"Ich weiß, wie Politik tickt"

Am Dienstag wurde Sabine Kunst zur Präsidentin der Humboldt-Universität gewählt. Ich habe sie für die heutige ZEIT-Ausgabe interviewt. Den ungekürzten Interviewtext finden Sie hier. 

 

Respekt, Sie haben es geschafft. An der Humboldt-Universität zur Präsidentin gewählt zu werden, ist an sich ja schon eine diplomatische Meisterleistung. Wie sehr mussten Sie sich dafür verbiegen?


Überhaupt nicht. Die Humboldt-Universität ist eine ganz besondere Universität, das stimmt, mit einer besonderen Diskussionskultur. Möglichst jeder soll hier mitgenommen werden bei den grundlegenden Entscheidungen, die Beteiligungsmöglichkeiten der Statusgruppen und Fächer sind äußerst vielfältig. Wer hier Präsidentin sein will, muss das wissen und darin eine Stärke der Universität erkennen, keine Schwäche.



 

Werden Sie das auch noch sagen, wenn es bei den noch anstehenden Strukturreformen ans Eingemachte geht?


Ich bin nicht sicher, ob wir jetzt über weitere Strukturreformen reden sollten. Der amtierende Präsident Jan-Hendrik Olbertz hat die HU in vielen Punkten auf den richtigen Weg gebracht. Die Fakultätsreform ist im Großen und Ganzen umgesetzt. Was sicher noch ansteht: die hier und da entstandenen Doppelstrukturen, zum Beispiel beim Thema Internationalisierung, wieder zusammenzuführen, und zwar möglichst in der regulären Verwaltung.

 

Auch das klingt sehr zahm. Allerdings gelten Sie als Persönlichkeit, die ihre ganz eigenen Vorstellungen hat und diese auch verwirklichen möchte.


Und genau deshalb glaube ich nicht, jetzt in jedem Interview betonen zu müssen, dass ich, wenn es nötig wird, auch Entscheidungen treffen kann. Es kommt an der HU erstmal auf Anderes an.

 

Sie wollen die Verletzungen heilen, die entstanden sind im Konflikt zwischen Jan-Hendrik Olbertz und Teilen der Universität. Warum glauben Sie eigentlich, dass es Ihnen am Ende nicht genauso ergehen wird wie Olbertz und schon dessen Vorgänger Christoph Markschies? An der HU, so scheint es, hat sich noch jeder die Zähne ausgebissen.

Wie gesagt: Herr Olbertz hat ziemlich viel richtig gemacht. Entscheidend wird sein, den Konflikt um die Rolle des Vizepräsidenten für Haushalt, Personal und Technik zu beenden.



 

Herr Olbertz wollte statt einem Vizepräsidenten für Haushalt unbedingt einen Kanzler und hatte seinen Verbleib im Amt mit dieser Frage verbunden. Mit den bekannten Folgen. Was lernen Sie daraus?


Meines Erachtens ist es nicht relevant, wie das Amt heißt, solange es attraktiv genug ist für den kleinen Kreis echter Profis, die dafür zur Verfügung stehen. Die HU steht vor einer Reihe entscheidender finanzieller Weichenstellungen, und deshalb brauchen wir eine Gesamtstrategie für Haushalt und finanzielle Planung, die von einem echten Experten mit der nötigen Kompetenz entwickelt wird. 



Also Sie wollen auch einen Kanzler, nur er muss, wenn es nach Ihnen geht, nicht so heißen.

Wir brauchen eine Person mit der Professionalität und der Amtskompetenz, die gemeinhin Kanzler haben, ja.



Sie reden von finanziellen Weichenstellungen. Man könnte auch sagen: Sie wollen für die HU mehr Geld vom Senat. Wie geht so ein Perspektivwechsel: eben noch als Ministerin den Brandenburger Hochschulen erklären, dass sie ausreichend finanziert sind, und dann selbst als HU-Präsidentin mehr Geld von der Wissenschaftssenatorin fordern?

Ich glaube, diesen Widerspruch gibt es nicht. Als Wissenschaftsministerin ist man dankbar für jedes gute Argument, um im politischen Verteilungskampf mehr Geld für die Wissenschaft und die Hochschulen zu sichern. Und genau hierin sehe ich eine Stärke, die ich für meinen neuen Job mitbringe: Ich weiß jetzt, wie Politik tickt, welche Gesetzmäßigkeiten es zu beachten gilt, und dass man in der Politik am ehesten Unterstützung findet für sein Anliegen, wenn man die Kausalitäten gut aufbereitet. 



 

Welche Kausalitäten meinen Sie?

Ich glaube, es lässt sich gut belegen, dass die HU im Vergleich zu den anderen großen Berliner Universitäten verhältnismäßig schlechter finanziert ist. Das hat historische Gründe. Diesen Startnachteil müssen wir aufarbeiten und transparent darstellen. Und zugleich in einen konstruktiven Wettbewerb mit den anderen Berliner Unis starten.



 

Das klingt ja fast nach einer Kampfansage an FU, TU & Co?


Soll es nicht sein. Zumal klar ist, dass wir an anderer Stelle gemeinsam eintreten werden, um die Hochschulfinanzierung insgesamt zu verbessern. Gern in Beutegemeinschaft mit der Senatorin für Wissenschaft. Im Übrigen geht es gar nicht immer nur darum, mehr vom Land zu fordern. Wir müssen als Universität auch selbst aktiv sein und andere Quellen erschließen, von der Exzellenzinitiative bis hin zum EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizon 2020“. Das weiß dann auch die Berliner Politik zu würdigen.



 

Apropos Exzellenzinitiative. Es gibt Pläne, den bisherigen Wettbewerb der Exzellenzuniversitäten durch einen Wettbewerb der Exzellenzstandorte zu ersetzen. Werden die Exzellenzuniversitäten FU und HU dadurch in eine Zwangsehe geschoben?
Ich glaube nicht, dass es so kommt. Es wird ein Nebeneinander von Einzelbewerbungen und Standortkonzepten geben. Und genau da liegt die Zukunft der HU: Sie muss ihr eigenes Profil herausstellen – was ihr noch nicht immer gelingt. Und sie muss betonen, dass sie Teil eines dynamischen Wissenschaftsstandorts ist, der bis nach Brandenburg hineinreicht.



 

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, das Profil der HU sei noch nicht deutlich genug?

Die Humboldt-Universität liegt in der Mitte Berlins, sie ist eingebunden in die Gesellschaft und die kreative Wirtschaft Berlins. Nehmen wir die neue Szene von IT-Unternehmen, viele davon Ausgründungen der HU in Adlershof. Als Universität müssen wir zugleich die Frage beantworten, was da eigentlich passiert, wie verändern sich Wirtschaft und digitalisierte Gesellschaft in ihren Kommunikationsstrukturen, in der Erschließung neuer Wissensgebiete? Und wie können wir Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenbringen, sei es über die forschenden Museen, über Citizen Science-Ansätze oder neue digitale Vorlesungsformate? Hier an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und zwischen Grundlagenforschung und Anwendung, hat die HU große Stärken.

 



Als Sie sich vergangene Woche an der Humboldt-Universität vorgestellt haben, waren einige im Konzil nicht glücklich mit Ihrer Aussage, Sie wollten irgendwann „im Laufe des Sommersemesters“ anfangen. Geht es genauer?

Ich bitte, eines zu sehen: Ich hatte auch in Brandenburg das Glück, in einem konstruktiven Arbeitsverhältnis zu meinem Chef, dem Ministerpräsidenten, zu stehen. So dass es für mich eine Selbstverständlichkeit ist, die Dinge dort gut abzuschließen. Ich habe aber aus dem HU-Konzil die Erwartung mitgenommen, dass ich noch im Laufe des Sommersemesters handlungsfähig bin. Und ich weiß, das Sommersemester fängt im April an.



 

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren häufiger den Job gewechselt. Sie waren Vizepräsidentin der Universität Hannover, Präsidentin der Uni Potsdam und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und seit 2011 Ministerin in Brandenburg. Muss die HU fürchten, dass Sie ihr bald wieder abhandenkommen?


Ich glaube, dass es jedem Menschen gut tut, sich immer wieder mit neuen Herausforderungen zu konfrontieren, ob in ein und demselben Job oder durch gelegentliche Positionswechsel. Ich glaube aber auch, dass man eingegangene Verpflichtungen erfüllen muss. Kurzum: Ich sehe meinen Platz jetzt und künftig nur an der Humboldt-Universität. 



 

Manche Stimmen behaupten schon, Sie schielten in Wirklichkeit auf das Amt von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres?

 

Kurze Antwort: Unsinn. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0