Teure Tradition
Sachsens Bildungsminister Clemens will Schluss machen mit der Lehrerverbeamtung. Warum auch dieser Vorstoß in der Bildungsministerkonferenz scheitern dürfte – und die Debatte trotzdem immer wieder geführt werden muss. Ein Kommentar.
Bild: netzverb.de, CC BY-SA 4.0.
ES IST DER X-TE ANLAUF, zu 99 Prozent wird auch dieser vergeblich sein, und trotzdem ist es richtig, es immer wieder zu versuchen. Diesmal ist es der sächsische Kultusminister Conrad Clemens, der sich perspektivisch für einen Ausstieg aus der Lehrerverbeamtung ausgesprochen hat. Perspektivisch deshalb, weil Clemens weiß: Mit der Brechstange klappt so ein Vorstoß erst recht nicht. Immerhin aber hat der CDU-Politiker dafür gesorgt, dass das Thema auf der Agenda der KMK-Bildungsministerkonferenz steht, die diesen Donnerstag in Berlin tagt.
"Zur Ehrlichkeit gehört, dass wir uns auf Dauer eine breite Verbeamtung bei dem Bedarf an Lehrkräften nicht mehr leisten können", sagte Clemens laut Tagesspiegel. "Die Belastung der Haushalte ist einfach zu hoch."
Worum geht es: Ein Drittel der mittlerweile gut 1,4 Millionen Pensionäre in Deutschland sind frühere Lehrkräfte. Inklusive der sogenannten Hinterbliebenenversorgung kosten Pensionäre den Staat pro Kopf und Jahr im Schnitt rund 45.000 Euro im Jahr, macht rund 1,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zwischen 2000 und 2020 stieg ihre Zahl noch dazu um mehr als die Hälfte – laut Statistischem Bundesamt vor allem wegen der Pensionswelle an den Schulen.
Was Pensionäre teurer macht: Sie beziehen je nach Dienstzeit bis zu 71,75 Prozent ihres letzten Gehalts, wobei es in der Realität meist weniger ist. Aber fast immer deutlich mehr als das derzeitige Rentenniveau von 48 Prozent. Hinzu kommt: Beamte müssen nicht in die Sozialkassen einzahlen, dadurch bleibt ihnen mehr vom Brutto, ihre meist private Krankenversicherung wird durch die Beihilfe günstiger. Und: Lehrkräfte gehören zu den gut verdienenden Beamten. Offizielle Vergleichsrechnungen sind rar, doch Experten gehen davon aus, dass verbeamtete Lehrer pro Jahr ihrer Tätigkeit den Staat im Schnitt bis zu 10.000 Euro mehr kosten als ihre angestellten Kolleginnen und Kollegen – was sich im Laufe eines Berufslebens auf Hunderttausende summieren kann.
Das Argument der Funktionsfähigkeit
Dafür, sagte die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, neulich im Podcast "Wiarda wundert sich", gebe es im Gegenzug Streikfreiheit und eine "Kontinuität und Verlässlichkeit in Unterricht und Betreuung in der Schule". Insgesamt handle es sich bei der Lehrerverbeamtung nicht um ein Privileg, sondern um die Funktionsbedingung eines Systems mit Schulpflicht und staatlicher Aufsicht.
Eine Argumentation, zu der freilich nicht passt, dass etwa die Erziehungsgewerkschaft GEW für ein Streikrecht auch für Beamte plädiert und verbeamtete Lehrkräfte dazu aufruft, im Streikfall die Vertretung ihrer angestellten Kolleginnen und Kollegen zu verweigern.
Auch gibt es regelmäßig gewerkschaftliche Entrüstungsstürme und Klagen, wenn ein Bundesland seine verbeamteten Lehrkräfte zu Mehrarbeit verpflichtet. Und die Abordnung von Lehrkräften an Schulen in unbeliebtere Regionen und Stadtteile ist – zu Recht – mit hohen sozialen Hürden verbunden.
Ja, Lehrkräfte nehmen hoheitliche Aufgaben wahr, die Notengebung etwa, die relevant für Versetzungen und Schulabschlüsse ist, sie beschließen Disziplinarmaßnahmen, deshalb ist ihr Beamtenstatus, wie etwa der Deutsche Beamtenbund betont, durch den sogenannten Funktionsvorbehalt laut Grundgesetz-Artikel 33, Absatz 4 gedeckt. Dies gilt umso mehr für Führungspositionen, für Schulleitungen oder für die Schulaufsicht.
Doch gibt es viele Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur an nichtstaatlichen Schulen, die den gleichen Job ebenso gut, erfolgreich und verlässlich machen, ohne Beamte zu sein. Denn im Kern geht es im Lehrerberuf nicht um staatliche Verwaltungsakte, sondern um Pädagogik. Und es gibt es keine empirischen Belege dafür, dass das Beamtentum Lehrkräfte zu besseren Pädagogen macht. Die Verbeamtung ist eine mitteleuropäische Besonderheit, doch scheinen die mitteleuropäischen Schulsysteme bei internationalen Vergleichsstudien wie PISA, zurückhaltend formuliert, keine Vorteile zu haben. Metastudien wie die des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie räumen zwar der Lehrkraft eine große Rolle beim Bildungserfolg ein, aber dabei geht es um die Art, wie sie unterrichten, um ihre Beziehungsarbeit oder um ihre Liebe zum Fach.
Auf Pump künftiger Generationen
Derweil gilt: Je mehr die Länder jetzt verbeamten, desto stärker leben sie auf Pump künftiger Generationen. Und desto mehr Geld fehlt ihnen in der Zukunft für die Finanzierung von Kitas, Schulen und der gesamten staatlichen Daseinsfürsorge. Natürlich, muss man einwenden, gäbe es keine Garantie, dass das bei Nichtverbeamtung der Lehrkräfte gesparte Geld in die Bildung fließen würde.
Die beste Erklärung, warum es die Lehrerverbeamtung in diesem Umfang überhaupt noch gibt, ist indes eher eine spieltheoretische. Kurz gesagt: Wenn alle Bundesländer gemeinsam entscheiden würden, auf die Verbeamtung zu verzichten, könnten sie alle viel Geld sparen. Doch bei gleichzeitigem Lehrermangel ist der Anreiz groß, dass einzelne Bundesländer ausscheren und sich mit einem besseren Angebot einen Vorteil bei den Bewerbern verschaffen – der Möglichkeit zur Verbeamtung. Wenn aber nur eine Landesregierung das tut, geraten alle unter Druck, vor allem die direkten Nachbarn, weil die Jobanfänger wegbleiben und erfahrene Lehrer versuchen, das Bundesland zu wechseln. Die Folge: Die Verbeamtung setzt sich flächendeckend durch.
In der Realität lief es in den vergangenen Jahrzehnten so: Sachsen verweigerte bis 2019 die Verbeamtung und beschloss sie dann doch. Einzelne Bundesländer schafften sie zwischendurch ab oder schränkten sie ein – Berlin, Schleswig-Holstein oder Thüringen – und kehrten eines nach dem anderen dann doch wieder zu ihr zurück. Als letztes Berlin: "Die anderen Bundesländer und auch Sachsen haben Berlin im Stich gelassen", zitiert der Tagesspiegel den früheren Berliner Finanzsenator Matthias Kollatz. "Es war schwierig, das als einziges Bundesland durchzuhalten."
Ein Thema über die Schule hinaus
Wobei es falsch wäre, die Sinnhaftigkeit der Verbeamtung nur anhand der Lehrkräfte zu diskutieren. Mit der gleichen Skepsis sollte sich die Politik die Verbeamtungspraxis selbst in Ministerien und Behörden anschauen und stärker den Einzelfall berücksichtigen. Wo ist sie wirklich im Sinne hoheitlichen Wirkens unverzichtbar? Und was ist mit Professorinnen und Professoren? Ist das Argument, sie seien Träger der Wissenschaftsfreiheit, tatsächlich so stark, dass es eine Verbeamtung zwingend macht? Erstens arbeiten auch an staatlichen wie an nichtstaatlichen Hochschulen hervorragende und selbstbewusste Professoren im Angestelltenverhältnis, zweitens gilt das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit unabhängig vom Beamtenstatus – und lässt sich vom Staat auch anders schützen.
Sachsens Kultusminister Clemens begleitete seinen Vorstoß im MDR mit dem Satz, in mehreren Bundesländern gebe es Überlegungen zu einem generellen Verbeamtungsstopp. Doch ein anderer Landesbildungsminister und keine andere Landesbildungsministerin ist ihm bislang öffentlich zur Seite gesprungen. Kein Wunder: Denn auch wenn es derzeit einen krassen Geburtenrückgang gibt, bleibt der Lehrkräftemangel vor allem in Westdeutschland noch bis in die 30er Jahre hinein virulent. Vielleicht aber gibt es in der internen Sitzung der Bildungsminister zumindest eine offenere Diskussion.
Zu der sollte auch gehören, sich selbst ehrlich zu machen. Die Pensionen von Lehrkräften und anderen Beamten reißen auch deshalb so tiefe Löcher in die Staatskasse, weil viele Landesregierungen in den Jahrzehnten zuvor nicht ausreichend vorgesorgt haben. Auch für sie ist die Verbeamtung oftmals zunächst ein Schnäppchen – sparen sie sich doch die Arbeitgeberanteile an der Sozialversicherung. Dass sie stattdessen Rückstellungen für die späteren Pensionen bilden müssten, vergessen viele tunlichst.
Die Rechnung kommt bei der nächsten Pensionswelle, und die wird heftig: 2029 wird der geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegszeit 65. JMW.
Kommentare
#1 - Lehrer müssen keinen Beamten sein !? - es herrscht Schulpflicht
Dass Beamte zunächst günstig, aber für die nächste Generation von Steuerzahlern, wie erläutert, deutlich teurer sind, und dass das Problem der Pensionslasten dringend angegangen werden muss, ist unbestritten. Und Lehrkräfte sind nun einmal die größte Gruppe der Beamten - die Hälfte der Personalkosten des Landes Baden-Württemberg, 11 Mrd. Euro, gehen ins Kultusministerium. Auch deshalb hinken die meisten Vergleiche mit Rentenbeziehern: Lehrkräfte sind ganz überwiegend Akademiker und sollten auch nur mit vergleichbaren Rentnern verglichen werden.
Winfried Kretschmann, noch MP in BaWü und selbst mal Lehrer gewesen, hatte mitten im Wahlkampf auf Nachfrage auch bestätigt, dass Lehrer nicht zwingend Beamte sein müssten, dass eine Änderung aber an der Konkurrenz der Länder untereinander scheitern würde und deshalb derzeit kein Thema sei, wie hier im Artikel dargelegt. Gemacht wurde daraus von GEW u.a.: "Kretschmann geht auf Distanz zum Berufsbeamtentum für Lehrkräfte".
Lehrkräfte müssen tatsächlich nicht unbedingt Beamte sein, aber Folgendes ist zu bedenken:
Schule ist der einzige Ort, an dem Menschen unfreiwillig sehr viel Zeit verbringen ohne dass ein Richter das im Einzelnen angeordnet hat [in der Bahn und im Auto-Stau verbringt man auch unfreiwillig viel Zeit, aber man ist zumindest freiwillig eingestiegen]. Wir sind es den Schülern und Eltern schuldig, genau hinzuschauen mit wem sie es da zu tun haben.
Zudem haben Lehrkräfte erhebliche Beurteilungsspielräume z.B. bei der Notengebung [Grundrechtsrelevanz!] und sonstige Besonderheiten z.B. bei der Arbeitszeit - nicht primitiv "mehr Freizeit/ständig Ferien", sondern ANDERE Regelungen, Deputat mit hohem homeoffice-Anteil statt fester Zeitstunden im Büro. Im Unterricht stehen sie dafür STÄNDIG im Kontakt mit "Kunden"; Kontakt mit xxx (immer dreistellig) Menschen pro Arbeitstag ist normal. Der Anteil psychischer Erkrankungen ist höher als in anderen Berufen.
Lehrkräfte haben also eine deutlich andere Funktion und Stellung und einen anderen Arbeitsalltag als z.B. ein Sachbearbeiter im Einwohnermelde- oder Umweltamt oder auch als sein Informatiker oder Chemiker in einem Unternehmen. Auch hier, nicht besser/schlechter, höher- oder minderwertig , sondern ANDERS.
Das und die der Schulpflicht korrespondierenden Treuepflichten und disziplinarischen Möglichkeiten sollten sich in ihrem dienstrechtlichen Status niederschlagen. Ob es dann etwas passenderes gibt als den bekannten Beamtenstatus, sollte ernsthaft und ergebnisoffen rechtlich geprüft und seriös durchgerechnet werden - nüchtern und ohne Polemik (wie es ja im Wiarda-Blog auch passiert, nur nicht überall sonst in der Debatte) .
#2 - Faktor Gehalt wird ignoriert
Bei dieser Diskussion wird ständig vergessen, dass in der Wirtschaft bei gleichen Abschlüssen deutlich höhere Gehälter bezahlt werden.
Wer aus der Wirtschaft in den Schuldienst wechselt, verdient brutto rund 1/4 weniger. Argument: Sicherer Status und Altersversorgung. Im Übrigen bezahlt das Land Ba-Wü erst seit kurzem den Arbeitgeberanteil, wenn man als BeamtIn gesetzlich versichert ist.
Nicht umsonst wurde dem Land Ba-Wü schon vor Jahren von einer Wirtschaftsberatung attestiert, das der Beamtenstatus fürs Land insgesamt preiswerter ist. Voraussetzung: Es wird finanziell vorgesorgt!
Die Diskussion sollte trotzdem weiter geführt werden. Aber bitte unter Berücksichtigung aller Faktoren und nicht als Neiddebatte.
#4 - Warum eigentlich Lehrkräfte?
An der Debatte über die Verbeamtung von Lehrkräften irritiert weniger, dass sie geführt wird, sondern mit welcher Zielgenauigkeit sie immer wieder auf dieselbe Berufsgruppe zielt. Kaum geht es um Haushaltslöcher, Versorgungslasten oder strukturelle Reformen, geraten ausgerechnet jene in den Fokus, die das System tagtäglich unter Hochdruck am Laufen halten: Lehrkräfte.
Dabei ist die Schieflage der Diskussion offensichtlich. Warum wird die Verbeamtung vor allem dort problematisiert, wo Menschen unter hoher Belastung unmittelbar mit den Folgen staatlicher Versäumnisse umgehen müssen? Lehrkräfte stemmen seit Jahren mehr als Unterricht: Inklusion, Integration, Digitalisierung, Elternarbeit, Dokumentation, Vertretung, Krisenintervention, Personalmangel. Mehrarbeit ist vielerorts kein Ausnahmefall, sondern Normalzustand. Und trotzdem wird ausgerechnet bei ihnen gefragt, ob man sich ihren Status „noch leisten“ könne.
Das ist politisch bequem, aber in der Sache fragwürdig. Denn wenn es wirklich um eine ehrliche Prüfung des Beamtentums ginge, müsste die Debatte viel breiter geführt werden. Dann müsste man genauso konsequent fragen, warum in Ministerien, Verwaltungen, Leitungsstrukturen oder anderen staatlichen Apparaten in großem Umfang verbeamtet wird. Dann müsste untersucht werden, wo der Beamtenstatus tatsächlich funktional notwendig ist – und wo er bloß historisch gewachsen oder politisch opportun erscheint. Genau diese Konsequenz fehlt jedoch oft. Stattdessen richtet sich der Reformblick auffällig häufig auf diejenigen, die „an der Front“ arbeiten.
Das erzeugt einen fatalen Eindruck: Nicht das System insgesamt soll gerechter und nachhaltiger gestaltet werden, sondern wieder einmal sollen diejenigen Einschränkungen hinnehmen, die ohnehin schon die größte Last tragen. Wer Lehrkräfte aus der Verbeamtung drängen will, ohne zugleich die Arbeitsbedingungen massiv zu verbessern, sendet ein verheerendes Signal: mehr Verantwortung, mehr Belastung, aber weniger Absicherung.
Hinzu kommt, dass die derzeitigen Pensionsprobleme nicht von den Lehrkräften verursacht wurden. Wenn Länder über Jahrzehnte hinweg nicht ausreichend Rücklagen bilden, dann ist das ein politisches Versagen – kein Privileg derer, die im Vertrauen auf bestehende Rahmenbedingungen in diesen Beruf gegangen sind. Es ist daher unredlich, heute so zu tun, als seien Lehrkräfte das fiskalische Problem, obwohl in Wahrheit politische Kurzsichtigkeit die Rechnung verursacht hat.
Natürlich darf man über die Zukunft des Beamtentums sprechen. Aber dann bitte ernsthaft, systematisch und ohne symbolpolitische Schieflagen. Wer nur bei Lehrkräften und anderen besonders belasteten Berufsgruppen wie Polizistinnen und Polizisten den Rotstift ansetzt, führt keine Grundsatzdebatte, sondern betreibt eine Verschiebung von Verantwortung nach unten.
Gerade in Zeiten des Lehrkräftemangels ist das der falsche Weg. Wer Schulen stärken will, darf nicht bei denjenigen sparen, die sie tragen. Eine Gesellschaft, die von ihren Lehrkräften überdurchschnittlichen Einsatz erwartet, sollte sich gut überlegen, ob sie ihnen ausgerechnet dort die Anerkennung und Absicherung entziehen will, wo der Staat bislang Verlässlichkeit versprochen hat.
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