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Die trügerische Sehnsucht nach dem "Kern" der Wissenschaft

Die Kritik an zu viel Normativität und gesellschaftlichem Engagement in der Wissenschaft ist doppelt falsch. Sie schwächt die Qualität der Forschung – und nützt denen, die Wissenschaft politisch begrenzen wollen. Ein Essay.
Illustration einer Gruppe von Menschen mit Sprechblasen.

Bild: rawpixel.com / freepik.

ES SIND BEMERKUNGEN, ein paar Halbsätze. Selten mehr. Vielleicht weil meine Gesprächspartner ahnen, dass ich anderer Meinung bin. Womöglich handelt es sich auch um ein echtes Tasten, ein Ringen nach Haltung und Perspektive. Doch was ich da höre, sorgt mich. Wegen des Inhalts. Aber auch wegen derjenigen, die da reden: Hochschulrektoren, Chefs von Forschungsinstituten, Repräsentanten von Stiftungen, dekorierte Wissenschaftler. Einflussreiche Leute. Persönlichkeiten, die ich schätze und respektiere.

"Vielleicht haben wir es wirklich übertrieben", sagt der eine, "das mit der Diversität, der Nachhaltigkeit und all dem." "Wir müssen echt aufpassen", sagt die andere, "dass wir über all den guten Absichten nicht die harte Wissenschaft vernachlässigen." Und ein dritter mahnt: "Wie sollen wir uns irgendwann gegen rechte Landesregierungen wehren, die der Wissenschaft ihren Willen aufzwingen wollen, wenn die Wissenschaftspolitik schon heute durch wissenschaftsferne Motive überlagert wird?"

Klar hat es solche Statements immer gegeben. Doch sie nehmen zu in Häufigkeit und Intensität. Dass sich hier, längst nicht mehr nur unterschwellig, der wissenschaftspolitische Diskurs dreht, zeigt sich auch an der Beachtung, die verschiedene Meinungsbeiträge zuletzt in der Wissenschaftsszene gefunden haben – bei aller Unterschiedlichkeit ...

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Kommentare

#1 -

Gast | Fr., 10.04.2026 - 11:37

Lieber Herr Wiarda, 

Danke für diesen wertvollen Diskussionsbeitrag! Ich hoffe, dass viele in der Wissenschaft Ihre Ansicht teilen und die von Ihnen kritisch kommentieren Ansichten v.a. diejenigen sind, die schon immer so dachten und jetzt "nur" aus der Deckung kommen. Denn noch schwieriger wäre ein "vorauseilender Gehorsam" ggü. einer befürchten AfD-Regierung(-sbeteiligung).

Und zu Ihrer Frage: "Womöglich ist es ja kein Zufall, dass viele der Länder, die bei ERC & Co. pro Kopf stärker abschneiden, auch bei der Chancengleichheit weiter sind?" und zur erwähnten Verantwortung der Hochschulen für die unattraktiven "Karrierewege" kann ich nur noch einmal bestärkend hinzufügen, dass insbesondere Postdocs, ...

#2 -

Franka Listensen | Fr., 10.04.2026 - 12:35

Wirklich bezeichnend, dass in dem Moment, als die geforderte "politische Auseinandersetzungen" mal tatsächlich beginnen, die Frage, ob "Diversität, Transfer oder gesellschaftlicher Verantwortung" tatsächlich Ziel und Auftrag von Wissenschaft sein sollte, der Auseinandersetzung entzogen werden soll, indem Kritiker gleich wieder (so voraussehbar!) als " extrem konservative bis rechtsradikale Ideologen" beschimpft werden. Dann kann man die Debatte in der Tat gleich lassen.

#2.1 -

Laubeiter | Mi., 15.04.2026 - 10:04

Antwort auf von Franka Listensen (nicht überprüft)

Es heisst Englisch third mission. Für mich geht es bei dieser Frage um Nuancen, Prioritäten und Positionierung dazu, wie die third mission  zusammen mit first und second mission angestrebt wird. Die mission statements, die sich die Universitäten, MPG, HGF, FhG und WGL gegeben haben, beschreiben einen Mix aus Zielen und Aufträgen. Diversität, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung sind Ziele und Aufträge von Wissenschaft, sagen die mission statements, die ich kenne.

#3 -

Isolde Karle | Fr., 10.04.2026 - 16:27

Lieber Herr Wiarda, sehr herzlichen Dank für diesen klugen Beitrag, der pointiert und klar die derzeitigen Akzentverschiebungen  beschreibt. Ohne Diversität gibt es keine Auslese der Besten, nur eine Auslese der Privilegiertesten. Und ohne Impact begibt sich die Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. 

#4 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 10.04.2026 - 20:34

"Wer also heute, und sei es aus bester Absicht, dafür plädiert, die Wissenschaft vom Verfolgen gesellschaftlicher Werte und Ziele abzukoppeln, und sei es nur in Teilen, hat weder die empirisch begründete Aussicht auf eine bessere Performance noch auf eine Entpolitisierung."

Dieser Satz unterstellt offensichtlich, dass es klar und unstrittig ist, welche "gesellschaftlichen Werte und Ziele" zu verfolgen sind. Andernfalls könnten ja verschiedene Wissenschaften (oder Wissenschaftler an verschiedenen Orten) unterschiedliche Werte und Ziele verfolgen. DIE Wissenschaft gibt es so auch nicht, sie ist in sich sehr heterogen. 

Aber diese Prämisse scheint mir nicht erfüllt zu sein: Einfach GEGEN die AfD zu ...

#4.1 -

Gerald Lieding | Sa., 18.04.2026 - 16:02

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Wofür oder wogegen sind Sie denn eigentlich, verehrter Herr Kühnel? Mir fällt schon seit einiger Zeit eine eigenartige Tendenz Ihrer Wortmeldungen auf. Ich bin jedenfalls nicht so recht damit einverstanden.

#5 -

Dominique Bediako | Fr., 10.04.2026 - 23:12

Lieber Herr Wiarda, vielen Dank für das bitter notwendige Plädoyer! Was in der Wissenschaft noch lange nicht überall gelungen ist, hat sich in der Verwaltung besser durchgesetzt. Aus dieser Perpektive muss ich gestehen, dass auch ich manche Maßnahmen arbeits- und dokumentationsaufwändig fand und dennoch uneingeschränkt dahinter stand. In ein wenig Entbürokratisierung sähe ich eine Möglichkeit, auch den zögernden Wissenschaftler(:inne)n entgegenzukommen, die ansonsten diesen Vorwand nutzen würden, um die Gleichstellung unter den Bus zu werfen.

#6 -

Raimund Bleischwitz  | So., 12.04.2026 - 16:44

Lieber Herr Wiarda,

Dank für Ihre kluge aktuelle Analyse. Als jemand der lange Jahre an einer britischen Uni war (UCL) sehe ich die dortigen Strategien ähnlich positiv: Wandel gestalten statt Rückzug postulieren. Und mit der Coalition for Advancing Research Assessment gibt es auch eine starke internationale Allianz für Erneuerung. Gut dass der Wissenschaftsrat auch nach vorne schaut. Jetzt sind die Unis am Zug, und auch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Mehr Diversität und Impact für die Gesellschaften von Morgen heißt letztlich auch Hinterfragen althergebrachter Personalstrukturen und mangelnder Entwicklung. Weiter alles Gute! 

#7 -

Laubeiter | Di., 14.04.2026 - 10:32

Ein neuer, analysierender, beobachtender und engagierter Ton hier, toll, finde ich. Ich würde das Erklären und Verkaufen von Wissenschaft an Nicht-WissenschaftlerInnen trennen vom Forschen. Elif Özmen hat zu Wissenschaftsfreiheit geforscht und die Gefahr benannt, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm nur mit sich selbst spricht. Der Staat steuert Forschung durch die Vergabe von Mitteln. Wenn ForscherInnen und ihre Institutionen ohne Steuerung forschen möchten, hindert sie erstmal niemand, oder?

#8 -

Steffi Hobuß | Do., 16.04.2026 - 09:54

Lieber Herr Wiarda, haben Sie vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Wir brauchen in den Wissenschaften viel mehr Menschen, die hier Haltung zeigen. 

#9 -

Elbe | Do., 16.04.2026 - 13:05

"Mit dem Blick auf objektive Erfolgsstatistiken und wissenschaftlich fundierte Empirie anstatt auf subjektive Vorbehalte."

Es geht nicht um subjektive Vorbehalte, sondern um die schlichte Erfahrung, dass knappe Arbeitszeit sinnvoll verteilt werden muss und es hierbei um ein Nullsummenspiel geht.

Jede Stunde, die eine Forscherin damit verbringt, ihre Anträge um sachferne Erläuterungen zu Nachhaltigkeit, Diversität etc. zu ergänzen, ist für Forschung & Lehre verloren; wir reden über endlose Gremiensitzungen, Berufungskommissionen, Stellenbesetzungskommissionen, Fakultätsratssitzungen, Tenure-Track-Kommissionen; über Innengutachten, Außengutachten, kiloschwere Stapel von "Konzeptpapieren", Begründungen, Nachbegründungen, Fragebögen, Berechnungen "akademischen Alters", Quotenstellungen, Kaskadenmodelle, Debatten im Senat, rein PR-orientierte Zertifizierungen aller Art etc. pp. - über hunderte, ...

#9.1 -

Zukunftsmusiker | Sa., 18.04.2026 - 12:04

Antwort auf von Elbe (nicht überprüft)

"Es ist wie überall in Deutschland: Im Wesentlichen geht es um den Aufbau von Fassaden,"

Das ist das Kernproblem, ja. Die Politik weiß, daß eigentlich einschneidende Strukturreformen nötig wären. Aber dafür ist man zu feige oder zu faul. Zugleich ist D immer noch ein reiches Land (mit im Schnitt armen Bürgern). Ergo werden Milliarden verbraten, um so zu tun als ob.

 

#9.2 -

Helene | Mo., 20.04.2026 - 10:04

Antwort auf von Elbe (nicht überprüft)

Im Kern haben Sie sicherlich Recht mit der Diagnose, dass viel Zeit für Gremiensitzungen, Konzeptpapiere, Gutachten und Kommissionen draufgeht. Aber das liegt nur zu einem gewissen Teil an den angeblichen "Nebenzielen", wie es die Leopoldina nennt. (Kurzer Einschub: Für eine Äußerung der Nationalen Akademie der Wissenschaften ist das Diskussionspapier beeindruckend unwissenschaftlich, kommt es doch gänzlich ohne Belege, Studien oder sonstige Referenzen aus.) Das Paradoxe ist doch, dass in nicht ausfinanzierten Universitäten hochbezahlte Arbeitszeit des wissenschaftlichen Personals in eben diese Aufgaben gekippt wird, die entweder von nicht vorhandenen Stabsstellen und administrativem Personal geleistet werden sollten. Oder die in den kompetitiven Verfahren ...

#9.2.1 -

Laubeiter | Mo., 20.04.2026 - 16:13

Antwort auf von Helene (nicht überprüft)

Wer wie Autor:innen der Leopoldina wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Welt kam, der mag heutige Ziele von Diversität, Klimaschutz und Generationengerechtigkeit für neumodisch und vorübergehend halten. Wenn diese Ziele als Nebenziele eingestuft werden und Forscher:innen sie deshalb an Sekretariatskapazitäten und studentische Hilfskräfte delegieren, bin ich dafür, sie gleich ganz zu streichen.  Kohle als Bild für Geld kommt aus einer Zeit, als Kohle noch gefördert und für Raumwärme genutzt wurde. Ich bin dagegen, Forscher:innen Kohle zu geben, damit sie Klimaziele ignorieren.   Das Dokumentieren von Zielgrößen ersetzt nicht die Anstrengung, Ziele zu erreichen, und die Leopoldina sagt dazu: ...

#9.2.2 -

Elbe | Do., 23.04.2026 - 11:12

Antwort auf von Helene (nicht überprüft)

diese Strukturen gibt es ja bereits, und zwar auch und gerade für "Nebenziele". Die Verwaltung ist sogar oft Treiber solcher Ziele, da sie hier mitspielen kann. Die Strukturen sind nicht ausfinanziert, das ist richtig. Zugleich gilt allerdings auch: Sie werden nie ausfinanziert sein, denn mit jeder Verwaltungsstelle, die entsteht, steigen die Verwaltungsaktivitäten und damit wiederum Folgeforderungen der Verwaltung in die eigene Ausstattung. "Stabsstellen" kann man nie genug haben, fragen Sie in der Verwaltung nach.

Seit Bulmahn haben wir nicht bloß eine neue Priorisierung von Drittmitteln gegenüber Grundmitteln, sondern auch von Verwaltung gegenüber Wissenschaft - übrigens bes. Verwaltung im zentralen Bereich, ...

#10 -

E. Wolff | Do., 16.04.2026 - 13:15

... für diesen klugen Artikel! Er ist wichtig und seine Thesen gerade heute umso relevanter!

#11 -

Wolfgang Kühnel | Sa., 25.04.2026 - 15:30

"Nötig sind institutionelle Strategien, die den Wert von Diversität, Transfer und gesellschaftlichem Impact für den Erfolg und die Unabhängigkeit der Wissenschaft beschreiben, einsetzen und absichern."

Die Betriebswirtschaft hat jedenfalls die Diversität schon in ihr System eingebaut, denn die Experten für Reklame haben sie entdeckt (sowas fällt vermutlich unter "Transfer"). Auf der Webseite eines privaten "Instituts für Werbewirtschaft" (Überschrift: "Diversity Marketing -- Warum Diversität im Marketing so wichtig ist", man findet das leicht im Internet) erläutert ein Reklame-Professor das "Diversity Marketing". Es bedeutet, z.B., dass Bäuerinnen für landwirtschaftliche Produkte werben (gab's doch schon immer: Frau Antje aus Holland) oder Männer Reklame ...

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