Wenn Schule ausfällt
Extrem-Winterwetter sorgt für Schulschließungen und Empörung. Dabei sagt das routinierte Hitzefrei im Sommer viel mehr über den Stellenwert von Kindern in unserer Gesellschaft. Ein Kommentar.
Foto: Victor Salazar / pixabay.
DER SPIEGEL widmete dem Thema einen langen Überblicksartikel. "Wer entscheidet, wann die Schule schließt", lautete die Überschrift, nachdem unter anderem Nordrhein-Westfalen Anfang der Woche wegen Extremwetter für das gesamte Bundesland Schulschließungen angeordnet hatte. Anderswo, in Berlin und Brandenburg etwa, wurde die Präsenzpflicht aufgehoben, auch hier blieben Tausende Schüler zu Hause, Klassenarbeiten und Klausuren fielen flach.
Die Beschwerden ließen nicht lange auf sich warten: So extrem seien Glätte und Eis dann in vielen Regionen gar nicht geworden, und überhaupt, wieso wieder die Schulen? Einige fühlten sich an die Corona-Pandemie erinnert: Büros offen, Schulen dicht. Alltag für alle – nur nicht für Kinder und Familien. Oder wie die frühere CDU-Bundesfamilienministerin auf "X" schrieb: "Der Müll wird abgeholt, der DHL-Mann klingelt und der Elektriker steht zum vereinbarten Zeitpunkt vor der Tür. Aber die Grundschule hat wegen der ›Extremwetterlage‹ geschlossen".
Der Vergleich mit Corona ist dann doch ein gewagter angesichts des Umgangs mit einem punktuellen Wetterereignis. Wobei die Frage, ob und was die deutsche Schulpolitik aus den monatelangen Schulschließungen in der Pandemie gelernt hat in Sachen Risikoabwägung, schon eine spannende ist. Zumal das Schulsystem durch massiven Lehrermangel ohnehin von massiven Unterrichtsausfällen geprägt ist.
Spannend ist die öffentliche Erregung wegen des Schulausfalls an einem oder zwei Tagen aber auch, weil in den Sommermonaten ein viel weitreichenderes Klimaphänomen auf die Schulen wirkt: Tag um Tag fallen Stunden flach, je nach Wetterlage über Wochen vor und Wochen nach den Sommerferien. Der Grund: hitzefrei. Der eigentliche Grund: mangelnde Investitionen in Wärmeisolierung und Klimatisierung von Schulgebäuden. 1985 verzeichnete der Deutsche Wetterdienst im Bundesschnitt 2,6 heiße Tage mit Höchsttemperaturen von mindestens 30 Grad. 2022: 17,3. 2023: 11,5. Da summieren sich die Hitzefrei-Stunden je nach Schule und Region schnell auf eine ganze Unterrichtswoche und mehr. Fällt nur, da verteilt, nicht so sehr auf – und führt kaum einmal zu einem Aufschrei.
Für die Geringschätzung der Jüngsten in unserer Gesellschaft ist es womöglich das bessere Beispiel. JMW
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Kommentare
#1 - lange und kurze Ferien
"Der Grund: hitzefrei. Der eigentliche Grund: mangelnde Investitionen in Wärmeisolierung und Klimatisierung von Schulgebäuden."
Die Schulgebäude stammen halt meistens aus früheren Jahrzehnten oder gar noch aus der Vorkriegszeit. Klimaanlagen sind bekanntlich -- falls nicht optimal gewartet -- ausgesprochene Virenschleudern. Aber es gibt noch einen anderen, hausgemachten Grund: Das ist der Wahn, die Sommerferien müssten kurz sein und sich nicht nach den Bedürfnissen von Kindern, sondern nach denen der renditebewussten Touristikindustrie richten. Da haben die einen schon im Juni Ferien und müssen im glühenden frühen August wieder zur Schule. Andere haben noch im September Ferien, der für gewöhnlich nicht mehr so heiß ist, weil die Tage kürzer werden.
In Frankreich und Belgien sind Juli und August ganz schulfrei. Da verteilen sich die Reisezeiten von alleine und konzentrieren sich nicht auf bestimmte Landesteile. Und in Italien gibt es Sommerferien von Mitte Juni bis in den September mit nur geringen lokalen Verschiebungen, auf jeden Fall sind sie länger und meiden daher die größte Sommerhitze (dennoch gibt es noch kleinere Ferien zusätzlich):
https://www.italienisch-lernen.lima-city.de/schulferien_in_italien.php
https://de.homeexchange.com/de/blog/schulferien-in-italien-2025-2026/
Was in anderen Ländern geht, sollte bei uns auch gehen. In Bezug auf andere Dinge (PISA-Punkte) wird das immer gepredigt, aber bei den Ferien und bei Schulbussen geht es angeblich nicht aufgrund von bürokratischer Sturheit. Beim gewöhnlichen Unterrichtsausfall ist man sehr großzügig (dadurch fällt vielleicht mehr aus als durch hitzefrei), aber bei den Ferientagen geizt man. Eine bloße Betreuung in Teilen der Ferien wäre ja auch denkbar, um die Eltern zu entlasten, aber dann ggfs. im Schatten und nicht in Klassenzimmern auf der Südseite. Und längere Ferien in der Grundschule wären ja auch denkbar, Oberschüler können manches besser verkraften wie auch die Erwachsenenwelt.
#1.1 - (Gegen-)Beispiel Österreich
So ganz möchte ich dem Vorschlag und den Beispielen für Länder mit langen und im ganzen Land weitgehend gleichen Sommerferien nicht folgen.
Beispiel Österreich: Gut zwei komplette Monate, Juli und August, sind Sommerferien, immer gut 9 Wochen. Zwischen West- und Ostösterreich nur eine Woche Verschiebung. Klingt erst einmal toll, aber:
1. Für Eltern mit Berufstätigkeit eigentlich nicht organisierbar. In Österreich wohnen halt die Großeltern oft nicht so weit weg und das wird dann zur Ferienoption. Für Eltern ohne solchen Familienrückhalt wird es (sehr) schwierig. Es gibt Sommercamps und Sommerspiele (Wien), aber das trägt auch nicht durch. Und der Grund, dass Kinder halt im Sommer in der Landwirtschaft mithelfen, ist auch nicht mehr so schlagend.
2. Auch für die Kinder ist das ein enorm langer Zeitraum. So nach 6 Wochen wird es langsam dann auch fad, zumal die Freunde dann eben auch nicht da sind. Nicht so lernstarke Kinder sind zudem viel zu lang aus den Schulen raus. (Allerdings gibt es gegen Ende dann Sommerschul-Angebote zum Nachholen oder Vorarbeiten von Stoff, teils auch Nachprüfungen.)
3. Entsprechend sind die anderen Ferien wie Ostern, Herbst kaum vorhanden. Auch die Weihnachtsferien beginnen erst am 24.12. Also volle Konzentration auf den Sommer statt kürzere Erholungswochen im Jahresverlauf. Auch ist die Phase vor den Sommerferien sehr voll mit Prüfungen, weil wiederum nach Notenschluss 2 Wochen vorher nix mehr passiert.
4. Das klimatische Argument trägt nur begrenzt. Mittlerweile sind oft im Mai, Juni erste Hitzeperioden. Ein "Hitzefrei" gibt es übrigens in Österreich nicht. (Auch ein Schnee-frei dürfte selten sein.)
Also, eine so gute Lösung ist das nicht.
#1.1.1 - verschiedene Länder
Ich hatte ausdrücklich geschrieben: "Eine bloße Betreuung in Teilen der Ferien wäre ja auch denkbar, um die Eltern zu entlasten, aber dann ggfs. im Schatten und nicht in Klassenzimmern auf der Südseite." Das betrifft Ihren Punkt 1.
Außerdem wären Ferienkurse an geeigneten (!) Orten denkbar, die gibt's auch, aber meist gegen Gebühr. Das betrifft Ihren Punkt 2.
Schließlich und endlich ist das traditionelle "hitzefrei" auch in Deutschland längst eingeschränkt, die Eltern müssen zustimmen. Stattdessen haben wir jetzt die "verlässliche Betreuung in der Ganztagsschule", und natürlich ist es in jedem Bundesland anders, hier für NRW:
https://www.schulministerium.nrw/hitzefrei
Und auch in Italien gibt's Oster- und Weihnachtsferien, das wäre in einem katholischen Land nicht anders denkbar. Was Sie sonst unter Punkt 3. schreiben, gilt für Deutschland auch, z.B. das Abitur vor den Sommerferien. Und auch jetzt beginnen in Deutschland die Weihnachtsferien meist erst am 23.12. (z.B. 2026) und enden in manchen Ländern schon am 2. Januar. Man sollte auch nicht so tun, als sei die Gesamtzahl der Ferientage von Gott vorgeschrieben worden. Feiertage eignen sich auch für kurze Ferien drumherum.
Zu Punkt 4.: Natürlich hat jedes europäische Land ein anderes Klima und andere Erfahrungen. In Estland gibt es sehr lange Sommerferien (2026 vom 17.6. bis zum 31.8.), wohl wegen der langen Tage im Sommer und der langen Nächte im Winter. Und Estland ist doch der neue PISA-Sieger, also unser Vorbild. Andere Ferien gibt es dennoch auch:
https://www.feiertagskalender.ch/ferien.php?geo=3520
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