Flüchtlinge, Inklusion und G8

Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um die Themen vorherzusagen, an denen sich Deutschlands Schulen im neuen Schuljahr vorrangig abarbeiten werden: Flüchtlinge, Inklusion und – dieser Dauerbrenner darf natürlich nicht fehlen – G8.


Heute erst sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özuguz (SPD) der Nachrichtenagentur dpa, sie wünsche sich von den Bundesländern mehr Anstrengungen für eine gute Betreuung junger Flüchtlinge in der Schule. Wichtig sei vor allem eine zusätzliche Sprachförderung neben dem Unterricht. Und Baden-Württembergs SPD-Bildungsminister Andreas Stoch sagte ebenfalls laut dpa, er rechne in diesem Jahr mit rund 150.000 Kindern und Jugendlichen bundesweit, die in die Schulen integriert werden müssten.


Womit wir beim zweiten Thema wären – Inklusion. Hierzulande denken viele immer noch, bei Inklusion gehe es vor allem und ausschließlich um Behinderte, die aus den Sonderschulen in Regelschulen überwechseln. Und die, weil sie irgendwie „anders“ sind, auch anders behandeln werden müssten, was den Unterricht für alle zwangsläufig mühsamer machen werde. Eine extrem verengte Sichtweise, die dazu führt, dass wir Inklusion fast ausschließlich unter der Fragestellung diskutieren, wer denn – Bund, Länder oder Kommunen – am Ende für die Zusatzkosten aufkommen wird. Längst wäre es an der Zeit, sich dem Begriff von einer anderen Perspektive zu nähern. Inklusion bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als die Besonderheiten jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin, ob behindert oder nicht behindert, zu erkennen, zu würdigen und auf sie einzugehen. Man könnte auch sagen: Inklusion wird seit jeher von guten Lehrern erfolgreich betrieben.


Für mich sind daher die Flüchtlingsfrage und Inklusion im Grunde ein und dasselbe Thema und hervorragende Gelegenheiten, diesen Perspektivenwechsel weg vom Kollektiv, hin zum Individuum noch stärker als bislang in den Schulen zu verankern. Eine Perspektive, die vor allem auf die Talente und Potenziale der einzelnen Schüler abhebt und nicht vor allem auf die Probleme.


Natürlich kann ich mir denken, was jetzt viele Lehrer sagen werden – jene Lehrer, die jeden Tag vor wachsenden Klassen stehen mit Schülern, die kaum Deutsch sprechen, mit Schülern, die wegen ihrer geistigen Behinderung dem Unterrichtsgeschehen nur eingeschränkt folgen können. Jene Lehrer, die die aus der Unterschiedlichkeit ihrer Schüler erwachsenden sozialen Spannungen beobachten und gelegentlich auch vor ihnen kapitulieren müssen. Diese Lehrer fühlen sich von einer Politik allein gelassen, die offenbar denkt, gesellschaftliche Probleme vorrangig über das Schulsystem lösen zu können. Und dann komme ich noch in diesem Blog und schreibe, wie wunderbar Flüchtlinge und Inklusion sind, um den notwendigen Wandel in den Schulen voranzutreiben.


Warum das so wunderbare Gelegenheiten sind? Eben WEIL es den Schulen zusätzliches Geld bringt, zusätzliche Lehrerstellen und Projektmittel, um mit diesen neuen pädagogischen Realitäten umgehen zu können. Eben weil aufgrund dieser Probleme der Stellenwert der Schule in der Gesellschaft weiter steigt. Und genau deshalb wäre es an der Zeit und übrigens auch strategisch schlau von den Pädagogen und ihren Gewerkschaften, nicht vorrangig (oder manchmal sogar ausschließlich!) über das Geld und die Kosten zu reden, sondern vor allem über die sich eröffnenden Chancen, Konzepte und Lösungsansätze, für die man das Geld dann sinnvollerweise einfordern kann. Hier ist die öffentliche Debatte gelegentlich noch erschreckend inhaltsleer.


Und was hat all das nun mit dem dritten, dem alten Aufregerthema im neuen Schuljahr zu tun, also mit G8, dem achtjährigen Gymnasium? Niedersachsen kehrt mit Unterrichtsstart als erstes Bundesland offiziell zum neunjährigen Gymnasium (G9), also zu insgesamt 13 Jahren Schule bis zum Abitur, zurück. Die Begründung: Man wolle den Schülern mehr Freiraum für ihre individuelle Entwicklung lassen. Ich persönlich halte dieses Hü-Hott übrigens für einen Fehler, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Wichtig ist: Auch andere Bundesländer führen nach und nach Öffnungsklauseln ein, wiederum angeblich im Interesse der Schüler. An dieser Stelle ist der Konsens, dass Individualisierung eine feine und gute Sache ist, auch in vielen Lehrerkollegien schon weit fortgeschritten. Das macht Hoffnung, dass es bei den Themen Flüchtlingsintegration und Inklusion am Ende genauso sein wird. Um Baden-Württembergs Minister Andreas Stoch das letzte Wort zu geben: „Wir sollten nicht pessimistisch sein, was alles nicht funktionieren könnte. Weil unglaublich viel von diesen jungen Menschen investiert wird und unsere Lehrkräfte ein unglaubliches Engagement aufbringen.“  

 

PS: Sie sehen, ich spitze gern zu in diesem Blog. Aber habe ich auch Recht? Sind Flüchtlingszustrom und Inklusion eine Chance für die Schulen? Oder hauptsächliche eine Belastung? Diskutieren Sie mit!

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