Eine Mainstream-Generation? Ja, zum Glück!

Gestern wurde die neue Sinus-Studie vorgestellt, die den Werten und Einstellungen von Jugendlichen zwischen 14 und 17 nachspürt. Heute äußern sich viele Kommentatoren mit der fast schon üblichen Enttäuschung, dass die heutige Jugend so überhaupt nicht mehr rebellisch sein möchte. "Generation Mainstream", titelt der Tagesspiegel, "Deutschlands brave Jugend" heißt es bei Spiegel Online, und die FAZ schlussfolgert: "Viele wollen bewusst so sein wie alle". Spiegel Online empfindet den Tenor der Studie gar als überraschend, hätten sich frühere Jugendgenerationen doch "möglichst provokant gegen die eigenen Eltern" positioniert. Selbst der Studienautor Marc Calmbach wird mit dem Satz zitiert, womöglich wäre "ein bisschen mehr Reibung, die ja auch Kreativität erzeugt, wünschenswert." 

 

Unabhängig von den Details überrascht zunächst einmal, dass überhaupt noch jemand überrascht ist von Ergebnissen. Die letzte Generation, die wirklich gegen die vor ihr opponiert habe, sei die der 68er gewesen, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der die repräsentative Shell-Jugendstudie verantwortet. Dass die Jugendlichen zu Stabilität und Harmonie tendieren oder, wie es in der Sinus-Studie heißt, den Wunsch zu "Aufgehoben- und Akzeptiertsein" haben, ist nicht neu, es ist eine stimmige Fortsetzung eines lange beobachteten Trends. Insofern frage ich mich, warum sich das Klischee der rebellischen Jugend so hartnäckig hält, wenn es seit mindestens 30 Jahren nicht mehr zutrifft. Schimmert da der nostalgische Wunsch der Älteren durch, wenn sie schon nicht können, sollten wenigsten die Jungen mal ein bisschen auf den Putz hauen?

 

Schauen wir uns die Sache jetzt mal genauer an.

 

Die Autoren der Studie schreiben: "Eine Mehrheit der Jugendlichen ist sich einig, dass gerade in der heutigen Zeit ein gemeinsamer Wertekanon von Freiheit, Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten gelten muss, weil nur er das 'gute Leben', das man in diesem Land hat, garantieren kann." Staatsangehörigkeit sei für die Mehrheit der Jugendlichen kein "lebendiges Merkmal ihrer Identität". Viele Jugendlichen hätten statt dessen das Konzept der "postmigrantischen Gesellschaft", in dem nicht mehr so stark wie früher zwischen hier Geborenen und Eingewanderten unterschieden wird, verinnerlicht. Unterschiedliche Religionen im Freundeskreis seien kein Thema, solange eine gemeinsame Wertebasis bestünde. Diese werde auch aktiv gefordert, etwa in Hinblick auf die Akzeptanz sexueller Vielfalt. 

 

Ganz ehrlich: Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man angesichts solcher Aussagen enttäuscht sein kann. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die sich sehr wohl abgrenzt von den Generationen vor ihr. Und zwar indem sie – bei allen Einschränkungen im Detail – einen Grad an Toleranz und Weltoffenheit erreicht hat, die wir uns bei ihren Eltern und Großeltern nicht einmal hätten wünschen können. Zu dieser Toleranz gehört allerdings auch, nicht in offene Konfrontation zu den Älteren zu gehen, sondern einfach stur und unbeirrt den eigenen Weg weiterzugehen. Und so die Welt, in der wir leben, Stück für Stück zu verändern. Klaus Hurrelmann spricht von den "heimlichen Revolutionären", und ich glaube, das trifft es sehr gut. 

Mit ihrer abwägenden, ausgleichenden und doch geradlinigen Art erreichen die Jugendlichen von heute womöglich viel mehr als die 68er, die aufgrund ihrer zur Schau getrageneren Ablehnung des Bestehenden so starke Abwehrreaktionen hervorgerufen haben, dass sie lange kaum ins System hineinkamen, um es zu ändern. 

Übrigens glaube ich daher auch nicht, dass die Beschreibung, es handle sich um eine "angepasste Generation", wirklich trägt. Ist eine Generation angepasst, weil sie einen gemeinsamen Wertekanon entwickelt hat und ihn gemeinsam vertreten möchte? Es kann sein, dass wir uns noch freuen werden, dass es diesen gemeinsamen Wertekanon, diesen Mainstream, gibt in Zeiten von Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit in gesellschaftlichen Subgruppen. Sicherlich wäre es spannend zu beobachten, wie energisch die Jugend werden kann, wenn sie ihre Werte gefährdet sieht. Wobei uns diese Erfahrung hoffentlich erspart bleibt.

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Kommentare: 2
  • #1

    Isabella (Donnerstag, 28 April 2016 17:51)

    Hallo,
    ich kann nur vermuten, dass sie die Generation nicht kennen, ansonsten ist es für mich sehr schwer zu verstehen, wie sie diese Egal-Generation als positiv für die Zukunft empfinden können.
    Ich bin 21 Jahre und somit ein Vorreiter der Generation. Auch wir wurden schon mit Fernsehen und Medien konfrontiert, die uns allen gezeigt haben wie wir sein müssen. Was viele in meinem Alter dazu brachte, sich dem einfach zu ergeben und alle Geschmäcker, die man nur haben kann darauf abzustimmen. Gleiche Kleidung, gleiche Musik und vor allem gleiche Meinung.
    Gleichzeitig wurde uns jedes Schuljahr eingetrichtert wie der 2. Weltkrieg verlief und dass wir uns für Deutschland schämen sollten. Was passiert mit solchen Teenagern? Sie werden Weltoffen und versuchen möglichst nicht anzuecken.Natürlich ist es gut weltoffen und hilfsbereit zu sein, das sind Werte die auch ich mitgenommen habe und auf die ich stolz bin. Aber sollte man nicht auch weltoffen zu sich selbst sein und versuchen herauszufinden wer man selber ist?
    Stattdessen suchen 90% meiner Bekanntschaften jetzt ihren weg ins Berufsleben und finden diesen erst nach mehrmaligem anlaufen oder werden unglücklich in dem Beruf in dem sie dann nun mal feststecken. Denn ein abgebrochenes Studium oder eine absolute Neuorientierung wurde uns eingetrichtert macht sich im Lebenslauf gar nicht gut.
    Trotzdem tun es die meisten früher oder später.
    Ich möchte nicht wissen, wie Planlos die Teenager von heute sind. In einer rasant wachsenden Berufswahl liste finden sich selbst Experten schwer zurecht und bis man endlich herausgefunden hat, wo man hin will, hat man mindestens ein verlorenes Jahr, ein abgebrochenes Studium oder eine Berufsausbildung die nichts mit dem späteren Leben zutun hat.

    Liebe Grüße aus Essen
    Isabella

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Sonntag, 01 Mai 2016 15:51)

    Liebe Isabella,

    zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie meinen Blog lesen. Über Ihre Antwort habe ich lange nachgedacht. Natürlich kenne ich Ihre Generation nicht so gut wie Sie, das würde ich auch nicht behaupten. Allerdings ist ja manchmal die Beobachtung aus einer gewissen Distanz auch ganz gut.

    Ist das wirklich eine Egal-Haltung, die die jungen Leute haben? Die persönlichen Begegnungen, die ich erlebe, aber auch die Umfragen, die ich kenne, sagen etwas Anderes, und ich finde nicht, dass Weltoffenheit gleich Relativismus ist. Aber ich stimme Ihnen zu: Die "Geradlinigkeit" in Bildung- und Karrierefragen hat eine kritische Dimension erreicht – was allerdings auch wieder vielen inzwischen bewusst ist und offen diskutiert wird. Und natürlich liegt einer der Gründe dafür in genau jener Unübersichtlichkeit der vielen, vielen Möglichkeiten, die sich heute bieten, die dazu führen, dass man sich vielleicht eher an das klammert, was man zu kennen scheint.

    Eine Gesellschaft, die Scheitern als wertvolle Erfahrung begreift, sind wir leider insgesamt nicht – weder die Jungen, noch die Älteren. Dass sich das allmählich ändert, diesen Wunsch haben Sie und ich gemeinsam.

    Mit besten Grüßen und Wünschen
    Ihr Jan-Martin Wiarda