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"Wen prüfen Lehrkräfte da eigentlich – das Kind oder die Eltern?"

Der Soziologe Marcel Helbig hat Bildungsbiografien von der Kita bis ins junge Erwachsenenalter analysiert. Warum soziale Herkunft so hartnäckig über Noten, Übergänge und Abschlüsse mitentscheidet, was passiert, wenn Schulaufgaben ins Elternhaus ausgelagert werden – und warum Einwandererkinder nicht automatisch benachteiligt sind: ein Interview.
Marcel Helbig im Gespraech, in einem roten Sessel sitzend.

Marcel Helbig ist Sozialwissenschaftler und Arbeitsbereichsleiter "Strukturen und Systeme" am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi). Foto: LIfBi.

Herr Helbig, Sie haben Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) eingesetzt, um in nie dagewesener Breite zu untersuchen, wie soziale Herkunft in Deutschland die Bildungsbiografie von Menschen prägt – von der Kita bis zur Ausbildung und ins Studium. Überraschend sind Ihre Ergebnisse allerdings nicht wirklich, oder?

Dass die Chancen in unserem Bildungssystem ungleich verteilt sind, dass die Eltern massiven Einfluss haben auf den Werdegang ihrer Kinder, ist in Einzelstudien tatsächlich vielfach hoch- und runteranalysiert worden. Neu ist, dass wir dank des NEPS mehrere Altersjahrgänge parallel verfolgen konnten von der Geburt bis ins 26. Lebensjahr, dass wir Befunde aus Kitas, Schule und Hochschule nebeneinanderlegen und jeweils abgleichen konnten mit Bildung und Einkommen der Eltern, mit ihrem beruflichen Status und ihrer Migrationsgeschichte. Wir konnten beobachten, wie sich die Ungleichheiten von Stufe zu Stufe aufbauen, und wir wollten wissen: Was ist nun eigentlich das zentrale Problem?

Und, haben Sie es herausgefunden?

Was wir sagen können: Es ist nicht in erster Linie die Höhe des Einkommens und es ist nicht der Migrationshintergrund. Entscheidend sind vor allem die Bildung und beruflicher Status der Eltern, die zu sozialen Ungleichheiten führen. Es gibt Bereiche in der frühkindlichen Bildung, da spielt Armut eine Rolle, aber durchgehend bedeutsamer ist der kulturelle Hintergrund der Eltern. Können sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen oder nicht? Mir ist das in der Coronakrise stark aufgefallen, da lief die politische Diskussion völlig in die falsche Richtung: Haben alle Kinder Laptops zu Hause? Dabei machte es den entscheidenden Unterschied, ob sich Eltern mit dem Kind hinsetzten und das, was im schlecht gemachten Online-Unterricht oder auch gar nicht vermittelt wurde, noch einmal erklären konnten. Schule verlangt Dinge, die zu Hause aufgefangen werden müssen.

Und wenn die Eltern ...

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Kommentare

#1 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 13.03.2026 - 09:17

"Auch bei PISA sehen wir jedes Mal einen ähnlichen Zusammenhang"

Was wieder mal nicht gesagt wird: Die PISA-Berichte enthalten akribische Zahlen zu dem Einfluss der sozialen Herkunft, insbesondere die Varianzaufklärung durch den sozialen Gradienten. Hier ist Deutschland immer um ca. 3 Prozentpunkte schlechter als der OECD-Durchschnitt, am besten sind Japan und Korea, die USA liegen dazwischen (aber besser als der OECD-Durchschnitt). Aber z.B. ist Frankreich noch mal immer um ca. 3 Prozentpunkte schlechter als Deutschland, obwohl man dort die Vorschule ab 3 Jahren hat und ein einheitliches Ganztagsschulsystem dazu. Das Jammern über den Nachhilfeunterricht wirkt lächerlich, wenn man zur Kenntnis ...

#1.1 -

Simona Petrescu | Fr., 13.03.2026 - 13:03

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Naja, Ungerechtigkeit ist nur dann "abstrakt", wenn sie nicht uns selber trifft. Der Staat, als Vertreter der Gesellschaft, muss sich schon Gedanken drüber machen, wenn seine Strukturen künstliche Vor- und Nachteile erzeugen. Schließlich ist es ein allgemeines Menschenrecht, dass man über sein Schicksal selbst entscheiden darf -- was aber, wenn Andere, durch strukturelle Faktoren, über unser Schicksal entscheiden? Die vielen Reformen und Vorschläge mögen ja versagt haben, das ist aber kein Grund auf Reformen und weitere Vorschläge grundsätzlich zu verzichten, nach dem Motto, das Kind mit dem Wasser entsorgen... Vielleicht haben jedes Mal die Reformen deshalb versagt, weil sie nicht ...

#1.1.1 -

Wolfgang Kühnel | So., 15.03.2026 - 13:07

Antwort auf von Simona Petrescu (nicht überprüft)

 "Schließlich ist es ein allgemeines Menschenrecht, dass man über sein Schicksal selbst entscheiden darf ..."

In welchem Artikel der allgemeinen Menschenrechte steht das so in Bezug auf Schulkinder? Ich lese in Art. 26: "Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteilwerden soll." Das entspricht dann auch unserem Art. 6 GG. Es ist nicht die Rede davon, dass durch Bildung die sozialen Schichten sozusagen abgeschafft werden sollen. Ebenso ist nicht von "Gerechtigkeit" die Rede. Immerhin geht es um freien Zugang zur Bildung, also ohne das Schulgeld, das in der Vergangenheit ein erhebliches Hindernis ...

#2 -

Elbe | Sa., 14.03.2026 - 23:02

"Der Arbeitsmarkt in Deutschland honoriert in erster Linie Zeugnisse und Zertifikate, und nicht in PISA gemessene Kompetenzen."

Das liegt vielleicht auch daran, dass die PISA-Messungen Müll sind, wie man ja schon lange weiß. Und zwar in dem Sinne, dass sie eben sehr vieles, was in Deutschland (zu Recht oder zu Unrecht) als wichtig erachtet wird, überhaupt nicht erfassen. Also handelt es sich um zwar mit hohem Aufwand erzeugte und sicher statistisch saubere, aber eben doch nur sehr grobe Indikatoren für Leistung.

Ansonsten ist das ein schönes Interview für die Öffentlichkeit - wer sich etwas auskennt, liest nichts Neues. Ich würde ...

#3 -

Ruth Himmelreich | Di., 17.03.2026 - 10:06

Wenn man Bourdieu ernst nimmt, muss man sich auch anschauen, wer die Inhalte und die Lernformen der Grundschule festlegt. Mein Eindruck ist, das machen Akademiker*innen für Akademikerkinder. Deswegen sowas wie das im Interview erwähnte Referat zum Buch oder Dinge wie ein "Baumtagebuch", selbstgesteuertes Lernen und alle diese Sachen, die ein gut gefördertes Kind aus einem Akademikerhaushalt mit Hilfe hinbekommt, andere aber nicht. Und ja, in der Forschung sind solche Lernformen interessanter und spannender als das verachtete "stupide Üben", deswegen landen sie in den Lehrplänen. Das kommt jetzt nicht allein von den Lehrkräften, sondern von uns, den Hochschulen und zeigt durchaus, ...

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