Direkt zum Inhalt

"Lassen Sie uns doch mal darüber reden, worum es eigentlich geht"

Was als technischer Vertrag zwischen den Ländern und ihrem Medieninstitut FWU begann, ist zum Grundsatzstreit über Macht, Markt und Gestaltungshoheit in der digitalen Bildung geworden: EdTech-Verbandschefin Anja Hagen, Bremens Staatsrat Torsten Klieme und FWU-Direktor Andreas Koschinsky über die Sorge vor einem staatlichen Gatekeeper, den Anspruch der Länder auf digitale Souveränität – und die Suche nach einem gemeinsamen Weg.
Schueler am Tablet mit Kopfhörern, aus der Vogelperspektive.

Bild: freepik, bearbeitet.

Herr Klieme, Sie sind Staatsrat für Bildung in Bremen und einer von zwei Vorsitzenden der Kommission "Bildung in der digitalen Welt", kurz DigiKom, der Bildungsministerkonferenz. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, warum es einen Vertrag über den "Aufbau und Regelbetrieb der ländergemeinsamen Bildungsmedieninfrastruktur" braucht, der kurz vor dem Inkrafttreten steht?

Torsten Klieme: Mit der Frage treffen Sie den Richtigen. Ich bin zwar Vorsitzender der DigiKom, aber von Hause aus Sport- und Geschichtslehrer – und  kein IT-Spezialist. Mir müssen die Digitalexperten auch immer erst alles erklären, und erst wenn ich einen Sachverhalt so verstanden habe, dass ich ihn mit eigenen Worten erklären kann, bin ich zufrieden. Also: Im Kern geht es um zwei Dinge. Erstens haben wir als Länder, finanziert über den Digitalpakt I, trotz Bildungsföderalismus gemeinsame digitale Dienste entwickelt mit Namen wie eduCheck, Sodix, Mundo oder VIDIS. Die sind wichtig, damit Schulen gut und sicher mit digitalen Medien umgehen können, die nicht von uns Bildungsministerien, sondern von privaten Entwicklern kommen. Zweitens wäre es unglaublich teuer, wenn jetzt jedes Bundesland eine eigene technische Infrastruktur bauen würde, um diese Dienste nutzen zu können. Kleine Bundesländer wie Bremen könnten sich das gar nicht leisten. Darum braucht es eine ländergemeinsame Bildungsinfrastruktur, kurz BMI. Bis zur nächsten Bildungsministerkonferenz im Juni sollten alle Länder unterschrieben haben, dann kann es im Juli losgehen.

Der BMI-Vertrag beauftragt das FWU, das ländereigene Medieninstitut, das viele noch von den früheren Unterrichts-Erklärfilmen kennen, als exklusiven Partner mit Aufbau und Betrieb, was auf den ersten Blick viel Sinn ergibt. Trotzdem hagelte es in den vergangenen Monaten Proteste und offene Briefe – vor allem vom EdTech-Verband, der eben jene privaten Entwickler zusammenbringt, Start-ups, Unternehmen und Initiativen, die nach eigener Darstellung "die digitale Bildung in Deutschland voranbringen". Frau Hagen, Sie sind Vorstandsvorsitzende des EdTech-Verbandes. Was stört Sie denn so am BMI-Vertrag?

Anja Hagen: Um das  am Anfang klar zu sagen: Die von Herrn Klieme erwähnten digitalen Dienste von VIDIS über eduCheck bis zu Licence Connect unterstützen wir ausdrücklich, weil sie Schulen und der EdTech-Branche Standards und Planungssicherheit bringen. Das sind Services und Schnittstellen, die gebraucht werden, damit nicht jedes Land alles mehrfach entwickelt. Was wir aber rund um die Entwicklung der ländergemeinsamen BMI erleben, ist etwas anderes: Da werden Infrastruktur und Anwendungen vermischt. Ich rede von der vergangenes Jahr gestarteten Chatbot-Oberfläche AIS.chat, bei der das FWU Hauptentwickler war, und, umfassender, vom Projekt "Adaptives Intelligentes System (AIS)", einer digitalen Lernumgebung für Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte, deren Basisversion bis Ende 2026 fertig sein soll. Auch hier ist das FWU Federführer und soll laut BMI-Vertrag den Betrieb sicherstellen. Das halten wir für falsch.

Warum?

Hagen: Die Infrastruktur sollte die öffentliche Hand bereitstellen, die Entwicklung von Anwendungen aber ist in einer sozialen Marktwirtschaft Aufgabe der Unternehmen. Mit AIS.chat und AIS werden Einheitslösungen geschaffen, für die es in der Wirtschaft bereits Angebote gibt. Die öffentlich subventionierten Entwicklungsprojekte treten dann in Konkurrenz zu Lösungen der freien Wirtschaft, nur dass es eben keine faire Konkurrenz ist. Schulen und Schulträger haben wenig Geld, weshalb der Griff zu den subventionierten Produkten naheliegend ist. Mit der Folge, dass die Produkte, für die Unternehmen ins Risiko gegangen sind, aus dem Markt gedrängt werden. Das ist weder effizient noch garantiert es, dass sich die beste Qualität durchsetzt. Und das FWU gerät in eine Machtposition, die aus unserer Sicht jeder Compliance widerspricht.

Wie meinen Sie das?

Hagen: Das FWU soll Betreiber dieser gemeinsamen Bildungsmedieninfrastruktur sein, das FWU ist aber auch Entwickler von Anwendungen und darüber hinaus Prüfstelle – nicht nur für eigene Anwendungen, sondern auch für konkurrierende Anwendungen der Bildungswirtschaft. Da fehlen Checks and Balances. Vielleicht beabsichtigt das niemand, aber das Missbrauchspotenzial ist da, gerade bei Prüfverfahren. Als Unternehmen macht man sich da gewissermaßen nackig, weil sensible Informationen ausgetauscht werden. Da besteht das Risiko, dass Informationen in den Betrieb von Anwendungen einfließen, die wiederum in Konkurrenz zu unseren Angeboten stehen. Diese Doppelrolle muss beendet werden.

Also dass das FWU die Informationen als Prüfstelle nutzt, um die eigenen Anwendungen besser zu machen – zulasten der privaten Unternehmen? Herr Koschinsky, was sagen Sie dazu als FWU-Geschäftsführer?

Andreas Koschinsky: Das FWU ist ein Institut der Länder, die Länder sind unsere einzigen Gesellschafter. Deshalb sind wir eine gute Institution, um die Interessen der verschiedenen Länder zusammenzuführen. Das hat in den vergangenen fünf Jahren sehr gut geklappt. Im Übrigen, Anja: Wir sehen uns mit AIS und AIS.chat nicht als Marktteilnehmer. Wir haben diese Systeme im Auftrag der Länder entwickelt – übrigens nicht selbst, sondern über Vergabeverfahren mit externen Unternehmen – und betreiben sie im Auftrag und unter Kontrolle der Länder. Gleiches gilt für Kriterien, Prüfverfahren, Schnittstellen und Standards. Auch dort ist vertraglich festgehalten, dass Kriterien geändert werden können, wenn die Länder das wollen. Wir sind also kein freier Marktteilnehmer, sondern  eine Art Werkbank der Länder.

"Manchmal würde es helfen, 
direkt nachzufragen." 

Wenn das so klar geregelt ist, warum machen sich die EdTech-Unternehmen dann Sorgen, Herr Koschinsky?

Koschinsky: Bei allem Verständnis: Manche Befürchtungen, die offenbar beim Lesen des BMI-Vertrags entstanden sind, finde ich nicht nachvollziehbar. Manchmal würde es helfen, direkt nachzufragen. Wir wollen mit den Anbietern ins Gespräch kommen, bei eduCheck und VIDIS sind wir es längst. Bei AIS ist die Entwicklung noch nicht weit genug, dass wir viel sagen könnten. Aber auch bei AIS kann ich versichern: Projektziel ist, das System möglichst marktförderlich zu entwickeln. Denn eine solche digitale Lernumgebung wird nicht funktionieren, wenn die Bildungswirtschaft sie dauerhaft ablehnt. Wir brauchen ihre Inhalte im System. Deshalb liegt es im Interesse des Projekterfolgs, Wege, Lizenzformen und Importfunktionen zu finden, die AIS auch für die Bildungswirtschaft interessant machen.

Hagen: Ganz ehrlich: Wir können uns Schöneres vorstellen, als im Nachhinein zu meckern. Aber das Problem fängt doch schon damit an, dass wir den BMI-Vertrag bis heute offiziell nie zu Gesicht bekommen haben. In all den Monaten, in denen Länder und FWU an ihrem Abkommen gearbeitet haben, wäre es ohne Weiteres möglich gewesen, die Branche über seine Inhalte und Ziele zu informieren. Dann hätten wir konstruktiv mitwirken können und hätten womöglich an der einen oder anderen Stelle gesagt: Formuliert das anders, damit gar nicht erst Missverständnisse aufkommen. Ein Vertrag, der zu derart grundsätzlichen Fehlinterpretationen einlädt, ist nicht resilient.

"Geheimniskrämerei finde ich ein sehr starkes Wort."

Herr Klieme, warum diese Geheimniskrämerei bei der Vertragsgestaltung?

Klieme: Geheimniskrämerei finde ich ein sehr starkes Wort. Wir schließen hier einen Vertrag unter 16 Ländern mit dem FWU als Partner, der für uns die Durchführung organisiert. Auch in der Wirtschaft ist es üblich, dass man Verträge, solange sie noch verhandelt werden, nicht über den Marktplatz trägt und mit Dritten diskutiert, die selbst nicht Vertragspartner sind. Was ich aber nachvollziehen kann: Wir müssen als Länder kritisch überprüfen, wie wir mit Kommunikation und Einbeziehung der Verbände und der Bildungsmedienwirtschaft umgegangen sind. Diese Kritik nehme ich an. Durch unser Handling haben wir den Raum entstehen lassen, in dem Gerüchte und Fehlinterpretationen überhaupt auftreten konnten.

Zum Beispiel?

Klieme: Die erste Fehlinterpretation ist, wir wollten über das FWU zu einem Gatekeeper, einem Türsteher für alles werden, was aus der Bildungsmedienwirtschaft in die Bildungsmedieninfrastruktur kommt. Das wollen wir ausdrücklich nicht. Wir wollen regeln, wie der Zugang erfolgt; aber der freie und offene Zugang für alle, die die Kriterien erfüllen, muss gewährleistet sein. Die zweite und aus meiner Sicht größte Fehlinterpretation ist, der BMI-Vertrag sei der Anfang eines großen geheimen Plans, mit dem die öffentliche Hand den Markt beerdigen und am Ende alles, was in der Schule an digitalen Medienangeboten passiert, selbst regulieren, kontrollieren und machen will. Ein Bildungsverlag hat sogar geschrieben, wir gefährdeten mit dem BMI-Vertrag die Demokratie, da kann ich nur sagen: Bitte abrüsten.

Hagen: Ihre gesamte Argumentation steht und fällt mit der Frage, ob AIS.chat oder AIS Infrastruktur sind oder Anwendungen. Für uns ist AIS keine Infrastruktur. Wenn dort Lernpfade und Algorithmen hinterlegt sind, steckt darin ein pädagogisches Konzept. Dann erfüllt das System am Ende eine pädagogische Funktion im Unterricht. Und damit ist die Grenze weit überschritten.

Koschinsky: AIS wird eine pädagogische Anwendung sein, das ist richtig. Nachdem das erste Ausschreibungsverfahren gescheitert war, haben wir die Gelegenheit genutzt und AIS im zweiten Anlauf als reine Open-Source-Anwendung konzipiert und ausgeschrieben. Das heißt: Alles, was dort entwickelt wird, kann nachgenutzt werden – inklusive einer kommerziellen Nachnutzung durch private Anbieter. Ich frage mich, warum die Debatte so binär geworden ist: AIS oder private Anwendungen. Ich kann die Sorge, AIS werde perspektivisch alle anderen Lernumgebungen aus dem Markt verdrängen, schwer nachvollziehen. Wir hatten auch in der Vergangenheit länderseitige Systeme wie Moodle, und trotzdem gibt es "itslearning" und "schul.cloud". Warum soll das bei AIS so grundsätzlich anders sein? Wir wollen und werden private Anbieter in die weitere Entwicklung einbeziehen. Das können Inhalte sein, es können aber auch Funktionen sein, die angedockt werden. Lassen Sie uns doch darüber sprechen: nicht angstorientiert, sondern über Möglichkeiten, AIS möglichst marktkonform zu gestalten.

"Warum gehen die Länder nicht mit den Anbietern ins Gespräch?"

Sie haben eben das Scheitern der ersten AIS-Ausschreibung angesprochen, Herr Koschinsky. Das FWU hatte im März 2025 das Verfahren beendet, nachdem ein Bieterkonsortium den Vergabeprozess angefochten hatte.

Hagen: Als Verband hatten wir die damalige Ausschreibung schon vor der erfolgreichen Anfechtung sehr kritisch gesehen. Im Pflichtenheft waren Strukturen, Algorithmen und Funktionen beschrieben, die es bereits in Produkten privater Unternehmen gab. Da stellte sich die Frage: Warum gehen die Länder nicht mit diesen Anbietern ins Gespräch?

Klieme: Ich verstehe die Kritikpunkte. Es gibt aber eine weitere Perspektive. Die EU hat deutlich gemacht, dass KI zu den kritischen Infrastrukturen gehört. Wir Länder tragen die Verantwortung für das, was in den Schulen passiert. Da ist es doch plausibel, dass wir die Kontrolle sicherstellen müssen. Dass Unternehmen das anders sehen, verstehe ich. Aber wir müssen diese Auseinandersetzung besser und qualifizierter führen.

Hagen: Natürlich ist die Nutzung von KI kritisch und muss durch Regularien und Leitplanken begleitet werden, gerade im sensiblen Bereich der Bildung. Das ist unbedingt Aufgabe der öffentlichen Hand, aber sie kann das über klare Vorgaben, rechtliche Leitplanken und Prüfverfahren tun – ohne eigene Angebote zu entwickeln. Zumal es zu dem Zeitpunkt, als AIS.chat online gegangen ist, bereits drei privatwirtschaftliche Parallelangebote gab, die das FWU selbst als datenschutzkonform geprüft hatte.

Koschinsky: Wir haben kommerzielle Angebote erfolgreich an VIDIS, den Single Sign-on für Bildungsinstitutionen, angebunden, eben weil sie die Datenschutzkriterien erfüllen. Es existierten zugleich aber auch vier oder fünf an Landesinstituten entwickelte KI-Anwendungen, die jetzt nach und nach durch AIS.chat ersetzt werden. Deshalb kann ich diese Entweder-oder-Diskussion schwer nachvollziehen. AIS.chat ist am Ende eine recht basale KI-Chat-Anwendung und keine Rocket Science. Wir entwickeln sie im Austausch mit einer pädagogischen Fachgruppe Stück für Stück weiter. Woher soll da die Riesengefahr für EdTechs kommen?

Hagen: Die Gefahr ist längst real. Verträge werden gekündigt, Schulen wollen sich für private Anbieter entscheiden und werden vom Schulträger zurückgewiesen mit dem Hinweis: Es gibt doch AIS.chat, haltet die Füße still. Lassen Sie uns doch mal darüber reden, worum es eigentlich geht.

Nämlich?

Hagen: Wenn ein Land oder ein Schulträger vorhandene privatwirtschaftliche Angebote einkauft, muss er sein eigenes Budget einsetzen. Doch hier gab es Geld vom Bund, über den Digitalpakt I, aber nur, wenn die Länder eigene Dienste entwickeln; das waren die sogenannten länderübergreifenden Vorhaben, die Herr Klieme am Anfang erwähnt hat. Es gab also einen finanziellen Anreiz, solche Parallelprodukte zu entwickeln, auch wenn sie eigentlich unwirtschaftlich waren. Denn wenn man Innovationen will, wenn man möchte, dass Schulen die besten digitalen Lern- und Lehrtechnologien zur Verfügung stehen, muss man anders vorgehen. Dann muss man Schulen finanziell ausstatten, Regularien schaffen, Leitplanken definieren – und dadurch Nachfrage erzeugen. Dann entsteht Marktdynamik, dann entstehen im Wettbewerb sehr gute Angebote, die man den Schulen zur Verfügung stellen kann.

Koschinsky: Ich kann mich auch erinnern, wie die öffentliche Hand unter öffentlichen Druck geriet, eine günstige KI-Grundversorgung bereitzustellen, gerade für finanzschwächere Kommunen – und dass es große Vorwürfe gab, warum das so lange dauert. Wir haben es geschafft, mit "telli", heute AIS.chat, relativ schnell am Start zu sein. Auftrag erfüllt. Und Fiete & Co. gibt es weiterhin.

"Wir sind damals ein bisschen naiv 
an die Sache herangegangen."

Herr Koschinsky, Sie haben es gesagt: Bis vor Kurzem hieß AIS.chat "telli". Am 7. Mai haben Sie die Umbenennung öffentlich gemacht, die schon 13 Tage später in Kraft trat. Anlass seien "markenrechtliche Anforderungen" und die Notwendigkeit einer "rechtssicheren Neupositionierung". Viele in der digitalen Bildungsszene sprechen von einem Fiasko für das FWU.

Koschinsky: Natürlich hatten wir die Markenrechte vorab recherchiert. Dass es ein Unternehmen gab, das die Marke hält, wussten wir. Bevor wir mit Bremen als erstem Bundesland 2025 an den Start gingen, haben wir mit dem Markeninhaber die Vereinbarung getroffen, dass wir den Namen "telli" für den Chatbot nutzen durften. Was wir uns damals nicht vorstellen konnten, war das Medienecho und die Aufmerksamkeit, die unser "telli" bekommen würde. Das hatten wir weder bei VIDIS noch bei Sodix. Diese enorme Resonanz führte dazu, dass sich der eigentliche Markeninhaber in den Google-Ergebnissen nicht mehr wiedergefunden hat. Weshalb er schließlich die Vereinbarung gekündigt hat. Wir hätten gern eine andere Lösung mit ihm gefunden, aber dazu war er nicht bereit. Das hat uns in diese missliche Lage gebracht.

Wieso hatten Sie eine Vereinbarung abgeschlossen, die von einer Seite so schnell wieder kündbar war? Bedeutet das nicht, dass Sie schlecht verhandelt haben?

Koschinsky: Wir sind damals ein bisschen naiv an die Sache herangegangen, das kann ich zugestehen. In der Rückschau war das ein Fehler.

Hat das Ihr Vertrauen ins FWU erschüttert, Herr Klieme?

Klieme: Absolut nicht, und das meiner Kollegen in den anderen Ländern auch nicht. Wer wie wir in sehr großen, komplexen Organisationen unterwegs ist – Herr Koschinsky ist das, Frau Hagen auch, wir Bildungsministerien sowieso –, der muss damit rechnen, dass Fehler passieren. Eines unserer Probleme in Deutschland ist, dass wir keine Fehlerkultur haben. Deshalb sind wir oft entscheidungszögerlich und entscheidungsschwach. Im Grunde ist außer einer Namensänderung, die misslich ist, nichts passiert. Das buchen wir unter Learning ab und sagen: Beim nächsten Mal besser aufpassen.

Und der Aufwand, die Kosten und der Reputationsschaden einer solchen Namensänderung sind nichts?

Klieme: Wir können die Entwicklung in jeder Schule weiter im selben Umfang einsetzen. Wir bewegen uns im Digitalen, wir haben ja keine Briefköpfe gedruckt, keine Broschüren. Das heißt: Wir ändern unsere Website, wir schleichen den alten Namen überall aus und verwenden jetzt AIS.chat. Das verursacht praktisch keine Kosten.

Lassen Sie uns noch über die Rolle der Länder sprechen, Herr Klieme. Sie wollen eine ländergemeinsame Bildungsinfrastruktur schaffen, gemeinsame Schnittstellen, Standards und Kriterien für Datenschutz, IT-Sicherheit und Barrierefreiheit (eduCheck digital) festlegen. In der Realität herrscht aber teilweise ein ziemliches Durcheinander. Einige Länder haben VIDIS oder eduCheck digital bereits zum Standard erklärt, obwohl sie noch gar nicht verabschiedet sind. Andere Länder entwickeln, etwa bei der IT-Sicherheit, zusätzliche Kriterienkataloge als Ergänzung der gemeinsamen Standards. Suggeriert der BMI-Vertrag nur die vielbeschworene Vereinheitlichung, schafft aber tatsächlich eine neue Ebene föderaler Komplexität?

Klieme: Am Anfang ist das natürlich so. Die Länder haben in den vergangenen Jahren viele Dinge begonnen und zum Teil viel Geld dafür ausgegeben. Das werfen sie nicht einfach über Bord. Und die ländergemeinsame Bildungsinfrastruktur bietet auch nicht alles an, was ein Land braucht. Deshalb wird es Parallelitäten weiter geben. Ich glaube aber, dass alle Länder inzwischen erkannt haben: Nur der Weg über den DigitalPakt I und jetzt über die BMI führt zu mehr Vereinheitlichung, gemeinsamer Nutzung und länderübergreifender Kooperation – und das ist für jedes einzelne Land profitabel, wirtschaftlich und vernünftig. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir uns innerhalb der Leitplanken bewegen, die wir uns selbst gesetzt haben.

"Vielleicht hat es ein bisschen gewittern müssen."

Herr Klieme, Frau Hagen, Herr Koschinsky: Sie alle beschwören den gemeinsamen Dialog. Doch scheint es angesichts Ihrer zahlreichen Meinungsverschiedenheiten so, als hätten Sie in der Vergangenheit ziemlich aneinander vorbeigeredet. Endet das jetzt?

Klieme: Wir sollten die richtige Konsequenzen ziehen. Wenn die bisherigen Gesprächsformate nicht ausreichen, dann brauchen wir ein neues Forum, ein neues Format, wo EdTech-Branche, öffentliche Hand, FWU und vielleicht auch Stiftungen gemeinsam strategische Fragen diskutieren und weiterentwickeln können – besser und vielleicht auch ein Stück weit institutionalisierter als bislang. Dieses Format sollten wir gemeinsam suchen und entwickeln.

Koschinsky: Wir haben in jedem Projekt Fachgruppen, in die Verbände von Anfang an einbezogen werden, etwa bei der Ausgestaltung von Kriterien für EduCheck digital. Ich halte diese Gespräche für sehr konstruktiv. Manchmal ist vielleicht die Frequenz zu gering, nicht immer haben wir die richtigen Leute am Tisch. Darauf müssen wir achten. Das werden wir auch bei AIS berücksichtigen.

Hagen: Vielleicht hat es ein bisschen gewittern müssen, damit wir wieder offener miteinander sprechen. Das FWU ist ein starkes Instrument der Länder. Im Moment ist es aber kein starkes Instrument für uns. Am Ende aber sind wir voneinander abhängig: Wir als EdTech-Branche von der öffentlichen Hand, weil sie unser wichtigster Auftraggeber ist; aber die öffentliche Hand auch von der Privatwirtschaft, weil die Schulen digitale Lern- und Lehrtechnologien brauchen, die es nur durch neue Innovationen gibt.

Anja Hagen ist Gründerin und Geschäftsführerin der Bildungsunternehmens Online-Vertretungsstunden und Vorsitzende des EdTech-Verbands.Torsten Klieme ist Staatsrat beim Bremer Senator für Kinder und Bildung und Ko-Vorsitzender der Kommission "Bildung in der digitalen Welt" der Bildungsministerkonferenz. Andreas Koschinsky ist Direktor des Medieninstituts der Länder (FWU). Das Interview führte Jan-Martin Wiarda.

Kommentare

#1 -

Wolfgang Kühnel | Mo., 01.06.2026 - 12:55

"... weil die Schulen digitale Lern- und Lehrtechnologien brauchen, ..."

Das sagt die Frau Hagen von einem einschlägigen Lobbyistenverband, nachdem die Lobbyisten insgesamt (besonders das "Forum Bildung Digitalisierung", ein Zusammenschluss der Stiftungen von Bertelsmann, Telekom, Vodafone, Siemens usw.) jahrelang allen eingeredet haben, die Schulen "bräuchten" all das und könnten praktisch ohne nicht mehr existieren. Da sieht man doch, wohin der Hase läuft: Es sollen Geschäfte gemacht werden auf Kosten des Steuerzahlers. Auch Kitas und Grundschulen sollen digitalisiert werden, auch hinter der neuen "datengestützten Schulentwicklung" verbirgt sich am Ende eine gigantische Datenkrake, die irgendwann auch kommerziell ausgeschlachtet werden wird.

Es ist niemals von unabhängiger Seite nachgewiesen worden, was das alles für die Bildung der Schüler bringt. Die meisten Studien in dieser Richtung wurden von den Lobbyisten in Auftrag gegeben, besonders von der Bertelsmann-Stiftung, und die hat eine Agenda, das gesamte Bildungssystem umzukrempeln. Man redet von Demokratie, aber die eigentlich demokratisch legitimierten Institutionen werden nicht gefragt, man setzt die Agenda mit dem Geld steinreicher Konzerne um. Mehr noch: Es entwickelt sich ein "Kartell" aus Politikern, Lobbyisten und Bildungswissenschaftlern, die sich gegenseitig -- im jeweiligen Eigeninteresse -- die Bälle zuspielen. Man schaue nur auf die Programme der Jahrestagungen dieses "Forum Bildung Digitalisierung" und überlege, wer da wohl welche Honorare bekommt. Und dann beschweren sich noch Lobbyisten wie Frau Hagen über mangelnde Transparenz. Fragen wir doch mal, welche Verflechtungen und Schachtelbeteiligungen es inzwischen auf Seiten der Bildungsindustrie gibt, wer alles mit wem zusammenarbeitet und welche "gGmbH" und welcher "gemeinnützige e.V."  denn in Wahrheit die Interessen welcher gewinnorientierten Unternehmen vertritt. Indizien ergeben sich aus den langen Listen von "Partnern" auf den jeweiligen Webseiten. Aber wie immer: Der größte Teil des Eisbergs bleibt unsichtbar.

Neuen Kommentar hinzufügen

Ihr E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, aber für Rückfragen erforderlich)
Ich bin kein Roboter
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Vorherige Beiträge in dieser Kategorie


  • Alter Schulranzen auf einer Parkbank.

Die Chance nach dem Befund

Die neue UNICEF-"Report Card" zeigt erneut, wie verlässlich Deutschland benachteiligten Kindern schlechtere Chancen zumutet. Zugleich gibt es erstmals seit Langem eine realistische Möglichkeit, daran etwas zu ändern.


  • Karin Prien

"Ich habe keine Zeit zu verlieren"

Bundesbildungsministerin Karin Prien über ihr Ringen mit den Ländern um verbindliche Bildungsziele und Kita-Qualität, warum der Bund nicht mehr unkonditioniert zahlen soll, was Kinder im digitalen Alltag schützt – und weshalb sie "Demokratie leben" trotz massiver Kritik umbauen will.


  • Screenshot Websites

Zwei Überraschungen, eine Verschiebung

Mit Andreas Jung und Ute Eiling-Hütig übernehmen zwei Unionspolitiker Bildungsressorts, die kaum jemand für sie auf dem Zettel hatte. Was ihre Berufungen über Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und die CDU-Macht im Bildungsföderalismus erzählen.


Nachfolgende Beiträge in dieser Kategorie


  • Ausschnitt Bericht

Erst die Bildung, dann das Wachstum

Die Koalition spricht von Kitas, Schulen und Forschung – priorisiert im Sondervermögen aber Straßen, Schienen und Datenleitungen. Zwei hochkarätige Stellungnahmen zeigen jetzt, warum das ein strategischer Fehler ist.


  • BMK-PK

Herzschlag, Hightech – und das Ringen um Verbindlichkeit

In München trafen sich die Bildungsminister von Bund und Ländern. Warum der Bundesrat sich in die Bildungspolitik einmischt und was der Umgang mit Bundesjugendspielen, Social Media, Schulen und Eltern über den Zustand des Bildungsföderalismus verrät.


  • Artikelbild: Wir brauchen einen ko-konstruktiven Föderalismus

"Wir sprechen von einem blockierten System"

Der Bildungsforscher Kai Maaz über den neuen Nationalen Bildungsbericht, Schrumpfen als Herausforderung, das Warten auf den Bildungsaufbruch – und warum die Bildungspolitik aus dem Aktionismus immer neuer Programme herauskommen muss.