Definiert PISA, was Bildung ist?
Der Soziologe Richard Münch skizziert in seinem neuen Buch einen "bildungsindustrielle Komplex", im Fokus seiner Kritik: die OECD und PISA-Chef Andreas Schleicher. Der reagiert im Streitgespräch mit Münch.

Foto: pxhere – cco.
Herr Münch, in Ihrem neuen Buch warnen Sie vor einem "globalen bildungsindustriellen Komplex." Klingt gefährlich und weckt Assoziationen. Was genau meinen Sie mit diesem Begriff?
Münch : Wir hatten über viele Jahre eine funktionierende Kultusbürokratie, die unser Bildungssystem gesteuert hat, und zwar mit demokratischer Legitimation. Zu dieser Kultusbürokratie gehörten viele ehemalige Lehrer, so dass es Brücken gab zwischen der Bildungspolitik und der Lehrerprofession und den Lehrerverbänden. Aus diesem engen Zusammenhang entstanden zahlreiche Bildungsreformen, und zwar von innen heraus. Das Problem ist, dass diese national orientierte Bildungspolitik immer stärker unter Beobachtung gerät und unter den Druck global agierender Agenturen und Unternehmen.
Wozu führt dieser Druck von außen?
Münch : Die nationale Bildungspolitik wird davon abgehalten, nach ihrer bisherigen Logik zu arbeiten. An ihre Stelle tritt eine komplett andere Logik, die ganz woanders, außerhalb des deutschen Bildungssystems, entstanden ist.
Als maßgebliche Treiber dieses Paradigmenwechsels nennen Sie den Industriestaaten-Club OECD und dessen Bildungsdirektor, Andreas Schleicher.
Münch : Über die OECD ist ein globales Netzwerk gewachsen, in dessen Zentrum sich Herr Schleicher, der Ökonom Eric Hanushek und der ehemalige Blair-Berater Michael Barber befinden. Die drei vereint ihr Engagement für den internationalen Vergleichstest PISA: Schleicher in seiner Rolle als Bildungsdirektor, Barber war viele Jahre bei Pearson, dem weltweit umsatzstärksten Bildungskonzern, der maßgeblich den PISA-Test konzipiert. Hanushek wiederum hat zahlreiche PISA-Auswertungen veröffentlicht, teilweise direkt im Auftrag der OECD, und unterstützt so die dahinterliegende Agenda.

Richard Münch ist Seniorprofessor für Gesellschaftstheorie und komparative Makrosoziologie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Vorher war er viele Jahre lang Professor für Soziologie in Bamberg. Sein Buch " Der bildungsindustrielle Komplex " ist bei Beltz erschienen. Mit PISA und der OECD hat er sich bereits zuvor in seinem 2009 erschienenen Buch "Globale Eliten, lokale Autoritäten" auseinandergesetzt.Foto: privat.
Andreas Schleicher ist Statistiker, und Bildungsforscher. Er leitet die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung der OECD und ist internationaler Koordinator des
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Kommentare
#1 - Es ist als wollte Herr Münch sagen: „verwechselt nicht…
Dem kann ich nur erwidern, dass man sie auch nicht mit der ausgedachten Gesellschaft verwechseln sollte.
Entlarvend fand ich auch die Einschätzung des Senioprofessors Hochschulbildung sei ein Nullsummenspiel:
„Was bringt es denn, wenn wir 60 Prozent Hochschulabsolventen haben? Das bedeutet zu allererst eine Entwertung von Bildungstiteln. Dadurch gibt es keinen einzigen zusätzlichen Arbeitsplatz.“
Grotesk. Liegt es vielleicht an der Soziologie, die er praktiziert? Dann könnten wir diese ja bedenkenlos streichen.
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