Die überraschendste Erkenntnis meines Urlaubs
Wie mich der Versuch, drei Wochen lang möglichst wenig zu schreiben, zu einer neuen Frage über den Journalismus gebracht hat – und was vier Themen damit zu tun haben, zu denen ich bislang bewusst keinen eigenen Artikel geschrieben habe.
Grafik KI-generiert.
AUSGERECHNET DURCH das Nichtschreiben von Artikeln habe ich in den vergangenen drei Wochen so viel über das Schreiben gelernt wie lange nicht mehr.
Lassen Sie mich das erklären. Seit 2015 betreibe ich den Wiarda-Blog, und diesen Sommer habe ich mich zum ersten Mal dazu durchringen können, dass man dem Blog anmerken darf, wenn ich Ferien mache. Sonst habe ich auch im Familienurlaub ständig auf die Nachrichtenlage geschielt und alle zwei, drei Tage einen Beitrag abgesetzt.
Warum? Gute Frage. Vielleicht weil ich dachte, dass meine Leser von mir erwarten, dass ich sie immer und verlässlich auf dem Laufenden halte. Vielleicht weil ich fürchtete, mein Suchmaschinen-Rating zu gefährden. Vielleicht aber auch nur, weil es mir schwerfällt, einmal loszulassen.
Diesmal habe ich mich jedenfalls durchgerungen, eine Abwesenheitsnotiz bei meinen E-Mails einzurichten und auch im Blog zu verkünden, dass ich dann mal weg bin. "Regulär geht es hier ab dem 18. August weiter", schrieb ich, "bei Bedarf melde ich mich aber auch zwischendurch zu Wort."
Was ist wirklich drängend und wichtig?
Und damit ging das Lernen schon los. Was heißt denn eigentlich "bei Bedarf"? Welche Themen und Ereignisse sind journalistisch so drängend und wichtig, dass sie eine Auszeit von meiner Auszeit rechtfertigten, ja erforderten? Und wie erfahre ich überhaupt von ihnen, wenn ich parallel möglichst abschalten möchte?
Meine erste Antwort lautete: ChatGPT. Ich formulierte folgenden Prompt: "Könntest Du mir in den nächsten drei Wochen jeweils morgens um 8 Uhr ein Dossier schicken mit einer grundsätzlichen Einschätzung der Nachrichtenlage in der Forschungs-, Wissenschafts- und Bildungspolitik und danach die zehn aus Deiner Sicht wichtigsten aktuellen Nachrichten, Ereignisse oder Wortmeldungen?" Und weiter: "Teile mir mit, wenn Du bei einer Nachricht/einer Entwicklung trotz meines Urlaubs der Meinung bist, dass ich unbedingt dazu schreiben/kommentieren sollte. Aber setze bitte die Schwelle zur Schreibempfehlung nicht zu niedrig an."
Die KI versprach beflissen, ihre Aufgabe zu erfüllen – und lieferte jeden Tag pünktlich. Wie oft ChatGPT der Meinung war, ich sollte etwas schreiben? Bis heute kein einziges Mal. Auch zehn Meldungen kamen an keinem einzigen Tag zusammen, meistens nur zwei oder drei.
Sie können sich vorstellen, dass mich das misstrauisch machte. Also war die von der Automatisierung erhoffte Ruhe doch sehr schnell vorbei. Ich schaute selbst nach, googelte mich durch die Nachrichten – und checkte bis zur Grenze der familiären Zumutbarkeit meine E-Mails und Pressemeldungen. Ein bisschen fühlte sich das an wie eine Niederlage. Einerseits.
Den eigenen Prompt anwenden
Denn andererseits war ich positiv überrascht. Den Prompt, den ich für ChatGPT geschrieben hatte, versuchte ich, nun selbst anzuwenden – und fragte mich bei jeder Nachricht: Ist die wirklich substanziell und drängend genug, um aus dem Urlaub heraus darüber etwas zu schreiben? Oder wäre der tatsächliche Hauptgrund eher, dass andere Medien und Journalisten das Thema auch aufgegriffen haben oder es vermutlich tun werden? Meine Antwort lautete fast immer: letzteres. Mehr noch. Mehrfach und klarer als sonst kam ich zu dem Ergebnis, dass ein Blogartikel bei dem einen oder anderen Thema verfrüht oder gar kontraindiziert wäre.
Womöglich ist das ja sogar eine der wichtigsten Aufgaben für einen Journalisten: zu entscheiden, worüber er gerade nicht schreibt. Weil er mit einem Artikel dem bekannten Nachrichtenstand nichts Neues hinzufügen könnte. Weil er mit einem Artikel einem Sachverhalt oder einer Deutung zusätzliches öffentliches Gewicht geben würde, obwohl der aktuelle Kenntnisstand eine solche Gewichtung noch nicht rechtfertigt. Oder weil er – im schlimmsten Fall – auf der Suche nach einem eigenen, neuen Dreh aus dem vorhandenen Wissen eine Schlussfolgerung zieht oder nahelegt, die (noch) nicht trägt.
Worüber ich seit Urlaubsbeginn geschrieben habe: über die Beschlüsse zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz und zu den Fusionshubs. Über den Beginn des Ganztags-Rechtsanspruchs für Erstklässler. Über die Fusion und die Unabhängigkeit von Ressortforschungseinrichtungen. Dann war da noch ein Interview mit der KI-Expertin Doris Weßels über KI-Wasserzeichen und ein Gastbeitrag zur Zivilklausel. Ehrlich gesagt schon deutlich mehr, als ich eigentlich vorher gedacht hatte oder, siehe oben, ChatGPT für wichtig hielt. Ich habe es eben doch nicht ganz lassen können, ich gebe es zu.
Was ich liegen ließ
Worüber ich dagegen seit Urlaubsbeginn bewusst nichts geschrieben hatte:
- über die Vorwürfe gegen den früheren US-Regierungsberater und Immunologen Anthony Fauci. Dabei geht es um seinen Umgang mit der Lab-Leak-Hypothese und die Frage, wie transparent er über die amerikanische Förderung von Coronavirus-Forschung in Wuhan informiert hat, aber auch um den Vorwurf, sein eigenes Verhalten bei privaten Zusammenkünften habe nicht immer zu jenen Abstands- und Maskenempfehlungen gepasst, für die er öffentlich warb. Berechtigte Fragen, eine offensichtlich politisch aufgeladene Kampagne gegen Fauci und eine in entscheidenden Punkten weiter offene Beweislage liegen hier so eng beieinander, dass eine seriöse Einordnung die umfangreiche Befassung mit den Originalquellen erfordert und sich nicht auf ein Schwarz-Weiß-Schema reduzieren lässt.
- über die laut Kritikern fragwürdigen China-Beziehungen der TU München. Im Zentrum stehen unter anderem eine Drohnenkooperation mit der Shanghai Jiao Tong University sowie Begegnungen von TUM-Forschern mit chinesischen und russischen Wissenschaftlern auf einer internationalen Luft- und Raumfahrtkonferenz. Sicherheitsexperten warnen vor einem möglichen Abfluss von Dual-Use-Wissen, wobei die öffentlich nachvollziehbare Grundlage dieser Warnungen bislang teilweise schmal bleibt, weil nur vereinzelt Experten namentlich zu Wort kommen. Die TUM wiederum verweist auf ihre Sicherheitsvorkehrungen und weist den Vorwurf zurück, leichtfertig mit Forschungsrisiken umzugehen. Das Thema Forschungssicherheit ist ohne Zweifel relevant, doch zugleich ist die Freiheit wissenschaftlicher Kooperationen ein hohes Gut. In jedem Fall würde ich hier einen Artikel nur auf der Grundlage einer eigenen ausführlichen Recherche als gerechtfertigt ansehen und im Zweifel für die Selbstverantwortung der Wissenschaft plädieren. Denn klar ist: Auch jedes journalistische Infragestellen verkleinert weiter den Spielraum, den die Wissenschaft bei ihren internationalen Kooperationen mit China überhaupt noch hat.
- über die Berichte zu einer 2022 gestoppten Imagekampagne des CISPA-Chefs Michael Backes. Die Ausschreibung, mit der für viel Geld gezielt die öffentliche Wahrnehmung von Backes aufgebaut werden sollte, wirkt für eine öffentlich finanzierte Forschungseinrichtung durchaus verstörend. Nur wurde das Vorhaben damals offenbar aus dem Umfeld des Aufsichtsrats gestoppt und kam nicht zur Umsetzung. Vor allem aber ist bislang kein erkennbarer Zusammenhang zwischen dieser vier Jahre alten Geschichte und den eigentlichen Vorwürfen gegen Backes und das CISPA wegen der China-Kooperationen und möglicher Forschungssicherheitsprobleme zu erkennen. Und zu diesen Vorwürfen liegen weiter keine abschließenden Ergebnisse der eingeleiteten Sonderprüfung vor. Dass die alte Geschichte gerade jetzt auftaucht, ist politisch interessant, macht sie aber ohne weitere Hintergründe nicht relevant für die laufenden Vorwürfe.
- über die Geschichte des Cambridge-Professors Jason Arday, die Vorwürfe gegen ihn und die Universität Cambridge – und über seinen Tod vor wenigen Tagen, den die britische Polizei als "unerwartet, aber nicht verdächtig" behandelt. Arday hatte nachweislich falsche oder zumindest nicht belegbare Angaben zu Teilen seiner akademischen Biografie gemacht; zugleich gibt es erhebliche Auffälligkeiten in wissenschaftlichen Publikationen und seiner Dissertation. Ein früheres Untersuchungsverfahren der Liverpool John Moores University bestätigte den Plagiatsvorwurf gegen seine Dissertation allerdings nicht; angesichts neuer Vorwürfe hatte Cambridge zuletzt eine weitere Untersuchung eingeleitet, die nach Ardays Tod vorerst pausiert wurde. Hinzu kamen Fragen, wie belastbar die Prüfung seiner Qualifikationen und Angaben bei seiner Berufung durch Cambridge war, und die massive rassistische Hetze, der Arday ausgesetzt war. Es ging also um einen Menschen in einer persönlichen Ausnahmesituation. Besondere Vorsicht war auch deshalb angebracht, weil der Fall von rechten und Anti-"Woke"-Stimmen als Beleg dafür benutzt wurde, dass Universitäten wie Cambridge im Namen von Diversität wissenschaftliche Standards aufgegeben hätten. Belegte Falschangaben, offene Fragen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten, mögliches institutionelles Versagen, rassistische Hetze und politische Aufladung ergaben schon vorher kein eindeutiges Bild. Nach Ardays Tod wird nun zunehmend auch die bisherige Medienberichterstattung selbst zum Thema – und die Frage, ob sie der Komplexität des Falls gerecht geworden ist.
Die Lehre aus dem Nichtschreiben
Je länger ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob ich etwas zu dem einen oder anderen Thema geschrieben hätte, wenn ich nicht in Urlaub gewesen wäre. Sicher hätte ich genauer hingeschaut. Wäre daraus ein Artikel entstanden, wäre das auch in Ordnung gewesen – vorausgesetzt, ich hätte die nötige Zeit und Ruhe für eine gründliche Analyse und Recherche gehabt, um die oben von mir aufgeworfenen Bedenken und Fragen ausreichend behandeln zu können. Vielleicht auch mit dem Ergebnis, das Thema dann endgültig zur Seite zu legen.
Jetzt ist mein Urlaub zu Ende, ich nehme das, was ich durch das Nichtschreiben von Artikeln gelernt habe, mit für das Schreiben meiner nächsten Artikel. Und vielleicht als Erstes für eine neue Rubrik im Blog. Arbeitstitel: "Vorerst unkommentiert".
Darin könnte ich künftig von Zeit zu Zeit Themen aufgreifen, die ich durchaus wichtig finde und bewusst verfolge, über die ich aber trotzdem keinen eigenen großen Artikel schreibe. Weil entscheidende Informationen noch fehlen. Weil eine Entwicklung noch läuft, deren Ende zwecks besserer Einordnung noch abgewartet werden sollte. Weil es journalistisch passender sein kann, nicht voreilig ein Thema hochzuspielen, auch wenn man weiß, dass es gern und viel gelesen wird. Wie würden Sie das finden? Journalistisch angemessen, vielleicht sogar geboten? Zu bequem und abwartend? Oder gar besserwisserisch?
Ich weiß es selbst noch nicht so recht. Aber vielleicht stimmt es ja und manchmal ist gerade das Nichtschreiben tatsächlich die präziseste Form des Schreibens. JMW.
Kommentare
#1 - Zwei Punkte
Lieber Herr Wiarda,
Willkommen zurück aus dem Urlaub. Zwei Anmerkungen zu diesem recht interessanten Beitrag:
1) Schade, dass der andere Cambridge-Fall (Wyn Evans) es nicht einmal auf der Liste der Themen ohne Sofortreaktion schaffte. Mich überraschte, wie wiedererkennbar die dort juristisch aufgearbeitete Arbeitsabläufe wirkten, die zum Umgang mit einem Vorfall ergriffen wurden.
2) Besonders brisant an Ihrem interessanten „Vorerst unkommentiert“-Idee ist für mich die Aufzählung der verschiedenen Gründen, warum das Nicht-Kommentieren angemessen sein kann. Ob Sie bei der Umsetzung bereit wären, jeweils in ca. 6 Wörtern den Hauptgrund für das Vorerst-Unkommentiert-Lassen zu verraten?
#2 - überraschende Erkenntnis
Hallo Herr Wiarda,
ich schätze Ihre Arbeit, weil Sie mir meist sehr gut recherchiert und abgewogen argumentiert erscheint. Ihre Erkenntnis ist eine spannende Einsicht in die Arbeit eines Journalisten, die ich bei vielen Berichterstattungen (vor allem bei anderen Themen) ansonsten vermisse. Ich würde ein solches Format, in dem Themen kurz dargestellt werden, mit unfertiger Recherche oder noch fehlenden Fakten sehr begrüßen. Diese Einordnung, das ist wichtig, aber die Daten reichen noch nicht für einen Artikel, ist aus meiner Sicht relevant. Vielleicht schaut sich der eine oder andere Kollege das Format ab.
VG
#3 - Durchaus interessant
Eine Rubrik "Vorerst unkommentiert" fände ich durchaus spannend. Oft lerne ich in den diversen Nachrichtenportalen mehr, wenn ich den Links in einem Artikel folge, als im Artikel selbst. Das soll nicht bedeuten, die Artikel an sich wären schlecht oder uninformativ - nur, dass der Hintergrund teils auch interessant oder gar interessanter ist - das berühmte "rabbit hole".
Dieser Aspekt bliebe erhalten - ein "Herr Wiarda findet X interessant" wäre sicherlich ein Grund/Qualitätsmerkmal, auch selber mal zum Thema hinzuschauen, ohne dass gleich ein langer Artikel dazugehören muss.
#4 - Schön, dass Sie wieder zurück sind.
Lieber Herr Wiarda,
vielen Dank für diese Einblicke. Eine Pause mit Distanz zur Arbeit öffnet meist neue Perspektiven.
Ich finde es gut, wenn Themen auch mal 'abhängen' können und finde deswegen Ihren Vorschlag sehr interessant.
Bitte machen Sie auf alle Fälle weiter mit Ihrer Arbeit. Ich freue mich jedesmal aufs Lesen.
Beste Grüße
Stephan Seiter
#5 - Vorbildlich
Lieber Herr Wiarda, einmal davon abgesehen, dass es wirklich Ihre Sache (und die Ihrer Familie!) ist, wie Sie im Urlaub entspannen, gefällt mir der selbstrektierende Ansatz, den ich im Journalismus leider zunehmend häufiger vermisse. Bleiben Sie bitte bei dieser Haltung! Zum "Fall" Jason Ardey interessiert mich Ihre Analyse nach wie vor, aber eben lieber mit dem notwendigen Abstand von den tragischen Geschehnissen. Weiter alles Gute, Dietrich Nelle
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