Kein Streit mehr über Bologna?

Können wir heute anders über Bachelor, Master und das Ganze drumherum diskutieren als vor fünf, zehn oder 15 Jahren? Oder anders formuliert: Hat die so genannte Bologna-Reform, also die Umstellung der Studiengänge auf die neuen europaweit gültigen Abschlüsse, ihr Streitpotenzial eingebüßt? Manchmal könnte es einem fast so scheinen, wenn man in den Bildungsressorts deutscher Tages- und Wochenzeitungen blättert. 

 

Zunächst ein Blick zurück. Neulich habe ich für einen Vortrag eine Auswertung der maßgeblichen Bologna-Artikel in FAZ, Süddeutscher und ZEIT seit 2004 gemacht. Natürlich unvollständig und subjektiv, schließlich war ich selbst einer der beteiligten Autoren. Dabei ist mir noch einmal aufgefallen, wie gegenläufig die Berichterstattung verlaufen ist. Da war auf der einen Seite die FAZ, vor allem mit meiner geschätzten Kollegin Heike Schmoll, die aus ihrer Skepsis, ja ihrer Ablehnung gegen das, was sie als "hochschulpolitische Fiktion" (2004) bezeichnete, keinen Hehl machte;  und auf der anderen Seite die ZEIT, vor allem mit den Redakteuren Wiarda und Martin Spiewak, für die der Bachelor bei allen beschriebenen Kinderkrankheiten "ein Erfolg mit Hut" (2005) war. Gab es eine These, zum Beispiel dass ECTS-Kreditpunkte eine belanglose Erbsenzählerei seien (Schmoll, 2004), folgte die Gegenthese meist prompt: Die Credits stellten einen überfälligen Perspektivenwechsel dar und rückten endlich den Studenten und seinen Arbeitsaufwand in den Mittelpunkt (Wiarda, 2005). Schrieb die FAZ, dass die Studienreform zu einem "durchgängig niedrigeren" akademischen Niveau führen werde (Schmoll, 2004), betonte die ZEIT, durch Bachelor und Master werde keiner schlechter, "aber diejenigen, die vorher unterzugehen drohten, haben eine bessere Chance" (Wiarda, 2009). Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, doch ohne die Debatte inhaltlich wieder aufwärmen zu wollen: Es waren bewegte Bologna-Zeiten, die FAZ auf der einen, die ZEIT auf der anderen Seite und die Süddeutsche meist irgendwo in der Mitte. 

 

Und heute? Meine These ist, dass irgendwann nach 2009 etwas passiert ist. 2009, wir erinnern uns, war die Zeit der Studentenproteste gegen Bologna, Studiengebühren und - ganz allgemein - die Unterfinanzierung der Hochschulen. Vor allem aber entzündete sich der Ärger der Studenten an Studiengängen, die sie als inhaltlich zu vollgepackt, mit zu vielen Prüfungen versehen und damit insgesamt als "nicht studierbar" empfanden. Die Reform habe sich überdreht, schrieb ich damals, aber wiederholte zugleich eine These, die mir bis heute wichtig ist: Ob Bologna gelingt oder nicht, liege nicht in der Reform an sich begründet, sondern in ihrer Umsetzung vor Ort, an den Hochschulen, in den einzelnen Fächern. Kronzeuge war für mich damals - 2009 - der Rektor der Uni Tübingen. Ich fragte: "Ist ein anderer Bachelor möglich? Einer, der den Studenten die Orientierung bietet, die sie wollen, sie intellektuell herausfordert und ihnen trotzdem Zeit lässt, die sie brauchen?" Und Bernd Engler antwortete: "Möglich ja. Auf jeden Fall aber sieht ein solcher Bachelor anders aus als der, den wir fast überall eingeführt haben." 

 

Was nach 2009 folgte, ist als Bologna 2.0 in die jüngere Hochschulgeschichte eingegangen. Vielerorts wurde neu gestaltet, nachgebessert, weiter gedacht. Und dass wir heute kaum noch Klagen von Studenten über Bologna im Allgemeinen und den Bachelor im Besonderen hören, liegt meines Erachtens daran, dass nach 2009 ziemlich viel richtig gemacht wurde. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Dass heute in den Bildungsressorts nur noch selten grundsätzlich über die Reform gestritten wird, liegt auch daran, dass wir uns alle an sie gewöhnt haben. Im Guten wie im Schlechten. Bei Heike Schmoll klang das 2012 dann so: "Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Bologna-Reform gescheitert ist, sondern wie sie angesichts ihrer offenkundigen Schwächen besser studierbar gemacht werden könnte."

 

Und genau das ist der Punkt. Vor zehn Jahren ging es noch um alles oder nichts.  Es ging darum: Überlebt die Reform, oder gewinnen jene, die sie vollends zurückdrehen wollen, die Bachelor und Master zugunsten von Diplom und Magister in die Tonne treten wollen? Das erforderte offenbar auf beiden Seiten lautere Töne. Heute kommt einem der Gedanke, zu den alten Studienabschlüssen zurückzukehren, geradezu absurd vor. So hat erst diesen Sommer der Bayerische Landtag den Antrag der Freien Wähler, das Diplom wiederzubeleben, mit einer großen Bologna-Koalition von CSU, SPD und Grünen abgeschmettert. Der Druck ist raus, und weil das so ist, kann stärker über die Details, die großen und kleinen Schwächen der Studiengänge, gesprochen werden. Eine großartige Entwicklung. "Warum nicht gleich so?", könnte man jetzt natürlich fragen – und würde damit komplett verkennen, wie groß angelegte Veränderungsprozesse üblicherweise laufen, ja: laufen müssen.

 

Also: Bologna-Friede, wohin man schaut? Nicht ganz. Wäre ja auch langweilig. Darum möchte ich kurz vor Ende noch einmal Heike Schmoll zu Wort kommen lassen, die vor wenigen Wochen schriebNiemand wird bestreiten, dass die Ursprungsidee der Universitätsreform, die ausgerechnet den Namen der altehrwürdigen Universität von Bologna trägt, etwas Bestechendes hatte. Ein europäischer Hochschulraum mit freiem Zugang und ungehindertem Wechsel zu allen Universitäten für Studenten und Dozenten erschien längst überfällig. Umso größer ist gut 15 Jahre nach Initiierung des Bologna-Prozesses die Enttäuschung, dass die internationale Mobilität sich keineswegs verbessert hat und auch sonst nahezu keines der Reformziele erreicht wurde.“

 

Ich zitiere  die Kollegin so ausführlich, weil ich skizzieren möchte, wie die Debatte in Zukunft laufen dürfte. Ich stimme Heike Schmoll in Teil 1 (das bestechende Ideal von Bologna) zu, in Teil 2 (nichts dabei herumgekommen) dagegen gar nicht. Für mich ist Bologna schon heute ein großer Erfolg, viele Ziele wurden erreicht. Dazu ein anderes Mal mehr. Fest steht aber, dass sich die Studienreform an den konkreten Verbesserungen vor Ort wird messen lassen und dass für diese Verbesserungen die Hochschullehrer – und nicht irgendwie abstrakt "die da oben" – die Verantwortung tragen. Fest steht auch, dass der öffentliche Bologna-Diskurs künftig weniger polarisierend, weniger gegensätzlich verlaufen wird als noch vor ein paar Jahren. 2009 sei Dank.

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Kommentare: 4
  • #1

    Josef König (Dienstag, 25 August 2015 21:32)

    Lieber Herr Wiarda,

    es fällt mir schwer, Ihnen widerspruchslos zuzustimmen. Eher widerspreche ich Ihnen deutlich: Was Sie in Ihrem Blog zu Bologna m.E. verkennen, ist die Stimme der Absolventen. Natürlich gibt es solche und andere. Dennoch. Ein guter Freund, hoch gebildet und lebenspraktisch veranlagt, inzwischen auch schon 60jährig, erzählte mir davon, wie er auf einer Feier seiner Nichte war, wo hauptsächlich 25-30jährige zugegen waren, die gerade ihr Master oder Bachelor erfolgreich abgeschlossen hatten. Was ihm entgegenschlug, war eine große Frustration über das Studium. Die jungen Leute wollten sehr wohl was lernen an den Unis, haben aber über ihr Studium im Rückblick ziemlich geklagt, insbesondere darüber, dass sie keine "Zeit zum echten studieren" hatten. Sie sind durchs Studium von einer Prüfung zur nächsten gerast, schnell etwas in sich hineinfressen, kaum kauen, sofort wieder auskotzen - und ab zur nächsten "Mahlzeit". Übrig blieb bei ihnen eine Unbehagen, zwar das Studium erfolgreich durchlaufen zu haben, aber im Grunde nicht studiert zu haben, sich nicht tief und intensiv mal mit einem Thema beschäftigt zu haben.
    Und ähnliche Klagen höre ich von mit mir befreundeten älteren Professoren. Sie haben keine Zeit mehr, sich mit einzelnen guten Studenten zu beschäftigen, diese erwerben auch keine "Bildung" mehr, sondern nur schlecht Vorgekautes. Und letztlich ist das auch nur eine Folge, so die Stimmen, die mich erreichen, von einer Schulreform, die die Abiturienten unselbständig aus der Schule entlässt. Woher kommt es, dass die Studieninteressierten seit einigen Jahren mit ihren Eltern zur Beratung und Einschreibung kommen? Dass Unis dazu über gehen, Veranstaltungen für Eltern ("Elternalarm") anzubieten? Oder woher kommt der Ausdruck "Helikoptereltern"? Kein Wunder, wenn schon die Parkplätze vor Grundschulen von SUVs zugeparkt sind und die meisten Kinder kaum noch allein zur Schule dürfen ...
    Nach allem was ich sehe und höre, bin ich heute eher skeptisch dieser "Reform" gegenüber eingestellt. Die Reform hat m.E. zum großen Teil die Unis zu schlechten "Bachelorprüfanstalten" gemacht, und den Studierenden wird dort zusätzlich die Illusion verkauft, an der Uni eine Berufsausbildung zu bekommen - und das von Professoren, deren Lebenslauf aus "Schule, Studium, Promotion und Juniorprofessur, Professur" besteht - und darin erschöpft sich bei vielen die eigene Berufspraxis.
    Was ich heute bedauere, ist dass der alte Plan des Wissenschaftsrats nie umgesetzt worden ist, nämlich die FHs erheblich auszubauen für die Ausbildung von jungen Leuten (60 % und mehr) und die Unis tatsächlich für avancierte an der Forschung intrinsisch Interessierte zu erhalten.
    Meine Worte hier mögen einem Alterskonservativismus entstammen, und ich gebe zu, ich habe auch keine Idee, wie die alte Universität, an der einst vielleicht 6-8 % eines Jahrgangs studierten, die Masse von 40 % hätte bewältigen können - außer vielleicht, wenn man damals dem Wissenschaftsrat Gehör geschenkt hätte.

    In diesem Sinne - herzliche Grüße
    Josef König


  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Mittwoch, 26 August 2015 11:53)

    Lieber Herr König,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie wissen, wie sehr ich Ihre Meinung schätze. Indes: Ich spreche auch häufig mit Absolventen, und ich höre ganz andere Einschätzungen. In vielen Fällen höre ich, dass das Studium anspruchsvoll war, mitunter auch stressig, dass aber die Strukturiertheit gerade etwas ist, das die jungen Leute schätzen - und dass akademische Niveau nicht hoch genug sei, das höre ich nie. Eher im Gegenteil: Es wird heute viel Engagement und Einsatz verlangt - und auch gedankliche Tiefe.

    Wie auch immer, ich denke, Ihre und meine Wahrnehmungen zeigen einmal mehr, wie stark es auf die jeweilige VERSION, die Umsetzung von Bachelor und Master ankommt. Dass gute und schlechte Studiengänge möglich sind. Gemeinsames Ziel von uns allen sollte sein, die Zahl der gelungenen Studienprogramme zu erhöhen, indem wir gute Beispiele möglichst bekannt machen - und damit vor allem auch eine Botschaft senden: ein guter Studiengang (ebenso wie ein schlechter) ist nicht gottgegeben, sondern menschengemacht.

    Beste Grüße,
    Ihr Jan-Martin Wiarda

    Kleine Fußnote: An der TU Freiberg haben sie laut "Campus & Karriere" (Deutschlandfunk) gerade wieder das Chemie-Diplom eingeführt. Interessanterweise entscheiden sich aber trotzdem zwei Drittel weiter für den parallel laufenden Bachelorstudiengang. Insgesamt ein spannendes Interview mit dem zuständigen Studiendekan, siehe hier:
    http://www.deutschlandfunk.de/rueckkehr-zum-diplom-weil-ich-das-fuer-das-bessere-system.680.de.html?dram:article_id=329280

  • #3

    Jan-Martin Wiarda (Mittwoch, 26 August 2015 18:04)

    Noch ein Nachtrag zu meinem Blogeintrag. Die FAZ hat heute ein sehr ausgewogenes und gut zu lesendes Stück zu Bologna gebracht, das zu meiner These passt:
    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/diplom-trifft-bachelor-zurueck-an-die-uni-13760817.html

  • #4

    Klaus Diepold (Mittwoch, 16 September 2015 17:40)

    Lieber Wiarda,
    ich kann bei der Bologna-Diskussion einen Punkt in Ihrem Blog dick unterstreichen - es ist nicht hauptsächlich die Schuld der Bologna Reform an sich, wenn Probleme zu beklagen sind, sondern es liegt vielerort am Mangel an Inspiration mit den Gegebenheiten kreativ umzugehen und attraktive Studiengänge zu entwerfen. Der Kommentar aus Tübingen ist hier genau richtig.

    Wir gewöhnen uns langsam daran, überarbeiten die Studiengänge und werden sukzessive Verbesserungen erzielen. Die Studierenden fangen auch an Vorzüge des BSc/MSc Systems zu erkennen und zu nutzen, die vielleicht nicht direkt auf dem Plan der Bologna Reform standen. Ein Beispiel sei der Fächerwechsel und die neuartige Form von Fächerkombinationen, also z.B. ein Bachelor in Psychologie und ein Master in Informatik. Das erzeugt auf natürlich Weise die oft beschworenen interdisziplinären Kompetenzen und spannende Bildungsbiografien, die wir oft bei den KollegInnen aus USA schätzen.

    Was die Klagen der Studierenden angeht, so stelle ich oft fest, dass da viel nachgeplappert wird, was in der Öffentlichkeit beklagt wird, z.B. der Mangel an Zeit und Reflektion. Ich glaube nicht, dass das früher sehr viel anders war. Bullemie-Lernen gab es auch zu Diplom/Magisterzeiten, nur in anderen Zeitintervallen und mit größeren Portionen.