Die Trends des Jahres 2015 – und was sie für 2016 erwarten lassen

Eine Berliner Tageszeitung titelte neulich: "Das Beste an 2015? Dass es vorbei ist." Das kann man so sehen angesichts der weltweiten Krisen, angesichts von Krieg und Terror. Für die Bildung und für die Wissenschaft in Deutschland aber gilt das sicher nicht.  Das Jahr 2015 hat viele Veränderungen gebracht. Man konnte sich über sie ärgern, man konnte sich über sie freuen. Auch ich habe das getan, bei manchen sogar in diesem Blog. Zum Jahreswechsel präsentiere ich eine Liste von Trends, die meines Erachtens das Jahr 2015 geprägt haben in den Kitas und Schulen, in den Ausbildungsbetrieben und in den Hochschulen und – nicht zuletzt – in den Forschungseinrichtungen. Mal sehen, ob Sie mir in meiner Auswahl und Bewertung zustimmen. Und vielleicht lässt sich aus den Trends auch ein wenig ableiten, was uns in 2016 erwartet. Die zehn Punkte sind übrigens nicht als Rangliste zu verstehen, das wäre dann doch etwas zuviel an Pseudo-Exaktheit. Also los...

1. Die Kitas ächzen, die Erzieherinnen und Erzieher warten weiter auf eine faire Bezahlung. Die Politik beschwört die Qualität der frühkindlichen Erziehung, weiß aber nicht, wie sie sie finanzieren soll. Statt dessen schafft sie in immer mehr Bundesländern die Kitagebühren komplett ab, obwohl die soziale Staffelung hervorragend funktioniert. Gleichzeitig sind sich die Bildungswissenschaftler einig, dass erfolgreiche Bildungskarrieren und die Integration hunderttausender Flüchtlingskinder ohne funktionierende Kitas leere Versprechen bleiben. 

2. Digitale Bildung – gibt es die? Eigentlich kommt die Diskussion mindestens zehn Jahre zu spät, aber das ist ja oft so mit den eigentlich wichtigen Themen. Sie müssen erst im Bewusstsein der Gesellschaft ankommen. Jetzt plötzlich fragen sich alle, was Bildung im digitalen Zeitalter eigentlich heißt. Der Begriff "Digitale Bildung" hat 2015 richtig Karriere gemacht in den Schulen und Hochschulen. Besonders Schlaue merken zu Recht an, dass der Begriff ein Widerspruch in sich sei, denn Bildung als Grundbedürfnis des Menschen könne ja weder digital oder analog sein. Wichtiger ist allerdings, dass die hinter dem Begriff liegenden Fragen endlich mehr Beachtung finden: Wie verändern sich Unterricht und Lehre durch die Digitalisierung, was wird aus den Lernorten Schule und Hochschule, und bedeutet die Digitalisierung mehr als ein paar neue Methoden der Stoffvermittlung?

3. Ausbildung oder Studium? Die Akademikerdebatte nervt. Eigentlich ist zu dem Thema schon alles gesagt. Das hält aber interessierte Kreise nicht davon ab, es immer wieder ins Gespräch zu bringen. Um meine Sicht kurz auf den Punkt zu bringen: Anstatt über die jungen Leute mit Abitur zu klagen, die frecherweise ein Studium der Ausbildung vorziehen, sollten sich die paar Wortführer (so viele sind es nämlich, wenn man genau hinhört, gar nicht) lieber Gedanken darüber machen, wie mehr Jugendliche ohne Abitur erfolgreich durch eine Ausbildung gelotst werden können. 

4. Neue Hochschulzugänge, nicht nur für Flüchtlinge. Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einer ausgeprägten Zertifizierungskultur. Soll heißen: Jeweils der letzte per Zeugnis vorzuweisende Bildungs- und Berufsabschluss entscheidet über die Aufnahme an der nächsten Bildungseinrichtung. Genau dieser Mechanismus ist meines Erachtens mitverantwortlich dafür, dass wir zu wenig soziale Mobilität nach oben haben in unserer Gesellschaft. Ausgerechnet die Integration vieler Flüchtlinge, denen die nötigen Dokumente fehlen, führt nun an den Hochschulen dazu, dass wir insgesamt über neue Zugänge und über Eingangsprüfungen nachdenken. Eine gute, eine überfällige Entwicklung.Die Kernfrage: Wie halten wir die Qualität hoch und werden trotzdem flexibler? 

5. Gute Lehre: Alle beschwören sie, doch die Anreize sind anders gesetzt. Die Zahl der öffentlich geförderten Konferenzen zur guten Lehre war auch 2015 beträchtlich, und die Kreativität der dort diskutierten Ansätze und Projekte ist beeindruckend und ermutigend. Einerseits. Denn andererseits sind sich auf denselben Konferenzen dann doch wieder alle schnell einig, dass Wissenschaftlerkarrieren fast immer anderswo gemacht werden: in der Forschung. Was vor allem an der in Hochschulwelt verbreiteten Meinung liegt, dass sich gute Forschungsleistungen leichter messen und damit leichter belohnen ließen als herausragende Lehre. Außerdem muss man sich nur mal anschauen, wieviel Drittmittel es für die Forschung zu holen gibt und wie viel für die Lehre. Ich würde mal schätzen, das Verhältnis liegt bei mindestens 10:1, wenn man den Hochschulpakt außen vorlässt. Denn der fördert keine individuelle Exzellenz in der Lehre.  

6. Beim Promotionsrecht fallen die Tabus. Als erstes Bundesland hat Hessen in seinem neuen Hochschulgesetz ein eigenständiges Promotionsrecht für forschungsstarke Fachrichtungen in Fachhochschulen festgeschrieben. Was die Fachhochschulen seit Jahren fordern, hatten die Universitäten bislang erfolgreich verteidigt. Dass nun auch die außeruniversitären Forschungsorganisationen einen neuen Anlauf unternehmen werden, den "Dr." selbst vergeben zu dürfen, liegt auf der Hand. Das Argument von Max Planck & Co: Wenn schon die Fachhochschulen dürfen, aber die besten Forscher bei uns sind, welche Logik hat das bestehende System dann noch? Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg haben das eigenständige Promotionsrecht für Fachhochschulen als Option festgeschrieben, nutzen es jedoch bislang nur als Drohgebärde, falls die Universitäten den Fachhochschulen weiter eine Kooperation auf Augenhöhe verweigern. 

 

7. Die Hochschulen müssen neu zählen. Das neue Hochschulstatistikgesetz, das der Bund gerade auf den Weg bringt, wird von den Hochschulen erstmals eine umfassende Studienverlaufs- und damit auch Studienerfolgsstatistik abverlangen. Mit dem Ergebnis, dass wir zum ersten Mal wirklich wissen, wer in welchen Fächern wo am meisten bzw. am wenigsten abbricht. Diese Transparenz wird in sich eine Wirkung entfalten, die hoffentlich beim Thema "gute Lehre" (siehe auch Punkt 5) eine neue Dynamik nach sich zieht. Das gleiche gilt für die neue Doktorandenstatistik: Bislang weiß keiner, wie viele junge Menschen in Deutschland promovieren und was aus ihnen wird. Gerade hier müssen wir mit ein paar ernüchternden Fakten rechnen – und Abbrecherquoten von weit jenseits der 50 Prozent. Kommen wir so zur überfälligen Diskussion über den Wert und das Ziel einer Promotion? 

 

8. Nachdenken über Wissenschaftlerkarrieren. Die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist durch, Experten erwarten etwas mehr unbefristete Stellen. Aber sicherlich nicht die große Revolution in einem System, das unterhalb der Professur bislang über 90 Prozent der Mitarbeiter auf Zeit beschäftigt. Was an sich nicht so schlimm sein muss, solange der Übergang von Karrierestufe zu Karrierestufe transparent und verlässlich geregelt ist. Und solange ausreichend früh klar ist, wer mit einer Dauerstelle rechnen kann und wer nicht. Sprich: Nach der Diskussion um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz muss jetzt die Diskussion um das ebenfalls vom Bund versprochene Tenure-Track-Programm zum erfolgreichen Abschluss gebracht werden. Dazu müssen sich die Länder untereinander und mit dem Bund darüber einigen, ob sie mehr Dauerstellen auch unterhalb der Professur wollen und was eigentlich wer unter Tenure Track versteht. 

9. Sind künftig die Standorte Spitze? Noch im Januar soll die Imboden-Kommission ihr Gutachten vorstellen. Sie soll sagen, was gut war an den bisherigen Runden der Exzellenzinitiative und wie es weitergehen könnte. Natürlich haben Politik und Wissenschaft entgegen allen Beteuerungen nicht abgewartet und das Für und Wider aller möglichen Zukunftsoptionen längst durchgespielt. Ein Trend, der sich abzeichnet: Spitzenstandorte. Verbünde von Universitäten sollen künftig genauso Exzellenzförderung erhalten können wie bislang einzelne Exzellenzuniversitäten. Einige Universitäten, die in den bisherigen Runden knapp am Exzellenztitel vorbeigeschrabt sind, reagieren bereits: Vor wenigen Wochen zum Beispiel haben die Goethe-Universität Frankfurt, die Universität Mainz und die TU Darmstadt als nach Selbstbeschreibung "renommierte Forschungsuniversitären der Wissenschaftsregion Rhein-Main" die strategische Allianz "Rhein-Main-Universitäten" gegründet.  

10. Reiche Länder, arme Länder. Klagten in der Vergangenheit alle Hochschulen in allen Bundesländern gleichermaßen über ihre schlechte Finanzierung (vor allem in der Lehre!), hat sich die Schere 2015 spürbar geöffnet. Eine Reihe von Ländern, darunter Baden-Württemberg, Bayern, aber auch Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz haben die Grundmittel ihrer Hochschulen erheblich aufgestockt – auch dank der Bafög-Millionen, deren Finanzierung der Bund ihnen abgenommen hat. Andere Bundesländer sparen heftig: das Saarland zum Beispiel, Sachsen-Anhalt oder Bremen. Geht diese Entwicklung 2016 weiter? Folgerung 1: Nicht alle armen Länder lassen ihre Hochschulen hängen. Folgerung 2: Arme Länder müssten eigentlich erst recht viel Geld in ihre Hochschulen investieren, weil sich das langfristig auch finanziell für sie auszahlt. Aber wann begreifen die Regierungschefs das? 

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