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Wege aus dem Kuddelmuddel

Das neue Berliner Hochschulgesetz sollte eine Reform mit Signalwirkung anstoßen. Stattdessen herrschen jetzt Frust, Irritationen und rechtliche Bedenken. Wie das Ziel besserer Beschäftigungsbedingungen doch noch erreicht werden könnte: ein Gastbeitrag von Steffen Mau.

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Artikelbild: Wege aus dem Kuddelmuddel

Foto: Michael Schwarzenberger / Pixabay.

DAS NEUE BERLINER HOCHSCHULGESETZ ist zum Zankapfel und zum Quell von Verunsicherung geworden. Kritik entzündet sich vor allem an der Regelung in Paragraph 110, Postdoktorandenstellen grundsätzlich zu entfristen. Zwar beteuern alle Akteure, sie seien sich über die Zielstellung, die prekäre Beschäftigungssituation der Postdocs zu verbessern, einig. Die Hochschulleitungen aber halten die Regelung, wie sie jetzt beschlossen wurde, für kaum umsetzbar. Die politisch Verantwortlichen der bisherigen und vermutlich zukünftigen Regierungskoalition sehen die Universitäten am Zug, sich nun endlich zu bewegen.

Wenig durchdacht sei das Gesetz, das sagen aber nicht nur die Hochschulleitungen und die Professorenschaft, sondern auch verblüffend viele "Mittelbauler" der Berliner Universitäten. Der bekannte Wissenschaftsjournalist und Betreiber dieses Blogs Jan-Martin Wiarda kommentierte lapidar: "Auch eine Revolution muss man handwerklich ordentlich machen."


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Artikelbild: Wege aus dem Kuddelmuddel

Steffen Mau , 53, gilt als einer der produktivsten deutschen Soziologen der Gegenwart.Seit 2015 ist er Inhaber der Professur fürMakrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität, 2016 erhielt er für seine Forschungsarbeiten den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Zu Maus Forschungsschwerpunkten gehören die Soziologie der sozialen Ungleichheit, Transnationalisierung, europäische Integration und Migration. Von 2012 bis 2018war er Mitglied der wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats.Foto: Marten Körner.




Derzeit stocken die Stellenbesetzungen an den Berliner Universitäten oder sind sogar ...

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Kommentare

#1 -

Müder Statistiker | Fr., 12.11.2021 - 10:57
Das ist ein erfreulich sachlicher Kommentar aus der
Berliner Humboldt-Uni, der auch recht gute Ansätze für
einen Weg aus dem "Berliner Kuddelmuddel" aufzeigt,
Noch eine Frage: Wer hat nur dieses Unwort "Aufwuchs"
erfunden? Das übliche Wort "Zuwachs" ist doch absolut
unmißverständlich.

#2 -

Ulrich Marsch | Fr., 12.11.2021 - 11:57
Ein richtiger und guter Beitrag. Aber vielleicht müssten wir in Deutschland noch viel weiter gehen und Stellen für "Reader" und "Lecturer" einführen, die mehr sind als Akademische Räte? Bräuchten wir nicht viel differenziertere Stellenprofile als wir sie heute haben? Stehen wir nicht letztendlich vor einer Systemfrage? Mir scheint, wir wurschteln nur wieder an einigen wenigen Symptomen rum.

#3 -

Benjamin Bisping | Fr., 12.11.2021 - 15:19
Der Kern des Textes ist sehr überzeugend. Die Politikschelte zum Einstieg finde ich hingegen unangemessen.



Die Politik hat fünf Jahre lang gesagt, dass sie PostDoc-Dauerstellen haben will. Es steht deutlich im 2016er Koalitionsvetrag (Abschnitt „Verlässliche Personalentwicklung und gute Arbeit“). Die Hochschulen haben sich mit den 2018er Hochschulverträgen dazu verpflichtet, solche Stellen aufzubauen (V 1.7ff. „Beschäftigungsbedingungen des wissenschaftlichen Hochschulpersonals”).



Kunst und andere Hochschullenker*innen dachten, sie könnten irgendwie das Reformprojekt von R2G mit Hinhalten und leeren Versprechungen aussitzen oder zumindest verwässern.



Das Ergebnis davon ist, dass am Ende dieses Prozesses kein optimaler Gesetzestext steht und die Hochschulen selbst nach fünf Jahren Vorwarnzeit ...

#4 -

MüderProf | Fr., 12.11.2021 - 15:38
Auch mir gefällt der Artikel. Allerdings frage ich mich - und diese Frage geht in eine ähnliche Richtung wie die von Ulrich Marsch -, ob die Entfristung von Postdoc-Stellen nicht langfristig ohnehin den Wegfall von Stellen für wissenschaftliche MitarbeiterInnen bedeuten wird. Das wäre eine weitere Kehrtwende hin zum angelsächsischen System, das wir alle sehr gut kennen. Vielleicht sollten wir anfangen, über diese Kehrtwende zu diskutieren. Sie hat - wie jedes System - Vor- und Nachteile.

#5 -

Ein HU-Postdoc | Fr., 12.11.2021 - 17:12
Auch ich finde die Politikschelte am Anfang unpassend, zumal - worauf hier Benjamin Bisping auch bereits hinwies - die in den Hochschulverträgen gemeinsam mit den Hochschulleitungen vereinbarten Entfristungsquoten für das haushaltsfinanzierte Mittelbau-Personal über etliche Jahre nicht erfüllt wurden.



Aber es ist sehr zu begrüßen, dass hier jemand aus der HU-Professorenschaft Verantwortung übernimmt und konkreter Vorschläge macht. Zur vorgeschlagenen KapVO-Reformidee angemessen Stellung zu nehmen ist zwar hier nicht der Platz. Aber in der Forderung, dass es transparente Verfahren der Bestenauslese braucht, ist Herrn Mau unbedingt zuzustimmen.



Denn – über attraktive Karrierewege hinaus, die Voraussetzung für ein breites Rekrutierungspotential zwecks “Bestenauswahl” sind ...

#6 -

David J. Green | Sa., 13.11.2021 - 12:34
Doch, die Politiker*innenschelte ist vollkommen angebracht. Wenngleich der Berliner Senat zweifelsohne dafür gesorgt hat, dass die Notwendigkeit einer Karrierestruktur-Reform klarer denn je wird: Es ist derzeit ziemlich egal, was die Politik rückblickend meint, wie das neue Gesetz anzuwenden ist – es zählt alleine, wie die Gerichte das tatsächlich in Kraft getretene Gesetz auslegen werden. Und da niemand mit hinreichender Sicherheit das vorhersagen kann, wird die bereits eingetretene rechtliche Unsicherheit die angesprochene Selbstblockade solange bewirken, bis eine Gesetzesänderung in Kraft tritt.



Ein recht wertvoller Beitrag, vielen Dank. Das mit dem Kapazitätsrecht machte mich zwar anfangs misstrauisch – Hannas Grundproblem ist dermaßen ...

#7 -

Michael Liebendörfer | Sa., 13.11.2021 - 12:35
Danke für den Blick auf die Kapazitätsverordnung.



Könnte es sein, dass unbefristete Postdocs doppelte Lehre abliefern und dennoch gleichermaßen viel forschen können, weil sie sich nicht in neue Strukturen einarbeiten müssen, ständig bewerben und Unsicherheitsstress haben? Dann würde ich als Steuerzahler schon wissen wollen, wofür Qualiaktionsstellen in solchen Fächern angeboten werden, in denen kein Bedarf nach noch mehr gut ausgebildeten Leuten besteht, die sich auf Professuren bewerben. Aus zwei befristeten Stellen kann man eine unbefristete machen und für den Rest vom Geld findet sich schon ein guter Zweck.



Und: warum schreiben Institute dennoch lieber befristet aus?

Meiner Erfahrung nach haben ...

#8 -

Prof im Ruhestand | So., 14.11.2021 - 16:32
In dieser sicher notwenigen Debatte gibt es einige ganz

interessante Denkansätze. Mit dem Rückblick auf mehr

15 Jahre in Leitungsfunktion auf Ebene von Institut und Dekanat und mit Kenntnis der Entwicklung fällt einem noch etwas ganz Anderes auf: Die Regelungswut in diesem

Land und seinen Gliederungen führt dazu, daß immer mehr

Kenntnisse zur Leitung erforderlich wird und die Rolle der Verwaltung sich zuungunsten der elementaren Prozesse in Lehre und Forschung verschoben haben. Zum Beispiel konnte man noch vor einigen Jahren Promovierende mit

Stipendien flexibel finanzieren. Heutzutage ist das nicht mehr möglich und die Restriktionen zur Besetzung und Finanzierung von Stellen ...

#9 -

Noch 'ne Hanna | Mo., 15.11.2021 - 12:25
"Zum Beispiel konnte man noch vor einigen Jahren Promovierende mit Stipendien flexibel finanzieren."

"Flexible Finanzierung" - ohne durchsetzbare Arbeitsrechte und Sozialversicherung.

Das klingt für mich ein bisschen nach Joops Nachtrauern "diese[r] Welt, die so wundervoll frivol und frigide war".

#10 -

Senior Harvard | Mo., 15.11.2021 - 14:59
Dem Hochschullehrer außer Dient muss ich entgegnen, dass allen Führungskräften heute viel mehr abverlangt wird als es seinerzeit der Fall war. Das gilt mit Blick aufs Budget genauso wie für die Personalführung. Allein der Aspekt Personalauswahl erfordert heute eine ganze Woche Fortbildung und viel Aufwand. Das liegt nicht daran, dass alles schlechter wird, sondern daran, dass (Achtung!) Forschung gezeigt hat, dass es wichtig ist auf Eignung zu achten und Diversity. Für uns in den USA ist das selbstverständlich. Wenn ich mich mit deutschen Kollegen unterhalte, habe ich oft das Gefühl, dass diese nicht wissen, worum es hier eigentlich geht (Stichwort: ...

#11 -

KapVO | Mo., 15.11.2021 - 15:06
Das bürokratische Kapazitätsrecht ist eine schwierige Sache: wurde aufgrund des Verfassungsrechts von Gerichten erfunden (Erschöpfungsgebot). Daher ist nicht ganz klar, wie das kapazitätsneutral funktioniert ohne viel mehr Geld in Zeiten sehr knapper Kassen wegen Corona. Obwohl das Thema überall debattiert wird, kriegen die Unis mehr Geld. Andere müssen schließen �

#12 -

Prof im Ruhestand | Mo., 15.11.2021 - 16:21
Dem verehrten Kollegen aus Harvard entgegne ich gern, daß ich meinen letzten (von mehr als 30) Doktoranden Ende des letzten Jahres hatte. Insofern ist mir schon sehr bewußt, wie eine ordentliche Auswahl von Doktoranden und Mitarbeitern läuft. Ich weis aber auch, wie sich das in

den letzten 30 Jahren verändert hat. Wenn ein System aber

immer nur komplizierter wird anstatt überschaubarer, dann ist etwas an den System nicht in Ordnung. Wenn ich mich recht erinnere, wurde es mit der Arbeitsministerin der SPD richtig kompliziert.

Der werten "Noch'ne Hanna" wünsche ich gern etwas mehr

Gelassenheit. in der Argumentation. Den Hinweis auf ...

#13 -

Cord Breitenstein | Di., 16.11.2021 - 05:56
In "Zeit online" hat sich Frau Specht zum Thema geäußert.
Vielleicht sollte sie für die Nachfolge von Frau Kunst kandidieren. Denn es kommt nicht nur darauf an, die Lage
zu. interpretieren, sondern man muß sie ändern. So steht es ja schon sinngemäß im Aufgang der Humboldt-Uni.

#14 -

McFischer | Di., 16.11.2021 - 10:59
#Prof im Ruhestand:

Gute Argumente, aber "Meine alte Erfahrung ist: Gebt den leitenden Personen in Lehre und Forschung die nötigen Mittel und Möglichkeiten zur Regulierung und nicht den

(sicher willigen) Leuten in der Verwaltung, die von den

realen täglichen Dinge oft nur wenig Ahnung haben ."



Das finde ich unangemessen. Man kann nicht einerseits klagen, dass die gesetzlichen (und arbeitsrechtlichen) Regelungen immer dichter werden - und dann fordern, dass bitte die Professor*innen doch das alles freier bestimmen möchten.

Hier zeigt sich das altbekannte System, dass Professor*innen zu solchen werden, weil sie gute Forschung (und oft auch gute Lehre) machen, aber ...

#15 -

Senior H. | Di., 16.11.2021 - 11:48
Natürlich wird es für jede Person mit zunehmenden Alter anstrengender sich den Neuerungen zu stellen. Das ist auch ein großes Thema in der Personalentwicklung und wie der Demografie-Forschung. Nicht alles wird immer besser, aber vieles. Diese Erkenntnis scheint sich aber auch in Deutschland nicht immer durchzusetzen. Das ist ein Grund, warum Innovation oft woanders stattfindet.

#16 -

Noch 'ne Hanna | Di., 16.11.2021 - 11:48
Sehr geehrter Herr Wiarda,



Sie können darauf verzichten, meinen letzten Kommentar zu veröffentlichen. Mich triggern solche Äußerungen wie die vom "Prof im Ruhestand" und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes: Ich leide wegen meiner Erfahrungen an der Universität Bremen an einer diagnostizierten PTBS und war sechs Jahre lang in psychiatrischer und traumatherapeutischer Behandlung. Bis zu einer halbwegs ordentlichen Klärung der ganzen Geschichte ist es noch ein weiter Weg und manchmal frisst mich einfach die Wut, die aus der extremen Ohnmachtserfahrung heraus entstanden ist (Reizbarkeit und Aggressivität sind ein Leitsymptom bei PTBS). Ich war jahrelang in Internetforen aktiv (bevor ...

#17 -

René Krempkow | Mo., 22.11.2021 - 16:47
#10, #13 bis 15 kann ich nur beipflichten.

Und #7, Absatz 1 ist eine erfrischende Sichtweise, die ich shr gern einmal mit zahlen unterlegt sehen würde. Wofür haben wir eigentlich die riesigen Forschungskapazitäten in den Wirtschaftswissenschaften? ;-)

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