Weg mit dem NC?

Wieder Theresia Bauer. Erst neulich hat sie mit ihrem Vorschlag, einen Exzellenzbonus an die forschungsstärksten Hochschulen zu verteilen, die Debatte um die Zukunft der Exzellenzinitiative aufgemischt. Jetzt denkt sie erneut laut nach und stellt die überragende Rolle der Abiturnoten bei der Studienplatzvergabe in Frage. Ein gefährliches, ein vermintes Terrain für eine Wissenschaftspolitikerin, schließlich gehört der NC seit dem Verfassungsgerichtsurteil von 1972 zur Lieblingsfolklore der deutschen Hochschullandschaft. Nach dem Motto: Eigentlich dürfen die Hochschulen gar nicht ihre Studenten aussuchen (Stichwort: freie Berufswahl), nur den Mangel an Studienplätzen dürfen sie über Zugangsbarrieren verwalten. Der NC als Notmaßnahme also, als ultima ratio, auch wenn immer noch je nach Bundesland teilweise über 50 Prozent der Studienplätze auf diesem Weg vergeben werden (siehe hierzu den aktuellen CHE Numerus Clausus Check). Soweit die Folklore.


Bauer sagt nun laut Stuttgarter Nachrichten, Auswahlgespräche und die Eignungsfeststellung bedeuteten zwar mehr Aufwand und Mühe, „wir sollten da aber rangehen, um die besten Köpfe an die Hochschulen in Baden-Württemberg zu holen.“

Nicht dass viele Hochschulen nicht all das schon tun – doch gesetzlich ist klar geregelt, dass die Abiturnote am Ende immer noch mehr zählen muss als alle anderen Bewertungsformen. Genau daran rüttelt Bauer offenbar jetzt. Und auch wenn die grüne Ministerin das nicht so klar formuliert: Am Ende stünde ein System der Studienplatzvergabe, das Schluss macht mit dem hauptsächlichen Starren auf Zertifikate, das statt dessen den Bewerber und seine gegenwärtigen Fertigkeiten und Motivationen in den Blick nimmt. Wodurch – im Idealfall – ungewöhnliche Bildungswege belohnt würden. Wodurch Menschen eine größere Chance bekämen, die nicht mit glatten Schulkarrieren aufwarten können – Schulkarrieren, die zum Beispiel Akademikerkindern deutlich leichter fallen. Ein Schritt weg von der Meritokratie.


Soweit, so einfach. Und leider zu einfach. Denn Begabungsforscher haben wiederholt nachgewiesen, dass die Abiturnote eine deutlich bessere Prognose über den Studienerfolg ermöglicht als Bewerbungsgespräche. Am aussagekräftigsten ist demnach die Kombination von Abinote und Gesprächen. Genau das, was immer mehr Fachbereiche praktizieren.

Also viel Lärm um nichts? Nicht unbedingt. Bauer erwähnt auch die „Eignungsfeststellung“ als Alternative zum NC. Versteht man darunter standardisierte Eingangstests, die Intelligenz und Kompetenzen abfragen, und zwar unabhängig von konkretem Fachwissen, dann wird die Sache plötzlich wieder interessant. Wie ich schon in meinem Blogeintrag vom 17. November geschrieben habe: Über die Qualität der Studienanfänger entscheidet bislang im Kern nicht die aufnehmende Institution (Hochschule), sondern die abgebende (Schule). Die Verheißung der Eignungstests: Es ist egal, wo du herkommst. Es kommt allein darauf an, wo du hinwillst. Oder anders formuliert:  Es kommt allein darauf an, wo du von deinen Fähigkeiten her hin kannst. 

Genau das wäre ein schöner Grund, den NC sterben zu lassen: von der Mangel- zur Talentwirtschaft. Sollte Theresia Bauer das gemeint haben, kann man ihr nur Recht geben.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Angela Bittner (Donnerstag, 03 Dezember 2015 19:35)

    Eine spannende Entwicklung - auch nach einem Blick in den Osten: Seit Sowjetzeiten suchen die Unis dort auf Basis umfangreicher Tests ihr Studies aus. Nur die Schulabgänger mit rotem Diplom (1,0 Abi) dürfen selbst sagen, wohin sie wollen. Eine Idee daher: Eine Dienstreise zum Erfahrungsaustausch mit den Kollegen; das könnte zugleich der Völkerverständigung in schwierigen politischen Zeiten dienen.