seit Jahren einen hervorragenden Ruf.

Besonders dramatisch, sagt Kinzelbach, sei indes der Absturz der Vereinigten Staaten ausgefallen – und zwar in die Gruppe der unteren 30 bis 40 Prozent weltweit und damit auf einem Level mit Mosambik, Thailand oder Kirgistan. Während sich etwa der Irak, Armenien oder Tansania in der Gruppe darüber befinden.

Den Absturz an sich habe sie zwar erwartet, sagt Kinzelbach. Doch zeige die vergleichende Analyse mit Europa/Nordamerika oder mit den Daten für andere bekannte "Autokratisierungsländer" wie Indien, Ungarn oder die Türkei – Ländern, denen sich die Vereinigten Staaten allmählich annähern – noch einmal sehr deutlich, "wie gravierend der Rückgang in den USA ist". Er betreffe nicht nur einzelne Forschende, sondern die Universitäten als autonome Institutionen. Also den Kern dessen, was Wissenschaftsfreiheit praktisch absichert.

Das Bestürzende ist, wie sehr man sich bereits daran gewöhnt hat, Nachrichten wie diese gelesen zu haben – über ein Land, dessen Wissenschaft über viele Jahrzehnte weltweit Maßstäbe setzte, das stolz war auf seine Freiheitsgrade und dessen Forschungsuniversitäten Hochschulen in aller Welt als Orientierungspunkte dienten. Ein Vakuum, das in vielerlei Hinsicht kaum zu füllen ist.

Der Bericht konstatiert, der US-Abwärtstrend habe bereits 2020 begonnen, ausgelöst damals weitgehend durch Maßnahmen auf Ebene der Bundesstaaten. 2025 habe er sich nach Trumps zweitem Amtsantritt verschärft – etwa durch das Einfrieren von Forschungsmitteln vor allem zulasten von Spitzenuniversitäten, das parallele Vorgehen gegen universitäre Antidiskriminierungsregeln oder den Druck auf Universitäten, ihre Budgets zulasten unliebsamer Fächer wie Gender Studies oder der Umweltforschung umzuverteilen.

Autonomie unter politischem Druck

Doch viele US-Hochschulen wehrten sich inzwischen gegen den Autonomieverlust und hätten vor Gericht Erfolge erzielt, etwa gegen den Versuch der National Institutes of Health, die Erstattung indirekter Kosten zu deckeln. "Dieser juristische Erfolg legt nahe, dass gerichtliche Kontrolle helfen kann, akademische Freiheit unter anhaltendem politischen Druck zu verteidigen." Die Entwicklung zeige außerdem, wie sich die Wissenschaftscommunity zusammen mit der Zivilgesellschaft gegen Übergriffe der Regierung zur Wehr setzen könne – und deute auf eine "bemerkenswerte Resilienz akademischer Freiheit hin, selbst in Situationen demokratischen Rückschritts". Zwar könne es in den USA auch weiter bergab gehen, aber: Die Reaktionen von Gerichten und akademischen Institutionen könnten "auf einen Weg hindeuten, diesen Schaden wieder rückgängig zu machen".

Apropos institutionelle Autonomie: Ein besonderes Augenmerk richtet der diesjährige Report auf die vor allem von Trump und der MAGA-Bewegung eingesetzte Argumentation, eben jene hohe Autonomie vieler Universitäten habe zu einem Kippen des Campus-Klimas nach links geführt – und damit zu einem Verstummen kritischer und abweichender Stimmen und womöglich sogar zu einer institutionalisierten "Cancel Culture", die nun über die Bewilligung von Fördergeldern oder über Eingriffe in die Studienzulassung korrigiert werden müsse. Eine Logik, die mehr staatliche Intervention nicht als Bedrohung akademischer Freiheit versteht, sondern als deren angeblichen Schutz. 

Doch genau das, sagen die Macher des "Academic Freedom Index", geben die empirischen Daten nicht her. Eine Analyse des Zusammenhangs zwischen institutioneller Autonomie und der Forschungsfreiheit über 179 Länder hinweg, gemittelt über den Zeitraum 2000 bis 2025, zeige, dass beide sehr stark und signifikant positiv miteinander korrelierten – dass also ein Mehr an institutioneller Autonomie zu einem Mehr an individuellen Dimensionen akademischer Freiheit führt. Die Ergebnisse legten nahe, "dass autonomere Hochschulen robustere Schutzmechanismen für die Freiheit einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereitstellen".

Das wiederum scheint auch Donald Trump zu wissen. Sonst würde er sich nicht besonders die reichen Privatuniversitäten vornehmen. JMW.


Ein Vortrag, eine Rektorin – und Sorgen um die Wissenschaftsfreiheit

Gelegentlich werden Studienergebnisse noch vor Erscheinen von der Realität eingeholt. Am Tag vor dem "Academic Freedom Index" veröffentlichten über 1.100 Wissenschaftler:innen und Künstler:innen einen offenen Brief, um zur "Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit, Kunstfreiheit und Hochschulautonomie in Deutschland" aufzurufen.

Anlass waren Proteste gegen den Werkvortrag einer palästinensischen Künstlerin an der Kunstakademie Düsseldorf und in der Folge Rücktrittsforderungen gegen deren Rektorin. Am Dienstag rief HRK-Präsident Walter Rosenthal ebenfalls per Pressemitteilung zur Wahrung der Hochschulautonomie auf.

Zu den Unterzeichnenden des Offenen Briefs gehören unter anderem die Migrationsforscherin Naika Foroutan, die Direktorin des Einstein Forums, Susan Neiman, und der Fotograf Wolfgang Tillmans. In den vergangenen Monaten sei es wiederholt zu politischen Interventionen und öffentlichen Kampagnen gekommen, schreiben sie, "die darauf abzielen, Programme und Entscheidungen kultureller und wissenschaftlicher Institutionen in Deutschland zu beeinflussen."

Neben den Debatten um die Leitung der Berlinale und die Involvierung des Verfassungsschutzes durch die Behörde von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sei die Auseinandersetzung um eine Veranstaltung an der Kunstakademie ein "besonders eindrückliches Beispiel".

Im Januar hatten Studierende die palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif zu einem Werkvortrag eingeladen, woraufhin mehrere jüdische Organisationen die Absage forderten: Die Social-Media-Beiträge der Künstlerin wiesen "eindeutige Merkmale von Terrorverherrlichung und israelbezogenem Antisemitismus" auf, unter anderem eine "demonstrative Bezugnahme auf die von der EU als Terrororganisation eingestufte "Volksfront zur Befreiung Palästinas" und die Verwendung von Hamas-Symbolen".

Kunstakademie-Rektorin Donatella Fioretti ließ die Vorwürfe juristisch überprüfen, Ergebnis: Die kritisierten Äußerungen al-Sharifs seien strafrechtlich nicht relevant und von der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Veranstaltung fand hochschulintern statt, aufgrund von Drohungen in den sozialen Medien, wie es hieß. Daraufhin unterstützten auf Change.org über 900 Menschen eine Petition, die den Rücktritt Fiorettis forderte, darunter der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU), der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Oded Horowitz, sowie der städtische Antisemitismus-Beauftragte Wolfgang Rolshoven.

Sie richteten ihre Petition an die Kunstakademie und an Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU). Brandes sagte, sie bedaure die Entscheidung der Kunstakademie sehr. Als Ministerin müsse sie das Vorgehen jedoch mit Blick auf Kunstfreiheit und Hochschulautonomie respektieren. Allerdings: Am morgigen Donnerstag soll Fioretti in einer Sondersitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Landtags Nordrhein-Westfalen Stellung nehmen.

Im jetzt erschienenen offenen Brief kritisieren die Unterzeichnenden, Vertreter:innen der Landespolitik hätten beklagt, rechtlich nicht in die Autonomie der Hochschule eingreifen zu können – offenbar ein direkter Hinweis auf Brandes. Und weiter: "Im Wissenschaftsausschuss des NRW-Landtags wurde wiederholt die illiberale Formulierung vom "Deckmantel" der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit verwendet." Dieser sei durch die AfD in die Debatte um die Berlinale eingeführt worden.

Der Vorgang sei besonders problematisch, weil sich der politische Druck nicht gegen ein rechtswidriges Verhalten der Akademieleitung richte, sondern gegen eine Entscheidung innerhalb der verfassungsrechtlich geschützten Hochschulautonomie. "Das markiert eine neue Qualität politischer Intervention." Die Politik müsse die Autonomie von Hochschulen und kulturellen Einrichtungen respektieren und die Freiheit von Kunst und Wissenschaft gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes schützen. Politische Interventionen, Drohungen oder Eingriffe in Finanzierung und Leitung dürften nicht als Druckmittel gegenüber akademischen und kulturellen Institutionen eingesetzt werden. "Solche Praktiken sind aus autoritären Regimen bekannt und einer Demokratie unwürdig."

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Walter Rosenthal, erinnerte am Dienstag an die HRK-Entschließung "Hochschulen als freien Diskursraum sichern" und betonte: "Jeder Hochschule, vertreten durch ihre Leitung, steht das Recht zu, im Rahmen der Gesetze selbst über die Formen des wissenschaftlichen Diskurses zu befinden. Das Präsidium der HRK erwartet, dass Politik und Gesellschaft den Menschen, die an den Hochschulen ihrer Verantwortung zur Wahrung der Wissenschafts- und Kunstfreiheit auch unter schwierigen Bedingungen engagiert nachkommen, den nötigen Respekt entgegenbringen und den Rücken stärken." Das müsse unabhängig davon gelten, ob wissenschaftliche oder künstlerische Diskursbeiträge die eigene Haltung widerspiegelten. "Konkret darf die Entscheidung für oder gegen die Zulassung einer wissenschaftlichen Veranstaltung nicht vorverurteilend zum Gegenstand disziplinar- oder personalrechtlicher Erwägungen gemacht werden." Ereignisse wie an der Kunstakademie Düsseldorf dürften nicht zu einem politischen Reflex führen, die grundgesetzlich verankerte Hochschulautonomie infrage zu stellen. JMW.

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