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Das letzte Mittel

An diesem Mittwoch könnte der Göttinger Unisenat die Abwahl des vor drei Jahren als Hoffnungsträger gestarteten Präsidenten Metin Tolan einleiten. Wie konnte das passieren? Die so stolze wie krisengeschüttelte "Georgia Augusta" steht vor einem Wendepunkt – mal wieder.

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Artikelbild: Das letzte Mittel

Aula am Wilhelmplatz. Julian Herzog: " Aula am Wilhelmsplatz Georg-August-Universität Göttingen 2017 01.jpg ", CC BY 4.0 .

ZWEI TAGE VOR DER SITZUNG die über seine berufliche Zukunft entscheiden könnte, unternahm Metin Tolan einen letzten Versuch. In einem Newsletter , der am Montag an die gesamte Universität Göttingen verschickt wurde, schlug der Physiker eine "Schlichtung" vor – "so wie sie etwa bei schwierigen Tarifverhandlungen oder beim Großprojekt 'Stuttgart 21' durchgeführt wurde."

Doch wer sich Anfang der Woche im Senat, dem wichtigsten akademischen Gremium der Stiftungsuniversität, umhörte, bekam den Eindruck: Die Initiative Tolans kommt zu spät. Die meisten Senatoren wollen ihren Plan durchziehen. Sie sprechen von zahlreichen gescheiterten Aussprache- und auch Moderationsversuchen. Sie wollen ihren Unipräsidenten jetzt per Abwahl aus seinem Amt entfernen. Und haben, wie es aussieht, auch die erforderliche Dreiviertelmehrheit dafür.

Es würde den Rahmen sprengen, alle Gründe dessen zu beschreiben, was sie in Göttingen, dieser stolzen, 1737 eröffneten Universität, als "Polykrise" bezeichnen. Da ist das Trauma Exzellenzstrategie: 2012 verlor die Hochschule ihren Exzellenztitel. 2018 reichte es nur noch für einen einzigen Exzellenzcluster. 2024 scheiterte Göttingen gar schon in der Vorauswahl mit allen neuen Anträgen – so dass sich alle verbliebenen Hoffnungen auf die Verteidigung des bestehenden Clusters "Multiscale Bioimaging: von molekularen Maschinen zu Netzwerken erregbarer Zellen" richten. Und das in einer Universität, die sich lange auf Augenhöhe mit Heidelberg, München oder Berlin wähnte.

Nach der Fast-Pleite 2018 war die damalige Präsidentin Ulrike Beisiegel nicht mehr lange im Amt. Ihr wurde Beratungsresistenz vorgeworfen. Sie erklärte, wohl unter Druck, ihren Rückzug. Als nächstes das Debakel um Beisiegels bereits gewählten Nachfolger Sascha Spoun, gegen den eine einflussreiche Gruppe von Professoren rebellierte. Es war ein Kampf mit harten Bandagen, inklusive Protesten gegen ein angeblich undemokratisches Wahlverfahren und eine erfolgreiche Konkurrentenklage. Im Kern aber ging es wohl darum , dass Spouns Kritiker den Wirtschaftswissenschaftler und langjährigen Präsidenten der Leuphana-Universität Lüneburg für ...

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Kommentare

#1 -

Burghain | Mi., 02.10.2024 - 11:23
Das Göttingen ein Problem hat, ist nicht neu und verfolgt die Universität seit einigen Jahren trotz wissenschaftlicher Klasse. Ursachen sind wahrscheinlich mannigfaltig. Aber der Hauptverantwortliche sitzt sicher am Wilhelmsplatz, wenn man dazu keine glaubhafte Antworten und Strategien findet. Senat, Stiftungsrat, Ministerium schlafen oder schauen weg.

#2 -

Librarian | Mi., 02.10.2024 - 11:33
Abwahlen sind immer unschön. Aber manchmal ist es das letzte Mittel, wenn das Land sich nicht kümmert. Niedersachsen war sicher nie wissenschaftsfreundlich. Darunter leidet sicher auch die beste Uni des Landes.
Warum kein anderer Weg zum stillen Personalwechsel gefunden werden kann, bleibt schleierhaft. Dass manchmal der Trainer nicht mehr zur Mannschaft passt, kommt schon mal vor.

#3 -

Gänselliesel | Mi., 02.10.2024 - 12:21
Der letzte Satz bringt es auf den Punkt: Wer eine öffentliche Schlammschlacht anstrengt, muss sich auch aus dem Schlamm wieder herausziehen können. Ich glaube nicht, dass eine Weitsichtigkeit besteht, wie es danach weitergehen soll. Ein Staatskommissar ist für die (ehemals) größte Uni des Landes eine Katastrophe. Der Übergang darf kein Dauerzustand sein.



Viele Initiativen Tolans wie die BCG sind objektiv sinnvoll. Die Uni Göttingen hat Verwaltungsstrukturen, die teils doppelt so groß sind, wie die von Hochschulen mit vergleichbaren Studentenzahlen.



Hingewiesen sei noch auf ein erhebliches Konfliktpotenzial, welches in der Berichterstattung wenig zum Tragen kommt. Um eine finanzielle Steuerungsfähigkeit zu erlangen, ...

#4 -

Gottinga | Mi., 02.10.2024 - 13:08
Das es Probleme mit der Amtsführung des Präsidenten gibt, ist nicht neu: VP unprofessionell entsorgt, angesehener Bibliotheksleiter geschasst, Verwaltungsreform in den Sand gesetzt, Verunsicherung im ganzen Haus.



Klingt jetzt nach Machtkampf. Für Hochschulen eigentlich ungewöhnlich. Ich dachte, Präsidentin oder Rektorin wird man, weil einem das Amt angetragen wird und man nicht nein sagen kann. Daran klammert man sich doch nicht. Vielleicht doch die falsche Persönlichkeit erwischt.

#5 -

Felix Groß | Mi., 02.10.2024 - 13:34
Es war schon erfreulich, daß sich Hr. Wiarda so lange aus der Diskussion um die Göttinger Krise herausgehalten hatte - im Gegensatz zu den teilweise konfrontativen Berichten im hiesigen Lokalblatt. Dafür langt er jetzt kräftig zu.
Die zahlreichen Warnungen vieler prominenter Angehöriger
des Göttingen Campus und auch von mehr als der Hälfte der
Dekane sollte man schon hören, bevor man heute am Nachmittag einen schwer zu reparierenden Schnellschuß macht.

#6 -

Edith Riedel | Mi., 02.10.2024 - 13:53
Die deutschen Universitäten sind mit ihrem Prinzip der akademischen Selbstverwaltung in einer immer komplexer werdenden Wissenschaftslandschaft massiv überfordert, und schmerzhaft unterprofessionalisiert. Das, was gerade in Göttingen passiert, wird in den kommenden Jahren auch noch andere Universitäten treffen. Die Machtfülle, die die Statusgruppe der Professor*innen in der akademischen Selbstverwaltung hat, führt immer häufiger dazu, dass die Institution durch konfligierende Partikularinteressen und verzweifelte Versuche des Machterhalts lahmgelegt wird. Der Muff der Talare wirkt immer noch nach.

#7 -

David J. Green | Mi., 02.10.2024 - 15:28
Meyer-Guckel und Schütte sprechen vom “Gesamtinteresse” einer Hochschule, ich bin aber gar nicht sicher, ob es das überhaupt gibt. Vielmehr lässt sich eine Universität als eine Ansammlung vieler Einzelprofessuren modellieren, die alle sich ausschließlich nach den jeweils eigenen Interessen ausrichten. Winken große Geldsummen, die sich nur in Zusammenarbeit einwerben lassen, dann bilden sich Beutegemeinschaften – aber nur auf Zeit. Daran gemessen ist die derzeit laufende Göttinger Reichskrise des 3. Jahrhunderts zwar stark ausgeprägt, aber tatsächlich nicht so ungewöhnlich.

Übrigens: Interessant das gerade der Senat vom “ Schaffen neuer strategischer Handlungsspielräume” spricht: normalerweise ein Euphemismus für “wir kürzen einige Institute weg, ...

#8 -

Karl Runger | Mi., 02.10.2024 - 17:06
@7: In Göttingen ist die verbliebene hauptamtliche Person im Präsidium, die Kanzlerin, wesentlich verantwortlich für die Verwaltungsreform. Sie dominiert vieles und ist nicht unumstritten.
Betr. des scherzhaften Vorschlags, das Bundesland zu wechseln, wäre anzumerken, daß zumindest der Teil-Standort Witzenhausen zu Hessen gehört

#11 -

Sirika | Do., 03.10.2024 - 01:59
#8: Abwahl hin oder her: das Göttingen einen Teil-Standort in Witzenhausen hat, ist nicht korrekt. Der Witzenhäuser Campus gehört zur (hessischen) Universität Kassel - die gemeinsam mit Göttingen ein paar Pros berufen hat, die am dortigen Fachbereich für Ökologische Agrarwissenschaften lehren und dort unstrittig auch die Ruhe abseits des Göttinger Dramas genießen.

#12 -

David J. Green | Do., 03.10.2024 - 11:02
Wer weitermachen will, nachdem der Senat tatsächlich die illusorisch hohe 75%-Schwelle für einen Abwahlantrag erreicht hat, erfordert starke Nerven und ein sehr ausgeprägtes Selbstbild.
Oder finanziellen Not. Lieber Herr Wiarda, wissen Sie, ob wir hier eine Adolf Sauerland-Situation haben?

#13 -

Manuel L. | Do., 03.10.2024 - 15:46
Welch ein Drama! Der Mensch Metin Tolan, welcher es mit seinen äußerst unterhaltsamen Betrachtungen physikalischer Phänomene geschafft hat, sein Fach vor allem auf populärwissenschaftliche Weise zugänglich zu machen, hätte gleichsam um die großen Fliehkräfte des Präsidentenamtes einer namhaften großen Universität wissen müssen.

Die Erkenntnis, dass Universitäten systembedingt anfällig für ausufernde Konflikte sind, ist sicher richtig. Dass dies jedoch nicht per se der Fall sein muss, dafür gibt es in Deutschland genügend Beispiele.

Metin Tolan ist mit großer Sicherheit ein ausgezeichneter Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikator. Das macht(e) ihn jedoch nicht automatisch zu einen begnadeten Wissenschaftsmanager. Vor allem die Fähigkeit, um die Fliehkräfte ...

#14 -

McFischer | Do., 03.10.2024 - 16:19
@#7: Ihre Aussage finde ich gut:

"Vielmehr lässt sich eine Universität als eine Ansammlung vieler Einzelprofessuren modellieren, die alle sich ausschließlich nach den jeweils eigenen Interessen ausrichten." Das trifft meiner Erfahrung nach vor allem für die klassischen (deutschen) Universitäten noch zu. Teilweise wird nur bis zur letzten Zimmertür des eigenen Lehrstuhls geschaut - alles danach sind entweder Konkurrenten oder Wissenschaftler, die eh von nix eine Ahnung haben (falsche Methoden nutzen zB.). Problematisch ist, dass die individuelle Karriere dann auch oft eine Uni nur als Zwischenstation ansehen, von der kleinen Uni zur großen Uni zu Max Planck, WZB etc. Die Bindung ...

#15 -

Th. Klein | Fr., 04.10.2024 - 10:18
@'13: "Der Georg-August-Universität möchte man dagegen für die Zukunft mehr Geschick bei der Besetzung des Amtes der Präsidentin bzw. des Präsidenten wünschen."

Wer stellt sich denn nach den Querelen der letzten Jahre (Beisiegel, Spoun, Tolan) für dieses Amt noch auf? Man kann ja nur abraten.

#16 -

Werner Maus | Fr., 04.10.2024 - 12:56
#15: Im hiesigen lokalen Blatt wird mitgeteilt, daß der
Senat schon über Namen aus der Universität verfüge. Bei den früheren Präsidenten K. von Figur, der Göttingen 2007 mit Erfolg zur Exzellenz führte, und H. Kern, der wesentlich die Dinge zur Stiftungsuniversität betrieb, war das ja auch mit Erfolg der Fall. Nichtsdestotrotz empfinde ich die Abwahl von Herrn Tolan desaströs. Wie #9 schrieb, sie wußten vielleicht nicht genau, was sie tun.

#17 -

McFischer | Fr., 04.10.2024 - 16:01
@#13

Den "begnadeten Wissenschaftsmanager" wollte die Uni Göttingen ja auch nicht. Denn Sascha Spoun wurde ja explizit von Kräften in der Uni mit dem Argument abgelehnt, dass ihm die wissenschaftlichen Erfolge fehlen. Kurzum: Beisiegel wollte man nicht (Akademikerin, aber in der Exzelleninitiative erfolglos), Spoun wollte man nicht (erfolgreicher Hochschulmanager an der Leuphana, aber kein ausgewiesener Forscher), Tolan will man auch nicht mehr (erfahrener Forscher und Kommunikator, aber zu rigide Führung). Da wird es aber langsam schwierig, jemanden mit einem anderen Profil zu finden.

#19 -

W. Maus | Sa., 05.10.2024 - 12:21
@17: Die Sache mit der Uni Göttingen ist komplexer. Die

Sache mit Spoun hatten damals ca. 50 Kolleginnen und Kollegen aktiv betrieben - mit Erfolg. Jetzt wurde gegen die Abwahl von Herrn Tolan nicht nur von namhaften 30 Leuten argumentiert, wie es in der lokalen Gazette hieß, sondern es schloß sich ca. ein Viertel des Kollegiums dem an.

Andererseits hatten 2023 damals Kollegen dem Rauswurf von Herrn Lossau widersprochen, was ihnen verübelt wurde. Aber vielleicht will der Senat ja letzteren zurück holen. Schauen wir mal.

#20 -

OldSchool | So., 06.10.2024 - 00:14
Besteht eigentlich die Universität Göttingen nur aus Professoren? Offensichtlich haben sich sowohl die Studierenden im Senat als auch der Personalrat der Universität klar gegen Tolan positioniert. Und, wie man hört, ist der Unmut über die Kanzlerin seitens des Personals ebenfalls groß.

#22 -

ProGeorgia | So., 13.10.2024 - 12:52
Komme erst jetzt zum Lesen. Sehr angenehm, einen so ausgewogenen Artikel zu lesen.



Dass der Vortrag zum Stand der Universität von Herrn Tolan auf der Startseite der Universität gelandet ist und nicht etwa im Intranet, ist ebenso unglücklich wie die beiläufige Veröffentlichung interner Zahlen der TU Dortmund in einem internen Vortrag. Wissenschaftskommunikation ist eben nicht Strategie und Dialog. Herr Tolan wirkte hier von Beginn an eher ungeschickt.



Grundsätzlich würde ich sagen, dass ein externer Kandidat, der wenig Gelegenheit dazu hatte sich eine Reputation des Dialogs aufzubauen (oder wie andere sagen würden: ein Netzwerk), einen entscheidenden Nachteil hat. Die ehemaligen Präsidenten ...

#23 -

Sabine K. | Mo., 14.10.2024 - 22:31
Hat man eigentlich gehört, wie es mit dem Verfahren in Göttingen weitergegangen ist? Es ist schon sehr erstaunlich, dass das MWK als Rechtsaufsicht keine klare Aussage trifft, wie es konkret weitergeht. Eine Universität verträgt doch in so einer Situation keine weitere Hängepartie.

#24 -

Thomas Kaufmann | Do., 17.10.2024 - 23:05
Heute erfuhr ich von der Abwahl der Universitätspräsidentin in Vechta; die Musikhochschule in Hannover wird bereits von einem Staatskommissar verwaltet. Der Braunschweiger Universitätspräsidentin wurden unlängst zwei Vizepräsidenten abgewählt. Ist denn niemand bisher auf den Gedanken verfallen, dass es ein spezifisches Gouvernanceproblem an niedersächsischen Hochschulen zu geben scheint? Ein struktureller Faktor ist etwa, dass Dekane im Senat kein Stimmrecht haben und sich in seiner Zusammensetzung die Vielfalt der Fakultäten mitnichten abbildet. In Göttingen hat der Senat die geringste nach NHG zulässige Mitgliederzahl und beharrt - allen lange vernehmlichen Forderungen zum Trotz - auf seiner Größe, weil die einzelnen Mitglieder ja sonst ...

#25 -

Felix Groß | Fr., 18.10.2024 - 20:34
"Am Ende siegt das exzellenzfeindliche Mittelmaß, das die Universität bereits jetzt in seinen Fängen hat ..."

Werter Herr Kaufmann, Sie haben gewiß in vielen Punkten Recht. Aber der Punkt mit dem 'exzellenfeindlichen Mittelmaß' fordert schon zum Widerspruch heraus. Die

Exzellenz-Initiative ist bestimmt keine erstrebenswerte

Maßnahme. Viel wichtiger ist das Engagement bei den Standardwegen der Forschungsförderung wie SFB's, GRK's

und SPP. In dieser Hinsicht ist die Göttinger Universität gewiß nicht erfolglos. Von Ihrem Vorwurf des "Mittelmaßes

werden sich die beteiligten Kollegen und Kolleginnen gewiß

nicht angesprochen fühlen.

#26 -

Sabine K. | So., 20.10.2024 - 20:47
Herr Kaufmann äußert sich sich zu den Abwahlen in Göttingen (insbesondere) und Vechta. Er vertritt dezidierte Positionen, zu denen man Stellung nehmen muss:



- TK: Hinterfragen der demokratischen Legitimität des Senats

- Kommentar: der Senat ist gemäß Grundordnung der Universität und geltendem Niedersächsischen Hochschulgesetz gewählt, während der Amtszeit ist der Senat somit legitimiert. Ihm diese abzusprechen, weil die gewählten Vertreter/innen nicht die eigene Meinung vertreten, erscheint eher undemokratisch.



- TK: „Zugleich offenbart der Göttinger Vorgang einen fundamentalen Konstruktionsfehler der Stiftungsordnung. Denn dass der Senat letztinstanzlich allein entscheiden kann, ignoriert den Stiftungscharakter in einem grundsätzlichen Sinne.“

- Kommentar: Die entscheidende Rolle ...

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