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Langsam zum "Ja, aber"

Jan Hesthaven kam aus Lausanne ans Karlsruher Institut für Technologie und traf auf ein starkes, aber schwer bewegliches Wissenschaftssystem. Ein Gespräch über Bürokratie, KI, Helmholtz, Verteidigungsforschung – und die deutsche Eigenheit, Wandel erst einmal abzubremsen.
Hesthaven

Der Mathematiker Jan Hesthaven, 60, ist seit Oktober 2024 Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), zuvor war er unter anderem Professor an der Brown University in den USA und Vizepräsident der École Polytechnique Fédérale de Lausanne. Foto: Amadeus Bramsiepe/KIT.

Herr Hesthaven, Sie stammen aus Dänemark, haben an der Technical University of Denmark studiert und promoviert, danach viele Jahre an der Brown University in den USA gearbeitet und waren zuletzt Provost und Vizepräsident für akademische Angelegenheiten an der ETH Lausanne. Seit Oktober 2024 sind Sie Präsident des KIT. Wenn Sie mit all dieser internationalen Erfahrung auf das deutsche Wissenschaftssystem schauen: Was fällt Ihnen am meisten auf?

In meinem Lebenslauf finden sich Beispiele für zwei kleine und zwei große Länder. Ich habe gemerkt, dass ich in großen Wissenschaftssystemen besser arbeiten kann. Sie sind vielfältiger, mehrdimensionaler. In Deutschland sehe ich eine große Breite: Universitäten, Hochschulen, außeruniversitäre Forschungsorganisationen – Leibniz, Fraunhofer, Helmholtz und Max Planck. Das deutsche System ist historisch stark, Forschungsqualität und akademische Freiheit sind tief verankert. Der Nachteil eines so reifen Systems ist seine relative Unflexibilität. Das bringt Nachteile bei der Agilität. Ich sehe also ein System, das sehr reich und tief ist, aber darüber nachdenken muss, wie es global wettbewerbsfähig bleibt.

Wenn Sie nur die Wissenschaft in den USA und Deutschland vergleichen: Was ist der größte Unterschied?

Der Unterschied hat weniger mit dem akademischen System selbst zu tun als mit der Gesellschaft als Ganzes. Die USA sind explorativer, risikobereiter und offener gegenüber Scheitern. Dem deutschen System fehlen einige dieser Qualitäten, vielleicht aus historischen, vielleicht aus kulturellen Gründen. Und wenn das ein kultureller Zug ist, dann spiegelt er sich natürlich auch im Wissenschaftssystem. Man sieht mehr Zurückhaltung gegenüber dem Gedanken: Lass es uns versuchen, und wenn es nicht funktioniert, korrigieren wir den Kurs. Stattdessen heißt es in Deutschland oft: Lass uns erst alle Möglichkeiten durchdenken. Aber bis dahin haben wir vielleicht drei, vier Jahre verloren, und die Amerikaner oder die Chinesen machen es längst.

"Ein Ansatz, der auf null Risiko abzielt, ist schlichtweg nicht praktikabel."

Was müsste sich zuerst ändern, damit Deutschland schneller wird?

Die Antwort, die Sie auf die Frage in neun von zehn Fällen hören: die Bürokratie. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Andere Länder haben auch viele Regelungen. Was man in der Schweiz und in den USA aber stärker sieht, ist wiederum Pragmatismus. Dort sagt man: Ja, wir haben diese oder jene Regel. Das Risiko, dass diese Regel von Bedeutung ist, ist jedoch sehr gering. Deshalb gehen wir das Risiko ein, und ignorieren diese Regel. Ein Ansatz, der auf null Risiko abzielt, ist schlichtweg nicht praktikabel. Für Forschende ist so ein Vorgehen eigentlich Alltag. Sie gehen Risiken ein, verfolgen neue Wege. Natürlich muss es Regeln geben, gerade beim Umgang mit Steuergeldern. Aber das bürokratische System, das in Deutschland um diese berufsbedingte Risikobereitschaft entstanden ist, engt sie ein, macht die Forschung sowie die technologische Entwicklung langsam.

Wo zeigt sich das besonders deutlich?

Nehmen Sie Berufungen neuer Professoren. Ein in Deutschland stark regulierter, sehr langwieriger Prozess. Nach dem Bewerbungsgespräch heißt es hierzulande: Vielen Dank, wir melden uns dann in sechs Monaten wieder. Vielleicht auch erst in einem Jahr. Aber nach sechs Monaten sind die Top-Kandidaten vielleicht schon nach Australien gegangen. Wir müssen über den rechtlichen Rahmen reden, aber auch über die internen Prozesse der Wissenschaft. Die gute demokratische Tradition, die Tradition, dass alle eine Stimme haben müssen, alles muss im Detail diskutiert werden, das können wir uns heute nicht leisten. Wenn ich jemanden einstelle, dann bin ich davon überzeugt , dass diese Person vernünftig und die beste Wahl ist. Warum sollte ich sie dann ständig kontrollieren? Mangelndes Vertrauen verhindert Agilität.

Apropos Bürokratie. Das KIT entstand 2008 als Fusion aus Landesuniversität und einem zu 90 Prozent vom Bund finanzierten Helmholtz-Zentrum. Ihre Vorgänger haben viele Jahre dafür gekämpft, die rechtlichen Hürden zwischen beiden Teilen zu überwinden. Bringt die hybride Identität für das KIT inzwischen den gewünschten strategischen Vorteil – oder scheitert sie noch zu oft an institutionellen Komplikationen?

Sie bringt definitiv einen strategischen Vorteil. Sie bedeutet auch institutionelle Komplexität, aber vor allem einen deutlichen Vorteil. Durchbrüche, die in der Grundlagenforschung entstehen, beginnen meist im Labor, im kleinen Maßstab. Man zeigt, dass die grundlegende Idee funktioniert, und schreibt den Aufsatz. Aber damit daraus eine Innovation wird, die skaliert und Wirkung entfaltet, braucht es viele weitere Schritte, manchmal zehn Jahre Entwicklung. Für die meisten Universitäten ist das sehr schwierig, weil Universitäten sehr transitorisch sind. Die Professorinnen und Professoren bleiben, aber fast alle anderen, junge Forschende, Studierende, gehen nach einigen Jahren wieder. Als Helmholtz-Zentrum ist das KIT aber Teil eines Netzwerks von 18 nationalen Forschungszentren mit mehr als sechs Milliarden Euro Jahresbudget. Das bedeutet Zugang zu einer unglaublichen Vielfalt von Partnern, Disziplinen, Infrastrukturen und Forschenden, die zur Vielfalt der Herausforderungen vor uns passt: Energie, Klimawandel, neue Materialien, Informationswissenschaften. Ich würde gern sehen, dass das KIT in Helmholtz nicht wie ein Anhängsel wirkt, sondern im Zentrum steht.

"Wir sind noch nicht im Zentrum von Helmholtz. Aber wir sollten da sein."

Ist das KIT dort noch nicht?

Ich glaube, wir sind noch nicht da. Aber wir sollten da sein. Denn wir sind die einzige Universität innerhalb von Helmholtz, die Einzigen, die neue Generationen von Talenten ausbilden und entwickeln können. Und wir bringen noch etwas ein, das einmalig ist und immer zentraler wird: die Verbindung von Technologie und Geistes- und Sozialwissenschaften. In Zukunft geht es weniger um die Innovationen an sich, sondern um die Frage, ob und wie sie zur Gesellschaft passen und wie sie von der Gesellschaft akzeptiert werden.

Was folgt daraus für Ihre Pläne, die Sie als KIT-Präsident haben?

Wir sollten viel stärker mit einer größeren Gruppe von Helmholtz-Zentren zusammenarbeiten. Heute sind viele Zentren vor allem geografisch mit den Universitäten um sie herum verbunden. Das ist in Ordnung. Da wir die einzige Universität in Helmholtz sind, sollte es eine stärkere Verbindung zwischen uns und den anderen Zentren geben. So könnten wir für ganz Helmholtz eine Pipeline junger Talente, Studierender und Doktoranden, schaffen, die durch das KIT reinkommen, bundesweit Verbindungen aufbauen und Helmholtz als Karriereweg sehen.

Was bedeutet das für die universitäre Lehre am KIT?

Alle Universitäten müssen grundsätzlich darüber nachdenken, was ihre Rolle in fünf Jahren sein wird. Heute sagen wir unseren Studierenden: Schaut her, das haben wir in den vergangenen 500 Jahren herausgefunden. Das müsst ihr euch merken, damit können ihr Probleme lösen. Wir bewegen uns aber in eine Welt, in der das bloße Vermitteln von Wissen wahrscheinlich weniger relevant ist. Wissen haben wir jetzt alle jederzeit zur Hand, über KI, mobile Geräte und Anwendungen. Es wird also darum gehen, die richtigen Fragen zu stellen. Nur mit den richtigen Fragen werden wir die Maschinen dazu bringen, die Probleme so zu lösen, wie wir es wollen und brauchen. Das bedeutet auch, dass wir uns von der Vorstellung entfernen werden, man gehe einmal im Leben zur Uni für drei oder fünf Jahre, und das war’s. Die Logik sollte künftig sein: Du bekommst ein Fundament. Und dann kommst Du wieder und holst Dir das, was Du brauchst, wenn Du es brauchst.

"Unsere  Studiengebühren sind mit 1500 Euro pro Semester relativ moderat. 
In der Schweiz zahlen alle außer den Schweizerinnen und Schweizern das Dreifache."

Passt das deutsche Finanzierungsmodell – meist kostenloses Erststudium, oft kostspielige akademische Weiterbildung – zu dieser Vorstellung?

Nein, das tut es nicht. Allerdings sieht man diese Schieflage in den meisten Ländern: Bachelor und Master sind kostenlos oder relativ günstig, Weiterbildung wird teuer. In Dänemark versuchen sie gerade ein Modell, bei dem der Master nur 15 Monate dauert. Man bekommt die Grundlagen und kann später für das übriggebliebene Semester zurückkommen. Ich sage nicht, dass das das einzige Modell ist. Aber etwa in diese Richtung sollten wir auch denken. In großem Maßstab funktioniert lebenslange Weiterbildung vor allem in Großbritannien und den USA – dort allerdings auch, weil man für alles bezahlt.

In Baden-Württemberg müssen internationale Studierende aus Nicht-EU-Staaten auch für alles Studiengebühren zahlen, angefangen mit dem ersten Semester. Ist das ein Wettbewerbsnachteil für die Hochschulen im Bundesland – inklusive KIT?

Es gibt einen Beschluss im Landtag, diese Gebühren abzuschaffen, aber dafür fehlen ungefähr 60 Millionen Euro. Und es gibt offenbar nicht den politischen Willen, sie zu finden. Innerhalb Deutschlands sind die Gebühren ein relativer Nachteil, weil es sie fast nirgendwo sonst gibt. Zugleich bin ich aber davon überzeugt, dass Gebühren im internationalen Wettbewerb nicht per se schädlich sind. Der Betrag ist mit 1500 Euro pro Semester relativ moderat. In der Schweiz zahlen alle außer den Schweizerinnen und Schweizern das Dreifache. Wenn jemand aus Indien für zwei Jahre ans KIT kommt, sind die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches höher als die Studiengebühren. In manchen Teilen der Welt können sie sogar einen Reputationsvorteil bedeuten nach dem Motto: Wenn Studieren nichts kostet, kann es nicht gut sein.

Ihr wissenschaftlicher Hintergrund liegt in Computational Mathematics, Modellierung und Simulation. Wenn man Ihnen zuhört, wie Sie die Zukunft der universitären Lehre beschreiben, drängt sich eine Frage auf: Wie stark unterschätzen wir immer noch die Auswirkungen der KI in der Wissenschaft?

Wir unterschätzen die transformative Kraft von KI im nächsten Jahrzehnt in allen Bereichen der Gesellschaft, auch in der Wissenschaft, auch in der Bildung. Wir haben nun eine Wissensmaschine, die Ihnen alles sagen kann, wenn Sie nur wissen, wie Sie fragen müssen. Manchmal liegt diese Wissensmaschine falsch, aber wir Menschen liegen auch manchmal falsch, zum Beispiel wir schreiben bei jeder Sitzung ein Protokoll. Dafür gibt es heute keinen Grund mehr. Speech-to-Text funktioniert unglaublich gut. Dann kommt die Frage: Wenn die Maschine das macht, was ist dann meine Aufgabe? Diese Diskussion müssen wir führen. Noch grundsätzlicher ist die Frage, ob unsere Souveränität als Europäer bedroht ist. Diese Technologie kommt überwiegend aus den USA oder China. In Deutschland und Europa gibt es Aktivitäten, aber kleiner und mit geringerer Wirkung. Wir haben auch nicht die nötige Recheninfrastruktur. In gewissem Sinne verkaufen wir unsere Seele an außereuropäische Anbieter, die morgen ihre Dienste einstellen könnten. Handeln wir so, als hätten wir das verstanden?

"Robotik ist die Art, wie KI laufen lernen wird."

Die Bundesregierung hat die "Hightech-Agenda Deutschland" gestartet. Sind die darin enthaltenen Prioritäten die richtigen?

Im Großen und Ganzen ja. Quantencomputing, KI, Energie, Mobilität, neue Batterien, Mikroelektronik oder Chips zahlen fast alle auch auf unsere technologische Souveränität ein. Aber zwei Themen hätte ich stärker hervorgehoben. Eines ist Robotik, gewissermaßen die Verkörperung von KI. Robotik ist die Art, wie KI laufen lernen wird, was die physische Welt beeinflussen wird. Deutschland hat hier viel Expertise. Das zweite Thema ist synthetische Biologie. Es gibt zwei exponentielle Kurven: mehr Rechenleistung pro Dollar und sinkende Kosten für Gensequenzierung. Man kann für wenig Geld Gene sequenzieren, KI darauf anwenden und mit der Genschere CRISPR-Cas manipulieren. Damit öffnet sich eine ganze Welt im Guten wie im Schlechten: neue Heilmittel aber auch neue Viren. Die Schnittstelle zwischen CRISPR, Gensequenzierung, sinkenden Kosten und KI ist explosiv und das Potenzial unglaublich: personalisierte Medizin, neue Lösungen für die Landwirtschaft, neue Formen von Leben.

Sehen Sie, dass die Bundesregierung mit der Umsetzung der Agenda ernst macht?

Vor einem Monat hätte ich noch gesagt: Ich weiß gar nicht genau, was die Bundesregierung vorhat. Jetzt sind die Roadmaps veröffentlicht. Sie lesen sich allerdings sehr allgemein, etwas kanonisch. Der nächste Schritt muss schnell kommen, sonst verliert das Ganze Dynamik. Das Geld muss fließen. Es gibt aktuell auch Anzeichen dafür, dass dies geschehen wird. Es muss aber auch die Bereitschaft geben, es nicht überall gleichmäßig fließen zu lassen. Ich weiß, in einem föderalen System ist das schwierig, alle Regionen und Länder wollen möglichst gleich bedacht werden. Vielleicht hilft erneut der Blick in die Schweiz. Auch die hat Kantone mit Universitäten. Trotzdem hat man in den sechziger Jahren zwei technologische Institute auf die föderale Ebene gehoben und völlig anders behandelt. Mein Appell lautet daher: Es gibt in Deutschland Institutionen und Netzwerke, die besser positioniert sind als andere. Übertragt ihnen die Verantwortung.

Bringen Sie da gerade Helmholtz in Stellung als Premiumpartner für die Umsetzung der Hightech-Agenda?

Ich glaube, der neue Präsident Martin Keller möchte diese Position beanspruchen: Helmholtz als nationaler Schirm für strategische Aktivitäten. Ein gutes Beispiel ist KI. Wenn man eine nationale Aktivität in KI will, die Software, Hardware, Expertise und verschiedene Anwendungsbereiche umfasst, wäre Helmholtz ein naheliegender Ort. Helmholtz ist wahrscheinlich sogar der einzige Akteur, der das tun kann. Außerdem hat Helmholtz seine sechs Forschungsbereiche. Sie passen schon in ihrem jetzigen Zuschnitt sehr gut zur Hightech-Agenda und könnten natürliche Treiber vieler Aktivitäten sein. Sie sollten weiterentwickelt werden, um sie an die strategischen Prioritäten Deutschlands anzupassen.

"Wenn wir Lösungen entwickeln, die wirtschaftlich nicht tragfähig sind: 
Sind sie dann wirklich Lösungen?"

Seit Anfang 2026 sind Sie zugleich Helmholtz-Vizepräsident und Sprecher des Helmholtz-Forschungsbereichs Energie. Wo steht Deutschland bei Energieforschung und Energiewende?

Unser Forschungsbereich betrachtet alle Energieformen. Es geht um erneuerbare Energien, es geht um die Kernfusion, es geht aber auch um Fragen wie: Wie bauen wir ein resilientes Energiesystem? Wie stellen wir sicher, dass Strom zu Hause ankommt, auch wenn irgendwo dazwischen etwas passiert? Es ist ein sehr breites Portfolio: Windkraft, PV, neue Batterietechnologien, Kernfusion und neue Materialien und vieles mehr. Wir durchlaufen gerade eine Evaluation. Die akademische Bewertung war sehr gut, jetzt folgt die strategische Evaluation. Der Forschungsbereich versucht nicht, die gesamte Energieforschung in Deutschland abzubilden. Aber er versucht, ein möglichst vollständiges Programm bereitzustellen und Lösungen für das Energiesystem der Zukunft aus dem Labor in die Industrie zu treiben. Das Ziel ist die Energiewende. Aber wenn wir Lösungen entwickeln, die wirtschaftlich nicht tragfähig sind, sind sie dann wirklich Lösungen? Die Kosten müssen Teil der Entwicklung sein. Dieser sozioökonomische Aspekt wird wichtiger.

Wie sollen kreative Lösungen entstehen, wenn man sofort mit dem Kostenargument kommt? Steckt an der Stelle nicht ein sehr grundsätzliches Problem: Forschung wird zunehmend an ihrer unmittelbaren "Nützlichkeit" gemessen.

Es gibt immer dieses Spannungsverhältnis zwischen neugiergetriebener und missionsgetriebener Forschung. Helmholtz ist missionsgetrieben. Wenn man vollständig frei zwischen Themen und Interessen wechseln will, ohne die Frage nach dem Output zu stellen, ist Helmholtz nicht das Richtige. Aber genau deshalb sind die Kooperationen zwischen Helmholtz und den Universitäten so wesentlich.

Und deshalb ist das KIT für Sie in einer besonderen Position, weil es zwischen diesen beiden Räumen wechseln kann?

Genau. Das ist einer unserer großen Vorteile: dass wir innerhalb eines Hauses von sehr grundlegend bis stärker missionsgetrieben arbeiten können. Die meisten anderen Universitäten und Forschungszentren haben dieses gesamte Spektrum von Möglichkeiten nicht.

"Wenn mich am KIT jemand fragt: Fangen wir jetzt an, 
Bomben zu bauen?, sage ich: Nein."

Vorhin haben Sie vom Mangel an technologischer Souveränität in Deutschland und Europa gesprochen. Dabei hat sich das Bewusstsein bereits grundsätzlich verändert. Nehmen Sie die Debatte über Dual Use, Sicherheit und Verteidigungsforschung.

Bislang besteht der Wandel vor allem in der Rhetorik. Im wissenschaftlichen Alltag ist er kaum angekommen. Aber dass wir darüber sprechen, ist schon mal was. Nehmen Sie eine Institution wie das KIT. 80 bis 90 Prozent dessen, was wir tun, ist auf die eine oder andere Weise Dual Use. Drohnen, neue Materialien, Sensoren, KI, Cybersicherheit, die Liste ist lang. Wir haben nur nie so darüber gesprochen. Jetzt reden wir über die Konsequenzen – und die Grenzen aufgrund der Werte, die wir vertreten. Wenn mich am KIT jemand fragt: Fangen wir jetzt an, Bomben zu bauen?, sage ich: Nein. Erstens wollen wir das nicht. Zweitens würde das ein Sicherheitsniveau erfordern, das wir als Universität nie haben werden. Wir haben uns von einem Tabu zu einem widerwilligen Gespräch bewegt.

Was folgt daraus?

Wir müssen mit einem breiten Spektrum an Meinungen umgehen. Meine persönliche ist: Universitäten haben als steuerfinanzierte Institutionen die Pflicht, mit den Erwartungen der Gesellschaft umzugehen, auch wenn es um unbequeme Erwartungen geht. Dazu gehört die Entwicklung von Technologien und Lösungen, die potenziell Sicherheit und verteidigungsbezogene Anwendungen haben könnten.

Sie sprechen staatstragend von einer Pflicht. Hand aufs Herz: Geht es wirklich um Verantwortung – oder am Ende doch vor allem um das Geld?

Natürlich steuert die Politik die Wissenschaft über das Geld, das sie in das eine Forschungsfeld gibt und in das andere nicht. Und wenn ich Pflicht sage, meine ich: Als Institution haben wir die Pflicht, auch für diese Art von Forschung offen zu sein. Was dann einzelne Forschende tun möchten oder nicht, ist nicht meine Entscheidung. Das fällt unter die akademische Freiheit. Auch was den Einzelnen motiviert, ist mir nicht so wichtig. Wenn jemand sagt, ihn lockt das Geld – okay. Aber die Realität ist meist komplexer: Vielleicht geht es um eine Forschungsfrage, die jemanden schon lange umtreibt – und endlich hat er eine Möglichkeit, sie zu finanzieren. Ich werde unseren Forschenden nicht im Weg stehen. Es gibt allerdings rote Linien.

Welche sind das?

Die Beteiligung an Aktivitäten, die direkt oder indirekt der Militärforschung dienen, muss freiwillig sein. Wenn ein Doktorand oder Postdoc sagt: Ich möchte das aus ethischen Gründen nicht tun, muss das respektiert werden, dann kann ihn kein Vorgesetzter zwingen. Das KIT ist so groß, dass wir dies nach Möglichkeit berücksichtigen müssen. Eine zweite rote Linie ist: Ich bin nicht bereit, mich in Richtung einer Universität mit geschlossenen Türen zu bewegen, mit beschränktem Zugang, Gebäuden ohne Fenster. Offenheit, Internationalität und akademische Freiheit müssen für uns als Universität zentrale Werte sein.

"Langsam bewegt sich die Antwort von einem Nein zu einem Nein, aber."

Das begrenzt die Möglichkeiten erheblich.

Ich glaube nicht, dass das stimmt. In den USA wurde meine Forschungsarbeit vom Department of Defense gefördert, obwohl ich kein amerikanischer Staatsbürger bin und nie in die Nähe von Militärgeheimnissen gelassen wurde. In meinem Fach läuft das zum Beispiel so, dass Sie als Mathematiker beauftragt werden, an einem grundlegenden mathematischen Problem zu arbeiten, und wenn das Ergebnis für das Militär interessant genug ist, nimmt es das Ergebnis oder die Technologie und entwickelt sie in einer geeigneteren Umgebung weiter, in der Klassifizierung und Sicherheit garantiert werden können. In Karlsruhe sind wir von Fraunhofer-Instituten umgeben, die zu drei Vierteln klassifiziert arbeiten. Die Infrastruktur ist vorhanden, die Leiter sind alle KIT-Professoren. Dieser Weg ist da. Es geht darum, den Workflow einzurichten und genau zu verstehen, welche Art von Forschung wo am besten durchgeführt wird.

Am Anfang unseres Gesprächs haben Sie über große und kleine Wissenschaftssysteme gesprochen, über Deutschlands Stärken und Schwächen im internationalen Wettbewerb. Lassen Sie uns am Ende persönlich werden. Als Sie vor anderthalb Jahren in Karlsruhe ankamen: Was hat Sie menschlich überrascht?

Ich muss dazu sagen, dass ich seit 30 Jahren mit einer Deutschen verheiratet bin, auch wenn sie den größten Teil ihres Lebens außerhalb Deutschlands verbracht hat. Ich war also schon ein bisschen darauf vorbereitet. Welche Stereotype bringt man da mit? Die Deutschen sind streng und konservativ, die Bürokratie ist überbordend, es ist schwierig, Dinge zu verändern. Bis zu einem gewissen Grad haben sich alle diese Stereotype als richtig erwiesen.

Aber?

Aber nicht in dem Ausmaß, das ich erwartet hatte. Man kommt mit einer Idee, etwas zu verändern, und die Antwort lautet erstmal: "Nein, das geht nicht." Dann diskutiert man weiter. Langsam bewegt sich die Antwort von einem "Nein" zu einem "Nein, aber". Das bedeutet: "Lass uns darüber sprechen." Irgendwann wird daraus ein: "Ja, aber." Das kostet Zeit und Kompromisse. Aber hinter der Fassade ist doch Offenheit für den Wandel.

Sprechen Sie gerade vom KIT oder davon, wie Deutschland insgesamt gerade seine Zukunft aushandelt?

Ich glaube, da ist etwas dran. Vor allem aber gilt es für mein Ankommen am KIT. Dass ich dorthin gekommen bin, war ein Risiko für mich, aber auch für das KIT. Ich war vorher nie in Deutschland. Die Institution hätte sagen können: Er ist keiner von uns, er versteht uns nicht. Stattdessen hat das KIT gesagt: Wir geben ihm Verantwortung und das Mandat, Dinge zu diskutieren, alte Türen öffnen und zu modernisieren – trotz 200 Jahren Tradition. Ich komme aus dem Norden, wir legen nicht so viel Wert auf Titel, die Hierarchien sind flach. Plötzlich gibt es einen Präsidenten, der alle mit Vornamen anspricht und duzt. Das war eine Umstellung. Aber es hat funktioniert und ich habe mich von Anfang an willkommen gefühlt.

Interview: Jan-Martin Wiarda

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