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Wenn Anpassung nicht mehr reicht

Der Wissenschaftsrat plädiert angesichts der KI-Entwicklungssprünge für "intellektuelle Souveränität". Doch die Umwälzungen am Arbeitsmarkt verlangen nach einem viel grundsätzlicheren Umbau von Studium und Lehre. Ein Gastbeitrag von Hans-Gerhard Husung.
Husung

Hans-Gerhard Husung (SPD) war Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in Berlin und von 2011 bis 2016 Generalsekretär der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK). Foto: privat.

UNTER DER ÜBERSCHRIFT "Wissenschaftsrat will 'intellektuelle Souveränität' bei KI" wurden hier im Wiarda-Blog unlängst die "Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten generativer KI" vorgestellt. Zur Frage, wie bestehende Studienangebote KI integrieren sollen, gibt der Wissenschaftsrat nach sorgfältiger Analyse der Thematik viele weiterführende Hinweise und sinnvolle Empfehlungen primär aus einer Binnensicht der Hochschulen.

Dabei betont er das Prinzip der Fachlichkeit. Den etablierten Fächern als organisatorischer Grundstruktur der Fakultäten und den bisweilen als schwerfällig angesehenen Fachgesellschaften wird in den Empfehlungen als tragenden Akteuren vertraut. Im Sinne der Einheit von Forschung und Lehre unterscheidet der Wissenschaftsrat auf "mittlerer Abstraktionsebene … sechs Forschungsformen" mit ihren "unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Prozessen", nämlich "experimentierende, beobachtende, hermeneutisch-interpretierende, begrifflich-theoretische und gestaltende Forschungsformen sowie Simulationen". Vermittelt über die entsprechenden Studienangebote prägen sie die an der jeweiligen Fachlichkeit trainierten Denkweisen der Absolventen.

Angesichts der Signale der Arbeitsmärkte und der studentischen Nachfrager muss jedoch eine fundamental weitergehende Frage gestellt werden: Welche Studienangebote und Studienstrukturen werden künftig gebraucht?

Die sinkende Nachfrage nach Studienangeboten ohne angemessene Arbeitsmarktchancen hat in Großbritannien bereits zur Schließung ganzer Fachbereiche geführt. In China wurden vom Staat Tausende Studienangebote zugunsten neuartiger Studiengänge geschlossen, die veränderte Anforderungen des Arbeitsmarktes aufnehmen sollen. Der amerikanische Think Tank "Henderson Institute" beobachtet gravierende Veränderungen in der Arbeitswelt und prognostiziert: "Over the next two to three years, 50% to 55% of jobs in the US will be reshaped by AI. For many employees, this will mean that they retain the same or a similar role but face radically new expectations for how they work and what they produce." Für diese 50 Prozent mögen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats passgenau sein, insbesondere für den Bereich der Daseinsvorsorge wie im Lehramt, in Medizin und Pflege. Für viele andere Berufsrollen wie in Jura oder Ingenieurwesen herrscht Unsicherheit. Werden sie von disruptiven Innovationen durch KI betroffen sein? Benötigen wir deshalb neben den um KI angereicherten Studiengängen ein neuartiges Angebotssegment und wie könnte es aussehen?

Die ungeschriebene Vereinbarung funktioniert nicht mehr

Die aktuelle Einstellungspraxis deutscher Unternehmen scheint diesen Befund zu bestätigen und beispielsweise für viele BWL-Programme zu signalisieren, dass deren nur leichte Anpassung um ein paar KI-Elemente nicht ausreichen wird. Umso mehr gilt dies für das klassische Informatik-Studium.

Das Argument, das aktuelle Einstellungsverhalten zeige vor allem die strategische Kurzsichtigkeit in Teilen der Wirtschaft, mag zutreffen. Das ändert allerdings nichts an einer unbequemen Erkenntnis: Die ungeschriebene Vereinbarung, die Hochschulen bilden Talente aus und die Unternehmen sorgen in der Eingangsphase dafür, dass die Berufseinsteiger schnell produktiv werden, funktioniert vielfach nicht mehr. Der Übergang von der Hochschule in die Unternehmen muss von beiden Seiten neu thematisiert werden.

Aus den zahlreichen Wortmeldungen zu diesen Herausforderungen lässt sich eine erste Annäherung destillieren: Wer komplexe Probleme mithilfe von KI bearbeiten will, braucht eine solide fachliche Grundlage und muss selbstständig denken können. Erst dann lassen sich unterschiedliche Denkweisen kompetent einsetzen und miteinander verbinden. Das geht über Interdisziplinarität hinaus. "Intellektuelle Souveränität" erfordert das Einüben von mehreren der vom Wissenschaftsrat beschriebenen Denkweisen. Solche Multiperspektivität als Studienziel könnte zum Profilmerkmal eines neuartigen Angebotssegments für Hochschulbildung werden!

Während gebührenfinanzierte Hochschulsysteme den Veränderungsdruck frühzeitig und unmittelbar spüren, erreichen solche Arbeitsmarktsignale staatlich finanzierte Hochschulsysteme nur indirekt und zeitverzögert, zumal Berufseintritts- und Erwerbsquoten nicht zeitnah und systematisch erhoben und ausgewertet werden: Der Zukunftsvertrag "Studium und Lehre stärken" (ZSL) konzentriert sich auf quantitative Studierendendaten als zentrale Erfolgsparameter und macht beispielsweise ein Massenfach wie BWL für Hochschulen zur Zielerfüllung unentbehrlich. Dass parallel die in manchen Fächern und Hochschulen sehr hohen Zahlen internationaler Studierender den Veränderungsdruck weiter dämpfen, erschwert die Selbstanalyse des Hochschulsystems zusätzlich.

Wie viel Veränderung verträgt das bestehende System?

Könnte es den Hochschulen am Ende ähnlich wie der deutschen Automobilindustrie ergehen? Sie hat über ihren Erfolgen bei eingeführten Produkten den neuen Markt der E-Mobilität zunächst unterschätzt und dann mit Anpassungsmaßnahmen, nämlich vorhandene erfolgreiche Modelle mit einem Elektroantrieb zu versehen, Zeit verloren, während Neuanbieter wie Tesla ein vollkommen neues Elektroauto konzipierten. Ein solches "Innovator’s Dilemma" im Hochschulbereich muss vermieden werden, aber wie? Wäre dies den vom Wissenschaftsrat in die Pflicht genommenen Akteuren zuzutrauen?

Die Unsicherheit über die Zukunft von Studium und Lehre erfordert grundsätzliches Vordenken. Dazu gibt es interessante Denkanstöße, neben vielen anderen zum Beispiel das Plädoyer des Wirtschaftsinformatikers Schoder für ein "Studium plurale". Dies soll fachliche Grundlagen mit Multiperspektivität zur Lösung komplexer Probleme unter Einsatz von KI-generiertem Wissen vermitteln und den Weg "vom Mikroskop zum Kaleidoskop" für Lehrangebote der Hochschulen ebnen. Die Richtung scheint klar, nämlich mehrere der vom Wissenschaftsrat beschriebenen sechs Denkweisen in einem stärker an komplexen Projekten ausgerichteten, grundständigen Studium einzuüben.

Für die Konkretisierung wäre es hilfreich, wenn die Hochschulen solche Überlegungen stärker für die künftigen Arbeitgeber ihrer Absolventen öffneten und sie systematisch daran beteiligten. Da es um neuartige Studienangebote, sozusagen eine "Produktlinie", neben den bestehenden gehen dürfte und diese ein breites wissenschaftliches Fundament brauchen, sollten sich möglichst viele Hochschulen dieser Aufgabe stellen.

Die berufliche Praxis ist für diesen Dialog dann von besonderem Nutzen, wenn ihre Vertreter Perspektiven einbringen, die über eine momentane Bedarfssituation im Betrieb hinausreichen.

Die Alternative zur "Tesla"-Strategie

Wer sollte eine solche neuartige "Produktlinie" entwickeln? Erfahrungen aus der Automobilindustrie zeigen: Wer hochkomplexe Weltklasse-Getriebe konstruiert oder Benzinmotoren immer einen Schritt schneller als die Konkurrenten optimiert hat, wird kaum motiviert und in der Lage sein, neuartige Konzepte für E-Autos zu entwerfen. Eine "Tesla“-Strategie durch Schaffung neuer Einrichtungen könnte allenfalls eine Option für private Hochschulen sein, für die jedoch die kostspielige, besondere wissenschaftliche Basis für solche Studienangebote fehlen dürfte.

Die Alternative: Die bestehenden öffentlich finanzierten Hochschulen schaffen Freiräume jenseits etablierter Fachbereichsstrukturen und eingeübter Selbstverwaltungsroutinen. Dort können Hochschulmitglieder gemeinsam mit externen Partnern neue Formen von Studium und Lehre über gewachsene Fachgrenzen hinweg entwickeln. Ein solcher Freiraum ließe sich etwa als teilautonome Zentrale Einrichtung schaffen, wie sie viele Hochschulgesetze bereits ermöglichen. Sie müsste über die nötigen Kompetenzen und Mittel verfügen, um neue Studienangebote dynamisch zu entwickeln, zu betreiben und in steter Rückkopplung mit den wissenschaftlichen Disziplinen und der Arbeitswelt immer wieder zu überprüfen. Was in der Forschung gängige Praxis ist, sollte auch in der Lehre möglich werden: ein "Zentrum Studium plurale"!


"Das ist alte Welt"

Kommentare

#1 -

Andreas Drotloff | Fr., 21.08.2026 - 10:33

Ich stimme der Stoßrichtung des Beitrag absolut zu - ein starkes fachübergreifendes Lehrangebot ist ein essentieller Baustein, um Studierenden eine passgenaue Vorbereitung auf den jeweils angestrebten Karriereweg zu ermöglichen.

Eine wesentliche Voraussetzung kommt allerdings nicht zur Sprache: auch die Studierenden brauchen Freiräume in ihrem Studium, um solche Angebote überhaupt wahrnehmen zu können. Die Vorgaben der Prüfungsordnungen und die finanziellen Rahmenbedingungen des Studiums lassen diesen Freiraum heutzutage nur wenigen Studierenden.

Was bräuchte es also? Flexible Prüfungsordnungen ohne strikte Höchststudiendauern und enge Wiederholungsregelungen. Verschlankte Pflichtcurricula, die mehr Raum für individuelle Wahlen lassen. Die Möglichkeit der Immatrikulation in ein fachunabhängiges Studium Generale. Und natürlich: ein BAföG, das zur alleinigen Studienfinanzierung ausreicht und einfach und flächendeckend zugänglich ist. Auch diese dicken Bretter müssen jetzt gebohrt werden!

#1.1 -

Wolfgang Kühnel | Sa., 22.08.2026 - 09:06

Antwort auf von Andreas Drotloff (nicht überprüft)

Sie meinen also, die heutigen Abiturienten empfinden das Studium als eine "passgenaue Vorbereitung auf den jeweils angestrebten Karriereweg", und deshalb müssen sie beliebig lange studieren (auch mit Bafög?) und sich ihren Studienplan selber zusammenstellen können.

Ich muss doch daran erinnern, dass die Beschränkung der Studienzeit, die frühen Orientierungsprüfungen und die weitgehend festgelegten Studienpläne bis hin zu einem "verschulten" Bachelor aus einem schlichten Grund eingeführt wurden: Zu viele Studenten erwiesen sich als unfähig, ihr Studium sozusagen selbst zu organisieren, und das auch noch zielstrebig in Richtung auf einen bestimmten Beruf. Und für nicht wenige wurde das Wort "Karriereweg" zu einem "Unwort", sie wollten sich dem "Establishment" gar nicht allzu sehr anpassen. Die 1968er wiesen den Weg, davon ist auch heute noch einiges übrig. Hinzu kam in letzter Zeit noch die "Work-Life-Balance", die selbstverständlich auch schon ab dem ersten Semester zu gelten hat. Studieren als Lebensform.


 

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